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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

14. Sonntag nach Trinitatis, 17.09.2017

Ungehorsam
Predigt zu Markus 1:40-45, verfasst von Güntzel Schmidt

Zu Jesus kam ein Leprakranker, bat ihn auf Knien und sprach: Wenn du willst, kannst du mich rein machen. Jesus hatte Mitleid mit ihm, streckte seine Hand aus, berührte ihn und sprach: Ich will, sei rein! Sofort verschwand die Lepra, und er war rein. Jesus schickte ihn gleich wieder weg und schärfte ihm ein: Sieh zu, dass du keinem etwas sagst, sondern geh, zeige dich dem Priester und opfere für deine Reinigung, was Mose geboten hat, damit sie den Nachweis deiner Heilung haben. Der Geheilte aber ging weg und begann, viel davon zu erzählen und die Geschichte zu verbreiten, sodass Jesus nicht mehr öffentlich in eine Stadt gehen konnte, sondern außerhalb der Stadt an einsamen Orten bleiben musste. Und sie kamen von überall zu ihm.

(Eigene Übersetzung)

 

Liebe Schwestern und Brüder,

 

eine Gesellschaft muss sich schützen. Darüber sind sich Politiker aller Parteien einig, und darüber sind wohl auch wir uns einig.

Eine Gesellschaft muss sich schützen gegen Bedrohung von außen - dazu hat sie eine Armee.

Sie muss sich schützen gegen Verbrecher und Gewalttäter - dazu hat sie die Polizei.

Sie muss sich schützen gegen Terrorismus - dazu gibt es die Geheimdienste.

Sie muss sich schützen gegen Krankheiten und Seuchen - dazu gibt es die Krankenhäuser und Gesundheitsämter.

 

Manchen Menschen und Politikern geht dieser Schutz noch nicht weit genug. Sie sind der Meinung, die Gesellschaft müsse sich auch gegen alles Fremde schützen, indem sie Einwanderung beschränkt und kein Asyl mehr gewährt.

Andere wiederum sind der Meinung, dass die Gesellschaft offener werden muss. Sie misstrauen der Überwachung durch den Staat. Sie meinen, dass der Staat auf Waffen und eine Armee verzichten sollte. Sie empfinden die Impfpflicht, die ansteckende Krankheiten wie die Pocken ausrotten will, als Bevormundung.

 

II

Eine Gesellschaft muss sich schützen. Aber wie weit darf der Schutz gehen, wie locker können Grenzen gezogen werden? Darf man Menschen dazu zwingen, sich impfen zu lassen, um Krankheiten auszurotten, wie das mit den Pocken fast gelungen ist?

 

Im alten Israel entschied man sich für die Ausgrenzung: Wer eine ansteckende Krankheit wie die Lepra hatte, musste die Gesellschaft verlassen. Er musste an ihrem Rand, musste an einsamen Orten leben. Musste sich so kleiden, dass jeder ihn von weitem als Kranken erkennen konnte. Und sobald jemand in seine Nähe kam, musste er rufen: Thame, thame, unrein, unrein. Und natürlich durfte er niemanden berühren - und niemand durfte ihn berühren.

 

Im Falle, dass ein Kranker Heilung fand, konnte er nicht einfach in die Gemeinschaft zurückkehren. Er musste sich zuvor dem Priester zeigen, der beurteilte, ob er tatsächlich gesund war. Die Priester waren damals das, was heute unsere Gesundheitsämter und Amtsärzte sind. Auf die Anerkennung der Heilung folgte dann noch das öffentliche Opfer. Dadurch nahm der ehemals Kranke erstmals wieder am Gottesdienst teil, Und dadurch zeigte er allen: Ich bin tatsächlich wieder gesund. Ihr dürft mich wieder berühren, ich darf wieder zum Gottesdienst gehen, darf wieder unter euch wohnen.

