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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Ewigkeitssonntag, 23.11.2008

Predigt zu Hebräer 4:9-11, verfasst von Bernd Giehl

Es ist also noch eine Ruhe vorhanden für das Volk Gottes. Denn wer zu Gottes Ruhe gekommen ist, der ruht auch von seinen Werken so wie Gott von den seinen. So lasst uns nun bemüht sein, zu dieser Ruhe zu kommen, damit nicht jemand zu Fall komme durch den gleichen Ungehorsam.

(Hebräer 4,9-11)

Liebe Gemeinde!

Eigentlich ist Siddhartha doch auf einem guten Weg gewesen. Nun gut, er hat die Straße verlassen, die ihm einmal vorgezeichnet war. Er ist nicht Brahmane geworden, wie sein Vater es war und vermutlich auch dessen Vorfahren. Etwas hat ihn getrieben, ein Gefühl, das er kaum benennen konnte. So  hat er schon als ganz junger Mann sein Elternhaus verlassen. Vater und Mutter konnten ihm - obwohl der Vater doch ein  Mitglied der Kaste der Priester ist - nicht mehr das geben, was er brauchte. Dabei hat er viel von den Eltern gelernt. Er ist hineingewachsen in die Gebräuche und Riten der Religion, er hat ihre Texte auswendig gelernt und ihre Lieder gesungen. Aber dann hatte sich mehr und mehr das Gefühl eingeschlichen, das alles seien doch nur äußerliche Formen. Also hat Siddhartha sich von den Eltern verabschiedet und hat seinen eigenen Weg gesucht. Aber zumindest ist er nicht allein losgegangen; er hat seinen Freund aus Kindertagen, Govinda, mitgenommen. Sie sind zu den Samanas  gekommen, den Bettelmönchen und Siddhartha ist fasziniert von der Art wie sie leben. Dass sie also so gut wie nichts vom Leben wollen, weil sie glauben, dass das Leben nur Schein ist. Dass sie Askese bis zum Äußersten üben, keinen Wert auf Geld oder gutes Essen legen und sich das, was sie brauchen, von den Menschen erbetteln. Aber irgendwann befallen ihn Zweifel, weil auch diese Mönche das Nirwana, also das Ziel des Eins werden mit allem, das Verlöschen des individuellen Selbst nicht erreicht haben und er wendet sich von ihnen ab. Auf seiner weiteren Reise begegnen er und Govinda Gotama, dem Buddha, der von der Überwindung des ewigen Kreislaufs von Tod und Wiedergeburt predigt. Wieder spricht das was sie hören, die beiden an. Govinda lässt sich von der Lehre Buddhas überzeugen, aber Siddhartha hat seine Zweifel. Diese Zweifel verstärken sich und so trennen sich Siddhartha und Govinda. Govinda bleibt bei Gotama, aber Siddhartha zieht weiter, auf der Suche nach der eigenen Erlösung.

Er lernt die Lust am Augenblick kennen, er genießt die Schönheit der Natur, er hat Träume von Frauen, mit denen er schläft. Und dann begegnet er Kamala, die jung ist und schön, und in dem Augenblick, da er sie sieht, verliebt Siddhartha sich in sie. Er beobachtet sie, als sie in ihrer Sänfte in die Stadt getragen wird und als sie  wiederkommt, steht er am Eingang ihres Anwesens und lässt sich zu ihr führen. Er wolle von ihr den Lebensgenuss lernen, sagt er. Aber Kamala lacht ihn aus. Noch nie sei ein Samana aus dem Wald, ein Bettler in zerrissenen Kleidern und langen Haaren zu ihr gekommen und habe etwas von ihr gewollt, sagt sie. Er solle sich ein neues Gewand kaufen, die Haare schneiden lassen und ihr teure Geschenke machen, wie die anderen Verehrer, dann werde sie ihn erhören. Also geht Siddhartha bei einem reichen Kaufmann in die Lehre. Weil Siddhartha klug und geschickt ist und weil er schnell lernt, steigt er auf und erwirbt selbst Reichtum. Und weil er auch noch gut aussieht, teure Kleidung trägt und nun Kamalas Geschmack entspricht, unterweist sie ihn in der Kunst der Liebe. Aber in seinem Innersten ist Siddhartha kein Kaufmann; Reichtum und Macht bleiben ihm fremd. Etwas ist in ihm, was sich nicht abtöten lässt. Die Jahre der Askese und der Suche haben ihn tiefer geprägt als er es selbst weiß. Und so wird das Leben, das er nun führt, ihm langsam und fast unmerklich zum Ekel. Er fängt an zu spielen; er versucht, seinen Besitz im Glücksspiel zu verlieren, aber nicht einmal das will ihm gelingen. Also verabschiedet er sich von Kamala. Auch ihre Liebe, die sie ihm geschenkt hat, kann ihn nicht halten. Er geht weg von Kamala, weg von seinem Leben als reicher Mann, das er viele Jahre geführt hat, aber er weiß nicht, was er noch mit seinem Leben anfangen soll. Schließlich kommt er zum Fluss. Und dann heißt es: „Über das Flussufer hing ein Baum gebeugt, ein Kokosbaum, an dessen Stamm lehnte sich Siddhartha mit der Schulter, legte den Arm um den Stamm und blickte in das grüne Wasser hinab, das unter ihm zog und zog, blickte hinab und fand sich ganz und gar von dem Wunsche erfüllt, sich loszulassen und in diesem Wasser unterzugehen. Eine schauerliche Leere spiegelte ihm aus dem Wasser entgegen, welcher die furchtbare Leere in seiner Seele Antwort gab. Ja, er war am Ende. Nichts gab es mehr für ihn, als sich auszulöschen, als das misslungene Gebilde seines Lebens zu zerschlagen, es wegzuwerfen, hohnlachenden Göttern vor die Füße. Dies war das große Erbrechen, nach dem er sich gesehnt hatte: der Tod, das Zerschlagen der Form, die er hasste. ... Mit verzerrtem Gesichte starrte er ins Wasser, sah sein Gesicht gespiegelt und spie danach. In tiefer Müdigkeit löste er den Arm vom Baumstamme und drehte sich ein wenig, um sich senkrecht hinabfallen zu lassen, um endlich unterzugehen." (Hermann Hesse,  „Siddhartha", suhrkamp taschenbuch 182, S. 73)

