Göttinger Predigten

deutsch English español português dansk

Startseite

Aktuelle Predigten

Archiv

Besondere Gelegenheiten

Suche

Links

Gästebuch

Konzeption

Unsere Autoren weltweit

Kontakt
ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

13. Sonntag nach Trinitatis, 10.09.2017

Predigt zu Markus 3:(20-21)31-35, verfasst von Winfried Klotz

Text: Markus 3, (20-21) 31-35

20 Dann ging Jesus nach Hause. Wieder strömte eine so große Menge zusammen, dass er und seine Jünger nicht einmal zum Essen kamen.

21 Als das seine Angehörigen erfuhren, machten sie sich auf den Weg, um ihn mit Gewalt wegzuholen, denn sie sagten sich: »Er muss verrückt geworden sein.«   Joh 7,5; 8,48

Die Angehörigen von Jesus (Mt 12,46-50; Lk 8,19-21)

31 Inzwischen waren die Mutter und die Brüder von Jesus angekommen. Sie standen vor dem Haus und schickten jemand, um ihn herauszurufen.   3,21

32 Rings um Jesus saßen die Menschen dicht gedrängt. Sie gaben die Nachricht an ihn weiter: »Deine Mutter und deine Brüder D stehen draußen und fragen nach dir!« D) Einige Handschriften fügen hinzu: und deine Schwestern.

33 Jesus antwortete: »Wer sind meine Mutter und meine Brüder?«

34 Er sah auf die Leute, die um ihn herumsaßen, und sagte: »Das hier sind meine Mutter und meine Brüder!

35 Wer tut, was Gott will, der ist mein Bruder, meine Schwester und meine Mutter!«   Mt 6,10S

Liebe Gemeinde!

Reich an Konflikten war das Leben Jesu; besonders schmerzlich ist, wenn ein Konflikt mit denen auszutragen ist, zu denen eine enge Verbindung besteht. So ging es Jesus mit seiner Familie, die ihn und sein Handeln immer weniger verstehen und akzeptieren konnte. Wie kam es dazu?

Im Zusammenhang der ersten drei Kapitel des Markusevangeliums wird beschrieben, wer Jesus ist: ER ist der Christus Gottes, erfüllt mit Gottes Geist, erprobt ohne zu scheitern, gesandt, Gottes befreiende Herrschaft aufzurichten, predigend, heilend; nach Jesu eigenen Worten geschieht dies, und das ist für uns im rationalistischen, die unsichtbare Welt ignorierenden Deutschland anstößig, durch die Befreiung von Menschen aus der versklavenden Fessel widergöttlicher Mächte. (Vgl. Lk. 11, 20)

Jesus wirkt nicht als Solist, er sammelt Menschen um sich, nicht nur die Zwölf, von deren Berufung vor unserem Abschnitt im dritten Kapitel berichtet wird, nein, viele folgen ihm, suchen sein Wort und seine Hilfe. Jetzt, so antwortet er denen, die wissen möchten, warum seine Jünger nicht fasten wie die Schüler anderer Lehrer, jetzt ist messianische Freudenzeit (3, 18f). Hochzeitsgäste fasten doch nicht, wenn der Bräutigam Einzug gehalten hat; Jesu Jünger leben in der messianischen Freudenzeit. Sie leben in großer Erwartung und Freude, sie erleben zugleich aber, wie anstrengend es in der Nähe von Jesus ist, den Menschen ständig umlagern. Selbst zum Essen reicht nicht immer die Zeit.

Mit Kopfschütteln, schließlich aber mit völligem Unverständnis hört die Familie Jesu von seinem Reden, Handeln und Ergehen; das Leben des erstgeborenen Sohnes ist aus ihrer Sicht völlig aus dem Ruder gelaufen; „er muss verrückt geworden sein“, so ihr Urteil. Sie machen sich auf, um Jesus vor sich selbst zu retten; mit Gewalt wollen sie ihn nach Hause holen.

Jesus im Konflikt mit seiner Familie, die ihn nicht mehr versteht. Darin aber zeigt sich, wie sich im Folgenden ergibt, eine Trennung, die nicht einfach nach dem Motto „lasst uns miteinander reden“ zu überbrücken ist.

