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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Erntedanktag / 20. Sonntag nach Trinitatis, 05.10.2008

Predigt zu 2. Korinther 3:3-9, verfasst von Michael Nitzke

3 Ist doch offenbar geworden, dass ihr ein Brief Christi seid, durch unsern Dienst zubereitet, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, nicht auf steinerne Tafeln, sondern auf fleischerne Tafeln, nämlich eure Herzen.

4 Solches Vertrauen aber haben wir durch Christus zu Gott.

5 Nicht dass wir tüchtig sind von uns selber, uns etwas zuzurechnen als von uns selber; sondern dass wir tüchtig sind, ist von Gott,

6 der uns auch tüchtig gemacht hat zu Dienern des neuen Bundes, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes. Denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.

7 Wenn aber schon das Amt, das den Tod bringt und das mit Buchstaben in Stein gehauen war, Herrlichkeit hatte, sodass die Israeliten das Angesicht des Mose nicht ansehen konnten wegen der Herrlichkeit auf seinem Angesicht, die doch aufhörte,

8 wie sollte nicht viel mehr das Amt, das den Geist gibt, Herrlichkeit haben?

9 Denn wenn das Amt, das zur Verdammnis führt, Herrlichkeit hatte, wie viel mehr hat das Amt, das zur Gerechtigkeit führt, überschwängliche Herrlichkeit.

 

Liebe Gemeinde,

Wann haben Sie zuletzt ein Geschäft mit Handschlag besiegelt? Ein Handwerker ist heute in der Regel darauf angewiesen, Ihre Unterschrift auf der Auftragsbestätigung zu haben, damit er nach erfolgreicher Ausführung des Auftrages auch an sein Geld kommt. Die schriftliche Form ist eben sicherer. Ich habe etwas in der Hand, und kann zur Not mein Recht einklagen.

Doch viele fragen sich, wo bleibt das Vertrauen? Kann ich einem Menschen nicht mehr glauben? Muss ich mit der Schriftform dem Gegenüber schon unausgesprochen ein Gerichtsverfahren ankündigen, um ihn zu vereinbarungsgemäßen handeln zu zwingen?

Doch heute haben wir bei vielen Geschäften Sicherheit, wir haben die Sicherheit des geschriebenen Gesetzes, denn auch bei einem Geschäft mit Handschlag hab ich das geschriebene Gesetz im Rücken, das Bürgerliche Gesetzbuch sieht für viele Situationen Regelungen vor, für die es keinen Vertrag gibt.

Ein Mann ein Wort? Verlasse ich mich darauf? Glaube ich dem Wort meines Gegenübers? Oder verlasse ich mich doch nur auf den alten Goethe, der im Faust geschrieben hat:

Denn was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen."

 

Im heutigen Bibeltext haben wir es auch mit der Frage zu tun, ob Schriftliches zählt.

Dabei geht es aber um eine ganz besondere Schrift: geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, nicht auf steinerne Tafeln, sondern auf fleischerne Tafeln, nämlich eure Herzen.

Worum ging es? Paulus fragt, ob er sich rechtfertigen muss.

Damals wusste man auch schon, das man „Vitamin B" braucht: Beziehungen. Damals liefen die Kommunikationsstränge wohl noch nicht so wie heute, man brauchte Empfehlungsschreiben. Aber das ist ja heute auch nicht viel anders. Vielleicht sind die Empfehlungsschreiben nicht mehr mit Tinte auf Papier geschrieben, vielleicht reicht ein Anruf, oder man kennt sich halt. Oder wenn es nicht so informell gehen soll, dann sind es Referenzen, oder Zeugnisse von Schulen oder früheren Arbeitgebern, die mir Tür und Tor öffnen. All das ist schriftlich festgelegt mit repräsentativem Briefkopf und dazu noch amtlich beglaubigt.

Doch das ist nicht nur heute so. Auch damals stellte sich die Frage, braucht Paulus so eine Referenz, um sich als rechter Christ zu erwiesen?

Nein, er braucht keinen Empfehlungsbrief und kein Arbeitszeugnis, er braucht nicht einmal die persönliche Fürsprache eines Freundes. Er braucht nur auf das Produkt seiner Arbeit zu verweisen, und das sind die Korinther, die er zum Glauben gebracht hat. An ihrer Lebensweise kann man ablesen, dass sie rechte Christen sind, und somit kann man zurückschließen auf, den, der ihnen den Glauben nahe gebracht hat, auf Paulus.

 

Aber dieser Paulus hat das auch nicht durch eigene Leistung erbracht, es ist Gottes Werk.

6 ...Denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.

