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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Rogate , 29.05.2011

Predigt zu Lukas 11:5-13, verfasst von Michael Nitzke

 

5 Dann sagte Jesus zu seinen Jüngern: »Stellt euch vor, einer von euch geht mitten in der Nacht zu seinem Freund und bittet ihn: 'Lieber Freund, leih mir doch drei Brote! 6 Ich habe gerade Besuch von auswärts bekommen und kann ihm nichts anbieten.' 7 Würde da der Freund im Haus wohl rufen: 'Lass mich in Ruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen und meine Kinder liegen bei mir im Bett. Ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben'? 8 Ich sage euch, wenn er auch nicht gerade aus Freundschaft aufsteht und es ihm gibt, so wird er es doch wegen der Unverschämtheit jenes Menschen tun und ihm alles geben, was er braucht.9 Deshalb sage ich euch: Bittet und ihr werdet bekommen! Sucht und ihr werdet finden! Klopft an und es wird euch geöffnet! 10 Denn wer bittet, der bekommt; wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird geöffnet.11 Ist unter euch ein Vater, der seinem Kind eine Schlange geben würde, wenn es um einen Fisch bittet? 12 Oder einen Skorpion, wenn es um ein Ei bittet? 13 So schlecht ihr auch seid, ihr wisst doch, was euren Kindern gut tut, und gebt es ihnen. Wie viel mehr wird der Vater im Himmel denen den Heiligen Geist geben, die ihn darum bitten.«

(Gute-Nachricht-Bibel)

Liebe Gemeinde!

„Suchet, so werdet Ihr finden!" Oft haben mache von uns den Satz schon so daher gesagt. Meistens dann, wenn wir etwas vermissen. Bei mir ist es ja oft der Schlüssel, den ich suche. Eben noch gehabt, schon ist er wieder weg. Meist ist er da, wo ich ihn immer hingelegt habe, wenn ich ins Haus gekommen bin. Manchmal suche ich länger. Dann werden alle Ecken abgesucht. Die Schublade, wo er eigentlich hingehört, die Ecke, wo ich die Post hinlege, die ich mit Hilfe des Schlüssels aus dem Briefkasten geholt habe. Hosentasche, Jackentasche Manteltasche, und das in mehrfacher Ausführung, bliebt nur noch die Aktentasche. Da ist er auch nicht. Jacke von gestern, Mantel von gestern, Hose von gestern, endlich, da ist er. Noch mal gut gegangen. Ja, wer sucht, der findet. Was bleibt einem auch übrig? In der Regel kann man es sich nicht erlauben den Schlüssel zu verlieren. Also was soll man tun? Es bleibt nur das Suchen. Dumm wäre der, der nicht sucht. Man muss das Naheliegende tun, um zu einem Ergebnis zu kommen.

Wenn ich etwas finden will, muss ich suchen, wenn ich will, dass mir einer die Tür aufmacht, muss ich anklopfen, klingeln, oder mich sonst irgendwie bemerkbar machen, aber ich muss etwas tun! Ich kann nicht einfach die Hände in den Schoß legen und nichts tun.

Obwohl,... manchmal kann gerade das helfen! Aber ich darf es nicht dabei belassen, die Hände nur in den Schoß zu legen. In meinem Kopf muss dabei etwas passieren. Wenn ich die Hände in den Schoß lege und die Finger dabei verschränke, dann sieht mir jeder an, woran diese Haltung erinnert. Da sitzt jemand und betet, er hat die Hände gefaltet im Schoß liegen. Aber das heißt nicht, dass er nichts tut! Vielleicht betet er, das heißt, er spricht zu Gott, er bittet ihn. Vielleicht bittet er sogar, dass er seinen Schlüssel wieder findet. Und dann steht er auf und geht ohne zu überlegen und wild herumzuwirbeln zum Kleiderschrank, in dem die Hose hängt, die er gestern anhatte, und in der noch der Schlüssel liegt. Hat Gott hier geholfen? Oder hat einfach die Ruhe gewirkt? Hat die Stille des Gebets die Gedanken geordnet? Wer will das entscheiden? Auf jeden Fall hat das Gebet geholfen. Das gewünschte Ergebnis ist da, da mache sich niemand mehr lustig über Menschen, die die Hände in den Schoß legen.

