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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Reminiszere, 04.03.2007

Predigt zu Johannes 8:26b-30, verfasst von Michael Nitzke

Liebe Gemeinde!

Es gibt ja Menschen, die beneiden uns um unseren Glauben. Das ist ja eigentlich ein gutes Zeichen. Gerade in der heutigen Zeit, wo der Glaube es schwer hat, sich gegen den Kommerz durchzusetzen. Gerade in dieser Zeit ist es doch schön, wenn andere uns um unseren Glauben beneiden. Beneiden heißt ja, das jemand etwas hat, was der andere gerne möchte. Was also haben wir, das auf andere attraktiv wirken könnte.

Manche dieser Neider meinen, wir Christen haben ein fest gefügtes Weltbild, darin ist alles geregelt, auf alle menschlichen Probleme gibt es eine Antwort, man braucht nur nach den Richtlinien des Glaubens zu leben und schon braucht man sich um sein Leben keine Sorgen zumachen.

Nun, wir Glaubenden könnten zurück fragen: „Warum schließen sich die Neider nicht dann einfach uns an und beginnen zu glauben, dann brauchen sie nicht mehr außen zu stehen, dann haben sie das, worum sie uns beneiden?"

Nun, so einfach lässt sich jemand, der dem Glauben doch distanziert gegenüber steht, nicht ködern. Es sind meist zwei Dinge, die Menschen daran hindern auf die Seite des Glaubens zu wechseln: Erstens, die Scheu, die Grenze des Sichtbaren zu überschreiten, und an etwas Unsichtbares für wahr zu halten; zweitens, die Angst, die Unterwerfung unter bestimmte Regeln hätte den Verlust der persönlichen Freiheit zur Folge.

So attraktiv das Leben unter bestimmten Regeln auch klingen mag, der moderne Mensch liebt seine Freiheit, auch wenn dadurch das Leben komplizierter wird, er möchte sich nicht einer Macht unterordnen, die er nicht sieht, sondern er will wissen, mit wem er es zu tun hat.

 

Wenn Skeptiker die Glaubenden beneiden, dann ist das so wie ein kurzer, sehr flüchtiger Flirt: man begegnet sich, lächelt sich an, aber ist froh, dass man seine eigenen Wege weitergehen kann.

 

Doch wenn man sich Zeit für einander nehmen würde, dann käme man vielleicht auf den Gedanken, dass man sich eigentlich falsche Vorstellungen von einander gemacht hat. Ist der Skeptiker wirklich so frei, dass er sein Leben in purer Leichtigkeit angehen kann, oder klagt er nicht manchmal über die Last der Bindungslosigkeit?

Ist der Glaubende wirklich so fest in die Strukturen seiner Religion eingebunden, dass sein Lebensweg vorgezeichnet ist, oder ist er nicht auch oft ratlos, welchen Weg er gehen soll?

 

Es kommt immer darauf an, von welcher Seite man es betrachtet! Wir haben in der Evangelien Lesung das Gleichnis von den bösen Weingärtnern gehört. Sie erschlagen einen Knecht nach dem anderen und schrecken nicht einmal vor dem Sohn des Weinbergbesitzers zurück. Dies ist so eine Geschichte, in mit der der Glaubende es leicht hat. Niemand würde sich auf die Seite der Weingärtner schlagen, zumal sie auch schon gleich als böse im Titel der Geschichte bezeichnet werden. Ich bin für den Sohn, das ist klar. Um diese klare Haltung braucht man mich noch nicht einmal zu beneiden. Jeder mit vernünftigem Menschenverstand würde sich auf diese Seite schlagen.

 

Doch wer folgenden Abschnitt aus dem Johannes-Evangelium hört, der wird eher nachdenklich und kaum jemand wird uns darum beneiden, den Sinn hinter diesen Worten zu suchen.

Hören wir, was Johannes in den Versen 26 bis 30 im achten Kapitel seines Evangeliums schreibt:

26b Aber der mich gesandt hat, ist wahrhaftig, und was ich von ihm gehört habe, das rede ich zu der Welt. 27 Sie verstanden aber nicht, dass er zu ihnen vom Vater sprach. 28 Da sprach Jesus zu ihnen: Wenn ihr den Menschensohn erhöhen werdet, dann werdet ihr erkennen, dass ich es bin und nichts von mir selber tue, sondern, wie mich der Vater gelehrt hat, so rede ich. 29 Und der mich gesandt hat, ist mit mir. Er lässt mich nicht allein; denn ich tue allezeit, was ihm gefällt. 30 Als er das sagte, glaubten viele an ihn.

