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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

9.. Sonntag nach Trinitatis , 13.08.2017

Predigt zu Matthäus 7:24-27, verfasst von Sibylle Rolf

Liebe Gemeinde,

schon lange sitzen sie jetzt auf dem Berg, Jakob, seine Frau Sara und die beiden Kinder Simon und Rebekka. Sie haben zugehört und sich an manchen Stellen gefreut. Manchmal haben sie sich auch geärgert über das, was sie gehört haben. Wenn dir einer auf die rechte Wange schlägt, so halte ihm auch die linke hin... noch immer schüttelt Jakob seinen Kopf. Wie soll das gehen? Auf mein gutes Recht verzichten? Nicht zurückschlagen, obwohl ich ganz genau weiß, dass ich im Recht bin? immer wieder mitgehen, auch die zweite Meile, obwohl doch die erste schon ein Zugeständnis war?

Auch Sara merkt, wie sich bei diesem Gedanken vieles in ihr sträubt. Noch mehr fragt sie sich aber, wie das sein kann: nicht zu sorgen, sich keine Schätze zu sammeln, sondern alles nur von Gott zu erwarten... aber ich muss doch meine Familie ernähren, denkt sie. Das Essen richtet sich doch nicht von allein. Und sie hängt ihren Gedanken nach.

Der Tag beginnt sich zu neigen, langsam wird es dämmrig über dem See Genezareth. Zeit nach Hause zu gehen, denkt Sara und überlegt schon, wie sie sich und ihre Familie losreißen kann. Da scheint die Rede an ein Ende zu kommen. Sie hört noch einmal genau hin.

 

Mt 7

24 Darum, wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute. 25 Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, fiel es doch nicht ein; denn es war auf Fels gegründet. 26 Und wer diese meine Rede hört und tut sie nicht, der gleicht einem törichten Mann, der sein Haus auf Sand baute. 27 Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, da fiel es ein und sein Fall war groß.

 

Erst will Sara wieder den Kopf schütteln. Wer ist denn so töricht und baut sein Haus an den Strand, denkt sie. Es weiß doch jedes Kind, dass eine Sandburg keinen Bestand hat. Schon will sie Jakob zuflüstern, dass es Zeit ist zu gehen, da wendet er sich zu ihr. Weißt du noch, sagt er, wie Johannes und Maria im Wadi ihr Haus bauten? Der Boden sah so stabil aus. Ein Haus für die Ewigkeit. Mit viel Platz außen herum und einigen Annehmlichkeiten, von denen wir in Kapernaum nur träumen konnten. Das Tal brachte immer ein bisschen Wind, man konnte gut schlafen, und es war ein gutes Zuhause für Mensch und Tier. Bis dann der Platzregen kam und das Wadi in einen reißenden Fluss verwandelte. So schnell konntest du gar nicht denken, wie das Haus mitgerissen wurde. Sie hatten alles, was sie hatten, buchstäblich in den Sand gesetzt. Nichts mehr übrig, die ganze Habe verloren. Sie konnten sich glücklich schätzen, dass sie mit dem Leben davon gekommen sind. Sara wird nachdenklich. Stimmt. Den Pfusch am Bau sieht man manchmal nicht auf den ersten Blick. Erst wenn alles zusammenbricht in einem schlimmen Unwetter und du alles verloren hast, beginnst du nachzufragen.

Die Worte klingen in ihr nach. Das Haus in Kapernaum, das sie mit ihrer Familie bewohnt, macht einen stabilen Eindruck. Aber das meint er ja gar nicht, dieser Redner. Jesus von Nazareth, der so einfache und zugleich manchmal so verstörende Worte findet. Zimmermann ist er, da kennt er sich aus mit dem Häuserbau. So wie die meisten von denen, die ihm heute zuhören. Es geht ihm nicht um stabile Bauwerke, sondern um den festen Grund für das Lebenshaus. Und da ist das Haus im Wadi auf einmal gar nicht mehr so weit weg.

 

Mein Leben ist wie ein Haus, denkt Sara, mit einigen Zimmern, die über die Jahre hinzu gekommen sind. Ein Kinderzimmer, dem ich längst entwachsen bin. Ich habe die Tür geschlossen, aber manchmal gehe ich noch hinein. Es ist immer noch alles so, wie es war. Die Puppe auf dem Bett und das Bild an der Wand. Manchmal ist es, als wäre dieses Zimmer, in dem ich aufgewachsen bin und meine prägenden Jahre verbracht habe, das wichtigste Zimmer des Hauses. Immer dann, wenn ich mich fühle, wie ich mich damals als Kind gefühlt habe. Wenn mich jemand so behandelt, wie es meine Eltern getan haben. Wenn mir jemand etwas zutraut – oder auch nicht – oder wenn jemand mich erziehen oder kontrollieren will. Mein Kinderzimmer bleibt, und es tut gut, wenn ich mit Sorgsamkeit damit umgehe. Mein inneres Kind fürsorglich und achtsam anschaue. Es manchmal auch in den Arm nehme, wenn eine Verletzung wieder aufscheint, die ich vor langer Zeit erlitten habe.

