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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

14. Sonntag nach Trinitatis, 17.09.2017

Der Schritt über die Grenze
Predigt zu Markus 1:40-45, verfasst von Bernd Giehl

Liebe Gemeinde!

Carlsen heißt das Monster, das schon früh in dem Roman „Die Frauen“ von T.C. Boyle herumspukt. Einfach nur „Carlsen“. Es ist ein Ungeheuer aus der Vergangenheit und es hat zumindest eine Geliebte des großen Architekten Frank Lloyd Wright, dessen Leben Boyle in seinem Roman erzählt, auf dem Gewissen.

Nur dass wir auf den ersten vierhundert Seiten des Romans fast nichts über diesen „Carlsen“ erfahren. Er könnte genauso gut auch ein Hurrikan mit diesem Namen sein. Auch Hurrikane haben seltsamerweise Namen und sie bringen Tod und Zerstörung, wenn auch nicht über eine Familie, sondern über ein ganzes Gebiet. Aber was oder wer „Carlsen“ ist, erfahren wir erst im letzten Teil des Buches. T.C. Boyle erzählt nämlich nicht chronologisch, sondern von der Gegenwart rückwärts in die Vergangenheit. In den ersten Teilen geht es auch erst einmal gar nicht um Carlsen, sondern um Frank Lloyd Wright, den Stararchitekten Amerikas in den zwanziger und dreißiger Jahren, um seine Frauen und um die abgründig verlogene Moral dieser Jahre, die zwar Ehebruch hart sanktioniert aber zugleich nach der Sensation giert. In „Die Frauen“ geht es um ebenjene Wesen um Frank Lloyd Wright herum. Also um Kitty, die er als erste geheiratet hat, dann um Miriam Maude, seine zweite Frau, süchtig nach Morphium und genauso eifersüchtig, als Wright sie verlässt um sich seiner dritten Frau, Olgivanna zuzuwenden. Miriam schafft es, ihrem Ex-Mann das Leben immer wieder einmal zur Hölle zu machen, nicht zuletzt, indem sie sich der Presse bedient, die moralisch entrüstet tut aber genüsslich die Skandalgeschichten aufnimmt, die Miriam Maude ihnen flüstert und ihren Lesern heiß serviert, Zwischendurch taucht immer wieder Mamah auf, irgendwie ein Geist, aber in Wrights Erinnerung die perfekteste seiner Geliebten, nur leider tot und schuld daran ist niemand anders als dieser perfide Carlsen.

Aber erst im vierten Buch tritt er auf. Man hat ihn sich als Weißen vorgestellt, der irgendwie zu Wrights Feind geworden ist, was man sich bei dessen Lebensweise leicht vorstellen kann, aber als er und seine Frau am Bahnhof von Oakville ankommen, wo sie vom Erzähler, einem japanischen Architekten abgeholt werden, da sind Carlsen und seine Frau schwarz und kommen, um als Butler bzw. als Hausangestellte in Wrights Haushalt tätig zu werden. Sie sind jetzt hier, weil Carlsen sich im Norden der USA den sozialen Aufstieg und überhaupt ein besseres Leben vorstellt. Carlsen ist gebildet; er spricht keinen Niggerslang, sondern die Sprache der Weißen. Am liebsten würde er so leben wie sie, nur dass er ständig daran erinnert wird, dass er ein Schwarzer ist. Aber wozu ist man ein Mann mit Träumen. Vielleicht nicht ganz so groß, wie die von Mr. Wright, aber dennoch groß genug. Nur leider hängt des soziale Aufstieg nicht allein von ihm selbst ab; für das Leben, das er sich vorstellt, braucht er eine Frau, die genauso elegant und gebildet auftritt, wie er. Leider ist sie das nicht; will es vielleicht nicht einmal sein, und das wiederum ist Carlsens wundeste Stelle. Er weist sie zurecht, schlägt sie auch, und wie das Unglück es will, kommt Mamah dazu, Wrights Geliebte, tadelt Carlsen scharf, will ihn erziehen, indem sie ihm ein Buch über die Rechte der Frauen gibt. Am Ende teilt sie ihm sogar mit, dass er gehen muss, weil sie eine Frauenrechtlerin ist und Gewalt gegen Frauen nicht dulden kann. Was wiederum eine blinde Wut in Carlsen entfacht, sodass er eine Axt holt, Mamah, ihr Kind und ihre Gäste erschlägt und das Haus in Brand steckt.

