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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

18. Sonntag nach Trinitatis, 23.10.2011

Predigt zu Markus 10:17-22, verfasst von Reinhard Gaede

 

Liebe Gemeinde!

Da läuft einer herbei - beginnt die Geschichte. Es kommt zu einem Gespräch auf der Straße. Etwas Alltägliches. Und doch ungewöhnlich. Die Leidenschaft dieses Namenlosen. Eine wichtige Frage drängt ihn. Und er spricht für viele. In seiner Frage erkennen wir unsere Fragen wieder. Das bringt ihn, den Ungenannten, uns nahe. Was ist wirkliches Leben? Darum geht es. Merkwürdig, dass gerade er die Frage stellt. Er gehört doch zu den Reichen. Das sieht man ihm doch an. Er kann sich doch alles leisten, alles kaufen. Heute würde man sagen: Sein Einkommen gehört zu den Spitzeneinkommen. Heute gehören Deutschlands Top-Manager zu den Spitzenverdienern Europas. In einem Ranking des "manager magazin" vom Mai dieses Jahrs liegen die höchsten Gehälter zwischen 9,8 Millionen Euro und 8,9 Millionen Euro im Jahr. Auch dieser Mann damals ist seinen Verhältnissen nach reich. Aber jetzt das Eingeständnis in seiner Frage: Das reicht nicht, so reich zu sein. In Hülle und Fülle zu leben, ist nicht schon erfülltes Leben. Wie wertvoll so eine Erkenntnis! So ist es doch: Je mehr man hat, desto mehr man will. Im Reichtum liegt eine Versuchung zur Habgier: Alles Erraffen wollen. Zum Größenwahn: Vergessen, dass einem auf dem Sterbebett nur das Hemd bleibt. Der junge Mann, der zu Jesus läuft, möchte herausspringen aus diesem "Sog nach mehr". Er fühlt, es fehlt noch etwas: "Guter Lehrer, was muss ich tun, dass ich Anteil am ewigen Leben erhalte?" Er stellt die wichtigste Frage seines Lebens, indem er über das Leben hinausfragt, das er als reicher Mann bisher kannte.

Und nun Jesus. Sollte er ihn nicht mit offenen Armen empfangen? Nein, das tut er nicht. Sondern nüchtern, trocken, distanziert wirkt Jesus. Er fragt nach. Und klärt das Verhältnis: „Guter Lehrer"? Ein Kompliment? Oder eine kindliche Unterwürfigkeit des Knienden? „Gut ist nur Gott allein", sagt Jesus. Ob jetzt der junge Mann erkennt, dass er die Autorität Gottes anruft? Und ob er erkennt, dass sie vor ihm steht? Da fragt er nach dem ewigen Leben wie nach einem fernen Traumland der Wünsche - und Gott steht vor ihm, vertreten in der Gestalt des Menschen Jesus von Nazareth. So personhaft nah ist das, was er zeitlich und räumlich ferne meint. Sieh, das Gute, der Gute, ist so nah! Nämlich der gute Mann von Nazareth, der auf die Güte Gottes zeigt.

Und jetzt wird die Atmosphäre noch nüchterner. Jesus nennt ihm das, was er schon weiß, die Gebote, die Lebensregeln Gottes: Habe Ehrfurcht vor dem Leben, töte nicht! Achte die Liebe der Menschen, die zusammengehören, brich nicht in eine Ehe ein! Lass deine Eltern nicht allein, wenn sie gebrechlich sind, ehre sie! Erzähle keine unwahren Geschichten, die jemandem, besonders vor Gericht, schaden könnten! Verleumde niemanden! Bereichere dich nicht auf Kosten der Armen, der Unterbezahlten! Er wusste es schon. Und doch klingt alles neu. Er suchte den Weg zum ewigen Leben. Und Jesus zeigt ihm, es beginnt schon jetzt. Habt Ihr an das gedacht, was Jesus sagt? So viele denken beim Ewigen Leben nämlich bloß an ein Jenseits, an ein Leben nach dem Tode. Sie meinen, es sich verdienen zu müssen durch G1auben und gute Taten und leben in der Angst, es am Ende doch zu verpassen. Jesus sagt: Jetzt, heute! Der Augenblick, in dem wir jetzt leben, ist Gottes Augenblick. Dass ich jetzt lebe, ist Leben aus Gott. So beginnt ewiges Leben, dass ich in Verbundenheit mit Gott lebe. Und ewig wird es, weil auch der Tod diese Verbundenheit nicht, mehr aufheben soll. Mit Gott leben, so beginnt ewiges Leben. Und zusammen mit anderen soll das Leben aus Gott geführt werden. Das Zusammenleben soll an den Himmel erinnern, nicht an die Hölle!