Selbst wer nicht mit dem Wirken Gottes rechnet, muss hier zugestehen, dass das Händefalten hilft, besonnener zu handeln. Aber wer die Hände in den Schoß legt, um zu beten, tut mehr als nur einen psychologischen Trick anzuwenden, um die Gedanken zu ordnen. Gott hilft mir, den Schlüssel wiederzufinden, den ich selbst verlegt habe. Aber es gibt unzählige Situationen, in denen es um mehr geht. Es gibt Probleme, die belasten uns so sehr, dass wir keinen Ausweg finden. Und weil wir keinen Ausweg sehen, trauen wir auch oft Gott nicht zu, dass er einen Weg für uns findet. Man befürchtet dann, das Beten helfe nicht, also versucht man es erst gar nicht. Aber hinterher wundert man sich, warum Gott uns in dieser Situation nicht geholfen hat. Aber vorher zu ihm zu beten, dazu hatten wir keinen Mut. Hinterher sich bei ihm zu beklagen erscheint leichter, als ihn vorher um etwas zu bitten.

Wer so denkt, meint, Gott sei uns etwas schuldig, er müsse uns beweisen, dass es ihn gibt. Aber mal ehrlich: Wenn in unserem Leben alles wie am Schnürchen laufen würde, immer erfolgreich, alle Sinne beieinander, alles gut organisiert, so dass man nicht mal unnütze Zeit mit dem Suchen von Schlüsseln vergeuden muss, wenn also alles wie geplant verläuft, wie viele Menschen würden dann auf die Idee kommen, mal mit Gott zu sprechen, um ihm für das alles zu danken? Mit der Klage sind wir schneller bei der Sache als mit der Danksagung.

Nun, viele von denen, die hier in der Kirche sitzen trifft das nicht. Sie wissen, wem sie ihr Leben verdanken. Sie kommen zur Kirche, weil sie wissen, dass Gott da ist. Aber mancher ist vielleicht auch hier, dem das nicht so klar ist, der Gott sucht und von ihm etwas erwartet. Denn Gott hat in jeden Menschen die Sehnsucht nach ihm gepflanzt. Solche Sehnsucht ist mit dem Verstand nicht zu fassen. Aber die Suche nach Gott führt uns auf den richtigen Weg. Und wir dürfen gewiss sein: wer sucht, der findet;" Und Gott antwortet auf diese Suche: „wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen" (Jer 29,13). Gott muss sich uns nicht beweisen, aber er ist für uns da, wenn wir ihn darum bitten.

Jesus sagt seinen Jüngern, dass eine ehrlich vorgetragene Bitte niemand abschlagen kann. In der Regel hilft ein Mensch einem anderen, wenn er die Möglichkeit dazu hat. Und selbst wenn er es nur tut, um seine Ruhe zu haben, so ist es doch in dem Moment eine große Hilfe.

Jesus sagt, wenn schon jemand hilft, weil er einfach nur seine Ruhe haben will, wie viel mehr wird Gott helfen, der wirklich an dem Leben der Menschen interessiert ist?

Ja, Gott tut etwas für uns, wenn wir ihn darum bitten. Das setzt natürlich voraus, dass Gott wirklich da ist, dass er uns hört, und dass er auch etwas tun kann.

Diesen Glauben setzt Jeus voraus. Diesen Glauben setzten aber auch die Menschen voraus, die von Gott eine heile Welt erwarten, aber ihn nicht im Gebet fragen, was sie dazu beitragen können.

Aber bleiben wir bei denen, die auf der Suche sind, Gott aber noch nicht so entdeckt haben, dass sie wirklich mit seinem helfenden Handeln rechnen. Die anderen können vielleicht dann überzeugt werden, wenn sie sehen, dass das Gebet zum lebendigen Gott auch wirklich etwas bewirkt.

Dietrich Bonhoeffer, hat in seinem Glaubensbekenntnis geschrieben, dass Gott „auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet."i

Aber Bonhoeffer geht auch einen Schritt weiter. Gott wartet auf Gebete und Taten, Also nicht nur die Hände in den Schoß legen und beten, sondern auch beten für das richtige Handeln, helfen wo man gebraucht wird.

Auch Jesus erwartet Taten von den Menschen. Seine Beispiele sind nicht nur zufällig ausgewählte Geschichten, sondern die Inhalte, die dadurch transportiert werden sind ihm ebenso wichtig, wie das Fazit, dass aus ihnen gezogen wird.

11 Ist unter euch ein Vater, der seinem Kind eine Schlange geben würde, wenn es um einen Fisch bittet? 12 Oder einen Skorpion, wenn es um ein Ei bittet? 13 So schlecht ihr auch seid, ihr wisst doch, was euren Kindern gut tut, und gebt es ihnen.

