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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

22. Sonntag nach Trinitatis, 04.11.2012

Predigt zu Römer 7:14-25, verfasst von Michael Nitzke

 

 - Gutes wollen, Böses tun -

 

14 Denn wir wissen, dass das Gesetz geistlich ist; ich aber bin fleischlich, unter die Sünde verkauft. 15 Denn ich weiß nicht, was ich tue. Denn ich tue nicht, was ich will; sondern was ich hasse, das tue ich. 16 Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, so gebe ich zu, dass das Gesetz gut ist. 17 So tue nun nicht ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt. 18 Denn ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt. Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. 19 Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. 20 Wenn ich aber tue, was ich nicht will, so tue nicht ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt. 21 So finde ich nun das Gesetz, dass mir, der ich das Gute tun will, das Böse anhängt. 22 Denn ich habe Lust an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen. 23 Ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das widerstreitet dem Gesetz in meinem Gemüt und hält mich gefangen im Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist. 24 Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leibe?  25 Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn!

Liebe Gemeinde,

vor anderthalb Wochen, waren weite Teile unseres Landes und des unserer niederländischen Nachbarn ziemlich angespannt. In Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und eben den Niederlanden gab es den Blitzmarathon. Alle bei der Polizei und den Ordnungsämtern waren auf den Beinen, alle Radargeräte waren im Einsatz, um Autofahrer, die zu schnell fahren, ausfindig zu machen.

An diesem Tag fuhr fast das ganze Volk vorschriftsmäßig, übergenau hielt man sich an die ausgeschilderten Geschwindigkeitsbegrenzungen.

Nur die armen Gäste aus dem Ausland, aus anderen Bundesländern oder konsequente Medien-Verweigerer werden geblitzt. Wirklich nur die?

Einer, der geblitzt wurde, wird im Fernsehen interviewt: „Ich wusste, dass heute besonders geblitzt wird, meine Freundin hat mir noch gesagt, ‚Pass auf!‘ Aber ich habe gedacht, mir passiert nichts!"

Eine bestechende Ehrlichkeit, die der Mann da an den Tag legt. Mir passiert nichts! An normalen Tagen ist die Chance ja auch hoch, mit dieser Einstellung durchzukommen. Aber eben nicht beim Blitzmarathon.

Ein anderer, so wird in der Zeitung geschildert, hat gefragt, ob sein Knöllchen nun wie eine Tageskarte gilt, wie im Schwimmbad. Also praktisch eine Flatrate fürs zu schnelle fahren. Die Antwort der Ordnungshüter war natürlich ein klares Nein!

Sicherlich war die Frage auch etwas humorvoll gemeint. Aber man fragt sich auch, welche Mentalität steckt dahinter?

Kann ich mich freikaufen? Mancher rechnet sich vielleicht aus, wie viel er sparen kann, wenn er nur ab und zu mal erwischt wird, denn Zeit ist ja Geld. Oder der Mann, der meint, ihm passiert nichts. Ist das Leichtsinn, oder wirklich das Gefühl, außerhalb des Gesetzes zu stehen? Spielregeln, sind für die andern, ich kann machen was ich will.

Die Blitzstationen sind an Orten, die von der Bevölkerung vorgeschlagen wurden: Das erhöht die Akzeptanz. Viele Anwohner machen sich wirklich Sorgen, dass etwas Schlimmes passiert, wenn an unübersichtlichen Ecken zu schnell gefahren wird.

Andere Menschen sagen allerdings: „Ja Blitzen ist sinnvoll, an gefährlichen Stellen, aber nicht da wo man schnell fahren könnte, und wo es nur als Abzocke erscheint!"

Wer beurteilt, ob das Abzocke ist, also ungerechtfertigte Geldmacherei? Vielleicht sind an manchen Orten auch andere Gründe maßgebend als nur gefährdete Fußgänger: Lärmschutz, Verkehrsfluss, Vermeidung von Luftverschmutzung. Ja, man macht es sich oft nicht klar, dass schnelles Fahren auch die Umwelt noch mehr belastet.

Den meisten ist die Begrenzung jedoch einsichtig, niemand outet sich als Raser, und Gefährder von Menschenleben. Aber dennoch werden viele erwischt. Entschuldigungen gibt es zuhauf.

In der Bibel wird dieses Verhalten auf einen Punkt gebracht. Wir haben eben in dem langen Predigttext diesen Satz gehört: 18 ... Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht.

Ja, auch die Regeln, die ich eigentlich einsehe, befolge ich oft nicht.

Um dieses Einstellung einsichtig zu machen, wähle ich das Beispiel von den Verkehrssündern, weil das den meisten am deutlichsten ist. Und ich gebe zu, weil es am wenigsten verfänglich ist.

Ich könnte auch über Steuerhinterziehung, Mobbing am Arbeitsplatz oder Ehebruch reden, auch über vieles andere was vom Gesetz oder der Moral nicht gern gesehen wird. Aber ich denke das Beispiel aus dem Verkehr ist geeignet, das Problem einmal grundsätzlicher und befreit von Emotionen zu behandeln. Wie gehen wir mit Regeln um? Wo fängt Bevormundung an, wie weit geht meine Freiheit?