 

Hier scheint die Lage nicht so klar zu sein, wie in dem Gleichnis, das Markus schildert. Man hat eher den Eindruck hier redeten die Protagonisten aneinander vorbei. Man versteht einander nicht auf Anhieb.

Allgemein sagt man heute, dass der Evangelist Johannes aus einer gewissen zeitlichen Distanz heraus schrieb, aber vielleicht ist er näher an Jesus Christus dran als mancher meint. „Sie verstanden aber nicht", das ist hier wie so oft das Schlüsselwort. Wir klagen manchmal, dass wir Jesus nicht begegnet sind, dann hätten wir ihn selbst fragen können, dann hätten wir ihn verstehen können, und dann hätten wir viel leichter glauben können. Aber ist das wirklich wahr? Wenn Johannes nur etwas Gespür für seine Zeitgenossen hatte, dann hat er hier wiedergegeben, wie sie sich in der Begegnung mit Jesus fühlten: sie verstanden aber nicht.

Was verstanden sie nicht? Sie verstanden nicht, dass er vom Vater sprach! Dürfen wir soviel Vorverständnis einbringen, dass wir diesen Vater, der hier genannt ist, als Gott bezeichnen, Gott, der die Welt erschaffen hat, und der als Gott Abrahams Isaaks und Jakobs seit vielen Generationen angebetet wurde? Als direkter Gesprächspartner Jesu wäre uns das sicher schwer gefallen. Gott, der Vater eines Menschen, der uns Auge in Auge gegenübersteht? Aber wieso redet er dann immer auch von einem Menschensohn?

Jesus spielt mit diesen Begriffen scheinbar. - Will er bewusst das Bedürfnis des Glaubenden torpedieren, in sicheren Bahnen zu leben? Will er die Menschen, die ihm gegenüberstehen, durcheinander bringen? Oder will er sie dazu bringen, das vermeintlich Sichere zu hinterfragen?

Der Vater, der wahrscheinlich Gott ist, hat ihn geschickt, aber da ist da noch der Menschensohn, und man wird erkennen, dass er es ist, wenn er erhöht wird?

Was denn nun? Sohn Gottes oder Menschensohn? Die Gebildeten unter den Glaubenden werden natürlich gleich sagen: „Natürlich beides!" - „Wahrer Mensch und wahrer Gott." Aber das konnte man von den direkten Gesprächspartnern Jesu, wie Johannes sie schildert, noch nicht erwarten, es zog sich noch ein paar Jahrhunderte hin, bis die Zwei-Naturen-Lehre als Glaubenssatz formuliert wurde.

Wenn ihr den Menschensohn erhöhen werdet, dann werdet ihr erkennen, dass ich es bin.

Eine Bedingung ist an die Erkenntnis der wahren Natur Jesu gebunden. Es gibt also einen Weg, ihn zu verstehen: wenn ihr den Menschensohn erhöhen werdet!

Was ist diese Erhöhung? Wenn jemand erhöht wird, steht er höher als die anderen. Wir kennen das von antiken Herrschaftsszenarien, und wir kennen es auch heute noch. Früher wurde dem Herrscher ein hoher Thron errichtet. Er konnte so von oben herab auf seine Untertanen schauen, er war erhöht, jedermann konnte es sehen, und dazu war die Erhöhung gedacht, dass jedermann es sehen konnte.

Und heute? Nun jedes Kind weiß, dass der Gewinner der Goldmedaille auf dem Treppchen höher steht als die Silber- und Bronzemedaillengewinner. Auch in der heutigen Zeit ist Erhöhung noch selbstverständlich. Und auch wenn moderne Herrscher uns heute auf Augenhöhe begegnen wollen, schaut man doch zu ihnen auf, egal wie groß sie sind.

Wie wird aber Jesus erhöht?

Er wird zunächst jubelnd in Jerusalem empfangen. Die Hosianna-Rufe bei seinem Einzug gereichen jedem weltlichen Herrscher zur Ehre. Aber geübte Bibelleser wissen: auf die Hosianna-Rufe folgten schnell die gellenden Schreie: „Kreuzige ihn".

Und in der Tat, ist nicht die Kreuzigung auch eine Erhöhung?

Hoch oben haben sie ihr Opfer wie eine Trophäe präsentiert, auf einem Hügel, der über die Stadt ragte, und dann noch mit einer Holzkonstruktion, damit man aus jeder Position der Menschenmasse ihn auch sehen konnte.