Spätestens ab diesem Punkt wird man sagen können: Carlsen ist ein Aussätziger. Aber man lernt dabei auch: Als Aussätziger wird man nicht geboren. Zum Aussätzigen wird man gemacht. Es ist die Gesellschaft, die die Aussätzigen produziert.

 

 

Und jetzt würde ich gern wissen, was Sie denken. Ein ungewohnter Ansatz? Ja, sicher. Eine Provokation? Möglich. Auch wenn ich dazu gleich sage: Es geht mir nicht darum zu provozieren. Was ich will ist,, diesen Text überhaupt erst einmal hörbar zu machen. Weil wir ihn nämlich sonst in eine Schublade stecken. Eine Schublade, die die Aufschrift „Lepra“ trägt. Eine Schublade aus der der Geruch allzu billigen Mitleids strömt. „Der arme Kranke. Gott sei Dank ist er weit weg.“

Aber da möchte ich nicht hin. Der Leprakranke in Indien ist mir zu weit weg. Auch wenn es ein Risiko ist: Dieser Text soll uns berühren. Er soll uns „unter die Haut gehen“.

Der Mörder Carlsen, der Mann mit der furchtbaren Wut, geht uns unter die Haut. Und zugleich versuchen wir, ihn auf Distanz zu halten. Vielleicht auch deshalb, weil wir seine Wut kennen. Die wir aber ebenso wenig an uns heranlassen wollen. Dafür ist sie uns viel zu unheimlich. Wir wollen nicht an sie rühren.

 

 

Oder habe ich mich jetzt doch zu weit vom Text entfernt? Zuzugeben ist ja: Der Aussätzige in unserem Text hat keine Axt, mit der er alles in Stücke schlagen kann. Vermutlich hat er nicht einmal Zorn in sich. Was auch immer seine Haut entstellt – Lepra oder eine andere Hautkrankheit – er muss es hinnehmen. Wahrscheinlich haben die Anderen ihm gesagt, seine Krankheit sei eine Strafe Gottes. Für was auch immer. Er kennt den Ekel der Anderen – nichts stößt so ab wie entstellte Haut – und womöglich ekelt er sich auch vor sich selbst. Sobald er auch nur in die Nähe anderer Menschen kommt, schüttelt er seine Klapper und ruft sein furchtbares: „Aussätzig, aussätzig.“ Wenn er Glück hat, lebt er in einer Kolonie mit anderen zusammen und wenn er noch mehr Glück hat, stellen Verwandte oder ehemalige Freunde ihm Lebensmittel hin. Nur dass sie sich der Kolonie allenfalls auf hundert Schritte nähern. Weil sie Angst vor Ansteckung haben.

Die Krankheit ist schlimm. Der Wunsch nach berührt werden und berühren können ist schlimmer. Aber das Schlimmste ist die Angst und der Ekel der Anderen. Das Schlimmste ist die Furcht der Anderen, selbst „aussätzig“ zu werden.

Aussatz ist schlimmer als Tod.

 

 

Natürlich fällt mir auch gleich die Geschichte von Franz von Assisi und seiner Begegnung mit dem Aussätzigen ein. Franz, der reiche Kaufmannssohn, der sich mit seinem Vater öffentlich überworfen hat und nun von Kartoffelschalen und verschimmeltem Brot lebt wie der ärmste aller Bettler, begegnet einem Aussätzigen, überwindet den Ekel, den selbst er spürt, umarmt ihn und gibt ihm den Friedenskuss.

Aber nicht einmal Franz lädt den Aussätzigen in seine Gemeinschaft ein. Auch dass dieser (für mich) größte und Sanfteste aller Heiligen den Aussätzigen heilte, wird nicht berichtet.

 

 

Und Jesus? Man kann die Geschichte von seiner Begegnung mit dem Aussätzigen natürlich für symbolisch halten; nur wird man dann nicht erklären können, warum die Priester ihm später seine Heilung attestieren. An der Stelle kann man sich natürlich stoßen, aber dann wird man sich bei jeder Wundergeschichte erneut stoßen. Irgendwann ist das (mir) nicht mehr wichtig (gewesen.) Wichtiger als das Wunder erscheint mir, dass Jesus die – schier unüberwindbare – Grenze, die es da zwischen ihnen gibt, überwindet. „Es jammerte ihn“ steht im Luthertext. Eine schlechter bekundete Lesart des Urtexts sagt: „Er wurde zornig.“ Auch das kann ich mir vorstellen, zumindest wenn ich daran denke, wie wenig sich Jesus auch sonst um die rituellen Reinheitsvorschriften des Judentums kümmerte. Er wird zornig, weil er versteht, wie sehr dieser Mensch unter seiner Isolation leidet. Und dann überschreitet er die Grenze, die andere gezogen haben, weil sie sich fürchten, berührt den Kranken „und sogleich wich der Aussatz von ihm.“ (V42)