Nein, man tut seinen Kindern bewusst nichts Schlechtes an. Man gibt keine gefährlichen Tiere, wenn die Kinder um Nahrung bitten. Gott tut seinen Kindern auch kein Leid an, die ihn um ein gutes Leben bitten. Soweit die Analogie. Aber was geben wir unseren Kindern wirklich? Lassen wir sie auf sich gestellt? Oder wenden wir uns Ihnen zu und versuchen ihnen, ein guter Freund zu sein, der sie versteht, aber auch ein fürsorglicher Vater oder eine sorgende Mutter. Sind wir Eltern, die Richtlinien für ihre Kinder setzten, damit sie sich frei entfalten können, aber dennoch genug Wegweisung erhalten, um sich im Leben zurechtzufinden, und um in dieser Welt zu bestehen.

Ein guter Vater wird seinem Kind keine Schlange geben, aber viele Kinder sehnen sich nach einem Vater, der ihnen Zuwendung und Liebe gibt, und sie erleben oft nur wenig Nähe, weil jetzt gerade andere Dinge wichtig erscheinen. Liebe und Zuwendung erbitten unsere Kinder, und die Schlangen und Skorpione, die wir geben, tragen oft den Namen „Keine Zeit!" oder „Dafür bist Du noch zu klein!"

Auch für unsere Kinder gilt es zu beten. Dass sie einen Weg zu Gott finden, und dass ihr ganzer Lebensweg von Gott begleitet wird, bis sie selber erwachsen sind und darüber hinaus. Und wenn ich mir gute Schulnoten für das Kind wünsche, dann bete ich um Gottes Segen für verständige Lehrer, die einen Weg finden, auf das Kind einzugehen, damit es den Stoff begreift.

Trotzdem ist es wichtig, wenn ich meinem Kind bei einer Prüfung die Daumen drücke. Und damit habe ich wieder eine sprichwörtliche Redensart entdeckt. „Jemandem die Daumen drücken". Das hat meiner Meinung nach ganz viel mit Beten zu tun. Das merkt man sicher nicht auf den ersten Blick, weil sich die Redensart so selbstständig gemacht hat, dass man beim Daumendrücken oft den Daumen von der Faust umschlossen hält. Aber Daumendrücken geht auch anders.

Wenn ich die Hände in den Schoß lege und sie falte, dann liegt ein Daumen über dem anderen. Beim intensiven Beten, mag es vorkommen, dass die Hände immer mehr zusammengepresst werden und so die Daumen nicht nur einfach zusammenliegen, sondern der eine auf den anderen gedrückt wird, und dieser Zweite wiederum auf die andere Hand. Die Daumen erfahren Druck und geben ihn weiter, und ich denke ganz intensiv an mein Kind und bete für dieses Kind zum Herrn.

Ein so verstandenes Daumendrücken für jemand anderen ist vergleichbar, mit dem fürbittenden Gebet, in dem ich auch nicht nur an mich denke, sondern gerade die Anliegen anderer vor Gott bringe. Ich nehme den Anderen mit hinein in mein Gebet. Ja, ich nehme ihn ins Gebet. Auch dies ist so eine Redensart. „Ich nehme jemanden ins Gebet", das heißt nicht, ich mache ihn auf seine Fehler aufmerksam und rede ihm ins Gewissen, sondern ich widme ihm mein Gebet. Ich bitte Gott um Hilfe für den Menschen, den ich ins Gebet genommen habe.

Das Gebet, bewirkt etwas, es trifft bei Gott auf ein offenes Ohr, es ist für andere da, und führt mich auch zu richtigem Handeln. Bleibt die Frage, wie ich denn richtig beten kann?

Vor dem Predigttext steht wie Jesus den Jüngern das Vaterunser gibt. Sie haben ihn gefragt, wie sie beten können und er gibt Ihnen dieses Gebet an die Hand, wenige Worte in denen alles Wesentliche steht. Wenn sie mit Gottvertrauen gesprochen werden, reichen sie aus. Dennoch haben wir die Sehnsucht, von Gott mehr zu erbitten.

