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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

14. Sonntag nach Trinitatis, 17.09.2017

Unser Eingemachtes verlangt nach Diskretion
Predigt zu Markus 1:40-45, verfasst von Christine Hubka

Und es kam zu ihm ein Aussätziger, der bat ihn, kniete nieder und sprach zu ihm: Willst du, so kannst du mich reinigen.

Und es jammerte ihn, und er streckte seine Hand aus, rührte ihn an und sprach zu ihm: Ich will's tun; sei rein!

Und alsbald wich der Aussatz von ihm, und er wurde rein.

Und Jesus bedrohte ihn (brummte ihn an) und trieb ihn alsbald von sich (verjagte ihn)

und sprach zu ihm: Sieh zu, dass du niemandem etwas sagst; sondern geh hin und zeige dich dem Priester und opfere für deine Reinigung, was Mose geboten hat, ihnen zum Zeugnis.

Er aber ging fort und fing an, viel davon zu reden und die Geschichte bekannt zu machen, sodass Jesus hinfort nicht mehr öffentlich in eine Stadt gehen konnte; sondern er war draußen an einsamen Orten; und sie kamen zu ihm von allen Enden. Mk 1, 40-45

 

Warum, warum nur will Jesus nicht,

dass der Mann, den er geheilt hat, anderen Leuten davon erzählt.

Gute Nachrichten soll man doch verbreiten, könnte man argumentieren.

Und Werbung für seine Sache, für sein Anliegen wäre diese Geschichte auch.

 

Aber nein, Jesus brummt ihn an, verordnet ihm Schweigen und schickt ihn weg.

 

Stellen wir uns diese Szene einmal so vor,

als wäre sie heute passiert.

Da kommt jemand zu dir oder zu mir, dem es total elend geht.

Alle, wirklich alle haben sich von ihm zurückgezogen.

Ihr wisst ja, dass Aussätzige aus gesundheitspolitischen Gründen Kontaktverbot hatten.

 

Diese Person wagt in ihrer Verzweiflung,

sich dir oder mir anzuvertrauen.

Sie hat gehört, dass du ein Mensch bist,

der anders tickt als viele andere.

Dass du nicht automatisch jemanden abweist.

 

Diese Person hat dich richtig eingeschätzt.

Ihre Not berührt dich.

Nicht dein Kopf sondern den Herz spricht, als du sagst, na gut, ich will dir helfen.

Ob du dann deine Brieftasche zückst, um die ausstehende Miete zu zahlen,

bevor die Delogierer kommen.

Ob du den Kindern bei den Hausaufgaben hilfst,

ob du eine Asylwerberin zum Interview begleitest.

Ob du in eine völlig desolate Wohnung gehst und dort mit einem schnell zusammengetrommelten Team die nötigen Reparaturen machst.

Das ist egal.

 

Was immer du tust, zwischen dir und dem Menschen,

der dich um diene Hilfe gebeten hat, entsteht eine Beziehung.

Denn er hat ja nicht deinen Kopf sondern dein Herz berührt.

So jedenfalls ist es Jesus ergangen.

 

Und es jammerte ihn, …

 

Erstaunlich ist, dass die griechische Formulierung frei übersetzt lautet:

Das Leid dieses Aussätzigen hat ihn in seinem Mutterleib bewegt.

 

Und jede Berührung, jede Bewegung in diesem „Mutterleib“,

führt dazu, dass ein Mensch etwas tut.

… und er streckte seine Hand aus, rührte ihn an und sprach zu ihm:

Ich will's tun; sei rein!

 

Wer von der Not eines anderen berührt wird,

redet nicht nur sondern tut auch was.

Aber:

Wo auch immer wir meinen, dass menschliches Mitgefühl und Erbarmen angesiedelt ist:

Es ist eine sehr intime Angelegenheit,

wenn jemand dann etwas tut.

Wenn die Not eines Menschen mich berührt,

dann berühre ich das Leben und das Leid diese Menschen.

Mit der Hand. Mit den Augen. Mit allen meinen Sinnen.

Dann geht es, um es ein wenig frech zu formulieren,

bei mir und der anderen Person ums Eingemachte.

Und unser Eingemachtes das verlangt nach Diskretion.

 

Solche Momente sind immer auch exklusiv.

Das heißt sie schließen andere aus.

Das kennen wir vom Spielplatz, wenn ein Kind sich die Knie aufgeschlagen hat:

Die Mutter, der Vater nimmt es auf den Schoß.

Streichelt es.

Knuddelt es.

Hält es ganz fest.

Bis der Schreck und der Schmerz wieder weg sind.

 

Die anderen Kinder, die Geschwister sind in diesem Moment

aus diesem Schutzraum ausgeschlossen.

Er gehört nur dem weinenden Kind.

 

Daraus kann auch Neid und Missgunst entstehen.

Das erweckt womöglich den Impuls: wieso nicht ich auch?

Denn in jedem Menschen, wirklich in jedem lebt auch die Sehnsucht

nach solchen Momenten, wo es nur um mich geht. Ausschließlich um mich.

Wo nichts anderes, niemand anderer mehr zählt.

Daraus können auch Forderungen entstehen an denjenigen,

der einem anderen diesen intimen Moment geschenkt hat.

Wenn du ihm, dann auch mir.

Sonst wäre das doch ungerecht!

Ich habe es genauso verdient, wie diese!

 

Und Jesus brummte ihn an und trieb ihn alsbald von sich

und sprach zu ihm: Sieh zu, dass du niemandem etwas sagst.

 

Jesus ist hier diskret.

Er schützt mit seiner Anweisung diese intime Beziehung,

die sich eingestellt hat.

So wie ich und wahrscheinlich du auch, es nicht gerne hätten,

wenn jemand herum geht und ausposaunt, in welcher Weise wir geholfen haben.

 

Dazu kommt noch etwas, was ganz und gar mit Jesus, dem Menschensohn und Gottessohn,

mit Jesus, dem Messias zu tun hat.

 

Nicht die Sensation, nicht dass er einen anderen geheilt hat, bringt Menschen zu ihm.

Es geht immer um persönliche Begegnung.

 

Der Kranke kommt zu ihm und sagt:

Willst du, so kannst du mir helfen.

Er drückt damit aus: Ich bin bis hierhergekommen.

Bis hierher habe ich entschieden, was zu tun ist.

Jetzt lege ich es in deine Hand.

Ab sofort kann ich nur vertrauen und hoffen, dass du mich berührst.

 

Der Geheilte hält sich nicht an die Anordnung

Und posaunt die Geschichte in der Gegend herum…

sodass Jesus hinfort nicht mehr öffentlich in eine Stadt gehen konnte …

Denn

Die Leute kommen in Scharen.

Sie wollen keine persönliche Berührung.

Sie wollen keine persönliche Beziehung.

Sie wollen „auch haben“.

Sie wollen sich holen, „was ihnen zusteht“.

 

Jesus entzieht sich diesem Ansturm und geht nicht mehr öffentlich in die Stadt.

So ist es bis heute geblieben.

Die Beziehung zu Gott, wenn Jesus einen Menschen berührt,

dann ist es eine intime Geschichte.

Es ist nicht massentauglich.

Und es bleibt immer ein Wunder, um das ich nur bitten kann.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.



Pfrn.i.R., Gefängnisseelsorgerin Christine Hubka
Wien
E-Mail: christine.hubka@gmx.at

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