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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

13. Sonntag nach Trinitatis, 10.09.2017

Predigt zu Markus 3:31-35, verfasst von Friedrich Selter

Und es kamen seine Mutter und seine Brüder und standen draußen, schickten zu ihm und ließen ihn rufen. Und das Volk saß um ihn. Und sie sprachen zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern draußen fragen nach dir. Und er antwortete ihnen und sprach: Wer ist meine Mutter und meine Brüder? Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen, und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder! Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.

Liebe Gemeinde,

wenn wir gefragt werden, wer die wichtigsten Menschen für uns sind, dann wird die Mehrheit von uns antworten, ‚meine Familie‘. Meine Frau, mein Mann, meine Kinder, ja auch meine Eltern und Geschwister und dann auch die entferntere Verwandtschaft. Natürlich gibt es im Laufe unserer Biographie Verschiebungen. Ich erinnere mich daran, wie ich hier in Göttingen in den achtziger Jahren studiert habe. Ich wohnte in einer sehr netten Wohngemeinschaft. Und ich fand, das war wie Familie. Nur anders, denn wir alle brachten ja unsere unterschiedlichen Prägungen mit, und das mischte sich in der WG auf spannende Weise. So geht es sicher auch heute vielen Studierenden, die erstmals von zuhause weg sind. Und dann sagte ich Sonntagabends beim Abschied von meinen Eltern schon mal, „ich fahr jetzt nach Hause“. Allerdings habe ich das dann einsetzende leichte Schlucken noch vor Augen. Und heute, wenn unsere älteste Tochter sich so verabschiedet, kann ich das gut nachfühlen, sosehr ich mich auch über die neugewonnene Freiheit der Aufbrechenden freuen kann.

Aber auf die Länge des Lebens behält die Familie für uns eine zentrale Bedeutung. Sie ist der vertraute Ort, der uns geprägt hat. Unserer Gesellschaft gilt sie regelrecht als Keimzelle des sozialen Miteinanders und steht unter besonderem Schutz. Und das war im alten Orient nicht anders. Familienzusammenhalt über Generationen hinweg schuf Identität.

Darum ist die Haltung, die Jesu gegenüber seiner leiblichen Familie einnimmt, total provozierend. Um das zu verdeutlichen, führen wir uns den Abschnitt aus dem Markusevangelium noch einmal vor Augen. Da ist Jesus in einem Haus zu Gast und ganze Scharen von Menschen haben sich um ihn herum gedrängt. Er spricht vom Glauben, darüber, wie wir leben sollen und worauf wir hoffen dürfen. Jesus hat etwas zu sagen. Er hat ein besonderes Charisma. Er strahlt etwas aus, was die Menschen fasziniert. Aber er polarisiert auch. Die einen hängen an seinen Lippen und sind bereit, ihr Leben seinetwegen umzukrempeln, andere halten ihn für anmaßend und reagieren auf ihn aggressiv. Seiner Familie ist beides unangenehm. Sie will einfach nur Normalität. „Komm zu uns, wo du hingehörst.“ Aber weil sie gar nicht an ihn herankommen – wegen des Getümmels im Hause durchaus wörtlich, wegen seines Sendungsbewusstseins aber auch im übertragenen Sinne – weil seine Familie nicht an ihn herankommt, schicken sie andere vor. „Siehe, deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern draußen fragen nach dir.“ Jesu Gegenfrage kommt harsch: „Wer ist meine Mutter und wer sind meine Schwestern und Brüder?“ Es wird ganz still im Hause. Alle sind peinlich berührt. Sie ahnen, wie sich Jesu Angehörige jetzt fühlen müssen, wie sie schwanken zwischen Empörung und Verletzung. Ein anderes Wort schwingt schon mit, das Jesus später sagen wird: „Wahrlich ich sage euch: Es ist niemand, der Haus oder Brüder oder Schwestern oder Mutter oder Vater oder Kinder oder Äcker verlässt um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der nicht hundertfach empfange: jetzt in dieser Zeit Häuser und Brüder und Schwestern und Mütter und Kinder und Äcker mitten unter Verfolgung – und in der zukünftigen Welt das ewige Leben.“ Jesus wird zum Prototyp seiner Verheißung. Oder theologischer gesprochen: Seine Verheißung erfüllt sich in seiner Person. Er schaut um sich, sieht in die Gesichter einer jeden und eines jeden Einzelnen und sagt: „Ihr alle seid meine Brüder und meine Mütter. Wer den Willen Gottes tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.“