Jesu Mutter und seine Brüder, nach anderer Überlieferung auch seine Schwestern, nur der Vater wird nicht genannt, vermutlich ist er schon gestorben, suchen Jesus, um den ältesten Sohn, er ist doch jetzt das Oberhaupt der Familie, mit Gewalt nach Hause zu holen. Er tut gewiss viel Gutes, aber zugleich überschreitet er die Grenzen, die Gottes Gebot setzt; er vergibt Sünde, macht jemand mit zweifelhaftem Ruf, einen Zolleinnehmer zu seinem Schüler, setzt sich mit genau solchen Leuten an einen Tisch und isst mit ihnen, heilt am Sabbat und behauptet auch noch, dass er so dem Willen Gottes entsprechend handele. Bei all dem lässt er sich in keiner Weise von den Gesetzeslehrern und Pharisäern korrigieren, er setzt sich über ihre Kritik hinweg. Deshalb beschließen sie, dass Jesus sterben müsse (3,6). So steht es schon im dritten Kapitel. Ist das nicht Grund genug, Jesus mit Gewalt nach Hause zu holen?

Seine Familie macht sich auf den Weg von Nazareth zum See Genezareth. Jesus hatte sozusagen einen zweiten Wohnsitz in Kapernaum am See. In einem der kleinen Fischerorte am See Genezareth finden sie ihn. Er lehrt in einem Haus, dicht gedrängt sitzen Menschen um ihn. Seine Familie schickt jemand hinein, um ihn herauszurufen. Er wird doch gleich herauskommen, das gebietet vor allem der Respekt der Mutter gegenüber. Jemand ruft Jesus zu: „Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und fragen nach dir!“ Was auch immer Jesus gerade macht, er wird unterbrechen müssen, die Mutter lässt man nicht warten. Alle rechnen damit, dass Jesus aufsteht und sich durch die eng an eng sitzenden Menschen zur Tür hinausdrängt. „Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und fragen nach dir!“ Der Ruf steht noch im Raum, Jesus aber erhebt sich nicht eilig, sondern stellt eine überraschende Frage: „Wer sind meine Mutter und meine Brüder?“ Still schaut er die an, die um ihn her sitzen, er blickt sie genau an, und dann sagt er: „Das hier sind meine Mutter und meine Brüder! Wer tut, was Gott will, der ist mein Bruder, meine Schwester und meine Mutter!“

Ihr seid meine Mutter und meine Brüder! Wie bitte?

Wenn Jesus die um ihn sitzenden Mutter und Bruder nennt, dann vollzieht er eine Distanzierung und schafft zugleich eine neue Verbundenheit. Jesu leibliche Familie, seine Mutter und Brüder, stehen zurück hinter denen, die sich bei ihm gesammelt haben und nach Jesu Urteil Gottes Willen tun.

Gottes Willen tun, es ist anzunehmen, dass Jesu Familie sich streng an das Gesetz hielt, sie tun Gottes Willen, während Jesus durch die Übertretung z. B. des Sabbatgebots zu Streit Anlass gibt. Was ist der Unterschied zwischen denen, die um Jesus herumsitzen und seiner Familie, die draußen steht?

Erst einmal- ganz äußerlich betrachtet- die einen sitzen drinnen, die anderen stehen draußen. Die einen sind in der Nähe von Jesus, die anderen fordern, dass er zu ihnen herauskommt. Das Äußere zeigt manchmal das Innere: Jesus nahe sind, die auf ihn hören und ihm folgen; Jesus ferne stehen, die ihn für verrückt erklären, seine leibliche Familie. Die auf Jesus hören und ihm folgen, erklärt er zu seiner Familie und distanziert sich damit von seiner leiblichen Familie. Und noch zugespitzter: Von denen, die um ihn sitzen, behauptet Jesus: diese Leute tun, was Gott will!

