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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

9.. Sonntag nach Trinitatis , 13.08.2017

Auf gutem Grund
Predigt zu Matthäus 7:24-27, verfasst von Eberhard Busch

Man stelle sich also vor: Man sähe vor sich zwei Häuser. Beide schön anzusehen. Beide sind wohnlich und haben ein Gärtchen. Wenn ich zwischen beiden wählen dürfte, ich wüsste nicht, welches mir lieber wäre. Beide sehen trefflich aus. Und doch – zwischen beiden besteht ein tiefer Unterschied: es ist nachgerade lebensgefährlich, in dem einen daheim zu sein. Und es ist lebensrettend, in dem anderen zu wohnen. Das eine ist buchstäblich ein Abbruchobjekt. Und das andere ist so etwas wie die Arche, in der einstmals der Noah und seine Familie in der großen Sintflut überlebt hat. Dieser Unterschied zwischen beiden Häusern fällt zunächst niemandem auf. Aber eines Tages kommt ein Sturm. Da bricht das eine zusammen. Und da steht das andere unerschütterlich da. Denn das eine ist auf Sand gebaut und das andere auf einem Felsen.

Das ist das Gleichnis, das Jesus uns erzählt. Er fragt uns damit: Worauf ist das Haus eures Lebens gebaut? Was ist eure Bleibe in guten wie in bösen Zeiten? Steht ihr auf gutem, festem Grund, so dass ihr auch in Stürmen, in ungestümen Schwierigkeiten und Verwirrungen standhaltet? Das ist eine echte Frage. Denn das Haus, das ganze Gebilde unseres Lebens kann wohl gut und schön dastehen, zum Verwechseln ähnlich dem, das Bestand hat – und dann hat es doch keinen Bestand. Diese Frage darf nicht jedermann uns stellen. Und wenn doch, sagen wir gern: „Das geht niemanden etwas an. Das soll jeder mit sich selbst ausmachen.“ Aber Jesus darf uns das fragen: Worauf baut ihr? Was ist euer Halt? Welches Fundament hat das Haus eures Lebens? Ist es auf Sand oder Fels gegründet?

Das darf er uns fragen, weil er uns unbedingt helfen will, so dass wir nicht umkommen. Er lässt sich das unsäglich viel angehen und verspricht uns: Es gibt wunderbarerweise genau das, was es braucht, dass das Haus eures Lebens Bestand hat und nicht zusammenbrechen muss. Es gibt einen festen Boden, auf dem ihr stehen und gehen dürft. Es gibt einen Fels, und wenn ihr darauf gegründet seid, dann hat euer Leben Bestand. Dem ist allerdings im Sinne Jesu ernst hinzufügen: Es ist längst nicht alles verlässlich und ist nicht alles Fels, was ihr Menschen für Fels zu halten geneigt seid. Es gibt Verschiedenstes in der Welt, was ihr Menschen für fest, für stark, für krisensicher, für unerschütterlich anseht: jetzt mehr Materielles, jetzt mehr Geistiges, und manche bauen da einfach auf ihren eigenen guten Charakter. Man lese die Todesanzeigen in der Zeitung, um zu sehen, was allzu Viele angesichts eines Grabes für unverwelklich halten! Auf dergleichen bauen wir das Haus unsres Lebens. Bis uns eines Tages aufgehen kann: Das alles ist gar nicht Fels. Was darauf steht, ist auf Sand gebaut und in den Sand gesetzt.

Allerdings, Gott sei Lob und Dank: wir dürfen auch das Andere sagen: Es ist nun doch nicht alles schwankend und haltlos und ist nicht alles fließender Sand. Es gibt zum Glück auch Fels, granitenen Fels, so fest, dass der, der darauf baut, weder zusammenbricht noch auch nur schwankt. Und nun kommt eine große Überraschung. Jesus sagt: „Wer meine Rede hört und tut, der baut sein Haus gleichsam auf einen Felsen.“ „Meine Rede“ – das Wort Jesu, das ist der Fels. Das ist darum so überraschend, weil wir Menschen leicht meinen, gerade dies, das Wort Jesu, sei keineswegs Fels. Wie leicht halten wir allerlei Anderes in unsrer Welt für felsenfest, obwohl es gleichsam nur Sand ist, „Fließsand oder eine todsichere Anleitung zum Scheitern“, wie ein neuerer Roman betitelt ist. Und wie oft halten wir umgekehrt Jesu Wort für Schall und Rauch, gleichsam für Treibsand, obwohl sein Wort in Wahrheit granitener Fels ist.

Nach dem zweiten Weltkrieg versuchte man die Insel Helgoland in die Luft zu sprengen, jenen Fels, der aus der Nordsee ragt. Aber so wenig es damals gelungen ist, jenen Felsen Helgoland zu beseitigen, und noch weit weniger ist es am Karfreitag gelungen, diesen einen Felsen, Jesus und sein Wort, zu beseitigen. Der Ostertag hat dann gezeigt, sein Wort ist unzerstörbar. Die in ihm erwiesene barmherzige Zuwendung Gottes zu uns Menschen ist Fels, ist Halt, ist jeden Tag aufs neue verlässlich und untrüglich. Wie uns schon im Jesajabuch (54,10) zugesprochen wird: „Und wenn Berge wanken und Hügel hinfallen, meine Gnade und mein Friedensbund wanken nicht und fallen nicht hin, spricht der Herr, dein Erbarmer.“ Inmitten all der Brüchigkeit und Zerbrechlichkeit des Lebens, die uns umgibt und die nach uns greift, auch wenn wir vorderhand nichts davon spüren, haltet euch daran: „und wenn alles bricht, Gott verlässt uns nicht“.

