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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

9.. Sonntag nach Trinitatis , 13.08.2017

„Das hättest du doch besser wissen müssen!“
Predigt zu Matthäus 7:24-27, verfasst von Gert-Axel Reuß

„Das hättest du doch besser wissen müssen!“

So schießt es mir in den Kopf, nachdem ich mir mit dem Zwiebelhobel in die Fingerkuppe geschnitten habe. Glücklicherweise nur ein kleines Problem, das sich mit einem Pflaster lösen lässt.

 

„Das hättest du doch besser wissen müssen!“

So denken wir nach kleineren Unfällen und Pannen. Zu schnell mit dem Auto unterwegs gewesen, plötzlich ein Blitzen – hoffentlich wird das Bußgeld nicht so hoch. – Aber, Gott sei Dank, es ist niemand zu Schaden gekommen. Das nächste Mal, so nehmen wir uns vor, sind wir aufmerksamer und vorsichtiger.

 

Wie oft tun wir das Unvernünftige, verlassen uns darauf, dass es schon irgendwie gut gehen wird. Handeln wider besseren Wissens scheint uns im Blut zu liegen. Wie ein ‚Naturgesetz‘, eine Art innerer Zwang.

 

Solch ein ‚Leichtsinn‘ hat uns Fortschritt und Wohlstand gebracht, aber stellt uns auch immer wieder vor große Probleme: „Wie konnte die Autoindustrie darauf hoffen, dass ihre Abgasmanipulationen unbemerkt bleiben würden? Es ist doch jedem klar, dass bei der Reinhaltung der Luft nicht der Prüfstand sondern die städtischen Zentren der Maßstab sind, an dem gemessen werden muss.“

 

Hören und Handeln – wie kommt beides zusammen? Durch Appelle und Mahnungen? Durch Drohen und Strafen? Durch Vorbild und Ermutigung? Durch Beispiel und Einsicht?

 

 

Die Bergpredigt Jesu ist ein einzigartiges Dokument, das auch nach 2.000 Jahren nichts von seiner Strahlkraft eingebüßt hat. Man könnte sie auch „Quintessenz des Lebens Jesu“ nennen. Und damit ist schon angedeutet, dass man sie (die Bergpredigt) nicht verstehen kann ohne ihn (Jesus) und sein Schicksal.

 

„Wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute.“ (Mt 7, 24) sind Jesu letzte Worte. „Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, fiel es doch nicht ein; denn es war auf Fels gegründet.“ (Mt 7, 25)

 

Zuerst: Jesus knickte nicht ein, als es um sein Leben geht. Er hätte alles abstreiten können. „Das alles ist ein Missverständnis. Nein, so habe ich das nicht gemeint.“ Jesus fiel nicht um. Er hätte sich rechtfertigen können, als die absurden Anschuldigungen gegen ihn vorgebracht werden. „Das ist aus dem Zusammenhang gerissen. Das habe ich so gar nicht gesagt.“ Jesus hätte seine Haut retten, um sein Leben laufen können. Aber ein solcher Verrat an seiner Mission kam für ihn nicht in Frage.

 

Er ist der kluge Mann, der sein Haus auf Fels gebaut hat. Der seine Überzeugungen nicht an der Garderobe abgibt. Der seinen Glauben auch im Sturm bewährt. Und Glauben meint: Gottvertrauen. Gott ist der Fels, auf den alles gründet. Gott ist mein Fels, auf den ich baue. „Und ihr könnt das auch!“

 

So wirbt Jesus um seine Zuhörer. So wirbt er auch um uns.

 

Sodann: „Seid nicht Hörer allein, sondern tut, ‚was ich euch befohlen habe.‘“ (Formulierung in Anlehnung an Mt 28, 20)

Der Glaube bewährt sich nicht nur in Überzeugungen: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders.“ – Luthers berühmte Worte auf dem Reichstag zu Worms 1521.