Ein wundervoller Satz, doch er wird in eine Zusammenhang gestellt, der uns heute befremdlich erscheint. Denn nun vergleicht Paulus das Christentum mit dem Judentum. Dem Christentum gibt er das Attribut „lebendig", dem Judentum das Attribut „Tod". Wir fragen uns heute, ob solche biblischen Aussagen nicht unsere ganzen Bemühungen um den Dialog zwischen den Religionen zunichte machen.

Doch was Paulus schreibt, ist so nur aus der damaligen Zeit heraus verständlich. Damals dominierte eine Gruppe im Judentum, die nicht an ein Leben nach dem Tod glaubte, obwohl es Anzeichen in der hebräischen Bibel gab, die auch auf eine Zukunft nach dem Tode bei Gott schließen lassen könnten. So wird im Alten Testament von einem Mann namens Henoch berichtet, den Gott zu sich nahm (Gen 5,22-24), und im neuen Testament wird das auch bestätigt (Heb 11,5).

 

Wenn man es recht betrachtet, dann schätzt Paulus den Mose durchaus nicht gering, sondern er baut auf ihm auf. Wenn seine Botschaft schon so herrlich war, wie viel herrlicher ist erst die Botschaft Christi.

An den in Stein gemeißelten Worten der zehn Gebote sind viele gescheitert, doch deswegen sind sie nicht außer Geltung. Aber den Umgang mit ihnen und die Vergebung, die uns Christus geschenkt hat, die ist in unsere Herzen geschrieben, daher, sagt Paulus, siegt der Geist über den Buchstaben.

6 ...Denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.

Zu Zeiten des Paulus gab es noch kein Neues Testament. Er lebte von der mündlichen Überlieferung und von seinen Briefen, die er selbst sicher nicht für die Ewigkeit abgefasst hatte. Er hätte bestimmt nicht gedacht, dass sie einmal zur Heiligen Schrift wurden und uns heute vor das selbe Dilemma stellen wie ihn damals: Was soll von diesen Buchstaben für uns gelten?

 

Doch Paulus gibt uns selbst eine Hilfe. Wenden wir doch einfach den Schlüssel des Paulus an, den er uns für diesen Bibelcode gegeben hat, der Schlüssel lautet: 6 ...Denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.

Somit können wir uns nicht mehr dahinter verstecken, wie zeitlich die bedingten Worte des Paulus nun in den Fels der Heiligkeit gehauen wurden. Nein, wir dürfen mit der Hilfe seiner Worte uns nicht über andere Religionen erheben. Was wir aber dürfen, ist dies:

Wir dürfen den Geist suchen, der lebendig macht. Wir dürfen uns aus der Starre der reinen Buchstaben befreien. Denn sie sind oft nur für eine bestimmte Situation bestimmt. Wir müssen den Geist hinter den Buchstaben suchen, um zu erfahren, was sie uns heute sagen wollen.

Das heißt nicht, dass die Bibel, insbesondere das Neue Testament, uns nichts mehr sagen kann, aber wir müssen mit den Hauptprinzipien dieser Schriften danach suchen, was davon ewige Gültigkeit hat.

 

Und das ist die Liebe Gottes, die in unsere Herzen geschrieben ist. Das Vertrauen ist es, das Christus uns geschenkt hat, das Vertrauen auf seine Gnade, dass wir nach den in Stein gehauenen zehn Geboten leben können, die den Menschen jüdischen Glaubens gegeben wurden. Und das er uns immer wieder aufrichtet, wenn wir an dieser Aufgabe scheitern könnten.

6 ...Denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.

Man kann den Wahrheitsgehalt dieses Satzes auch an heutigen Gepflogenheiten erweisen. Lange Zeit hat man geglaubt, die schriftliche Kommunikation sei an ein Ende gekommen. Der gute alte handgeschriebene Brief ist fast in der Versenkung verschwunden. Manche fragen, „Gab es ihn je?" Selbst Paulus hat seine Briefe diktiert, und er hat nur dann und wann ein paar Zeilen mit eigener Hand unter die Briefe gesetzt. Aber wir erinnern uns an die Briefe, die uns die Oma geschickt hat. Wir konnten sie nicht immer lesen, weil sich die Buchstaben über die Jahrzehnte verändert haben, aber es fand sich jemand, der sie vorlas, und eine Verbindung wurde lebendig. Wir schrieben zurück, bedankten uns für den Schein, den die alte Dame mühsam gegen die Regeln der Post zwischen Seidenfutter und Briefpapier versteckt hatte. Das war geschriebene Kommunikation, nicht nur wegen des Geldscheines. Der Siegeszug des Telefons ließ das Briefaufkommen auf Rechnungen und Reklame schrumpfen. Wer schrieb noch etwas? Eine Karte aus dem Urlaub, das war alles, was von der Schreibkultur übrig blieb. „Mir geht es gut, das Wetter ist schön, viele Grüße aus...". Doch eine neue technische Revolution hat das Schreiben wieder populär gemacht. Das viel gepriesene Internet bringt die Menschen wieder zum Schreiben. Die Tinte fließt zwar nicht mehr durch die Feder des Füllhalters, sondern allenfalls durch die Düsen des Tintenstrahldruckers. Doch moderne Post braucht nicht mal mehr ausgedruckt zu werden.