Diese Behauptung Jesu ist kühn, ja manche würden ihn einen Fanatiker nennen; einen Sektierer, der die natürlichen Bindungen missachtet. Oder auch einen Egozentriker, der alles von sich her sehen muss. Jesus redet vom Willen Gottes, der darin geschieht, dass Menschen ihm nachfolgen, sich an seinen Weg binden, in seiner Spur gehen. Wer ist Jesus? Kann er seinen Anspruch begründen?

Um diese Frage ringt das Neue Testament immer wieder, ja, es ist letztlich darum geschrieben, um Zeugnis abzulegen dafür, wer Jesus Christus ist. Um diese Frage geht es in der Auseinandersetzung zwischen Jesus und den Schriftgelehrten im Abschnitt 3, 22-30, der zwischen unseren beiden Predigtworten steht. Die Schriftgelehrten sagen: Jesus ist vom Teufel besessen, er kommt vom Teufel. Die ihm folgen aber: Jesus kommt von Gott (2, 12; 4, 41, vgl. Mk. 8, 29; Mt. 16, 16). Für die Pharisäer ist klar: Jesus muss sterben, er übertritt das Sabbatgebot (3, 6). Das Volk dagegen sucht Jesus auf und überrennt ihn (3, 10), weil sie Hilfe und Heilung bei ihm suchen und finden. Und die bösen Geister, die er austreibt, fallen vor ihm nieder und bekennen: Du bist Gottes Sohn, was Jesus ihnen streng verbietet (1, 24f; 3,11-12). Und mitten in diesem Chaos der Kreis der Frauen und Männer, die ihm nachfolgen.

Kann Jesus seinen Anspruch begründen? Er begründet ihn argumentativ, wie in der Auseinandersetzung mit den Schriftgelehrten, die ihn für besessen halten. Das Reich des Satans kann nicht bestehen, wenn er sich selbst bekämpft. Es ist aber jetzt ganz anders: Der Starke ist gefesselt, jetzt ist Erlösungszeit! Jesus Anspruch findet Begründung in seinem Menschen befreienden und heilenden Handeln (Mt. 12, 28, vgl. Joh. 5, 36; 10, 25. 37f) vor allem aber in seiner liebevollen Zuwendung zu denen, die keinen Zugang zu Gott haben. Als Jesus von Pharisäern und Schriftgelehrten angegriffen wird, weil er mit den Sündern und Zöllnern isst, erklärt er (Mk. 2, 17): „Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Ich bin nicht gekommen, solche Menschen in Gottes neue Welt einzuladen, bei denen alles in Ordnung ist, sondern solche, die Gott den Rücken gekehrt haben.“ Aufs Ganze gesehen aber findet Jesu Anspruch seine Bergündung in seinem Sterben am Kreuz und seiner Auferstehung, und in dem Zeugnis, das sein Geist in den Herzen derer ablegt, die ihm vertrauen (Rö. 8, 16).

Jesus und die Seinen, drinnen und draußen, eine Scheidung wird sichtbar, deren Verwerfungslinie nicht irgendeine Frage der Gesetzesauslegung, der Lebensführung, eines Glaubenssatzes ist, sondern Jesus selbst: kommt ER wirklich von Gott? Ist er deshalb der, der retten kann? Kommt es also darauf an, IHM zu folgen und darin Gottes Willen zu tun? Seine Familie strauchelt an dieser Frage, die Schriftgelehrten und Pharsäer sind voll Zorn auf ihn, aber die Notvollen, Kaputten, die, die das Gesetz nicht halten können, suchen ihn, rennen ihm nach.

Scheidung, Unterscheidung an Jesus, diese Linie zieht sich durch die Kirchengeschichte. In der Reformationszeit wurde diese Linie sehr deutlich. Die Scheidung geschah zwischen einer Kirche, die Gottes Heil in die eigenen Hände genommen hatte und für die Gläubigen verwaltete und denen, die erkannt hatten, dass Gott durchs Evangelium von Jesus alle rettet, die auf ihn vertrauen. Dass also die Kommunikation des Evangeliums die entscheidende Aufgabe von Kirche und Christen ist, damit Menschen Jesus Christus vertrauen und folgen und so gerettet werden, ein neues befreites und hoffnungsvolles Leben bekommen.

