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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

13. Sonntag nach Trinitatis, 10.09.2017

Predigt zu Markus 3:31-35, verfasst von Christian Anders Winter

Liebe Gemeinde,

der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im Markusevangelium im 3. Kapitel. Dort heißt es:

31 Es kamen zu Jesus seine Mutter und seine Brüder und standen draußen, schickten zu ihm und ließen ihn rufen. 32 Und das Volk saß um ihn. Und sie sprachen zu ihm: „Siehe, deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern draußen fragen nach dir.“ 33 Und er antwortete ihnen und sprach: „Wer ist meine Mutter und meine Brüder?“ 34 Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen, und sprach: „Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder! 35 Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.“ Markus 3, 31-35                III

Wenn man diese Sätze hört (zumindest, wenn man selber Kinder hat), dann muß man wohl erst einmal schlucken. Vielleicht kommt einem sogar so ein Satz in den Sinn wie „Was für ein verzogenes Gör – verleugnet hier einfach die eigene Mutter, die eigene Familie, nur weil er jetzt neue Freunde hat“. Auf ersten Blick klingt das ja schon ziemlich ungehörig. Gibt es da nicht die Zehn Gebote, heißt es da nicht ausdrücklich, daß man Vater und Mutter ehren soll?

Wenn man unseren Predigttext nur für sich verstehen will, wenn man ihn so eng auslegt, daß Jesus sich hier ja mehr oder weniger von der eigenen Familie lossagt, dann ist diese Kritik allerdings berechtigt. Nur – ich denke, damit wird man weder Jesus noch dem Evangelisten gerecht. Ich glaube nämlich, es steckt ein ganz anderer Grund hinter dem, was uns Markus hier berichtet, und dazu hilft es, einen Blick auf einen weiteren Lesungstext des heutigen Sonntags zu werfen, auf das Evangelium nämlich. Da überliefert uns Lukas das uns allen wohlvertraute Gleichnis vom Barmherzigen Samariter, in dem es um die Frage nach dem richtigen Umgang mit dem Nächsten geht. Ein Mann ist überfallen worden, schwer verletzt liegt er nun am Wegesrand, und die ersten beiden, die vorbeikommen – der Priester und der Levit – lassen ihn achtlos liegen, obwohl es sich bei dem Verletzten doch um einen Volksgenossen, also übertragen um ein „Familienmitglied“, handelt. Erst der Samariter, eigentlich ein Todfeind, zeigt Mitleid, versorgt den Verletzten und sorgt für weitere Hilfe. Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste gewesen dem, der unter die Räuber gefallen war?“– so fragt Jesus den Schriftgelehrten, der ihn gefragt hatte, was man denn tun müsse, um das ewige Leben zu erlangen. So geh hin und tu des­glei­chen!

Familien- oder Volkszugehörigkeit – so könnte man zusammenfassend sagen – muß kein Garant für richtiges Handeln sein; der Samariter – obwohl eben nicht aus der gleichen Familie, aus dem gleichen Volk – zeigt eine Barmherzigkeit, ein Mitgefühl, die der Priester und der Levit eben nicht hatten, handelt aus Nächstenliebe so, wie es eigentlich von jedermann zu erwarten wäre. Er tut Gottes Willen.

Aber zurück zu unserem Predigttext. Von solchen schwerwiegenden Fragen ist hier ja gar nicht die Rede. Die Situation ist doch ganz anders, oder? Die Familie steht draußen, schickt jemanden zu Jesus und läßt ihn rufen – das ist doch eigentlich ganz normal, oder? Hat nicht die Familie einen – man könnte sagen: – „privilegierten“ Zugang zu Jesus, ist das nicht eigentlich selbstverständlich, daß das eigen Fleisch und Blut zuerst kommt? Jesus sagt ausdrücklich: Nein. Meine Familie, meine Verwandtschaft definiert sich nicht mehr über die Abstammung. Das entscheidende Kriterium ist das Verhalten, der Glaube. Wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter. Wer diesen Willen tut, der ist mir nahe, sei er einer Fremder oder eben auch ein naher Angehöriger.

Wenn wir diesen Satz weiter denken, über diese kleine Szene hinaus, dann steckt da – zumindest für die damalige Situation – geradezu Sprengstoff drin. Denn was heißt das denn: wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter? Was heißt das denn auch im Gleichnis vom Barmherzigen Samariter, daß es ausgerechnet der Fremde, der Nicht-Jude ist, der, von dem selbst der Schriftgelehrte zugeben muß, daß er dem Verletzten zum Nächsten geworden ist? Das jahrhundertealte Kriterium für Gottes Zuwendung, die Zugehörigkeit zum auserwählten Volk nämlich, wird ersetzt durch ein neues; wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.

Und genau an dieser Stelle gewinnt diese scheinbar so alltäglich wirkende, fast banale Szene mit einmal auch für uns Menschen des 21. Jahrhunderts eine ganz entscheidende Bedeutung. Auch wir können Bruder und Schwester Jesu sein, können Teil seiner Familie werden – nicht auf Grund von Abstammung oder Volkszugehörigkeit, sondern auf Grund unseres Glaubens, auf Grund unseres (sicherlich mehr oder minder gelingenden) Bemühens, Gottes Willen zu tun.

Gottes Wille zu tun, das klingt erst einmal wie ein schier unerreichbares Ziel, wie ein Anspruch, an dem wir eigentlich nur scheitern können (und wenn jemand von sich selber behauptet, er würde Gottes Willen tun, dann würden zumindest bei mir erst einmal alle Alarmglocken klingeln!). Aber der Barmherzige Samariter führt uns vor Augen, wie so ein Handeln aussehen kann, nicht bestimmt durch die Hoffnung auf Belohnung oder bestimmt durch das Gefühl des „Ich muß“, sondern eben allein aus Liebe zu einem Menschen in Not.

Da, wo wir unserem Nächsten in seiner Not beistehen, da, wo wir einander helfen, ohne etwas im Gegenzug zu erwarten, da, wo wir uns in unserem Tun und Unterlassen von der Frage bestimmen lassen, ob es unserem Nächsten eher nutzt denn schadet, da – so würde ich sagen – da wird ein Stück vom Tun von Gottes Willen deutlich. Gebe Gott, daß uns das gelingen möge, heute, morgen und an jedem neuen Tag unseres Lebens. Amen.



Dr. Christian Anders Winter

E-Mail: christian.winter@disanet.de

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