Aber dann schlägt die Stimmung um. Dann kommt die Stelle, die zumindest mir das größte Kopfzerbrechen bereitet. „Und Jesus drohte ihm und trieb ihn alsbald von sich und sprach zu ihm: Sieh zu, dass du niemandem etwas sagst, sondern geh hin und zeige dich dem Priester.“ (V43 f.)

Ja, bitte: Geht’s noch? Der Geheilte kann es natürlich nicht für sich behalten. Wie sollte er auch. Schon die Vorstellung, er könnte im Gespräch mit den Priestern die Umstände seiner Heilung verschweigen, ist abstrus. „Du hast tatsächlich deinen Aussatz verloren“, werden sie zu ihm gesagt haben, „aber wie ist das möglich?“ Soll er dann sagen: „Der, der mich geheilt hat, hat mir verboten, darüber zu sprechen?“ Das ist unvorstellbar. Natürlich erzählt er davon; er kann gar nicht anders.

Warum aber dann dieses Verbot? Die Exegeten haben vom „Messiasgeheimnis“ gesprochen und davon, dass der Evangelist Markus es als seine eigene Interpretation des Lebens Jesu entwickelt habe. Es ist also möglich, dass nicht Jesus selbst das Verbot ausgesprochen hat, sondern dass es erst Markus war, der es der Geschichte hinzufügte. Die zweite mögliche Erklärung wäre, dass Jesus nicht als Wunderheiler bekannt werden wollte (noch steht er ja erst am Anfang seiner Tätigkeit.) Andererseits aber hat er schon vor der Begegnung mit dem Aussätzigen Menschen geheilt und zwar in aller Öffentlichkeit. Wie will er also etwas geheim halten, was schon längst bekannt ist?

Wenn man die Theorie des Messiasgeheimnisses also nicht unbedingt akzeptieren will, bleibt eine Möglichkeit: Jesus weiß, dass er mit dieser Heilung eine Grenze überschritten hat. Und zwar eine Grenze, die seiner Religion sehr wichtig war; die Grenze zwischen „rein“ und „unrein“. Mir scheint, dass Markus hier etwas „erkannt“ hat. Jedenfalls dann, wenn meine Interpretation dieser Geschichte richtig ist. Indem nämlich Jesus den Mann mit der entstellten Haut nicht einfach davonjagt und ihm sagt, er solle bitte weiterhin seine Klapper betreiben und ihn gefälligst nicht behelligen, macht er sich selbst auf extreme Weise verletzbar. Weil er doch die Grenze übertritt, die den Gesunden von den Kranken, den „Reinen“ von den „Unreinen“ trennt. Weil die Berührung mit einem, der „aussätzig gemacht“ wurde, vielleicht sogar schlimmer ist als die Begegnung mit Zöllnern und Huren, die auf ihre Weise ja auch „unrein“ waren. Der Schritt über die Grenze; er passiert hier. Zumindest mir scheint hier der erste Schritt auf dem Weg ans Kreuz gemacht zu werden, so wie er von den Evangelisten geschildert wird: „Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert worden wäre.“ (Jesaja 53) In Nuce ist das alles schon in der Geschichte von der Heilung des Aussätzigen vorhanden.

Die Frage ist nur, ob wir uns wirklich damit beschäftigen wollen. Und noch mehr ist die Frage, ob wir Jesus auf diesem Weg folgen wollen. Und folgen können. Oder ob an diesem Punkt die Angst zu groß wird. Nicht zuletzt, weil wir selbst uns dann als extrem verletzlich zeigen. Und das ist etwas, was man in unserer Gesellschaft nicht tut. Jedenfalls dann nicht, wenn man „dazugehören“ will.

Diese Geschichte, zeigt uns unsere Grenzen auf. Sich ihr zu nähern ist nicht ungefährlich.

Aber das gilt für viele biblische Geschichten.



Pfarrer Bernd Giehl
Nauheim
E-Mail: giehl-bernd@t-online.de

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