Und noch eine Frage aus dem Bibeltext, lässt sich am Beispiel des Straßenverkehrs behandeln. Die Frage, in der es um Leben und Tod geht!

Paulus klagt ja: 24 Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leibe?

Auf der Straße geht es jeden Tag und jede Sekunde um Leben und Tod! Geschwindigkeitsbegrenzung und ihre Befolgung haben über die Jahre, viele Leben gerettet. Es geht nicht nur um das Leben der Fußgänger, auch der Raser ist dem Tode näher, als der Kavalier der Straße, der sich an die Regeln hält.

Sicher ist allerdings niemand, jeder der sich in das Abenteuer Straßenverkehr begibt, ist prinzipiell der Gefahr ausgesetzt, sein Leben auch da zu verlieren. Wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leibe?

Gefahren auf viel benutzten Straßen gab es auch schon zu biblischen Zeiten. Und wer unter die Hufe kommt, der schwebt genauso in Gefahr, wie der, der unter die Räder gekommen ist. Aber unser todverfallene Leib, den Paulus anspricht, bedeutet mehr, als die Gefahr überfahren oder überrannt zu werden. Paulus sieht im Menschen zwei Kräfte, die miteinander im Kampf liegen. Die eine Kraft hat mit dem Verstand die Regeln akzeptiert, die andere Kraft meint, mir kann keiner was, und sucht ständig nach Möglichkeiten, diese Regeln zu übertreten.

Paulus beschreibt das so:

23 Ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das widerstreitet dem Gesetz in meinem Gemüt und hält mich gefangen im Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist.

Das Beispiel des Straßenverkehrs bleibt nur ein unzureichendes Beispiel für den Umgang des Menschen mit dem Gesetz. Aber es hat doch seine Parallelen zu unserer grundsätzlichen Frage. So wie jeder Mensch prinzipiell, ein Verkehrssünder ist, oder, wenn er sich nicht dafür hält, dennoch durch die kleinste Unachtsamkeit zu einem werden kann, so ist auch der Mensch vor Gott allzumal Sünder. Wie das?

Gehen wir noch mal zurück zum Verkehrsteilnehmer. Auch der beste Fahrer und die rücksichtsvollste Fahrerin, können prinzipiell für andere zur Gefahr werden, sie können schuldig werden, obwohl sie alles dazu getan haben, es nicht zu werden.

Es gibt zum Beispiel beim Autofahren die sogenannte Gefährdungshaftung. Das Auto ist prinzipiell ein gefährliches Gerät. Es kann zur Gefahr kommen, obwohl man achtsam und vorsichtig war. Benzin kann auslaufen, das Fahrzeug kann Feuer fangen, das greift auf anderes über, und schon ist eine Situation da, die man sich nicht gewünscht hat. Für den Gesetzgeber ist die Sache klar: der Halter des Fahrzeuges ist verantwortlich, auch wenn er durch Wartung des Autos immer seiner Sorgfaltspflicht nachgekommen ist. Der Staat mildert die Folgen dieser Gefahr durch die Pflicht zur Versicherung. So wird die Last dieser Verantwortung gleichmäßig verteilt und für den Einzelnen nicht mehr so schwer. Aber was ist mit der moralischen Last, wenn bei so einem Feuer jemand ums Leben kommt? Wer nimmt dem Fahrer diese Bürde ab?

Wohl dem, der seinen Gott um Vergebung bitten kann. Wohl dem, der den Glauben an einen Gott hat, der die Schuld für ihn trägt.

Paulus sagt: 21 So finde ich nun das Gesetz, dass mir, der ich das Gute tun will, das Böse anhängt. Das heißt doch heute: ich kann so viel Gutes tun, wie ich will, ich bin prinzipiell in der Lage, dass Böses von mir ausgeht. Wie komme ich da wieder heraus?

Jetzt sage mir keiner, die einfache Antwort: „Nicht mehr Autofahren!" Ich bin sicher, es lässt sich für jeden Lebensbereich eine ähnliche Situation konstruieren, dass ich jemand anderem schade obwohl ich nur das Beste beabsichtigt habe.

Aber das, was Paulus hier beschreibt ist ja noch nicht einmal die Situation, dass ich aus Versehen, etwas Böses bewirke. Nein, er meint hier dass ich mich bewusst für das Böse entscheide, auch wenn ich genau weiß, dass ich das Gute eigentlich tun sollte und auch tun könnte.

Paulus sagt: 19 Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.

Doch Paulus entdeckt auch, was da in ihm dieses paradoxe Handeln bewirkt:

20 Wenn ich aber tue, was ich nicht will, so tue nicht ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt.

Diese Sünde, die in dem Menschen wohnt, wird zum Prinzip, was gegen den Menschen arbeitet, wie eine Krankheit oder wie ein Sucht, von der wir heute ja auch wissen, dass sie eine Krankheit ist.

