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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

4. Sonntag nach Trintatis, 01.07.2012

Predigt zu 1. Petrus 3:8-15a.(15b-17), verfasst von Michael Nitzke

 

8 Endlich aber seid allesamt gleich gesinnt, mitleidig, brüderlich, barmherzig, demütig. 9 Vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern segnet vielmehr, weil ihr dazu berufen seid, dass ihr den Segen ererbt. 10 Denn »wer das Leben lieben und gute Tage sehen will, der hüte seine Zunge, dass sie nichts Böses rede, und seine Lippen, dass sie nicht betrügen. 11 Er wende sich ab vom Bösen und tue Gutes; er suche Frieden und jage ihm nach. 12 Denn die Augen des Herrn sehen auf die Gerechten, und seine Ohren hören auf ihr Gebet; das Angesicht des Herrn aber steht wider die, die Böses tun« (Psalm 34,13-17). 13 Und wer ist's, der euch schaden könnte, wenn ihr dem Guten nacheifert? 14 Und wenn ihr auch leidet um der Gerechtigkeit willen, so seid ihr doch selig. Fürchtet euch nicht vor ihrem Drohen und erschreckt nicht; 15 heiligt aber den Herrn Christus in euren Herzen. Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist, 16 und das mit Sanftmut und Gottesfurcht, und habt ein gutes Gewissen, damit die, die euch verleumden, zuschanden werden, wenn sie euren guten Wandel in Christus schmähen. 17 Denn es ist besser, wenn es Gottes Wille ist, dass ihr um guter Taten willen leidet als um böser Taten willen.

 

Liebe Gemeinde,

was macht einen Christen zum Christen?

Natürlich der Glaube, dass Jesus Christus der Sohn Gottes ist. Der Sohn des Schöpfers des Himmels und der Erde, der unter den Menschen gelitten hat und in den Tod gegangen ist, der ihn überwunden hat und den Menschen das ewige Leben geschenkt hat, und der ihnen nun den Heiligen Geist gegeben hat, der sie tröstet und auch begeistert.

Was macht einen Christen zum Christen?

Es ist der Glaube, der den Christen zum Christen macht. Der Glaube, wie er in einem der traditionellen Glaubensbekenntnisse bezeugt ist, oder wie er mit eigenen Worten formuliert werden kann.

Der Glaube ist ein Geschenk. Gottes Gnade, die er uns in der Taufe schenkt, wo wir meist selbst noch gar nichts dazu sagen können. In der Konfirmation wird dieser Glaube bestätigt. „Ja, ich glaube!", sagen dann junge Menschen.

Sie legen ihr Bekenntnis ab: „Ja, ich nehme das Geschenk Gottes an! Ja, ich sage ‚Ja!‘ zu Jesus Christus."

Was macht einen Christen zum Christen?

Die Taufe? Die Konfirmation? Sind es Rituale, die zu unserer Kultur gehören?

Der Bibeltext, der uns für heute zum Nachdenken mit gegeben ist, spricht eine deutliche Sprache. Irgendwann einmal werden uns andere Leute fragen: „Warum bist Du Christ? Woran erkenne ich, dass Du Christ bist?"

Heutzutage wird das immer wichtiger! Die Religion nimmt in der Welt einen hohen Stellenwert ein! In unseren Breiten vergisst man das manchmal. Christentum, ist normal geworden. Es hat bei uns schon eine gewisse Bedeutung, aber oft scheint es so, dass es nur schmückendes Beiwerk geworden ist. Ja, im Urlaub, da schauen wir uns die schönen Kunstwerke an: den Michelangelo in Rom, den Caravaggio in Neapel und Chagall in Chartres. Da staunen wir über die kulturelle Leistung, die Farben, die Kraft des Ausdrucks. Aber wo ist dieser Glaube in unseren Herzen? Und wie kommt dieser Glaube so aus unseren Herzen wieder heraus, dass andere uns den Glauben ansehen?

