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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Miserikordias Domini, 18.04.2010

Predigt zu Johannes 10:22-30, verfasst von Ole Juul Hansen

Vor kurzem wurde eine Untersuchung veröffentlicht, aus der hervorging, dass immer weniger Dänen wissen, warum wir unsere kirchlichen Feste feiern, und dass nur ein verschwindend geringer Teil der Bevölkerung an den Gottesdiensten bei diesen Festen teilnimmt. Daran war eigentlich nichts Neues. Ich kenne nicht den Prozentsatz, wenn es um den örtlichen Gottesdienst geht, und ich bin daran auch nicht besonders interessiert. Denn was ist im Grunde das Kriterium für einen Erfolg?

            Nun, darüber wollen wir uns heute auch nicht streiten, denn ich weiß - was ja auch heute ganz deutlich ist -, dass weitaus die meisten Eltern mit ihrem Neugeborenen hierher zur Taufe kommen, dass die Kirchen proppenvoll sind, wenn wir in ein paar Wochen Konfirmation feiern, und dass den ganzen Sommer über ein ganzer Segen von Hochzeiten in den Kirchen stattfindet.

            Aber wir könnten uns doch trotzdem ein wenig bei unserem Verhältnis zur Kirche aufhalten. Nicht so sehr im Blick darauf, ob wir kommen, sondern eher darauf, wie wir zur Kirche stehen. Und wir wollen einfach die Hochzeit als Bild benutzen.

            Sören Kierkegaard schreibt einmal von einem verliebten jungen Mädchen. Dass sie verliebt war, daran zweifelte niemand. Aber das ist jetzt lange her, schreibt Kierkegaard. Denn jetzt ist sie viele Jahre lang mit ihrem Auserwählten verheiratet gewesen. Und dass man die Freude im Leben eines anderen ist, und dass man sich darüber freut, dass der andere da ist, daran denkt sie jetzt nicht mehr so sehr. Ist er doch da! Tag und Nacht. Und in dem Sinne hat sie keinen Geliebten mehr. Nein, sie hat einen Mann. Und seiner ist sie sicher, jedenfalls ist sie sicher, dass sie gut genug für ihn ist. Darüber braucht sie also eigentlich nicht mehr so sehr nachzudenken. Und desto mehr Zeit hat sie, mit den anderen Frauen über deren Männer zu reden.

            Wenn Kierkegaard so schreibt, ironisch und spöttisch, wie er ja sein konnte, dann will er auf diese Weise zeigen, wie es im Verhältnis zwischen zwei Menschen sehr leicht dazu kommen kann, dass man sich gleichgültig ist. Es ist kein Nerv mehr darin, kein Pulsschlag, keine Energie, kein Strom. Es ist so, wie es schon lange gewesen ist und wie es gewiss auch in Zukunft sein wird - und man gähnt. Das einzige sichtbare Zeichen, dass die beiden immer noch zusammengehören, ist, dass sie fortgesetzt zusammen wohnen, und dann haben sie ja auch irgenwo in einer Schublade eine vergilbte Heiratsurkunde liegen.

            Und um noch einmal auf die genannte Untersuchung zurückzukommen, so könnte man die Frage stellen, ob nicht auch andere sich so sehen, ob es auch ein vielsagendes Bild für das Verhältnis der Gemeinde, der Menschen zu ihrer Kirche ist. Sicherlich wohnen wir Wand an Wand und sicherlich haben wir irgendwo in einer Schubade einen vergilbten Taufschein liegen. Aber auch hier gilt die Frage: Wo ist der Nerv, der Pulsschlag, die Energie, dieser unaufhörliche Strom?

            Es ist die Rede von einem Liebesverhältnis, bei dem der Nerv, der Pulsschlag, die Energie, der unaufhörliche Strom allezeit lebendig ist. Und das ist ja heute deutlich, wo wir eine Taufe feiern: so ist das Verhältnis der Eltern zu ihrem Kind. Darin ist Nerv, Pulsschlag, Energie.

            So war zur Zeit Jesu das Verhältnis der Juden zu ihrem Glauben, ihrer Religion. Es war Nerv darin, Pulsschlag des Herzens, Energie der Gläubigen. Die Juden, die zu Jesus kommen und ihm bohrende Fragen stellen, - sie wollen etwas. Sie wollen Klarheit haben. Sie lebten für ihren Glauben. Und deshalb gehen sie hin zu ihm mit der Frage: "Wer bist du?" Sag es uns frei heraus, so dass wir es verstehen können, so dass wir es glauben können, so dass wir unseren Glauben ausdrücken können.