Aber der junge Mann versteht nicht. „Lehrer, das alles habe ich seit meiner Jugend befolgt", ist seine Antwort. Weiß er, was er da sagt? Wieviele Menschen könnten das so nicht von sich sagen!

Sondern sie haben sich erst gar nicht bemüht um diese Lebensregeln Gottes.

Im Moment leiden ganze Staaten unter der „Finanzkrise". „Griechenland retten", heißt die Parole. Oder soll nicht in erster Linie das Finanzsystem gerettet werden, das die Krise doch herbeigeführt hat? Durch Spekulationen, durch Wetten um Milliarden Euro, standen viele Banken und andere Finanzinstitute vor dem Bankrott. Mit Hunderten Milliarden von Steuergeldern wurden sie gerettet. Und nachdem die Banken gerettet waren, wetten die damals Geretteten jetzt auf den Untergang ihrer eigenen Retter. Und sie verdienen dabei noch an den hohen Zinsen, welche die unkontrollierten Rating-Agenturen festsetzen, begründet damit, dass Kreditgeber ausfallen könnten. Während die großen Banken Gewinne machen und viel Kapital der Steuer durch Flucht ins Ausland entzogen wird, werden Menschen mit mittlerem und niedrigem Einkommen dadurch mehr belastet. Die Schere zwischen Reich und Arm geht immer weiter auseinander. Gesucht werden also „ehrliche Kaufleute". Gesucht wird „eine Wirtschaft, die dem Leben dient" - so die Botschaft des Ökumenischen Rats der Kirchen 2009 - eine Wirtschaft, die lebensdienliche Güter schafft. Das Kapital muss unter Kontrolle, es darf nicht länger auf der Jagd nach Rendite wie im Spiel- Casino um die Welt kreisen, sonst werden immer mehr Menschen in die Armut gestoßen, machen sich Menschen das Leben zur Hölle.

Jesus erkennt an, dass der junge Mann nicht zu denen gehört, die sich das Leben zur Hölle machen. Dass er die Gebote Gottes hört. Es heißt: „Er blickte ihn an und gewann ihn lieb" Es gibt Blicke, die dauern nur Sekunden und gelten für die Ewigkeit. Jesus gewann ihn lieb. Nun ist das ewige Leben ihm ganz nahe. Er brauchte nur noch „Danke" zu sagen und fröhlich zu sein. Wenn wir von der Liebe Gottes wissen, fühlen wir uns "gekrönt" mit Gnade und Barmherzigkeit (Ps. 103,4).

Am liebsten würden wir hier schließen. Aber die Geschichte geht weiter. Weiter, weil die Liebe Gottes in unser Leben hinein will. Weil Gottes Zu - Spruch auch ein A n - Spruch ist, Jesus sagt nun, wie es um den Reichen steht: „Eins fehlt dir: Gehe hin, verkaufe alles, was du hast und gib's den Armen! So wirst du einen Schatz im Himmel haben." Das sagt Jesus nicht allgemein, sondern dem Reichen. Einem andern sagt er etwas anderes. Etwa: Löse dich von deiner Sippenverehrung und komm in die Familie der Kinder Gottes! Diesem Mann sagt er: Löse dich von deinen Reichtum! Damit trifft ihn Jesus am empfindlichsten Punkt, Es zeigt sich, dass der junge Mann ein reicher Moralist ist. Er spielt mit sich selber ein Spielchen: Ich tue ja schon soviel. Was kann ich noch mehr tun? Jesus durchschaut ihn. Er sieht seine Lebensangst. Wie der Mann versucht, sich abzusichern. Mit Idealen und mit Reichtum.