Menschen, die uns nach dem Glauben fragen, die wollen nicht unseren Taufschein oder die Konfirmationsurkunde sehen, die wollen von uns nicht kunsthistorische Vorträge hören. Menschen, die uns nach unserem Glauben fragen, die wollen wissen, ob dieser Glauben Auswirkungen auf unser Leben hat.

15 ... Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist.

Ja, jeder kann uns fragen: „Woran erkenne ich, dass Du Christ bist?"

Ein Christ hat eine Hoffnung! Er hat die Hoffnung, dass Gott unser Leben zu einem sinnvollen Leben macht. Ein Leben, das das Leben anderer fördert. „Ich lebe und ihr sollt auch leben!", hat Jesus einmal gesagt (Joh 14,19). Und genauso, sollen wir das, was uns geschenkt wurde, auch weiter geben.

Früher sind viele Menschen mit einer Zeigefingerpädagogik aufgewachsen. „Der liebe Gott sieht alles!", haben dann die Eltern gesagt, wenn sie nicht mehr weiter wussten. Doch der strafende Gott, der uns da verkündigt wurde, der hat uns den Glauben oft nicht näher gebracht. Und mit der Zeit lernten wir den vergebenden Gott kennen. Ja, Gott will sich nicht über Strafe und deren Androhung definieren. Er will uns Liebe schenken, uns auf den rechten Weg führen und uns immer wieder eine Chance geben.

Aber die Menschen, die diesen Gott nicht oder noch nicht kennen, die wollen sehen, wie dieser Gott unser Leben positiv verändert. Ja, Vergebung ist wichtig! Aber bewirkt sie auch etwas in dem Menschen? Verändert sich der Mensch, der Vergebung erfahren hat? Wird er zu einem Vorbild? Wird er zu einem Aushängeschild seines Glaubens? Ja, das ist heute gefragt: ein Werbeträger das Glaubens! Und das ist kein Plakat, kein Video-Spot, sondern das ist der glaubende Mensch selbst. Und dieser glaubende Mensch, der zeigt sich auch in seiner Lebenseinstellung. Der Glaube wird nicht vor sich her getragen, wie ein Schutzschild, sondern der Glaube zeigt sich in einem liebevollen Leben.

Der Text erwartet vom Glaubenden mitleidig, brüderlich, barmherzig und demütig zu sein. All diese Begriffe könnten wir heute anders formulieren. Mitleidig ist nicht das gleiche wie herablassend. Heute würde man vielleicht sogar den griechisch beeinflussten Ausdruck Empathie verstehen: sich in einen anderen Menschen hinein fühlen. Ihn leiden mögen, mit ihm die Dinge des Lebens erleben und erleiden. Brüderlich, natürlich im Sinne von geschwisterlich: Wissen, man hat sein Leben dem gleichen Vater zu verdanken. Barmherzig sein, bedeutet, etwas abzugeben, von dem was man in sich hat. In mir habe ich Gottes Liebe, dafür bin ich dankbar, diese Liebe erfüllt mich und ich kann sie weitergeben. So wird Barmherzigkeit zu einer großzügigen, unverdienten und vergebungsbereiten Zuwendung.

Wenn ich „mitleidig" und „barmherzig" zusammen sehe, sind das zwei Bewegungen, des Herzens, die in unterschiedliche Richtungen weisen, aber immer das Wohl des Mitmenschen im Auge haben. Im Mitleiden, ist der andere Mensch im Zentrum. Ich frage, was ihn bewegt, was ihn schmerzt, und nehme daran Anteil und mache es mir zu eigen. Die Barmherzigkeit geht den umgekehrten Weg. Sie spürt, die Fülle an Gutem im eigenen Leben, will das aber nicht allein für sich behalten, sondern teilt es mit dem Mitmenschen. Das Mitleiden nimmt den Schmerz des anderen auf, die Barmherzigkeit, gibt den empfangenen Segen dem anderen weiter.