            Und es ist ja das Bild der Liebe, das man in der Alten Kirche benutzte, dass nämlich Christus der Bräutigam ist und dass der Bräutigam um seine Gemeinde wirbt. Es ist ein Liebesverhältnis. Und was geschieht, wenn sich zwei Liebende begegnen? Ja, es geschieht dies, dass die Liebe zwischen ihnen ausgedrückt wird, dass die Liebe in Wort und Handlung ausgedrückt wird. Und es geschieht so, weil es eine Notwendigkeit ist. Es ist notwendig, dass in dem Verhältnis Nerv, Puls, Energie ausgedrückt wird. Sonst würde das Verhältnis erlöschen oder gleichgültig werden.

            Ein Liebesverhältnis lebt von seinen verschiedenen Ausdrücken. So ist es bei einem Ehepaar oder bei einem Liebespaar. So ist es zwischen Eltern und Kindern. Und so ist es zwischen der Gemeinde und ihrer Kirche. Es geht um dieselbe Sache. Wenn die Liebe echt ist, dann ist Energie darin. Dann strömt eine Energie von dem einen zum anderen.

            Für die Juden damals war es neu, und deshalb sind sie in ihrem Ausdruck so energisch. Für euch Eltern der Kinder, die wir getauft haben, ist es neu, und deshalb ist Energie in eurem Ausdruck.

            Für uns als Gemeinde im Verhältnis zur Kirche ist es nicht neu. Es ist wie ein Ehepaar in gesetztem Alter, das sich kennt. Es besteht kein Bedarf mehr an den großen und feierlichen Liebeserklärungen. Aber deshalb finden die Ausdrücke doch statt. Und zwar im Stillen. In der Geborgenheit der Gewohnheit, wie wir es von einem guten und treuen Liebesverhältnis kennen. Und nicht zuletzt in der Wiederholung. Und die Wiederholung ist es doch, um die wir heute versammelt sind. Es liegt bestimmt nichts Neues in dem, was heute geschieht. Wir feiern die Taufe mit einem Ritual, wie wir es seit alters kennen. Wir feiern den Gottesdienst in einer Form, wie wir sie seit alters kennen. Still, gewohnheitsmäßig, die geborgene Wiederholung. Wir tun es nicht, um dem Herrn zu gefallen, wir tun es nicht um des Neuen, des Interessanten und der Unterhaltung willen. Nein, wir tun es, weil es notwendig ist. Wir versammeln uns, weil das ganz einfach der Nerv des Ganzen ist. Wir taufen, wir gehen zum Abendmal, wir feiern den Gottesdienst, weil es unser Ausdruck in unserem Verhältnis zu Gott und zur Kirche ist. Wir tun es, weil Energie in dem Verhältnis sein soll. Wir tun es, weil wir als Gemeinde, als der eine Partner in dem Liebesverhältnis, es nötig haben, dass das Verhältnis seine Ausdrücke hat. Und die Ausdrücke handeln von Worten. Gottes Wort in dem, was wir hören. Und unsere eigenen Worte in unseren Gebeten und in unseren Liedern.

            Es sind nicht jedesmal neue Worte. Das wäre unmöglich. Es ist wie das intime Plaudern eines Vaters oder einer Mutter mit ihrem Kind. Es ist wie das stille Murmeln eines Ehepaares miteinander. Geborgenheit, Geborgenheit der Gewohnheit. Dieser unendliche Strom von stiller Energie. Und es ist notwendig, dass diese Energie, dass dieser Strom fließt.

            Und das ist bei Lichte besehen der Kern des Bildes, das Jesus heute benutzt. Denn es ist ein Bild der Liebe. Der Hirte, der sich seines Schafes annimmt. Der Vater, der sich um sein Kind kümmert. Christus, der sich seiner Gemeinde annimmt. Gott, der sich seiner Kirche annimmt. Das innerste Wesen der Liebe.

            Das ist es, was geschieht und was stattfindet, wenn die Kirche echt und wahr ist. Der Ort, die Begegnung, wo Liebe ausgedrückt wird. Der Ort, die Begegnung, die an anderem als einem Attest kenntlich ist. Der Ort, die Begegnung, wo Gott selbst gegenwärtig ist, weil jemand nach ihm fragt und ihm begegnen will. Das ist Kirche. Und das ist hier und heute.

Amen



Pastor Ole Juul Hansen
Hadsten (Dänemark)
E-Mail: Ojh-juul@post.tele.dk

Bemerkung:
Übersetzung aus dem Dänischen: Dietrich Harbsmeier


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