Auf diese Weise schützte sich die Gesellschaft des alten Israel relativ erfolgreich gegen die Ausbreitung ansteckender Krankheiten. Allerdings zu einem hohen Preis: Die Kranken wurden isoliert. Sie verloren den Kontakt zu Familie und Freunden. Und, was noch schmerzlicher ist: Sie wurden nicht mehr berührt. Sie durften keine Nähe mehr erleben.

 

III

Eine Gesellschaft muss sich schützen. Damit der Schutz tatsächlich funktioniert, müssen sich alle an Regeln halten. Deshalb haben wir eine Polizei und Gerichte, die darauf achten, dass die Regeln befolgt werden. Aber immer wieder gibt es Menschen, die sehen nicht ein, dass sie sich an Regeln halten sollen. Solche Leute werden oft verteufelt, weil man fürchtet, sie könnten die Gesellschaft zerstören. Dabei sind diese Kritiker für eine Gesellschaft wichtig. Sie zeigen, wo Regeln über ihr Ziel hinausschießen: wo sie Leben beengen oder sogar verhindern, statt es zu schützen; wo sie Menschen ausgrenzen, ausschließen oder aussperren.

 

Und dann gibt es Menschen, die brechen manchmal Regeln um einer höheren Regel willen - aus Liebe, oder aus Mitleid.

In unserer Geschichte ist es Jesus, der die Regeln bricht: Er berührt einen Unberührbaren, weil er ihm leid tut. Er verstößt bewusst gegen eine Regel und riskiert, selbst angesteckt zu werden und die ansteckende Krankheit weiter zu verbreiten.

Aber seine Berührung bewirkt etwas Wunderbares: Den, der so lange ohne menschliche Nähe, ohne eine Berührung auskommen musste, macht sie rein und heilt ihn.

 

Ist das nicht dasselbe, Reinheit und Heilung?

Ja - und nein.

Ja, es ist dasselbe, insofern der Leprakranke tatsächlich die Lepra loswurde und sich dem Priester vorstellen kann, der das bestätigen wird. Durch sein Opfer im Tempel wird der Geheilte öffentlich zeigen, dass er wieder gesellschaftsfähig geworden ist.

 

Und, nein, Reinheit und Heilung sind nicht dasselbe, weil Reinheit bedeutet, zur Gemeinschaft mit Gott zugelassen zu sein. Jesus, der Sohn Gottes, hat Gemeinschaft mit einem Kranken. Der Leprakranke ist dadurch bereits in die Gemeinschaft mit Gott aufgenommen, bevor seine Heilung offiziell auf dem Dienstweg bestätigt wurde. Und er befände sich sogar in dieser Gemeinschaft, wenn das Wunder nicht geschehen, wenn er nicht geheilt worden wäre.

 

IV

Jesus verletzt bewusst eine Regel. Aber er möchte nicht, dass der Geheilte auch die Regeln verletzt. Deshalb schärft er ihm ein, die Regeln einzuhalten, sich dem Priester zu zeigen und zu opfern, was vorgeschrieben ist, damit er wieder am öffentlichen Leben teilnehmen kann.

Aber der Ex-Leprakranke schlägt die Worte Jesu in den Wind. Er, der eben noch Jesus zu Füßen lag und um Gnade bettelte, geht leichtsinnig über den ausdrücklichen Befehl Jesu hinweg: Statt zum Priester geht er direkt unter die Leute und erzählt ihnen seine Geschichte.

 

Wenn man sich selbst nicht an Regeln hält, muss man sich nicht wundern, wenn andere das auch nicht tun. Deshalb gibt es eine alte, tiefsitzende Feindschaft zwischen denen, die Regeln aufstellen und sie vertreten und denen, die meinen, Regeln seien dazu da, um auch manchmal gebrochen zu werden.

 

Jesus gehört zu den Regelbrechern. Er tut es nicht mutwillig, er hat einen guten Grund. Aber das können die Vertreter von Recht und Ordnung nicht erkennen. Deshalb schärft Jesus ein: Die Regeln sind als Hilfe für den Menschen gedacht; der Mensch ist nicht dazu da, Regeln zu erfüllen. Oder, mit Jesu Worten: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht, nicht der Mensch um des Sabbats willen (Markus 2,27).

