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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

14. Sonntag nach Trinitatis, 17.09.2017

Heilung von Aussatz und Ausgrenzung
Predigt zu Markus 1:40-45, verfasst von Andreas Pawlas

Und es kam zu Jesus ein Aussätziger, der bat ihn, kniete nieder und sprach zu ihm: Willst du, so kannst du mich reinigen. Und es jammerte ihn, und er streckte seine Hand aus, rührte ihn an und sprach zu ihm: Ich will's tun; sei rein! Und alsbald wich der Aussatz von ihm, und er wurde rein. Und Jesus bedrohte ihn und trieb ihn alsbald von sich und sprach zu ihm: Sieh zu, dass du niemandem etwas sagst; sondern geh hin und zeige dich dem Priester und opfere für deine Reinigung, was Mose geboten hat, ihnen zum Zeugnis. Er aber ging fort und fing an, viel davon zu reden und die Geschichte bekannt zu machen, sodass Jesus hinfort nicht mehr öffentlich in eine Stadt gehen konnte; sondern er war draußen an einsamen Orten; und sie kamen zu ihm von allen Enden.

 

Liebe Gemeinde!

Wieder einmal ein Heilungsgeschichte! Ja, wie oft hören wir von Jesus solche und ähnliche Berichte. Immer und immer wieder und zum Teil märchenhaft ausgeschmückt werden Erzählungen von Jesus als dem großem Wunderheiler weitergetragen. So spannend solche Erzählungen für viele unter uns auch sind, und so sehr sie manchem unter uns in Leidenszeiten und Krisenmomenten geholfen haben, wir wissen genau, dass viele unserer Zeitgenossen überhaupt nicht mehr hinhören, bei diesen biblischen Berichten.

 

Warum? Vielleicht einfach als Erstes, weil sie gesund sind. Warum sollte man sich, so denken doch viele, wenn man gesund ist, mit solchen Krankheitsgeschichten beschäftigen? Und auf den Gedanken, dass man als Gesunder angesichts von Krankheitsgeschichten Grund genug hätte, Gott für diese kostbare Gabe der Gesundheit von Herzen zu danken, darauf will der moderne Mensch so schnell nicht kommen.

 

Aber genau der Blick auf dieses heutige Lebensgefühl lenkt die Aufmerksamkeit auf einen zweiten Grund, weshalb viele moderne Menschen in Mitteleuropa bei diesen biblischen Heilungsgeschichten nicht mehr so richtig hinhören mögen. Denn es fällt ihnen beim Thema Krankheit und Heilung angesichts unserer modernen und erfolgreichen Medizin und Technik einfach allein die Stichwörter „Arzt“ und „Krankenhaus“ ein, aber keineswegs Jesus, Gott oder gar Kirche.

 

Wenn es darum jetzt vielleicht nicht angebracht ist, sich in medizinischen Details zu verlieren, so kann des dennoch helfen, einmal auf ganz andere Aspekte dieses Berichtes aus dem Markusevangelium zu schauen. Denn es geht ja um Aussatz. Heute würde man sagen, um Lepra. Und diese Krankheit ist wirklich schlimm genug. Aber im deutschen Sprachgebrauch klingt in dem Begriff „Aussatz“ immer noch das an, was man damals gegen diese Krankheit unternahm: Denn „Aussatz“ ist wohl als eine Kurzform zu verstehen von: „Einer, der von der Gesellschaft ausgesetzt worden ist“.

 

Das heißt also, dass man damals in seiner Ohnmacht gegenüber dieser schlimmen Krankheit nichts anderes wusste, als diese Kranken zu isolieren. Weg! Weg! In ferne Höhlen und Einsamkeiten! Damit sich ja kein weiterer ansteckt. „Unrein“! „Unrein“! musste der Kranke sofort rufen, wenn sich einmal tatsächlich ein Fremder in seine Nähe verirrt haben sollte (3.Mose 13,45). Aussatz, das hieß Trennung. Aussatz, das hieß Verlassenheit! Aussatz, das hieß Gottverlassenheit! Aus! Ende! Keine Chance! Man war ein lebender Toter!

 

Kennen wir das heute auch? Nein, ich meine jetzt nicht die Lepra. Sondern dass sich Menschen wie aussätzig fühlen? Dass man sich wie ein lebender Toter fühlt? Dass man sich von allen verlassen fühlt, von Gott und aller Welt! Und ganz bestimmt, wer auch sonst in seinem Leben nicht auf Gott schauen mochte: wenn dieses Gefühl der Verlassenheit ihn verschlingen will, dann weiß er zu Gott zu schreien, zu winseln und zu klagen! Und gibt es nicht genügend unter uns die solche Situationen in ihrem Leben haben kennen lernen müssen, wo sie genauso nur noch schreien und zu klagen konnten, wo sie das Gefühl hatten, nur noch von schwarzer Einsamkeit umgeben zu sein?