Aber weder der Reformator noch Petrus sind der Fels, auf den die Kirche gebaut ist. Wenigstens nicht im Sinn dieses Wortes (anders: Mt 16, 18). Ich denke, dies ist eine Botschaft, die wir heute neu hören und entdecken müssen.

 

Der Glaube bewährt sich im Handeln. – Das klingt erst einmal ganz unreformatorisch, zumindest wenig lutherisch. Das Stigma „Werkegerechtigkeit“ wurde anderen Konfessionen jahrhundertelang zusammen mit wüsten Verfluchungen angehängt. Gottes Gnade kann man sich doch nicht verdienen!

 

‚Tue Gutes und rede darüber!’ – Das klingt mir zu zeitgeistig nach Sponsoring und Serviceclubs. Nach Verschleierung der wahren Absichten jener Firmen, die ihre Steuern „optimieren“ und die Allgemeinheit mit Almosen abspeisen. Nach Selbstdarstellung jener Personen und Gruppen, die gerne im Mittelpunkt stehen und für Selbstverständlichkeiten gelobt werden wollen. Bei mir stehen Pflichtbewusstsein und Selbstlosigkeit höher im Kurs.

 

Aber könnte es sein, dass der christliche Glaube auch durch unsere (lutherische) Uneindeutigkeit an Strahlkraft eingebüßt hat? Könnte es sein, dass die Menschen heute wieder leuchtende Vorbilder brauchen, weil ihnen sonst das Selbstverständliche abhanden kommt?

 

„Ihr seid das Salz in der Suppe! Ihr seid Licht in finsteren Zeiten!“ (vgl. Mt 5, 13 – 16)

 

Im Zeitalter der fake-news wollen wir Hoffnungsgeschichten erzählen. Nicht um als Besserwisser oder Gutmenschen dazustehen, sondern als Mutmacher und Hoffnungsbotinnen.

 

 

Vor gut einer Woche durfte Bivsi Rana nach Deutschland zurückkehren. Ihr Fall hatte bundesweit für Aufmerksamkeit gesorgt. Die 15jährige Nepalesin war vor 2 Monaten aus dem Unterricht geholt worden, um zusammen mit ihren Eltern in ihr Heimatland abgeschoben zu werden. Ein Heimatland, das die Schülerin noch nie gesehen hatte. Die Eltern hatten mehr als 10 Jahre lang die Behörden über ihre wahre Identität getäuscht, danach die Gerichte bemüht. Jetzt war ihr Asylantrag endgültig abgelehnt worden.

 

Aber die Schülerin und ihre Familie waren in Deutschland gut integriert. Schnell bildete sich ein Unterstützerkreis, der sich um eine Rückkehr bemühte. Damit Bivsi ihre Schulausbildung in Deutschland abschließen kann, ließ man die Familie zurück nach Deutschland.

 

Ein Einzelfall. Natürlich. Aber zugleich ein Sieg der Humanität. Wie gut, dass sich so viele für diese Schülerin einsetzten. Wie gut, dass auch in den Ministerien und Behörden Menschen sitzen, die ihren Ermessensspielraum zugunsten der Menschlichkeit nutzen und Lösungen gefunden haben.

 

Aus christlicher Nächstenliebe? Ja, natürlich – auch wenn Bivsi wohl keine Christin und über die Religion ihrer Freunde nichts bekannt ist.

 

Für mich ist hier klar: Im Handeln zeigt sich der Glaube.

 

 

Eine zweite kleine Geschichte. Frau Ehricht (Name geändert) war Malerin; jetzt lebt sie in einem Pflegeheim. Die Ratzeburger Paramentenwerkstatt möchte eines ihrer Bilder als Motiv nutzen, aber Frau Ehricht kann sich nicht mehr äußern. Die Leiterin der Paramentenwerkstatt nimmt mit den Angehörigen Kontakt auf, es kommt zu einer Verabredung.