Drinnen- draußen, hat Kirche- Gemeinde eine Grenze? Das ist nicht immer klar, gerade bei den sogenannten Volkskirchen. Früher war z. B. das Abendmahl ein hochheiliges Geschehen, zu dem man sich vorher anmelden musste; heute sind vielerorts alle eingeladen, Glauben kann man doch nicht prüfen, so sagt man. Wie wird das Drinnen oder Draußen sichtbar? An der Mitgliedschaft durch die Taufe, am Zahlen der Kirchensteuer bzw. des Beitrags? An den guten Werken? Mir haben immer wieder Ausgetretene erklärt, dass sie eigentlich die besseren Christen seien, eben keine Heuchler wie viele Kirchenglieder; sie hätten doch ihren Glauben und täten manches Gute.

Wer ist drinnen, wer steht draußen? All unsere Unterscheidungen geschehen in Vorläufigkeit. Um der Liebe willen müssen wir Grenzen niederlegen, um der Wahrheit willen aufzeigen. Alles kommt für uns als Christen darauf an, dass wir in der Spur von Jesus gehen, auf ihn hören, von ihm lernen, tun, was Gott will. Jesus stellt uns in die Gemeinschaft mit Gott und verbindet uns untereinander zur Gemeinschaft der Christinnen und Christen. Wir wissen: Gemeinschaft ist nicht nur erfrischen und aufbauend, sondern manchmal auch enttäuschend. Ohne Verzicht auf eigene Wünsche und die Bereitschaft, Lasten anderer zu tragen, wird es nicht gehen. (MK. 8, 34; Gal. 6, 2) Bei allen Belastungen läuft die Gemeinschaft der Heiligen, so nennt sie das apostolische Glaubensbekenntnis, tot, wenn Jesus selbst nicht Motor und Mitte ist. IHN im Scheitern, schuldig geworden aneinander, leer gelaufen und enttäuscht, beim Verbrennungsmotor würde man das einen Kolbenfresser nennen, IHN zu suchen und Hilfe zu empfangen (Hebr. 4, 16), das bringt Gemeinde als Gemeinschaft der Heiligen voran.

Zum Schluss: Jesus und seine leibliche Familie blieben nicht auf Dauer geschieden. Lukas erwähnt in der Apostelgeschichte, dass Maria und die Brüder Jesu zur ersten Gemeinde gehörten. Jakobus, seinem zweitgeborenen Bruder ist Jesus nach seiner Auferstehung erschienen. Dieser Jakobus, es ist nicht der Jünger Jakobus, Sohn des Zebedäus, war später eine der Säulen der Jerusalemer Urgermeinde (Gal. 1, 19; 2, 9). Vermutlich ist Jesus nach seinem Wort an die um ihn Versammelten hinausgegeangen zu seiner Familie und hat sie begrüßt. Klarstellungen erfordern kein liebloses Verhalten. Wenn wir als Christen miteinander streiten, gibt uns das nicht die Erlaubnis zur Lieblosigkeit. Auch nicht dazu, den anderen abzuurteilen. Es kann sein, dass jemand feststellt, mit dem kann ich nicht. Ich verstehe ihn nicht, wir sind zu unterschiedlich gestrickt, zu unterschiedlich in unserer Einschätzung. Nun gut, Christen dürfen unterschiedliche Wege gehen; aber sie dürfen sich nicht lieblos aburteilen. Paulus schreibt im 4. Kapitel des ersten Korintherbriefs (V. 5): „Urteilt also nicht vorzeitig, bevor Christus kommt, der das Verborgene ans Licht bringen und die geheimsten Gedanken enthüllen wird. Dann wird Gott das Lob austeilen, so wie jeder und jede es verdient.“ Überlassen wir unserem Herrn das Gericht, übrigens auch über uns selbst. Und wenden wir uns der Aufgabe zu, die uns gestellt ist: Gottes Willen tun, in dem wir Jesus folgen, Gottes Willen tun durch die Kommunikation des Evangeliums in Wort und Tat. Amen

 

 



Pfarrer Winfried Klotz
Bad König
E-Mail: winfried.klotz@web.de

(zurück zum Seitenanfang)