Aber jetzt redet Jesus ihn persönlich an, von seinem Reichtum soll er sich trennen, das wäre eine Hilfe für die Armen, ein Gewinn für ihn. Das wäre die Wendung seines Lebens: Der Besitz bekommt seinen Wert erst jetzt dadurch, dass er geteilt wird. Dass er ganz konkret einem guten Zweck zugeführt wird: Armut wird gelindert.

Alles wegzugeben, wie es Jesus verlangt, bedeutet eben mehr als nur Mildtätigkeit. Alles wegzugeben, bedeutet, dass der reiche Mann sein Leben verändern muss. Er ist dann nicht mehr „reich". Es gibt für ihn keine Privilegien mehr, die ihm durch seinen Besitz entstehen. Dann gibt es keine Trennung mehr zwischen ihm und den „Armen". Er ist dann gleich mit den Armen. Dann gibt es nicht mehr den edlen Spender und den demütigen oder verschämten Armen. Geteilt wird dann deshalb, weil der Mensch dem Menschen Bruder oder Schwester ist.

„Eins fehlt dir", sagt Jesus, und er meint: Das Erfüllen der Gebote macht dich, den Reichen, noch nicht zu einem Menschen, der den Sinn seines Lebens gefunden hat. Wahrscheinlich ist der reiche Mann, wenn er die Gebote befolgt, sowieso mildtätig. Er wird den zehnten Teil den Armen geben. Das ist nicht wenig. Aber es ist nicht alles. Jesus sagt ihm: Dir fehlt, dass du mit den Armen deine Güter teilst. Dir fehlt, dass du dich als Gleicher unter Gleichen verstehst. Am Leben im Reich Gottes fehlt dir die Hinwendung zu Brüdern und Schwestern, die sich im brüderlichen Teilen zeigt.

An den jungen Mann ergeht also der Ruf in die Nachfolge. Denn Jesus lebt als Armer bei den Armen, um Gottes Liebe weiter zu tragen. Dem Reichtum auf Erden steht der „Schatz im Himmel" gegenüber. Dort wird nicht gezählt, was man an Gütern errafft hat, sondern was man in Liebe verschenkt und für mehr Gerechtigkeit gegeben hat.

Ein Happy End hat die Geschichte nicht. Sie schließt: Er „ging traurig davon, denn er hatte viele Güter." Beinahe wie einem Gesetz folgt das Verhalten des reichen jungen Manns. Und Jesus beklagt, was nicht nur ein Einzelfall ist: „Liebe Kinder, wie schwer ist's ins Reich Gottes zu kommen!" Warum ist das so schwer? „Rabbi Mosche Löb sprach: „Wie leicht ist es für einen armen Mann, sich auf Gott zu verlassen - worauf sonst könnte er sich verlassen? Und wie schwer ist es für einen reichen Mann, sich auf Gott zu verlassen - alle seine Güter rufen ihm zu: Verlass dich auf mich!" (Martin Buber, Erzählungen der Chassidim , Zürich 1987, 10. Aufl., S. 543) Eugen Drewermann sagt: Jesus erkennt, „dass das Geld die Macht besitzt, unsere wichtigsten Daseinsängste scheinbar zu beruhigen, Ängste, die nur wir Menschen haben und die uns deshalb immer wieder dazu zwingen, nach maßlosen und illusionären Antworten zu suchen...Die wesentlichste Armut, die unser Leben ausweist, ist die, dass wir dem Glauben, der Hoffnung und der Liebe zu wenig zutrauen und damit dem menschenfreundlichen Gott. So treffen wir täglich auf ‚die reichen Leute', die im Vertrauen auf ihre Tüchtigkeit, ihre Vernunft, ihre Macht, ihren Einfluss zu wissen scheinen, wie das Leben auszusehen hat. Keiner Fehler sind sie sich bewusst, und wenn sie etwas falsch gemacht haben, so wissen sie mit Bravour in der Öffentlichkeit, in der Politik, in der Verwaltung, überall, die richtigen Erklärungen dafür zu finden." (Das Markusevangelium, Freiburg 1994, S. 119.122)