Ihr alle, ohne Ausnahme. Ihr, die ihr heute gekommen seid mit eurem starken oder gebrochenen Glauben. Ihr, die ihr von Kindesbeinen an in die Kirche geht, genauso wie ihr, die ihr erst versuchsweise hier seid, um zu hören und zu sehen, ob hier Halt und Lebensvergewisserung zu finden ist und anderes, als alle Welt ohnehin verspricht. Jesus fragt nicht nach unseren persönlichen Voraussetzungen. Sondern wir alle sind Christi Schwestern und Brüder und Mütter und Väter. Und wir sollen so geschwisterlich auch miteinander umgehen. Indem wir Gott im Gebet als „Unsern Vater“ ansprechen, wissen wir uns an eine Familie gewiesen, die unsere biologische Familie zwar durchaus einschließt, aber zugleich weit über sie hinausgeht. Das wertet unsere Herkunftsfamilie nicht ab, schließt aber auch den Nachbarn und die Arbeitskollegin, die Obdachlose und den Flüchtling mit ein. Und indem wir unsere Kinder taufen, betten wir sie in diese große Familie ein. Dieser großen, weltumspannenden Familie gehört unsere christliche Loyalität. Darum wohnt in ihr die Utopie, ein Band der Gerechtigkeit und des Friedens zu sein. Von dieser Utopie sprechen wir, wenn wir beten, „dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auch auf Erden.“ Und indem wir so beten, steht für uns fest, dass wir uns selbst für Gerechtigkeit und Frieden einsetzen wollen.

Und damit sind wir bei dem Thema, was denn Jesus unter den Willen Gottes versteht, nach dem wir unser Handeln ausrichten sollen. Welche Ethik folgert aus dem Glauben an Jesus Christus? Den Impuls Jesu, „wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter“, höre ich als einen diakonischen Impuls: Jede Gemeinschaft mit Gott führt zum Nächsten und sucht danach, was ihm dient. Darum kann Kirche als Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern auch nicht sein, ohne denen zu helfen, die Unterstützung brauchen. Kirche kann es nicht ertragen, dass es Menschen schlecht geht und sie ohne Hoffnung bleiben. Darum betet sie für die Notleidenden und erhebt zugleich Einspruch gegen ungleiche Chancen und andere Ungerechtigkeit. Kirche ist in Gemeinschaft mit Gott, wenn sie seine Liebe weitergibt. Von dieser Liebe heißt es im Korintherbrief, sie freue sich nicht der Ungerechtigkeit, sie freue sich aber an der Wahrheit. Ja, sie sei so langmütig und selbstlos, dass sie das Ihre nicht suchen würde.

Dieser hohe Maßstab christlicher Ethik provoziert selbstkritische Fragen. Vielleicht suchen wir ja doch insgeheim das unsere und bleiben lieber schön unter uns in der Familie oder im trauten Kreise der hochverbundenen Gemeindeglieder. Sind wir, die wir dankbar sind, von Jesus als seine Schwestern und Brüder wertgeachtet zu sein, nicht gleichzeitig auch diejenigen, die ihn wie seine leiblichen Schwestern und Brüder zu vereinnahmen suchen als jemanden, der in allererster Linie zu ihnen gehört und erst in zweiter Linie auch zu jenen anderen? Sind wir, die wir uns „drinnen“ wähnen, dann nicht unversehens in Wahrheit „draußen“? Sind diejenigen, für deren Wohl wir uns politisch einsetzen und deren Bedürftigkeit wir in den Einrichtungen unserer Diakonie abzuhelfen suchen, für uns wirklich im spirituellen Sinne Schwestern und Brüder, oder sind sie bloß Kunden oder Klienten? Betrachten wir Sie lediglich als Empfänger unserer Wohltätigkeit, oder begegnen wir einander auf Augenhöhe? Sehen wir in ihnen solche, von denen wir selber empfangen, weil Christus schon längst bei ihnen ist, und darum die Gemeinschaft mit diesen konkreten Nächsten zu Gott führt?

Mag sein, dass wir, die wir von Kindesbeinen an dazugehören, uns bei diesen Fragen mit unseren vielen „Scheren im Kopf“ und unserer geheimen Selbstgewissheit unangenehm ertappt fühlen. Mag andererseits sein, dass wir, die wir erst einmal versuchsweise hier sind, das Gefühl haben, dass der Glaube uns doch zu viel abfordere. Wir alle, ohne dass Jesus uns nach diesen jeweiligen Voraussetzungen fragt, sind miteinander von Jesus gemeint und angesprochen als seine Schwestern und Brüder, als seine Familie, als seine Gemeinde.

Schon als Jugendlicher hat mich Frère Roger Schutz, der Gründer der ökumenischen Bruderschaft von Taizé, fasziniert. Er hat einmal etwas gesagt, was ich sehr entlastend und befreiend finde: „Lebe das, was du vom Evangelium verstanden hast. Und wenn es noch so wenig ist. Aber lebe es.“

Amen.



Superintendent Friedrich Selter
Göttingen
E-Mail: friedrich.selter@evlka.de

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