 

So wird das Leben und die Persönlichkeit von Frau Ehricht noch einmal lebendig. Für die Angehörigen, die ihre Tante vor allem als hilfsbedürftig wahrnehmen. Für die Pflegekräfte im Seniorenheim, die aus den Fotos der Paramente eine Collage gestalten und im Zimmer von Frau Ehricht aufhängen. Ob Frau Ehricht sie wahrnimmt? Die Angehörigen und die Pflegekräfte erfahren, welche Wertschätzung Frau Ehricht entgegengebracht wird.

 

Für mich wird hier deutlich: Nächstenliebe ist auch eine Frage der Haltung. Es kommt darauf an, mit welcher inneren Einstellung ich meine Aufgaben erfülle.

 

 

Eine dritte kurze Szene aus der Lübecker Innenstadt. Ein vier-, vielleicht fünfjähriges Kind beobachtet eine Gruppe von Tourist.Innen, denen in einer fremden Sprache das Rathaus erklärt wird. Das Kind fragt seine Mutter: „Woher kommen die Menschen? Ich kann sie gar nicht verstehen!“ Die Mutter antwortet: „Ich glaube, aus Schweden. Die Führerin spricht schwedisch mit ihnen.“ Da sagt das Kind: „Aber lachen tun sie auf deutsch!“

 

Früher sagte man: Kindermund tut Wahrheit kund. Das Kind sieht in den Fremden das Vertraute und setzt sich zu ihnen in Beziehung. Nicht die Unterschiede sind wichtig, sondern das Verbindende. Die, die reinen Herzens sind, sind glücklich zu preisen. Und wir auch, wenn wir ihnen begegnen. Weil sie uns nicht nur Gott sehen lehren, sondern auch den Menschen im anderen Menschen.

 

 

„Das hätten wir doch besser gekonnt!“

Vor einer Woche – am 2. August 2017 – war der sogenannte „Welterschöpfungstag“. Nach Berechnungen des WWF hatten wir bis zu diesem Tag die Ressourcen eines ganzen Jahres aufgebraucht, so dass sich die Erde nicht mehr regenerieren kann. Ab jetzt leben wir also auf Kosten der Zukunft. Wir Deutsche produzieren doppelt so viele Treibhausgase und Müll, als wir eigentlich dürften, um den Klimawandel wirksam zu stoppen.

 

2015 reichten die Ressourcen noch bis zum 13. August. Wie wäre es, wenn wir nur etwas sparsamer, etwas umweltbewusster leben würden und den globalen Kontostand – sagen wir – jedes Jahr um 5 Tage in die andere Richtung verschieben würden? Muss ich wirklich das Auto gebrauchen oder geht es nicht auch mit dem Fahrrad oder zu Fuß? Brauche ich wieder eine Plastiktüte, weil ich den Einkaufsbeutel vergessen habe? Mahnungen, die sich auch an mich selbst richten. Es mag sein, dass sie nerven. Noch ist es nicht zu spät.

 

„Das hätten wir doch besser gekonnt!“

Was können wir dazu beitragen, dass es gerechter und am Ende auch friedlicher auf der Welt zugeht? Verzichtsapostel gelten gerne als Spielverderber. Auch ich lasse mir nicht gerne vorschreiben, wie ich zu leben habe. Und außerdem: Was kann ich als Einzelner schon ausrichten?

 

In sechs Wochen ist Bundestagswahl. Unsere Stimme hat Gewicht, auch wenn wir in der Minderheit sein sollten. Das gilt auch für die Belange in unserem Land, in unserer Stadt, den Dörfern und Kommunen. Und es wird ja nicht nur gewählt. Ehrenamtliches Engagement wird auf vielen Ebenen dringend gebraucht. In den Kirchen und Vereinen, in den Wohlfahrtsverbänden und Initiativen.

 

„Misch dich ein!“

Wo und Wie? Finde es heraus!

 

„Wer diese meine Rede hört und tut sie nicht, der gleicht einem törichten Mann, der sein Haus auf Sand baute.“ (Mt 7, 26) Und weiter: „Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, da fiel es ein.“ (Mt 7, 27)



Domprobst Gert-Axel Reuß
Ratzeburg
E-Mail: gertaxel.reuss@ratzeburgerdom.de

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