 

Was jedoch nun dieser Mitgeselle im Elend tut, was nun dieser Aussätzige aus dem Markusevangelium unternimmt, das ist unglaublich! Und das verstößt gegen alles, was geboten und vernünftig ist! In seiner würgenden Not, da schreit er eben nicht „Unrein“! „Unrein“! und läuft vor Jesus weg, sondern wendet sich direkt Jesus zu! Wenn auch alle Welt ihn verabscheut, wenn auch alle Welt ihn ausgrenzt und Grenzen zu ihm ziehen muss, er traut es sich tatsächlich, zu Jesus zu kommen. Was bringt er ihm da für ein unglaubliches Vertrauen entgegen. Er kniet nieder, er zerbricht damit alles, was er noch an Selbstbewusstsein hat, und spricht zu Jesus: „Willst du, so kannst du mich reinigen.“

 

Diese Frechheit, diese ungeheure Verletzung der überlebenswichtigen Gesundheitsgebote, diese Missachtung allen göttlich gebotenen Regelwerkes, hätte eigentlich schlimmste Strafen nach sich ziehen müssen und die sofortige Auslöschung und Vertilgung eines solchen Frevlers.

 

Aber was ist da von Jesus berichtet? Das muss man wohl zweimal hören, um es wirklich zu glauben. Denn von Jesus heißt es: „Und es jammerte ihn“. Ja, das ist die unglaubliche Botschaft! Der Elende, der Aussätzige, der mit oder ohne Schuld durch Krankheit zerstörte, der wird nicht nur von Jesus nicht zurückgestoßen, sondern Jesus hört ihn und es jammert ihn! Ja, deshalb ist dieser Bericht wohl doch von der ersten Christenheit weiter überliefert worden, damit auch wir heutigen es erfahren dürfen: Wenn wir auch als Elende oder Aussätzige, als mit oder ohne eigene Schuld durch Krankheit zerstörte, uns auf den Weg zu Jesus machen, vor ihm niederfallen und vor ihm stammeln, wie es uns so schlimm um unser Herz ist, dann werden wir von Jesus nicht zurückgestoßen, sondern dann will Jesus uns hören und dann jammert Jesus unsere Einsamkeit und unser Leiden!

 

Er will dann seine Hand ausstrecken uns anrühren und alle Einsamkeit und Abgrenzung um uns durchbrechen. Er will, dass wir zu ihm gehören, in die Gemeinschaft der von ihm Geretteten, der gereinigten, der geheiligten, in die Gemeinschaft derjenigen, die Zukunft im Reich Gottes haben.

 

Dabei ist bestimmt nicht das Wichtigste, ob da noch körperliche Gebrechen sind. Dabei ist bestimmt nicht das Wichtigste, ob wir noch körperlich unversehrt sind. Dabei ist bestimmt nicht das Wichtigste, ob da noch körperliche Schmerzen oder üble Leiden ihr Unwesen treiben. Nein, die schaffen es nicht, denjenigen, der aus seiner Ausgrenzung, seinem Aussatz, seiner gottverlassenen Einsamkeit durch Jesus herausgeholt worden ist, wieder zurückzuziehen.

 

Und das ist unglaublich, das widerspricht aller menschlichen Erfahrung. Und ist vor allem nichts zum Herausposaunen. Ja, zum dankbar sich freuen, zum Gott herzlich danken und dazu anderen Leidensgenossen beizustehen, dazu ist es genug. Ich denke, deshalb hat Jesus ihm auch scharf geboten: Sieh zu, dass du niemandem etwas sagst. Und mach das, was nach den Vorschriften zur Dokumentation einer Heilung getan werden muss.

 

Aber wie nett in unserer Bibel, wie sympathisch und wie lebensnah, wie dieser offenbar ganz realistische Bericht weiter geht. Ja, wir können es doch gut verstehen, dass der Geheilte damals einfach vor Freude überschnappte. Wem unter uns ginge das denn nicht genauso? Nein, natürlich wäre das nicht richtig. Aber das zeigt doch nur, dass der Geheilte aus dem Markusevangelium eben genauso ein Mensch ist wie Du und ich.

 

Ja, wir sind alles ganz normale Menschen, die in der Schar der Christenheit in das Kraftfeld Gottes hineingezogen und frei gemacht worden sind. Und die darum auch immer wieder, wenn das Elend dieser Welt uns Herz und Verstand zerreißt, sich zu Jesus trauen dürfen in Gebet und Anbetung. Und die wir dann erfahren dürfen, wie ihn dann unsere Einsamkeit und unser Leiden jammert. Weshalb er sich unser erbarmt jetzt und in Ewigkeit. Gott sei Dank! Amen.



Pastor i. R. Dr. Andreas Pawlas
25365 Kl. Offenseth-Sparrieshoop
E-Mail: Andreas.Pawlas@web.de

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