Christ sein ist so ein Geben und Nehmen. Auf dieses Weise entsteht eine wahre Gemeinschaft. Darauf könnte man stolz sein, wenn die Bibel nicht zum demütig sein raten würde. Demütig sein, heißt, von den eigenen Leistungen und Verdiensten abzusehen: dankbar annehmen, was Gott uns für Möglichkeiten gegeben hat, aber nicht übermütig werden, denn das wäre das Gegenteil von demütig.

„Darum: an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen." (Mt 7, 20). Das, was für Bäume und Pflanzen gilt, gilt auch für Menschen. Einen Apfelbaum, erkennt man an den Äpfeln. Einen Christen erkennt man an seiner Einstellung gegenüber den Mitmenschen.

Aus der Fülle der guten Ratschläge aus diesem Text möchte ich drei herausgreifen. Zunächst heißt es:

9 Vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern segnet vielmehr, weil ihr dazu berufen seid, dass ihr den Segen ererbt.

Natürlich wird dem Christen nicht immer nur Freundlichkeit entgegenkommen. Es wird mit Sicherheit vieles dabei sein, über das man sich ärgert und was einem auch wirklich weh tut. Aber soll ich deswegen schimpfen? Soll ich den anderen niedermachen, weil er es wagt, mich zu beschimpfen? Nein, dann wird es doch nur schlimmer. Solchen Beschimpfungen soll ich mit Segen antworten. Segen ist in der Sprache des Neuen Testamentes das gute Wort. Also ist es ganz einfach: dem bösen Wort, was mir entgegen gebracht wird, soll ich das gute Wort entgegen setzen. Dieses gute Wort habe ich von Gott ererbt, also ohne Verdienst geschenkt bekommen. Ich soll es nicht für mich behalten sondern weitergeben. Und dieses gute Wort hat Kraft von Gott bekommen. Es kann das Böse verwandeln! Dieses Vertrauen muss ich haben, denn von dem Wort Gottes sagt er selbst: „ihm wird gelingen, wozu ich es sende." (Jes 55,11)

Die zweite beispielhafte Stelle aus diesem Text lautet: 10 Denn »wer das Leben lieben und gute Tage sehen will, der ... 11... suche Frieden und jage ihm nach.... «

Hier zitiert der erste Petrusbrief den 34. Psalm, greift also ein Motiv aus dem Alten Testament auf. Eins ist deutlich: wenn ich ein gutes Leben haben will, brauche ich Frieden. Frieden, das wissen wir nur allzu gut, ist mehr als die Abwesenheit von Krieg. Frieden, im hebräischen Sinne von Schalom, ist umfassendes Wohlergehen. Aber solcher Frieden ist wie ein scheues Reh. Er ist nicht einfach da, ich muss in suchen, ich muss ihm sogar nachjagen. Doch dieses Jagen ist ein besonderes Jagen. Am Ende steht nicht der Abschuss eines Stück Wilds, sondern, die Freude über das Finden von etwas, was man lange gesucht hat. Frieden zwischen Menschen, zwischen Völkern, und zwischen Menschen und Gott, muss wirklich gesucht werden. Ein guter Jäger wird da auch nicht wie eine Herde Elefanten durch den Wald stampfen, sondern er wir die Fährte aufnehmen und vor allem wird er Geduld haben und nicht nachlassen. Und dann wenn er das Ziel erkannt hat, dann muss der Jäger des Friedens erkennen, wie er das Ziel erreicht. Und bei dieser Jagd, wird es kein Abschuss sein, sondern der Jäger des Friedens hat dann einen Volltreffer gelandet, wenn er das Gefühl des Friedens im Herzen bewahren kann. Wenn er dieses Gefühl mit nach Hause nehmen kann, und wenn er anderen von solchem Frieden erzählen kann und diesen Menschen den Frieden vorleben kann. Ja, der Friede ist wie ein scheues Reh. Manchmal braucht man gar nicht durch den Wald zu laufen und jagen, manchmal braucht man nur Geduld, und muss selbst Frieden ausstrahlen. Ich habe vor kurzem selbst ein scheues Reh in meinem Garten entdeckt. Es lag dort ganz in Ruhe, ab und zu hat es mal was angeknabbert. Reh und Mensch haben sich in die Augen geschaut und sich gegenseitig gewähren lassen. Nach einiger Zeit war es wieder verschwunden. Schade, dachte ich, doch am nächsten Tag, meinte ich, ich könne meinen Augen nicht mehr trauen. Da stand das Reh wieder da, und es war nicht allein: es war ein Kitz dabei. Das Junge stand da und schaute sich die Welt aus seinen noch jungen Augen an. Es war wie im Bilderbuch, als sei Bambi wieder lebendig geworden. Ein Bild des Friedens. Ja, manchmal braucht man dem Frieden nicht einmal nachzujagen, doch diese Momente sind selten. Und wenn sie sich ereignen, gilt es sie zu bewahren. Bewahren kann ich solch einen Moment aber nur im Herzen. Denn da geht es dem Frieden so, wie der Freiheit, die der inzwischen verstorbene österreichische Sänger Georg Danzer besungen hat. Im Zoo sieht er einen seltsamen Käfig. Der Wärter antwortet auf die Frage nach dem Namen dieses Tiers:

"Das ist die Freiheit!" ... "die gibt es jetzt so selten auf der Welt, drum wird sie hier für wenig Geld zur Schau gestellt."

Der Sänger wundert sich: "Lieber Herr! Ich seh ja nichts, der Käfig ist doch leer!"
"Das ist ja grade", sagte er, "der Gag!
Man sperrt sie ein und augenblicklich ist sie weg!

Die Freiheit ist ein wundersames Tier
und manche Menschen haben Angst vor ihr.
Doch hinter Gitterstäben geht sie ein,
denn nur in Freiheit kann die Freiheit Freiheit sein.

Ja, mit dem Frieden verhält es sich ähnlich wie mit der Freiheit. Die Freiheit ist nicht mehr da, wenn sie eingesperrt ist. Dem Frieden, muss ich zwar nachjagen, doch ich darf ihn nicht erlegen. Und auch ihn einzufangen, würde nichts nützen, ich kann mich nur von seinem Anblick bewegen lassen, ihn in mich aufnehmen, und dieses Gefühl mit anderen teilen, dann verliert der Frieden seine Scheu und fühlt sich bei mir heimisch.

Doch nicht immer erlebe ich solchen Frieden, und damit komme ich zu dem dritten und letzten Gedanken.: 17 Denn es ist besser, ... , dass ihr um guter Taten willen leidet als um böser Taten willen.

Ja, es wird nicht immer Frieden sein, und Menschen werden mich auch anfeinden, für die Suche nach solchem Frieden. Und dann gerate ich ins Schussfeld, und werde womöglich zum Ziel ihrer Jagd nach einem Sündenbock, dann muss ich leiden, obwohl ich nichts böses getan habe. Aber dieses Leiden, so sagt der erste Petrusbrief, ist besser und erträglicher, als das Leiden, was unweigerlich kommt, wenn ich böse Taten täte. Nicht jeder muss in dieser Welt für seine bösen Taten zahlen. Manche Bösewichte kommen ungeschoren davon, doch sie werden nicht wirklich glücklich mit dem, was sie durch Unrecht erreicht haben. Irgendwann werden sie sich nach dem scheuen Reh des Friedens sehnen. Doch sie werden es vielleicht niemals erkennen, denn sie haben in ihrem Leben den falschen Dingen nachgejagt und haben den Blick für die friedlichen und guten Dinge verloren. Dann werden sie leiden, auch wenn es ihnen äußerlich gut zu gehen scheint. Denn Ihnen fehlen Eigenschaften, die einen Christen auszeichnen, nämlich mitleidig, brüderlich, barmherzig und demütig zu sein.

Was macht einen Christen zum Christen? Die Sehnsucht nach Frieden und die Liebe zu Gott und den Mitmenschen, die sich in einem friedvollen und gütigen Miteinander aus dem Glauben zeigt.

15 ... Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist.

Amen.



Pfarrer Michael Nitzke
Dortmund
E-Mail: michael.nitzke@philippusdo.de

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