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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

13. Sonntag nach Trinitatis, 10.09.2017

Macht und Pracht
Predigt zu Markus 3:31-35, verfasst von Sven Keppler

  1. Eine Frau ist zugezogen. Sie kommt zum ersten Mal in ihre neue Gemeinde. Zehn Minuten vor dem Gottesdienst betritt sie die Kirche und sucht sich einen Platz. Vorne möchte sie sitzen, um alles gut im Blick zu haben. Doch als sie sich setzen will, kommt der Küster auf sie zu: „Hier nicht, hier sind die Konfirmandenbänke!“

Etwas verwirrt geht sie zur nächsten Bank, in der zwei ältere Herren sitzen. Als sie sich dazugesellen will, schütteln die mit dem Kopf: „Hier sind die Presbyterbänke!“ Wieder geht sie weiter. Verlegen. Klar, ihre Schuld. Wer regelmäßig herkommt, weiß das. In Gedanken versunken findet sie einen Platz und setzt sich. Bis plötzlich eine Familie neben ihr steht.

„Guten Morgen. Wir sind die Schulte Hillefelds.“ Erfreut über diesen ersten Gruß nickt sie zurück. „Das ist unsere Bank. Haben Sie das Messingschild nicht gesehen? Es ist aber auch sehr klein…“ Und wieder muss sie aufstehen und sich einen neuen Platz suchen.

Verunsichert schaut sie um sich. Dort sitzen ein paar Männer zusammen. Ob das eine reservierte Männerecke ist? Drüben die Leute scheinen sich zu kennen. Da sitzt bestimmt der Chor. Schließlich wählt sie einen Platz in der letzten Reihe. Die Orgel beginnt. Da kommt wieder der Küster auf sie zu. „Hier sitze ich! – Aber bleiben Sie ruhig. Es ist ja noch genug Platz.“

 

  1. Liebe Gäste hier im Gottesdienst, heute ist der Tag des offenen Denkmals. „Macht und Pracht“ heißt diesmal das Motto. Auch in dieser Kirche gab es früher die festen Bänke für Konfirmanden, Presbyter und alteingesessene Familien. Stammplätze in der Kirche können durchaus ein Ausdruck von Macht sein. Ein Statussymbol.

Jemand, der neu in eine Kirche kam, wurde dadurch erst einmal klein gemacht. Als die Welt noch „in Ordnung“ war, musste man das akzeptieren: Wer zugezogen war, hatte sich erst einmal einzufügen. Vielleicht würden es die Enkel dann ja irgendwann einmal zu einer eigenen Familienbank bringen.

Wie anders habe ich eine Gemeinde in Münster erlebt. Als Student war ich dorthin gezogen und kam zum ersten Mal in den Gottesdienst. Ich suchte mir eine freie Bank. Und die nächste Besucherin setzte sich gleich neben mich. Nicht auf ihren Stammplatz. Sondern ganz bewusst neben den Neuen, der das Gefühl bekommen sollte: Bei uns bist Du willkommen!

 

III. Macht und Pracht in der Kirche. Hierarchien und Statussymbole in der Gemeinde. Das hat eine lange Tradition. Auch im Protestantismus. Heute sind sie oft besser versteckt, weil sie nicht mehr dem guten Geschmack entsprechen. Um so wichtiger ist es, genau hinzugucken.

Im Markusevangelium wird eine Geschichte von einem mehr oder minder verdeckten Machtanspruch erzählt. Ich lese das Ende des 3. Kapitels [3,31-35].

Jesus ist in einem Haus. Die Leute stehen dicht an dicht. Niemand kommt mehr herein. Jesus ist umgeben von Menschen, die ihn hören wollen. Sie versuchen, möglichst nah an ihn heranzukommen. Auf den besten Plätzen kann man ihn nicht nur besonders gut verstehen. Vielleicht ergibt sich sogar die Gelegenheit, ihn zu berühren. Seine heilsame Kraft ganz körperlich zu spüren.

Wieder kommen Leute. Vielleicht haben sie ebenfalls versucht, das Haus zu betreten. Vielleicht ist ihr Versuch misslungen. Da rufen sie Jesus zu sich. „Jesus, komm heraus. Ich bin Maria, Deine Mutter. Und hier sind Deine vier Brüder. Wir wollen Dich sprechen.“ Das ist schon ein ordentlicher Besitzanspruch. Und damit ein Machtanspruch. Nicht bloß: „Lasst uns doch auch herein. Wir sind schließlich seine Familie!“ Sondern: „Sohn, Bruder, komm heraus zu uns!“

Der Grund, den sie nennen, wäre auch heute noch akzeptabel. Nicht ihre gesellschaftliche Stellung führen sie an. Nicht ihren geistlichen Rang. Sondern sie sind seine Familie. Aber Jesus lehnt ab. Brüsk und kompromisslos: „Wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.“ Einen Machtanspruch, der auf natürlichen oder gesellschaftlichen Gegebenheiten beruht, lässt Jesus nicht gelten.