*

An dieser Stelle möchte ich die Geschichte, die ich erzählt habe, erst einmal verlassen. Sie ist noch nicht zu Ende. Und ich werde zu gegebener Zeit noch einmal auf sie zurückkommen. Sie hat mit dem Thema zu tun, über das ich heute reden will. Dem Thema des Lebens und des Abschieds und ob es da eine Verbindung gibt zwischen beiden. Aber davon später. Jetzt möchte ich nur noch hinzufügen, dass es sich um eine Erzählung von Hermann Hesse handelt, die er in den Jahren 1919-22 schrieb und der er den Titel „Siddhartha. Eine indische Dichtung" gab.  Eine Erzählung aus dem asiatischen Kulturkreis, eine Geschichte, die dem Buddhismus nahe steht, von dem Hesse zeitlebens fasziniert war.

Aber wie auch immer. Gut möglich, dass Ihnen das alles noch weit weg zu sein scheint vom heutigen Tag.  Geht es am Toten- oder Ewigkeitssonntag nicht um das Gedenken an die Verstorbenen? Geht es da nicht ebenso um die Erinnerung an sie, wie um die Frage, was aus ihnen wird? Ja, gewiss, darum geht es. Und vor diesen Fragen will ich mich auch nicht drücken. Aber zugleich geht es ja auch um uns. Um die Lebenden, die zurückbleiben. Um uns, denen der Tod erst noch bevorsteht. Und so geht es schließlich auch darum, wie wir leben können, angesichts der Tatsache, dass uns allen der Tod bevorsteht; er komme morgen oder in fünfzig Jahren.

Normalerweise beschäftigen wir uns nicht mit diesen Fragen. Normalerweise stehen die Fragen des alltäglichen Lebens im Vordergrund. Natürlich planen auch wir unser Leben, aber wir planen es kurzfristig oder auf mittlere Sicht. Meistens sind wir viel zu beschäftigt, um uns mit den großen Fragen herumzuschlagen. Den Fragen, die vielleicht heißen: Was kommt nach dem Tod? Oder: Wie soll ich leben, angesichts der Tatsache, dass mein Leben endlich ist? Meist kümmern wir um das, was gerade anliegt. Wir planen das Projekt, an dem wir gerade arbeiten. Wir überlegen uns, was heute erledigt werden muss, was morgen an der Reihe ist und was bis zur nächsten Woche warten kann. Wer im Berufsleben steht, dessen Zeit ist ausgefüllt mit Terminen. Und dann müssen wir ja auch noch irgendwie Zeit finden für die privaten Dinge. „Du hast den Kindern aber versprochen, dass du nächste Woche mit ihnen zu ihrer Theateraufführung kommst", sagt die Ehefrau und man muss sich eingestehen, dass man dieses Versprechen ja tatsächlich gegeben hat, es aber vermutlich wieder nicht einhalten kann. „Es ist mir etwas dazwischengekommen", sagen wir dann mit schlechtem Gewissen und geloben Besserung. Und manchmal denken wir: Eigentlich müsste ich etwas ändern an meinem Leben. Endlich Zeit finden für die wirklich wichtigen Dinge. Aber wie kann ich das, ohne ganz auszusteigen aus dem Leben, das ich jetzt führe?

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 Ob das ein Anknüpfungspunkt sein kann für diesen Text? Ich vermute, beim Hören ist er Ihnen erst einmal fremd geblieben. „Es ist also noch eine Ruhe vorhanden für das Volk Gottes. Denn wer zu Gottes Ruhe gekommen ist, der ruht auch von seinen Werken, wie Gott von den seinen." Viele Menschen wird da erst einmal ein unangenehmes Gefühl beschleichen. Vor allem, da dieser Text ja mit einem Sonntag verbunden ist, den man auch lieber vorbeigehen ließe, ohne groß über ihn nachzudenken. Einem Tag, an dem wir uns mit dem Thema „Tod" auseinandersetzen müssen. Mit der Trauer um unsere Angehörigen, mit unseren unerfüllten Wünschen an das Leben, mit der Frage schließlich, wie wir unser eigenes Leben bewerten würden, wenn wir wüssten, das es heute oder morgen zu Ende geht. 

