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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

13. Sonntag nach Trinitatis, 10.09.2017

Predigt zu Markus 3:31-35, verfasst von Ulrich Wiesjahn

Liebe Gemeinde!

 

Wenn wir heute über einen recht kleinen Abschnitt aus dem Markusevangelium nachdenken, dann treffen wir unvermutet auf lauter wichtige Themen, die uns etwas angehen, nämlich auf Jesus und sein Glaube, Jesus und seine Familie, wir und unser traditionelles Christentum und schließlich auf den „Knackpunkt“ des Glaubens überhaupt.

   Doch hören wir erst einmal, was uns da Markus berichtet:

 

Lesung von Markus 3,31-35.

 

   Ich beginne mit dem Thema „Jesus und seine Familie“. Das ist, wie ich finde, interessant, explosiv und rätselhaft. Jesu Familie gehörte am Ende ganz zur frühen christlichen Gemeinde. Sein Bruder Jakobus, so lesen wir in der Apostelgeschichte, fand sogar den Märtyrertod. Seine Mutter Maria war eine verehrte Autorität zusammen mit dem Jünger Johannes. Doch ganz zu Beginn dachten dieselben Familienmitglieder: Jesus ist verrückt, den müssen wir einsperren. Davon berichtet Markus nur wenige Verse vor unserem Predigtabschnitt. Ich selbst habe in meinen „Marienliedern“ das folgende Gedicht dazu geschrieben:

 

Die Scham

 

„Fangt ihn, fangt das Schmerzenskind,

den mein Leib so früh geboren,

fangt mir den geliebten Toren,

dessen Worte Schmerzen sind,

 

fangt ihn aus der Leute Gier,

aus dem Flüstern in den Ecken,

wollt ihr ihn nicht endlich wecken,

dass er ruhe hier bei mir!“

 

Wirr verschworen sich die Seinen

In den Qualen um den Einen.

 

   Natürliche Bande, so erfahren wir hier, halten geistig und geistlich nicht unbedingt zusammen. Im Gegenteil, Verwandtschaft kann lähmen. Und lähmen können auch Sitten und Gebräuche und Traditionen, wenn es um Gott geht und um eine persönliche Berufung und um einen eigenen, glaubwürdigen Glauben.

   Und nun sehen wir Jesus inmitten seiner Zuhörer, die etwas von ihm erwarten. Und da erscheint seine Familie und will ihn herausrufen lassen. Doch er sagt schroff: „Wer ist meine Mutter und meine Brüder? Ihr seid meine Mutter und meine Brüder! Denn wer den Willen Gottes tut, der ist mein Bruder, meine Schwester und meine Mutter.“

   Und was, so fragen wir etwas ratlos, ist für Jesus der Wille Gottes? Da verweise ich jetzt nur auf seine Bergpredigt mit den Seligpreisungen und dem Vaterunser, das wir nachher sprechen, und auf den Hauptgedanken: „Sorget nicht wie die Heiden! Sondern seid fröhlich!“

   Neben und unabhängig von der biologischen und sozialen Verwandtschaft gibt es also eine Ebene feinster Beziehungen und Bindungen, über die wir uns auch verständigen müssten. Und da fällt mir als Beispiel die Kraft der Vergebung ein, die bei Jesus im Mittelpunkt steht. Sicherlich ist das der Grund dafür, dass immer noch die christlichen Gruppen und Gemeinden Orte des Vertrauens sind. Wenn man es wagt, sich als Christ zu erkennen zu geben, löst man zuerst oft eine Verlegenheit aus, doch dann ist fast immer dieses Fluidum des Vertrauens da, das oft ganz vorbehaltlos sein kann. Wer den Willen Gottes im Sinne Jesu tut, der ist kein gefährlicher Mensch.

   Und da sind wir nun bei uns und unserem Christentum. Da wird mir immer wieder klar: Ich bin in Wirklichkeit ein Traditionschrist. Ich bin hineingeboren in diese Religion. Ich habe mich erst einmal nicht entschieden, sondern bin als Baby getauft worden, habe biblische Geschichten gehört, Gebete gesprochen, Feste wie Weihnachten, Ostern und den Totensonntag begangen. Wäre ich woanders geboren worden, hätte ich natürlich einen ganz anderen Glauben oder Nichtglauben. Und dieser Gedanke hat mich erschreckt. Bin ich denn im Glauben wie in einer Verwandtschaft von vornherein festgelegt?

   Und da lese ich nun mit größtem persönlichen Interesse diesen kleinen Jesusbericht, der etwas von einer religiösen Pubertät, von Unabhängigkeit und vom Losreißen aus gewachsenen Bindungen erzählt. Jesus verwirklicht einen persönlichen Glauben, den auch ich für unabdingbar halte. Er weckt mich zu einer eigenen Entscheidung auf. Vielleicht geht diese Entscheidung, dieses Bewusstwerden nicht viel weiter als bis zum berühmten Satz von Goethe: „Was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um es selber zu besitzen!“ Aber als Christ soll man wenigstens seiner selbst bewusst sein. Und dann ist man auch glaubwürdig.

   Doch bei Jesus, bei seinem Gott hat dieses Bewusstwerden noch eine höhere, bzw. tiefere Dimension. Wie sieht diese aus? Sie ist eine Art Wesensverwandlung. Glaube ist dann nicht bloß eine Meinung haben, etwas Überliefertes zitieren, sondern ein neues Leben, ein geheiltes Leben, ein frohes Leben führen.

   Darüber ließe sich lange diskutieren, auch lange meditieren, vor allem aber in einer Gemeinschaft leben. Die Atmosphäre dabei darf allerdings nicht bedrückend, knechtend und moralisch sauer sein, sondern im Gegenteil froh und befreiend, heilend und gewiss. Nie sollten wir vergessen, dass das Hauptwort des Christentums „Freude“ ist.

   Und nun lese ich noch einmal den kleinen Markusbericht vor und jeder fühle sich dabei in die einzelnen Menschen ein und in sein eigenes Christentum.

 

Lesung von Markus 3,31-35

 

A m e n.

 

 



Pfarrer Ulrich Wiesjahn
Goslar
E-Mail: ulrich.wiesjahn@web.de

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