 

  1. Jetzt könnten Sie einwenden: Aber das sind doch zwei völlig verschiedene Fälle. Die Stammplätze in der Kirche und die Herausforderung Jesu durch seine Mutter. Maria wollte, dass Jesus aus dem Haus herauskam. Sozusagen aus der Kirche, in der die Leute versammelt waren. Die Leute im Haus wollten auf Jesu Worte hören. Und Jesus fand, dass niemand diese Menschen daran hindern sollte. Nicht einmal seine Mutter mit ihren Ansprüchen.

Wer sich einen guten Platz in der Kirche sichert, der will dagegen auf Jesu Worte hören. Vielleicht will er nebenbei auch noch seine Stellung herausstreichen, seine Privilegien zeigen. Aber vor allem will er oder sie am Gottesdienst teilnehmen. Das ist doch das genaue Gegenteil von Marias Anliegen.

Die entscheidende Frage ist also: Stören Macht und Pracht die Verkündigung? Verhindert ein Machtanspruch, dass Menschen durch Jesus berührt werden? Lenkt etwas vom Evangelium ab? Oder helfen geordnete Strukturen stattdessen sogar, dass sich Menschen auf Gottes Wort ausrichten können. Zum Beispiel, indem die Konfis, wenn sie vorne sitzen, nicht auf dumme Gedanken kommen.

 

  1. Macht und Pracht in der Kirche: Bei diesen Stichworten denke ich zuerst an prunkvoll ausgestattete Kirchgebäude. Edlen Marmor, üppiges Blattgold und theatralischen Stuck. Barocke Pracht. Edelsteinbesetzte Reliquienbehälter und Abendmahlsgeräte. Prachtvolle Ikonen und aufwändige, goldbestickte Gewänder. Wie kann es sein, dass sich eine Religion auf den besitzlosen Zimmermann aus Nazareth beruft – und gleichzeitig ihre Kirchen mit materieller Pracht ausstattet?

Auch hier ist die Schlüsselfrage: Stören Macht und Pracht die Verkündigung? Verhindern Gold und Edelsteine, dass Menschen durch Jesus berührt werden? Oder helfen sie stattdessen, etwas vom Evangelium zu begreifen?

Denn das sollte ja das Anliegen sein: Menschen geben etwas von ihrem Reichtum ab und widmen es Gott. Die Ausstattung der Kirche sollte einen Vorgeschmack geben von der himmlischen Herrlichkeit. Ein Abbild vom ungetrübten Glanz der Neuen Welt, die auf uns wartet.

Heute ist das jedoch weitgehend unverständlich geworden. Spenden sollen heute einen praktischen Nutzen haben. Menschen in Not soll geholfen werden. Oder wenn für Gebäude gespendet wird, dann um dort schöne Gottesdienste oder Veranstaltungen zu ermöglichen. Und nicht um im glitzernden Prunk mit arabischen Scheichs oder russischen Oligarchen zu konkurrieren.

Kunstgeschichtliche Zeugnisse der alten kirchlichen Pracht sollten wir pflegen. Sie erinnern uns daran, dass andere Zeiten anders empfunden haben. Aber heutigen Gemeindebauten steht es denke ich besser, an die Bescheidenheit des menschlichen Gottessohnes zu erinnern.

 

  1. Und auch sonst lohnt es sich immer wieder, diese Grundfragen zu stellen: Stören Machtstrukturen die Verkündigung? Oder helfen sie stattdessen, etwas vom Evangelium zu begreifen?

Fühlt sich ein Mensch willkommen, der zum ersten Mal in einen Gottesdienst kommt? Setzt sich jemand zu ihm, oder verharren alle auf ihren Stammplätzen? Machen Text und Musik es ihm leicht, oder sind deren Formen eine unüberwindliche Hürde? Das Gleiche gilt für die Gemeindegruppen: Kann jemand Neues gut dazwischenkommen?

Oder nehmen wir die Machtgefüge in der Gemeinde. Wir sind stolz darauf, eine demokratisch von der Basis her verfasste Kirche zu sein. Mit Presbyterien und Synoden. Aber wer weiß heute überhaupt, was diese griechischen Fremdwörter bedeuten: Presbyterium, Synode? Können die Gemeindeglieder das Gefühl haben, dass ihre Stimme in diesen Einrichtungen gehört wird?

Wir haben es streng geregelt, wer bei uns verkündigen darf. Wer die Sakramente „verwaltet“. Allein dieses Wort kann ja schon nachdenklich machen. Ein Freund erzählte mir dagegen aus seiner Gemeinde, dass dort neuerdings Gemeindeglieder die Ansprachen im Gottesdienst halten. Lehrerinnen. Theaterpädagogen. Handwerker. Es sind oft bewegende Gottesdienste. Aber viele Gemeinden scheuen vor solcher Beteiligung zurück. Das bedeutet ja auch für die Theologen, einen Teil ihrer Macht abzugeben. Deutungsmacht. Gestaltungsmacht.

Ich gebe zu, das ist vielleicht ein etwas weltlicher Blick auf die Macht. Aber als Kirche sind wir immer auch eine Gemeinschaft mitten in der Welt. Es schadet nicht, mit Jesus die Frage zu stellen: Wo stehen Macht und Pracht der Verkündigung im Weg? Und wo sind sie hilfreich, damit Menschen das Evangelium hören und begreifen können? Amen.



Pfarrer Dr. Sven Keppler
Versmold
E-Mail: sven.keppler@kk-ekvw.de

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