Jesus wählt ein Bild für die Gefahr der auf Reichtum begründeten Selbstsicherheit: „ Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als dass ein Reicher ins Himmelreich kommt." Auf dem Ökumenischen Kirchentag in München 2010 konnten die Teilnehmenden einen Button bekommen, auf dem ein Kamel zu sehen war, darunter ganz klein geschrieben unsere Bibelstelle Mk 10, 25. Darunter stand in großen Buchstaben „Fair Teilen statt Sozial Spalten". Ganz richtig wurde so gesehen, dass Jesu Worte nicht nur den Einzelnen in die Nachfolge rufen. Jesu Botschaft vom kommenden Reich ruft zur Buße (Mk 1,15). In dem Aufruf gibt es einen Abschnitt „Das Kamel und das Nadelöhr". Darin heißt es: „So radikal formuliert die Bibel ihre Kritik an den Reichen. Damit wird der Reichtum nicht einfach verteufelt. Es wird klar unterschieden: Reichtum, der zum Wohlstand aller beiträgt und mit den Armen geteilt wird, ist ein Segen. Reichtum, der nicht mit den Armen geteilt wird oder durch Beugung des Rechts und durch unfairen Handel erzielt wurde, ist ein Fluch. So ist das Kamel für uns das provokative Symbol für eine gerechte Umverteilung von Reichtum zu Gunsten der Armen."

Die Jünger reagieren mit Entsetzen auf Jesu drastische Kritik an den Reichen. Doch Jesu Blick ist dann so tröstlich wie seine Worte: „Bei den Menschen ist's unmöglich, aber nicht bei Gott; denn bei Gott ist alles möglich." So ist das Kamel nicht nur ein Symbol für die Warnung vor den Gefahren des Reichtums, sondern - wie die ökumenische Erklärung formuliert - auch ein „Hoffnungssymbol für ein Leben aus der Erinnerung an Gleichheit und Teilen".

Im Evangelium des Lukas wird dem jungen reichen Mann, der traurig weggeht, ohne den Ruf zur Nachfolge anzunehmen, ein anderer reicher Mann gegenüber gestellt: Zachäus. Er ist der Reiche, der trotz seiner Schuld - betrogen hat er die Menschen - Sehnsucht nach einer Begegnung mit Jesus hat und mit Freude ihn als Gast aufnimmt, so selbst angenommen wird und sich ändert. Zachäus sagt: „Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück" (Luk 19,8). Jesu liebevolle Zuwendung kann auch hartherzige Betrüger zu gerecht Handelnden und großzügigen Spendern verwandeln. Aus einem Reichen, der sein Geld festhält und für sich behalten will, ist ein Mensch geworden, der sich den Bedürfnissen seiner Mitmenschen öffnet und ihnen liebvoll hilft. Rabbi Schmelke sprach: „Mehr als der Reiche dem Armen, gibt der Arme dem Reichen. Mehr als der Arme den Reichen braucht, braucht der Reiche den Armen. (Martin Buber, ibid., S. 314)

Jesus will dem reichen jungen Mann zeigen: „Dir fehlt der Mensch, der nicht aus deinen Kreisen kommt. Du hast das Geld wie totes Kapital." Es müsste dem Leben helfen. Wenn du andere erfreust, würdest du selber froh. Und dann: Das Geld ist doch nur Mittel. Es darf nicht Ziel werden. Es darf nicht Mammon werden, ein Götze, auch nicht die anderen Güter des Lebens.

Jesus hat Nachfolge nicht als saure Pflicht gesehen. Der folgende Abschnitt (V.20-31) zeigt: Es gibt den Lohn der Nachfolge. Nachfolge ist gesegnetes Leben. Aber der Segen zeigt sich in Freiheit und Freude. Und Güter werden eine Lebensmöglichkeit, kein Lebenshindernis. „Komm und folge mir nach!" sagt Jesus. Für jeden sieht der Weg anders aus. Für viele führte er ins Leiden. Ein Wunder Gottes ist's, dass es Nachfolge überhaupt gibt! (V27)

Amen



Pfarrer Dr. Reinhard Gaede
Herford
E-Mail: reinhard-gaede@gmx.de

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