Diese Sünde wird zu einem Prinzip, zu einer Gesetzmäßigkeit, zu einem Gesetz selbst. Und diesem Gesetz bin ich gehorsam, obwohl ich im Herzen etwas ganz anderes will.

Was ich will, das ist Gottes Gesetz: 22 Denn ich habe Lust an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen.

Was ich aber tue, das richtet sich oft nach dem Gesetz der Sünde: 21 So finde ich nun das Gesetz, dass mir, der ich das Gute tun will, das Böse anhängt.

Gegen dieses Gesetz der Sünde setzt Paulus die gute Botschaft, das Evangelium; das Evangelium, so wie es von Jesus Christus verkündigt und gelebt wurde. Er sagte (Mk 1,14): »Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt diese gute Botschaft!«

Diese gute, frohe Botschaft Jesu Christi, siegt über das Gesetz der Sünde. Diese Botschaft sagt: „Du bist kein Gefangener dieser Sünde, du bist keine Geisel deiner Sucht. Du kannst es lassen, du kannst umkehren. Weil ich dir vergeben habe! Weil ich die Last deiner Sünde wegräume und für dich trage, sodass sie dich nicht mehr belastet. Du kannst dich dem Guten zuwenden, und brauchst nicht mehr Angst zu haben, dass es sich nicht mehr lohnt, weil du eh schon so viel Böses getan hast."

Wer sich mit christlicher Lehre etwas auskennt, ist oft geneigt, den Unterschied zwischen Gesetz und Evangelium einfach als einen Gegensatz zu sehen, wie den zwischen Altem und Neuem Testament. Das alte gilt nicht mehr, Jesus befreit uns von unnützen Gesetzen, alles ist locker, alles wird easy. Aber so ist ja gar nicht. Jesus sagt selbst in der Bergpredigt, dass er vom Gesetz der Alten nicht den kleinsten Buchstaben wegnehmen will. Ja dort verschärft er sogar noch das Gesetz. Zum Beispiel:

21 Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist: »Du sollst nicht töten«; wer aber tötet, der soll des Gerichts schuldig sein. 22 Ich aber sage euch: Wer mit seinem Bruder zürnt, der ist des Gerichts schuldig; wer aber zu seinem Bruder sagt: Du Nichtsnutz!, der ist des Hohen Rats schuldig; wer aber sagt: Du Narr!, der ist des höllischen Feuers schuldig.

Manche denken, Jesus würde damit unsere Last noch erschweren. Aber er ehrt damit das Gebot der Unversehrtheit der Person: Du sollst nicht nur nicht töten, du sollst auch niemanden beleidigen. Jesus hilft uns aber, dieses Gesetz zu halten, in dem er uns vom Gesetz der Sünde befreit. Natürlich wird uns dann und wann, wieder ein Wort über die Lippen kommen, das der andere als beleidigend empfindet. Aber Gott gibt mir auch den Mut, zu diesem Anderen hinzugehen, und zu ihm zu sagen, „Es tut mir leid, verzeih mir bitte!"

Es steckt in mir die Sucht, den vermeintlich leichten Weg zu gehen: auf der Straße zu schnell zu fahren, oder die Worte nicht zu kontrollieren, die ich zu meinem Gegenüber spreche. Diese Sucht nach Leichtem, hindert mich daran, das, was ich für richtig erkannt habe, umsetzen. Ich sage: „Das ist zu schwer!", und schon habe ich eine Ausrede gefunden.

Es scheint zu schwer zu sein, langsam zu fahren und Rücksicht zu nehmen. Es scheint zu schwer zu sein, dem Mitmenschen freundlich gegenüber zu treten. Und dann bin ich geblitzt worden, oder ich bin erstaunt, dass der andere über meine Worte nicht lachen kann, weil sie ihn verletzt haben. Und dann ist es richtig schwer. Dann scheine ich in einem Loch zu sitzen, aus dem ich nicht mehr raus komme. Doch Gott hilft mir daraus.

Jesus Christus hat versprochen, das Schwere für mich zu tragen, der Heilige Geist schenkt mir die richtigen Worte. Und dann merke ich, wie es mir leichter wird ums Herz. Der Geist Gottes weht um mich, und er scheint mir mit diesem Wehen frische Luft zum Atmen zu geben. Ich kann mich befreien, von dem Muff des immer Gleichen, ich inhaliere den Duft der Freiheit, mich dem Guten zuzuwenden. Diese Freiheit schenkt mir Gott, der mich vom Zwang, das zu tun, was ich eigentlich nicht will, befreit.

24 Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leibe? 25 Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn!

Ja, Dank sei Gott, der mir diese Möglichkeit gibt, der mich nicht danach streben lässt, was krank macht und schließlich den Tod bringt, sondern der mir die Kraft gibt und den Mut schenkt nach dem zu suchen, was das Leben fördert, was wahre Freude bringt und echte Liebe bewirkt.

Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn!

Amen.

 



Pfarrer Michael Nitzke
44229 Dortmund
E-Mail: michael.nitzke@philippusdo.de

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