 

Warum aber besteht er dann so nachdrücklich darauf, dass der Geheilte die Regeln einhält?

Weil das Befolgen der Regeln Voraussetzung für die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft ist. Wenn der Geheilte sich nicht an die Regeln hält, läuft er Gefahr, weiterhin aus der Gemeinschaft ausgeschlossen zu bleiben. Wenn er sich nicht dem Priester zeigt und das Opfer nicht darbringt, das seine Heilung erweist, ist er ja nicht offiziell geheilt. Offiziell ist er immer noch ein Kranker, den man meiden muss.

Aber dem Geheilten ist das gleichgültig. Nach der langen Zeit der Isolation, des Außenseitertums schlägt er Jesu Warnung in den Wind.

Wie kann man nur so leichtsinnig sein?

 

V

Der Geheilte ist rein. Und er ist von seiner Krankheit, der Lepra, befreit. Mehr als die Heilung von einer schlimmen Krankheit freut ihn jedoch die Reinheit, denn sie bedeutet: Er hat wieder Gemeinschaft mit Gott. Diese Gemeinschaft hängt nicht ab von der Befolgung von Regeln; sie hängt nicht an der körperlichen Unversehrtheit. Gott selbst hat ihm die Hand gereicht, als er noch krank war. Dem Geheilten ist es deshalb gleichgültig, ob die Priester, ob die Nachbarn seine Heilung anerkennen. Er hat Anerkennung bei Gott gefunden, mehr braucht er nicht.

 

Jesus begründet eine neue Gemeinschaft, die sich Gott unmittelbar verbunden weiß, ohne den Umweg über Regeln und Amtspersonen. So etwas ist gefährlich für die Gesellschaft, denn wer sich nicht an Regeln gebunden fühlt, der bricht auch manchmal Regeln. Deshalb wurden und werden Christen verfolgt. Sie wurden und werden verfolgt, weil sie sich nicht an Regeln um der Regeln willen halten, sondern die Regeln prüfen, ob sie der Liebe und der Barmherzigkeit im Wege stehen. Wenn sie es tun, haben sie keine Skrupel, solche Regeln, wenn es sein muss, auch zu brechen.

 

Wir sind Bürgerinnen und Bürger eines Landes, das mit Gesetzen unser Zusammenleben regelt. Bei der Bundestagswahl am 24. September entscheiden wir darüber, wie eng die Grenzen gezogen werden; ob wir uns als Gesellschaft öffnen oder uns stärker abkapseln wollen.

 

Daneben gehören wir zu einer neuen Gemeinschaft, in der wir durch Jesus direkt mit Gott verbunden sind. Zu dieser Gemeinschaft zu gehören bedeutet, kritisch gegenüber Regeln zu sein, die Menschen ausgrenzen, ausschließen oder aussperren. Und manchmal, wenn es sein muss, solche Regeln auch zu brechen.

 

Man muss sich entscheiden, ob man zu dieser Gemeinschaft gehören will. Jesus rät dem Geheilten nachdrücklich, in die alte Gemeinschaft zurückzukehren, weil die neue Gemeinschaft manchmal quer zur Gesellschaft steht, und das kann Ausgrenzung, Ausschluss oder Aussperrung bedeuten. Aber es bedeutet auch, Gott nahe zu sein. Diese Nähe ist es, die der Geheilte erfahren hat.

Amen.

 

 

Zur Predigtvorbereitung empfehle ich den "Offenbart"-Podcast von Lukas Klette und Simon Mallow zur Stelle:

http://offenbartcast.de/podcast/folge-7-total-krank-mk-140-45/



Pfarrer Güntzel Schmidt
Meiningen
E-Mail: guentzel.schmidt@gmx.de

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