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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

10. Sonntag nach Trinitatis, 20.08.2017

"so sollt ihr mein Eigentum sein"
Predigt zu Exodus (2. Buch Mose) 19:1-6, verfasst von Michael Nitzke

1 Im dritten Monat nach dem Auszug der Israeliten aus Ägyptenland, an diesem Tag kamen sie in die Wüste Sinai. 2 Sie brachen auf von Refidim und kamen in die Wüste Sinai, und Israel lagerte sich dort in der Wüste gegenüber dem Berge.

3 Und Mose stieg hinauf zu Gott. Und der HERR rief ihm vom Berge zu und sprach: So sollst du sagen zu dem Hause Jakob und den Israeliten verkündigen: 4 Ihr habt gesehen, was ich an den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht. 5 Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. 6 Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein. Das sind die Worte, die du den Israeliten sagen sollst.

 

Liebe Gemeinde,

Mose hatte eine abenteuerliche Geschichte hinter sich. Als Kind wuchs er am Hofe des Königs von Ägyptern auf. Dieser König trug den Name Pharao, und Mose wurde wie sein eigenes Enkelkind behandelt. Dabei war er nur das Kind von Sklaven, rechtlosen Menschen, die unterdrückt wurden. Sie bauten an den riesigen Bauwerken der Ägypter mit, die Jahrtausende überdauern sollten. Seine Mutter hatte ihn ausgesetzt in ein kleines Schilfkörbchen auf dem Nil, damit es wenigstens eine Chance hatte gerettet zu werden. Die Tochter des Pharaos hatte das Körbchen mit dem Kindchen aus dem Nil gezogen, und hat dafür gesorgt, dass es aufgezogen wird. Daher kommt auch sein Name. Der bedeutet: Der aus dem Wasser gezogen wurde. Weitere Zufälle reihen sich aneinander. Da es wahrscheinlich unter der Würde einer Pharaonentochter war, ein Kind selbst aufzuziehen, sucht sie eine Amme. Und es ist ausgerechnet die Mutter des gefundenen Kindchens, das es ernährt und groß werden lässt. Später übergibt sie es wieder der Familie des Pharaos.

Doch Mose erkennt, dass er nicht wirklich dazu gehört, er erfährt von den unterdrückten Menschen und ahnt, dass es seine Verwandten sind, die Israeliten.

Und er will helfen, als die Unterdrückung zu groß wird. So erschlägt er einen Ägypter, der einen der Kinder Israels gepeinigt hatte.

Doch das macht Mose bei den Israeliten nicht etwa beliebt. Man hat Angst vor einem, der selbst vor solchen Mitteln nicht zurückschreckt.

Mose flieht, findet in der Ferne eine Frau, und dann begegnet er dort zwischen der Wüste und einem Berg zum ersten Mal einer Macht, die über allen Mächten steht. Es ist Gott selbst. Er offenbart sich im in einem Feuer: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. (Ex 3,6) Gott gibt ihm den Auftrag die Israeliten zu retten, sie aus Ägypten zu befreien. Doch Mose fragt sich, ob die Israeliten ihm glauben werden. Die Israeliten werden ihn fragen, wer ihm den Auftrag gegeben hat, was soll er dann sagen? (Ex 3,14) „Gott sprach zu Mose: Ich werde sein, der ich sein werde. Und sprach: So sollst du zu den Israeliten sagen: "Ich werde sein", der hat mich zu euch gesandt.“

Nun hat Mose wieder die Wüste im Rücken und einen Berg vor sich. Er ahnt, dass er wieder einer besonderen Begegnung entgegensieht. Aber in der Zwischenzeit ist einiges passiert. Er hat tatsächlich seinen Auftrag erfüllt. Er hat das Volk befreit, aus dem er stammt. Er hat mit dem Pharao verhandelt, in dessen Palästen er einst zu Hause war. Doch dieser König von Ägypten ließ sich nicht erweichen. Selbst zehn grausame Plagen, haben ihn nicht dazu bewegt, das Volk freizulassen. So ist es schließlich in einer beispiellosen Aktion geflohen, während die zehnte Plage über die Ägypter kam. Und nun geschah den Ägyptern das, was zuvor die Israeliten erleiden mussten: Viele Kinder Ägyptens verlieren ihr Leben.

Das gibt den Isareliten den Vorsprung, um auf wundersame Weise durch das Meer zu fliehen. Doch die Ägypter sind ihnen auf der Spur, sie können aber das Meer nicht überwinden und kommen darin um.