Nicht wahr, kein auch nur halbwegs vernünftiger Architekt würde sich solchen mörderischen Unfug leisten, den Bau eines Hauses auf Sand zu errichten. Aber solchen Unfug leisten wir uns nun doch bei der Gestaltung unseres irdischen Lebens. Da tun wir das Unmögliche, dass wir uns gründen auf Dinge, die nicht verlässlicher Fels sind, sondern schwankender Boden. Da legen wir unserem Leben Vorstellungen zugrunde, die man gewiss haben darf, aber die als Grundlage nicht taugen. Da machen wir den Wert eines Menschen davon abhängig, welchen Eindruck er auf uns macht. Ob jemand sein Lebenshaus auf Fels oder auf Sand gebaut hat, dafür braucht es gediegenere Maßstäbe. Dafür haben wir jenem standfesten Klugen zu gleichen, der seinen Bau auf einen Felsen errichtete.

Übrigens kann man nicht nur sein privates Leben auf Sand bauen. Die Kirche im Ganzen kann in Versuchung geraten, sich nicht auf den Fels des Wortes Gottes und seiner Barmherzigkeit zu gründen. In Witten an der Ruhr gab es eine schöne neue Kirche, deren Deckengewölbe 1924 jedoch auf einmal herabstürzte. Warum? Weil tief unter ihr durch den Abbau von Kohle ein Hohlraum entstanden war. Und heute befindet sich an der Stelle der Kirche ein Parkplatz. Ist das nicht ein Gleichnis für die ernste Frage: Steht unsere Kirche heute auf dem Fels des Wortes Gottes? Oder steht sie etwa auf einer enormen Luftblase? Es ist fatal, wenn ihr das vor allem wichtig wird: Macht sie einen guten Eindruck bei den Leuten? Wiederholt sie bloß, was die Mehrheit auch sagt? Gilt das Wort von Paulus denn nur für ihn: „Wenn ich den Menschen noch gefällig wäre, so wäre ich Christi Knecht nicht“ (Gal. 1,10)? Schlimm, wenn sie sich einem Geist der Oberflächlichkeit anpasst! Wo es doch darauf ankommt, dass sie auf gutem Grund steht, darauf, dass sie der Stimme Jesu folgt: „Wer meine Rede hört und tut ...“ So halten wir Stand in den unheimlichen Stürmen von der Art, wie wir sie kürzlich in Niedersachsen erlebt habe, so dass denkwürdige alte Städte überschwemmt wurden.

Jesus rechnet in seinem Gleichnis mit der Möglichkeit, dass Menschen und dass unsere Kirchen so klug sind, ihr Haus auf Fels zu bauen, auf den Fels, den Jesus mit seinem Reden und Tun uns bereitet hat. Dass sie ihr Haus auf Sand bauen, dazu braucht es keine Erleuchtung. Das tun sie alle ganz von selber. Aber dass sie ihr Haus auf Fels bauen, das tut keiner von selber. Das ist tut einer nur, wenn er es sich von Gott schenken lässt. Und wer dieses Geschenk bekommt, der tut dann etwas Schlichtes: er öffnet seine Ohren und hört das Wort Gottes und er tut es, das heißt: er hält sich nun auch daran. Und indem er das tut, gilt ihm allerdings eine große Verheißung. Die lautet: „Da nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und wehten die Winde und stießen an das Haus, fiel es doch nicht um; denn es war auf den Felsen gegründet“, sagt Jesus uns.

Hat unser Leben das Wort Gottes und das Erbarmen Christi zum Fundament, dann hat es Standfestigkeit – selbst wenn es äußerlich gleichsam kein stabiles und kein schönes Haus ist. Vielleicht ist mein Leben ja keine ansehnliche und nicht einmal eine mir bequeme Unterkunft. Genug, dass ich höre auf die Botschaft Jesu und halte mich an seinen Beistand. Dann stehe ich und steht das ganze Haus meines Lebens auf Felsengrund. Und kein Sturm, kein Schicksals-Schlag, keine Macht der Welt kann mich mehr aus der Bahn werfen. Dann darf ich selbst im ärgsten Sturm noch sagen: „Tobe Welt und springe, ich stehe hier und singe (jawohl: ich stehe hier!, denn) Gottes Macht / hält mich in Acht.“ Dann kann ein Martin Luther inmitten der Anfechtung des Evangeliums 1521 auf dem Reichstag zu Worms vor all den Regenten bekennen: „Mein Gewissen ist gefangen in Gottes Wort. Hier stehe ich, ich kann nicht anders.“ Dann lässt man sich das Wort von Papst Johannes XXIII. gesagt sein: „Wer glaubt, der zittert nicht.“ Denn mit dem Lied: „wer Gott, dem Allerhöchsten traut, der hat auf keinen Sand gebaut“ und „wer nur seine Zuversicht / auf Gott setzt, / den verlässt er nicht.“



Prof. Dr. Dr Eberhard Busch
Friedland
E-Mail: ebusch@gwdg.de

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