Menschlich war es eine Erniedrigung. Der eben noch Bejubelte muss eines schmählichen Todes sterben. Aber rein physikalisch war es eine Erhöhung. Der leidende Menschensohn erhob sich über alle Menschen seiner Umgebung.

„Wenn ihr den Menschensohn erhöhen werdet, dann werdet ihr erkennen, dass ich es bin."

Nun, wer hat ihn so schmählich erhöht? Die Machthaber auf Seiten des Staates oder der Religion? Oder hat nicht auch jeder seiner wohlwollenden Gesprächspartner dazu etwas beigetragen? „Wenn ihr den Menschensohn erhöhen werdet". Die Gesprächspartner Jesu ahnten noch nicht, dass sie etwas zu dieser ungewöhnlichen Erhöhung beitragen würden.

Ja, fast scheint es so, als habe jeder einen Hammerschlag dazu beigetragen, dass er am Kreuz erhöht wurde. Aber wir Heutigen dürfen uns nicht zurückziehen als historische Betrachter, auch wir hätten damals nicht anders handeln können. Mit jeder Schuld, die wir täglich auf uns laden, treiben wir den Nagel etwas mehr durch seinen Körper. Heute genauso wie damals. Hätten wir es verhindern können? Wenn ihr den Menschensohn erhöhen werdet, dann werdet ihr erkennen, dass ich es bin und nichts von mir selber tue, sondern, wie mich der Vater gelehrt hat, so rede ich.

Der, der zugleich Gottessohn und Menschensohn ist, nimmt sich selbst zurück, er tut nur, was der Vater sagt, er folgt dem Weg, der ihm vorgezeichnet ist. Hätte er diese erniedrigende Erhöhung vermeiden können? Man hätte es ihm gewünscht, wie man auch dem Sohn des Weinbergbesitzers gerne den Tod erspart hätte, dem ihm die untreuen Knechte beigebracht haben.

Aber sein Weg führte zum Kreuz, und auch damit tat er den Willen des Vaters. Doch wer nun diesen Vater als Tyrannen darstellt, der eben Opfer will, und wenn er sie im Volk nicht findet, dann seinen eigenen Sohn nimmt, der verkennt, was dieser Sohn, seinen Mitmenschen gesagt hat: Wenn ihr den Menschensohn erhöhen werdet...  Jeder hat seinen Teil dazu beigetragen.

Doch in dieser unmenschlichen Erniedrigung ist Jesus nicht allein. Und der mich gesandt hat, ist mit mir. Er lässt mich nicht allein; denn ich tue allezeit, was ihm gefällt.

Dennoch eine traurige Geschichte, wer sollte jemanden, der daran glaubt, darum beneiden? Doch schließlich erwächst aus der Erniedrigung die Möglichkeit der Erhöhung für alle Menschen.

Nach dem im Nachhinein erniedrigendem Einzug in Jerusalem sagt Jesus zu den Menschen: Und ich, wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen. (Joh 12,32)

Johannes gibt hier schon einen Hinweis, dass diese Erhöhung kein Quell der Freude ist, er schreibt: Das sagte er aber, um anzuzeigen, welchen Todes er sterben würde. (Joh 12,33)

Damals haben die Menschen das sicher noch nicht so verstanden, wahrscheinlich wähnten sie sich mit Jesus auf dem Siegertreppchen und wollten sich im Licht des Erfolges sonnen.

Doch aus Sicht eines Menschen, der von Karfreitag und Ostern weiß, der von Tod und Auferstehung Jesu Christi in der Bibel gelesen hat, dürfen wir doch Hoffnung haben. Wir müssen zwar mit Jesus durch den Tod gehen, aber wir dürfen auch mit ihm leben. Wir müssen mit ihm den Weg durch die erniedrigende Erhöhung gehen, aber wir werden auch mit ihm erhöht über alle Niedrigkeit.

Er erspart uns nicht das Leiden, aber er schenkt uns auch das ewige Leben.

Er, der Sohn Gottes, zieht uns mit in die göttliche Sphäre, er schenkt uns Leben, aber er lässt sich auch von uns in die menschlichen Abgründe ziehen, und da ist er wieder ganz Menschensohn.

Wenn früher in der christlichen Lehre oft von stellvertretendem Leiden gesprochen wurde, haben wir nicht verstanden, warum dieser Mensch für uns leiden solle. Wir hatten Mitleid mit ihm, wie mit dem Sohn des Weinbergbesitzers, der von den Knechten erschlagen wurde.