Welche Gefühle beschleichen uns da? Und möchten wir nicht viel lieber leben als auszuruhen von diesem Leben, mitsamt der Mühe, die es ja manchmal auch macht? „Ruhe sanft", das rufen wir den Toten hinterher, aber wir selbst wollen lieber noch nicht ausruhen. Nicht von unserem Leben, nicht von dem, was wir getan haben.

Aber vielleicht ist dieser Text von der Ruhe bei Gott ja noch einmal etwas anders gemeint. Ja, er spricht vom Tod. Aber er spricht anders vom Tod, als wir ihn uns vorstellen. Er spricht nicht von der großen Leere. Nicht vom Abbruch. Die „Ruhe Gottes", von der er spricht ist etwas anderes. Es ist die Ruhe des Sabbats, an dem die Menschen nach dem Vierten Gebot ausruhen sollen von den Anstrengungen der Woche. Diese Ruhe bei Gott ist ein Bild, das wir nur verstehen, wenn wir an seine Entsprechung denken. Ein Leben, das nur aus Arbeit bestünde, das sich keine Pausen gönnte, in denen man auch einmal entspannen kann; wäre das wirklich so lebenswert? Dieses Bild wendet der Hebräerbrief nun auf das gesamte Leben an: So wie der Sabbat das Ziel der Woche ist, so muss es auch ein Ziel für das menschliche Leben geben. Der Verfasser nennt es die „Ruhe Gottes" oder wir übersetzen wohl besser: „die Ruhe bei Gott". Gemeint ist das, was in der Offenbarung mit dem Bild vom Abwischen aller Tränen durch Gott gemeint ist. Ein Zustand des Friedens also, in dem alles Fragen nach dem „Warum" aufhört, weil es die Antworten kennt. Kein Leid mehr, keine Frage nach dem Sinn. Und doch Leben.

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An dieser Stelle möchte ich nun noch einmal zurückkommen zu der Erzählung, von Siddhartha, mit der ich begonnen habe. Sie ist nämlich noch nicht zu Ende. In dem Moment, wo Siddhartha sich fallen lässt, kommt ihm zu Bewusstsein, dass das eigentlich kein richtiges Ende für das Leben ist, das er gelebt hat. Und so fällt er auch nicht in den Fluss sondern auf den weichen Waldboden. Er schläft ein, und als er erwacht, kniet Govinda neben ihm. Siddhartha erzählt Govinda von dem Leben, das er geführt hat, nachdem sie sich trennten. Und schon dieses Erzählen tröstet ihn. Danach wandert er am Fluss entlang. Er kommt zu der Hütte eines alten Fährmanns und beschließt, dort erst einmal zu bleiben. Der Fährmann ist arm; er hat eine kleine Hütte und das Nötigste zu essen. Siddhartha hilft dem Fährmann, und der teilt sein Essen und seine Hütte mit ihm. Siddhartha lernt von dem Fährmann nicht nur, wie man einen Menschen über den Fluss bringt oder ein Boot repariert, sondern er beobachtet ihn auch, wie er scheinbar nichts tut sondern nur auf den Fluss schaut. Und dabei lernt er dann auch sein Leben mit anderen Augen zu sehen. Es anzunehmen, so wie es ist. Es fließen zu lassen, so wie der Fluss fließt. Er lernt eine tiefe Übereinstimmung mit sich selbst, ein Annehmen dessen, was ist. Und am Ende weiß er, dass es gut ist.

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Muss ich noch dazusagen, dass ich natürlich weiß, dass „Siddhartha" keine christliche Erzählung ist, sondern eine, die einen buddhistischen Geist atmet? Und doch meine ich, dass diese Geschichte unseren Predigttext auslegt wie kaum etwas anderes. Denn am Ende geht es ja nicht nur um das, was nach dem Tod mit uns passiert. Sondern es geht auch darum, wie wir leben angesichts des Todes, der uns bevorsteht. Von der „Ruhe Gottes" spricht der Hebräerbrief, als dem Ziel, das Menschen erreichen können, und ich denke, diese Ruhe beginnt nicht erst im Jenseits. So wie das Ewige Leben nach Meinung des Johannesevangeliums nicht erst nach dem Tod beginnt. Im „Siddhartha" ist es das Akzeptieren des Lebens, so wie es gewesen ist. Auch mit all dem, was nicht gelungen ist. Mit all den Abbrüchen, die es im Leben nun einmal gibt. Christen werden wohl noch hinzufügen, dass man die Kraft dazu von Gott her nehmen kann.

Vielleicht ist es dann auch nicht mehr so wichtig, wie das aussieht, dieses Leben nach dem Tod, von dem die Bibel spricht. Auch das können wir dann getrost Gott überlassen.

 



Pfarrer Bernd Giehl
Hünstetten
E-Mail: giehl-bernd@t-online.de

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