Die Freude über die gelungene Flucht ist groß, doch bald macht sich wieder Traurigkeit breit. Der Weg ins Heimatland der Vorväter ist noch weit. Sie haben Hunger, sehnen sich nach den Fleischtöpfen Ägyptens. Sie erleben den Widerstand der Völker am Wege.

Und Mose muss sich mit der Unruhe im Volk auseinandersetzen. Lange drei Monate sind es her, seit sie Ägypten verlassen haben. Manchem ist die Zeit zu lange, doch niemand ahnt, dass das erst der Anfang war. Vierzig Jahre werden sie brauchen, bis sie das gelobte Land sehen werden. Und fast niemand von denen, die durch das Meer gezogen sind wird bei denen sein, die durch den Jordan ins versprochene Land ziehen, auch Mose nicht. Nur Josua, der Nachfolger des Mose wird mit den Kindern derer, die losgegangen sind, das Land betreten, wo Milch und Honig fließen soll. Eine ganze Generation war auf der Suche nach Heimat und ist auf der Flucht doch heimatlos geblieben.

Eine Situation zum Verzweifeln! Doch was ihnen Kraft gegeben hat, war das Vertrauen auf diesen Gott, den Mose erlebt hatte.

Und diesem Gott steht Mose jetzt wieder gegenüber. Nach gelungener Rettung aber doch immer noch am Anfang eines langen Weges, von dem keiner weiß, ob er zum Ziel führt.

Und wieder gibt Gott dem Mose den Auftrag, zum Volk zu sprechen: 4 Ihr habt gesehen, was ich an den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht.

Ja, Gott zeigt ihnen damit, wie stark er ist. Die Plagen, die die Ägypter erleiden mussten, zeigen seine Macht. Doch Gott zeigt, wie er diese Macht einsetzen kann, um sein Volk zu retten.

Er vergleicht sich mit dem mächtigen Adler. Ihr habt gesehen […] wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht.

Ein Adler sorgt dafür, dass seine Jungen fliegen können. Aber er tut das auf eine abenteuerliche Weise. „Der Adler wirft die Jungen vor dem ersten Wurf aus dem Nest, fängt sie aber auf, wenn sie abstürzen.“ (Elberfelder Bibel mit Erklärungen, 5. Auflage 2013, zur Stelle) Es scheint eine harte Methode zu sein. Aber die Adlerjungen erfahren vieles dabei. Sie erleben, dass sie Hilfe bekommen. Aber erst dann, wenn sie sie wirklich brauchen. Der Adler lässt seine Jungen nicht abstürzen, er fängt sie auf. Das mag eine traumatische Erfahrung sein. Aber zum Adlerleben gehört sie dazu. Irgendwann erfährt der kleine Adler die Notwendigkeit des Fliegens und er breitet die Flügel aus und erfährt, wie er getragen wird und gleiten kann.

Zuvor wird das Junge aus dem Nest geworfen. Fast so wie der kleine Mose es erfahren hat, als er im Nil ausgesetzt wurde. Das war keine Herzlosigkeit, das war die einzige Chance, sein Leben zu retten. Mose wurde aufgefangen von der Tochter des Pharaos, wie die Adlerjungen vom großen Adler.

Wenn die Jungen keinen Anstoß bekämen, würden sie vielleicht gerne im Nest hocken bleiben. Da scheint es zunächst bequemer zu sein. So bequem, wie bei es die Isareliten bei den Fleischtöpfen Ägyptens hatten. Sie waren zwar eingeengt in ihren Möglichkeiten, sie waren unterdrückt, aber sie hatten wenigstens genug zu Essen. Anders als zunächst in der Wüste. Doch wie der Adler aus den Weiten des Himmels zur Hilfe eilt und die jungen fängt, so ließ Gott aus dem Himmel wundersame Speise regnen, und die Kinder Israels wurden alle satt.

Gott sorgt für sein Volk. Es ist nicht immer leicht, diesem Gott zu vertrauen, aber am Ende sorgt er für sie wie ein Adler für seinen Jungen.

Dieser Gedanke ist der erste, den Gott Mose sagt, um ihn den Israeliten auszurichten. Der zweite ist dieser:

5 Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein.