Martin Luther hilft uns dabei in seiner Schrift „Eine einfältige Weise zu beten, für einen guten Freund" von 1535. Er schreibt hier seinen berühmten Gedanken nieder, dass für den Christen jede Arbeit auch ein Gebet sei. Das haben viele Christen so sehr verinnerlicht, dass sie das eigentliche Beten dabei ganz vergessen haben. Doch Luther sagt: „Wer treu arbeitet betet zweifach."ii Damit das auch für uns gilt, dürfen wir das Gebet als Anrede an Gott nicht vergessen. Luther empfiehlt dem ungeübten Beter, sich am Vaterunser zu orientieren. Jeder Satzteil kann innerlich entfaltet werden, und gewinnt so eine eigene Bedeutung. Er empfiehlt auch die 10 Gebote als Gebetsvorlage zu nehmen. In jeweils vier Schritten wird jedes Gebot dann im Gebet entfaltet. Lernen, Danken, Beichten und Bitten heißen diese vier Schritte: Ich lerne aus dem Gebet etwas für mein Verhalten, ich danke Gott für diese Wegweisung und ich beichte, indem ich ihm sage, wo ich etwas falsch gemacht habe, was diesem Gebot widerspricht. Und ich bitte Gott darum, dass ich mich so selbst erkenne und so leben möchte, wie der Herr es sich für mich gedacht hat.

Natürlich kann und soll jeder auch frei beten. Dann sollte neben der Bitte um das, was wir uns wünschen, auch das Bekenntnis zu Gott nicht fehlen und das Loben Gottes für seine Taten an mir. Der Dank für all das Gute, was Gott mir schon gegeben hat, soll nicht zu kurz kommen und zu guter Letzt sollen wir vor allem auch an unsere Mitmenschen denken. Und wir sollen nicht nur für die Menschen beten, die uns nahe stehen, sondern auch für die, von denen wir uns entfremdet haben.

Wenn wir nun gelernt haben zu beten und Vertrauen zu Gott gewonnen haben, dann dürfen wir nicht den Fehler machen, seine Taten mit unseren Maßstäben zu messen. Oft erleben wir, wie sich etwas erfüllt, aber es ist ganz anders als wir uns gedacht haben. Manchmal merken wir es gar nicht. Doch viel später sehen wir, wie sich alles fügt und dann erkennen wir, dass Gott am Werke war.

Gottes Atem ist länger als unsere Geduld und seine Wege sind anders, als die, die wir gewohnt sind. Aber wir dürfen gewiss sein, dass er uns hört und auf unsere Gebete antwortet. Am Ende des Predigttextes heißt es: Gott wird denen den Heiligen Geist geben, die ihn darum bitten. Das heißt Gott gibt nicht irgendwas, sondern er schickt uns den heiligen Geist, der uns leitet und tröstet, und der die Wege zum Ziel mit uns geht, seien sie noch so holprig.

Damit ein Gebet ernstlich vor Gott getragen wird, braucht es eine feste Struktur und dazu die nötige Ruhe. Martin Luther warnt davor, das Gebet zu verschieben. Wenn die innere Stimme sagt: „Warte ein wenig, in einer Stunde will ich beten; ich muss dies oder jenes zuvor erledigen."iii, dann ist etwas schief gelaufen. Und genauso ist es falsch, dass „das Maul plappert und das Herz anderswo zerstreut ist"iv. Das heißt ich muss mich auf das Gebet konzentrieren können, nichts darf mich ablenken. Es hilft, eine feste Zeit für die Zwiesprache mit Gott zu haben, aber wir dürfen uns darauf verlassen, dass Gott auch unser kleines Gebet zwischendurch hört.

Wenn jemand die Hände in den Schoß legt, dann ist er nicht untätig, sondern sammelt Kraft im Gebet. Wer jemandem die Daumen drückt ist nicht abergläubisch sondert er betet für jemanden. Und wenn jemand einen ins Gebet nimmt, dann will er ihn nicht verurteilen, sondern Fürbitte für ihn halten.

Beten wir mit Dietrich Bonhoeffer, und beten wir dies für uns und die Menschen, die uns nahe sind:

Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will.

Dafür braucht er Menschen,

die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.

Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage

so viel Widerstandskraft geben will,

wie wir brauchen.

Aber er gibt sie nicht im voraus,

damit wir uns nicht auf uns selbst,

sondern allein auf ihn verlassen.

In solchem Glauben müsste alle Angst

vor der Zukunft überwunden sein.

Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum ist,

sondern dass er auf aufrichtige Gebete

und verantwortliche Taten wartet und antwortet.

(Dietrich Bonhoeffer). v Amen.



Pfarrer Michael Nitzke
Dortmund
E-Mail: michael.nitzke@philippusdo.de

Bemerkung:
i Ev. Gesangbuch ifür Rheinl. Westf. Lippe, Nr. 813.

ii Luther, WA 38;358-375, Insel-Ausgabe Bd. 2, S. 269, Frankfurt am Main 1982.

iii A.a.O., 269.

iv A.a.O., 275.

v Ev. Gesangbuch für Rheinl. Westf. Lippe, Nr. 813.



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