Aber vielleicht können wir heute eher vom Mitleiden Jesu Christi reden. Wir müssen in vielen Situationen erleben, Krankheit, Mangel an Beachtung und Kommunikation, und manche Krankheit bringt Menschen den sozialen Tod, während man für sie den leiblichen Tod herbeisehnen würde. Doch bei all dem gilt, was Jesus von Gott seinem und unserem Vater gesagt hat: Und der mich gesandt hat, ist mit mir. Er lässt mich nicht allein.

Er lässt mich nicht allein. Er lässt uns nicht allein. Wir müssen das Leiden Christi erleben, aber wir erleben auch, dass er mit uns leidet und uns so zum Leben führt?

Warum tut Gott das? Jesus sagt: denn ich tue allezeit, was ihm gefällt.

Er tut also das, worum uns manch andere beneiden mögen. Er fügt sich ein in ein enges Korsett von Geboten und Richtlinien. Und an seinem Lebensweg sehen wir, dass dies nicht unbedingt eine Lebensweise ist, um die Außenstehende einen beneiden mögen. Schließlich ist sein Leiden ein schweres Leiden, das man seinem ärgsten Feind nicht wünschen mag. Aber schließlich wird er nicht nur am Kreuz erhöht, sondern auch aufgenommen in das Reich seines Vaters, in das Reich der Himmel, eine Erhöhung also, wie man sie sich nicht zu erträumen wagt.

Doch wer Jesus auf diesem Weg folgen will, muss auch den Weg des Leidens gehen, muss also sein Kreuz als sein eigens auf sich nehmen.

Nun, bei dieser Aussicht halten sich die Neider schon in Grenzen. Imititatio Christi, also die Nachahmung seines Leidens- und Lebensweges ist daher auch heutzutage nicht mehr Ziel eines neidvollen Blickes auf die christliche Religion.

Eher sucht man Rituale und feste Regeln im Umgang mit den Grenzfällen des Lebens. Man sucht Halt in dieser haltlosen Zeit.

Doch kann man mit dem, was wir heute gehört haben, einen Skeptiker zum Glauben bringen? Da werden die Glaubenden als Henker des Heilsbringers hingestellt. Da wird nicht einfach ewiges Leben versprochen, da muss man erst durch das Tal des Todes gehen, und selbst dies erreicht man nur durch die tiefe Schlucht des Leidens, bevor man zu den grünen Auen des ewigen Lebens gelangt.

Warum fällt es vielen Menschen so schwer, an Jesus Christus zu glauben, der für uns gelitten hat, der uns das Leben geschenkt hat, obwohl wir an seinem Tod beteiligt waren?

Sicherlich deshalb, weil dieser Glaube nicht einfach ein sorgenfreies Leben verspricht, sondern weil er den Menschen fordert, sich mit sich selbst auseinander zusetzen.

Aber dennoch damals wie heute gilt, was Johannes schrieb: Als er das sagte, glaubten viele an ihn.

Dieser Glaube ist kein Allheilmittel, er hilft nicht sofort wie eine Kopfschmerztablette. Dieser Glaube ist eine Lebenseinstellung, er fordert mich, aber er gibt mir auch etwas.

Er nimmt mich ernst in meinen Schwächen, und er verhilft mir zu meine Stärken. Der Glaube ist menschlich, denn der Menschensohn weiß, wie es um mich steht. Dieser Glaube ist göttlich, denn er zeigt mir einen Weg aus dieser Welt heraus.

Im Jesus Christus im Menschensohn und Sohn Gottes vereinen sich die Sehnsucht nach der Flucht aus dieser Welt und die Notwendigkeit, die Aufgaben dieser Welt zu bestehen, und scheinen sie auch noch so schwer zu bewältigen.

Die Menschen verstanden Jesus zunächst nicht, aber als er sagte, dass Gott ihn begleitet, glaubten viele an ihn: „der mich gesandt hat, ist mit mir. Er lässt mich nicht allein."

Ich wünsche Ihnen den Segen und die Begleitung durch Gott. Ich wünsche Ihnen den Glauben an ihn.

Amen. 



Pfarrer Michael Nitzke
Ev. Kirchengemeinde Kirchhörde
Dahmsfeldstr. 44,
44229 Dortmund
www.kirchhoer.de
www.nitzke.de/pfarrer

E-Mail: nitzke@kirchhoer.de

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