Gott schließt einen Bund mit seinem Volk. Er verbindet sich mit ihm. Ein Bund ist wie ein Vertrag, jeder gibt etwas dazu, und Vertragspartner verpflichten sich zur Vertragstreue.

Gott bindet die Israeliten an sich, das heißt auch er gibt ihnen seinen Schutz, wie es der Adler bei den Jungen tut. Aber er erwartet auch etwas, er erwartet die Bundestreue seines Volkes: ‚Haltet Euch an diesen Gott, dann wird der Bund feste stehen wie ein Fels, unverrückbar wie der Berg, auf dem Gott dieses verkündet.‘

Ihr sollt mein Eigentum sein vor allen Völkern. Gott hebt sie aus den anderen Völkern heraus. Ihm gehört die ganze Erde. Deshalb steht bei den Isareliten später die Geschichte der Erschaffung der Welt am Anfang ihrer Heiligen Schrift. Deshalb können die Propheten die Hoffnung zum Ausdruck bringen, dass einmal alle Völker sich diesem Gott zuwenden. Er hebt sie heraus, macht sie zum Beispiel, zum Vorbild des Glaubens, aber auch zum Exempel des Zweifels an diesem Gott. Kurz zuvor haben sie sich über mangelnde Speise in der Wüste beklagt. Später werden sie jedoch der Pracht fremder Götterstatuen erliegen. Immer wieder werden sie abfallen vom rechten Glauben. Aber sie brauchen niemand anderen, der Ihnen das sagt, denn sie haben ihre eigenen Propheten. Männer und Frauen, die von Gott berufen wurden, die mutig im Namen Gottes ein warnendes Wort sprechen. Propheten, die die eigenen Könige in ihre Schranken weisen, die sie auf ihre Übertretungen hinweisen und sie zur Raison bringen. Diese Propheten tun das aus dem Glauben an diesen Gott, der seinen Bund zugesagt hat. Diese Propheten sprechen auch die Hoffnung aus auf einen, der kommen wird und ihre Schmerzen auf sich lädt, um die Schuld des Volkes zu tragen. Dieses Propheten tragen den Glauben, gehorchen seiner Stimme und halten den Bund, damit Gott die Bundestreue seines Volkes sieht.

Ihr sollt mein Eigentum sein vor allen Völkern. Gott wird auf sein Eigentum nicht verzichten. Auch wenn er andere Völker eingeladen hat, sich ihm zu zuwenden, zu denen wir uns auch zählen dürfen. Er wird sein Eigentum bewahren. Gott hat sein Volk nicht verworfen. Er steht treu zu seinem Bund.

 

Dies gilt es immer wieder zu betonen. Viele von uns haben früher anderes gehört. Doch diese Worte sprechen eine deutliche Sprache: 6 Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein.

Gott steht zu seinem Bund und lässt seine Kinder nicht auf die Erde fallen. Er gibt ihnen den Anstoß, fliegen zu lernen und er erwartet, dass sie nie vergessen, wo ihr Nest war.

Die Rede auf dem Berge schließt Gott zunächst mit diesen Worten: „Das sind die Worte, die du den Israeliten sagen sollst.“

Ein Kapitel später wird Gott durch Mose dem Volk Israel die Zehn Gebote sagen. Sie sind auch Grundlage unseres Glaubens. Kein Jota von ihnen wird vergehen, wie es der Evangelist Matthäus schreibt (5,18): Denn wahrlich, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis es alles geschieht.

Diese Verbindung zu unseren Grundlagen des Glaubens werden wir nie vergessen. Das Volk Gottes wird auch für uns immer ein heiliges Volk bleiben, denn durch dieses Volk haben wir den Glauben an den Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat, kennen gelernt.

Auch wenn wir meinen, dass der schon gekommen ist, auf den sie noch warten, gib uns das nicht das Recht zu richten über ein Volk, das allein Gottes Eigentum ist.

Der heutige Sonntag soll als Israelsonntag die besondere Verbindung zum ursprünglichen Gottesvolk betonen. Gottes Wort bleibt in Ewigkeit bestehen. Gott wird treu zu seinem Bund mit seinem heiligen Volk stehen, so wie er auch treu zu allen Menschen stehen wird, die aus vollem Herzen bekennen:

„Ich glaube an Gott,

den Vater, den Allmächtigen,

den Schöpfer des Himmels und der Erde.“

Amen.

 



Pfarrer Michael Nitzke
Dortmund
E-Mail: michael.nitzke@philippusdo.de

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