 

„Ich schicke Dir mal eben eine Mail." Das englische Wort für die gute alte Post markiert einen grundsätzlichen Wechsel der schriftlichen Kommunikation. Mit der E-Mail, der elektronischen Post, werden ein paar Worte in die Tastatur gehauen, und mit dem Absende-Knopf, werden sie losgeschickt, und zwar am liebsten nicht nur an einen Briefpartner, sondern zumindest gleichzeitig an alle, die auch nur in schwaches Interesse am Inhalt haben könnten, oder am besten gleich an alle meine Kontakte, deren Zahl sich mit jeder beantworteten E-Mail steigert.

Früher hatte ich noch den Weg zum Briefkasten vor mir und musste noch zur Not in der Schlange stehen, um eine Briefmarke zu erwerben. Daher wäre ich auch nicht auf die Idee gekommen, mir gleich zehn weitere zu kaufen, um den Brief noch an neun weitere Personen zu schicken, denn ich hätte ihn dazu auch noch kopieren müssen. Während ich in der Schlange wartete, hätte ich mir noch überlegen können, ob das so alles richtig ist, was ich da geschrieben habe und ob es in der Form, wie ich es geschrieben habe, nicht den Adressaten verletzen könnte. Ich hätte die Chance gehabt, aus der Schlange heraus zu treten, den Brief zu zerreißen und hätte dazu noch das Geld für die Marke gespart. Doch diese Hemmschwelle ist heute nicht mehr da. Mit der jeweiligen Stimmungslage wird der Brief in die Tasten gekloppt und schnell rausgehauen, und am besten fragt man den Adressaten, wenn man ihn nach einer halben Stunde trifft, „Hast Du meine Mail noch nicht gelesen?" Es werden heute viele Buchstaben produziert, es wird viel geschrieben, ob das immer förderlich ist, bleibt dahin gestellt. Ich habe vor über zwölf Jahren selbst begeistert meine ersten E-Mail-Versuche gemacht, doch die Geister, die ich rief, werd ich nicht mehr los. Es wird gemailt, was das Zeug hält, dabei sollte man manchmal lieber mit einander sprechen, und man würde viel Verwirrung vermeiden.

 

6 ...Denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.

Was der Briefschreiber Paulus gesagt hat gilt auch für uns: Buchstaben, Steine in die sie gemeißelt werden können, Papyrus oder Computer, das sind alles nur Hilfsmittel, um Erfahrungen zu konservieren. Aber jede Konserve, verliert an Geschmack. Vergleichen Sie frisch gepflückte Erdebberen mit eingekochten aus der Dose! Die Konserve wird schlechter wegkommen, weil es ihr nicht gelingt die ganzen Facetten des Geschmacks zu bewahren. So ist es auch mit dem geschriebenen Wort. 6 ...Denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.

Für uns kann das nun nicht heißen, die heiligen Schriften gering zu schätzen. Aber wir sollten uns Zeit nehmen, uns mit ihnen auseinander zu setzten, damit wir den Sinn in allen seinen Varianten aufnehmen können.

 

Nicht die Buchstaben sind es, die uns zu Christen machen, sondern unser Leben. So werden wir Christen selbst zum Empfehlungsschreiben für unseren Glauben. Heute werden die wenigsten Menschen durch das Lesen der Bibel zu Christen, wenn sie es noch nicht waren. Sie werden zu Christen durch andere Christen, die ihnen ein Leben im Sinne Jesu Christi vorleben.

Und auch das ist ein Geschenk, für das wir nichts können, denn so schreibt Paulus: 5 ...dass wir tüchtig sind, ist von Gott.

So lasst uns die Buchstaben der Heiligen Schrift lesen, damit wir ihren Gehalt erkennen, und lasst uns diesen Gehalt aufnehmen in unser Innerstes, damit wir leben, wie Gott es sich für uns gedacht hat. Lasst uns Frieden halten mit jedermann, dass man uns daran als Christen erkennt.                                                    Amen.



Pfarrer Michael Nitzke
http://www.nitzke.de/pfarrer/info.htm
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