Im Laufe der Zeit sind viele Zimmer hinzugekommen. Ein Schlafzimmer zum Ausruhen und, nun, auch für andere Dinge. Sara wird etwas rot. Ein Erwachsenen-Zimmer eben. Wir brauchen diese Rückzugsorte, für uns selbst und in unseren engen Beziehungen. Räume, in denen wir uns begegnen, ohne Angst und so, wie wir sind. Dann gibt es das Zimmer, in dem meine Kinder wohnen. Es verändert sich immer wieder, neue Dinge kommen hinzu, andere Dinge verschwinden. Manchmal darf ich das Zimmer betreten, manchmal stehe ich außen und klopfe. Ein Raum der Fürsorge für andere, die sich ständig verändert, je nachdem, was die anderen brauchen. Das ist auch ein Raum, in dem ich immer wieder üben muss loszulassen. Nicht überfürsorglich zu sein. Verantwortung abzugeben. Sorget nicht... noch einmal hört Sara die Worte in ihrem inneren Ohr. Und dann die Küche mit dem langen Tisch, um Gäste zu bewirten. Der Raum, in dem alles geteilt wird. Essen und Geschichten, Sorgen und Freude, Kummer und Hoffnung. Ein Raum der Gemeinschaft und der Freundschaft.

Mein Lebenshaus... ich fühle mich geborgen und bin hier zu Hause. Manchmal stört mich die Enge, aber ich kehre immer wieder gerne zurück in die Vertrautheit. Auf welchem Grund steht es eigentlich? Ist nicht der Grund schon vor langer Zeit gelegt worden? Noch bevor ich geboren wurde? Man spürt es, denkt Sara, auf welchem Grund Menschen ihr Lebenshaus errichtet haben. Ob der Grund fest ist oder schwankt. Manche werden umgeblasen beim kleinsten Windstoß. Und manche stehen fest und können selbst vom größten Lebensorkan nicht umgeweht werden. ich frage mich immer, wie das sein kann. Einen solchen festen Grund wünschen wir uns doch alle. Was hält mich, wenn der Boden schwankt? Was hält mein Lebenshaus aufrecht und bewohnbar, so dass ich nicht alles wieder von Grund auf neu aufbauen muss? Und was tue ich, wenn ich spüren muss, dass ich alles buchstäblich in den Sand gesetzt habe?

 

Jesus macht ein Angebot. Wer meine Worte hört und sie tut... es klingt noch in ihr nach. Seine Worte von diesem Tag. Später wird man diese Worte die „Bergpredigt“ nennen. Steile Worte, wie ein Berghang in Galiläa, Worte, bei denen man unterwegs verschnaufen muss. Aber Worte, die eine Perspektive geben, einen neuen Blick aufs Leben. Wie ein Berg, den man aufsteigt und der allmählich immer mehr Blick in die Weite ermöglicht. Wer meine Worte hört und sie tut, steht auf festem Grund.

Auf festem Grund stehen... Wollen wir das nicht alle? Unser Lebenshaus bewohnen und uns sicher und geborgen fühlen, auch wenn so manches Unwetter über uns hinweg zieht? Was macht den Grund fest? Und wieder klingen die Worte in Sara nach: Liebet eure Feinde... Verzichtet auf euer Recht... Sorgt euch nicht... Richtet nicht... seid barmherzig... bittet euren Vater im Himmel, der wird für euch sorgen... Sara denkt: vielleicht heißt es, mich nicht so wichtig zu nehmen. Vielleicht lege ich den Grund ja gar nicht, auf dem mein Haus steht. Wenn ich den Grund nicht selbst lege, dann kann er mich auch halten, wenn mir mein Leben zu groß und zu schwer wird. Und noch eines: das Leben ist ein Prozess. Ein Weg. Wir sind unterwegs, alles verändert sich immer wieder. Anders als die Häuser, die wir bewohnen, verändert sich unser Lebenshaus immer wieder. Neue Räume kommen hinzu, andere verschließen sich, ein Leben lang bauen wir daran, bauen auf, bauen weiter, sind unterwegs auf vielen Wegen, manchmal auf festem, manchmal auf schwankendem Grund.

Aber wie geht das alles, was mir Jesus empfiehlt? Das ist ja schon eine Zumutung: nicht aufrechnen, mir keine Sorgen machen, barmherzig mit den anderen sein. Worte, die bei Jakob Kopfschütteln ausgelöst haben. Wie kann das gehen, hatte er gefragt. Ein Unrecht erfahren und darauf verzichten, dass es einen Ausgleich gibt? Sind wir denn nicht so angelegt, dass wir eine ausgleichende Gerechtigkeit brauchen? Sara spürt, wie sich etwas in ihr löst. Sie atmet durch. Vielleicht heißt es ja: Vertrauen haben. Loslassen. Das Leben in Gottes Hände legen und aus Gottes Händen empfangen. Alles aus Gottes Händen nehmen. Den anderen als Bruder, als Schwester erkennen. Jeden anderen, nicht nur den, der mir sympathisch ist. Und auch darauf vertrauen, dass vielleicht Gott den Ausgleich schafft. Irgendwann und auf eine Weise, die ganz anders ist, als ich es mir jetzt vorstelle. Ihr fallen die ersten Worte der langen Rede wieder ein: selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erfahren. Selig sein... einen festen Grund unter den Füßen haben. Vertrauen und Zuversicht haben. Das ist schön.

 

Und noch eines fällt ihr ein: das Hören kommt vor dem Tun. Wer meine Worte hört und sie tut, der steht auf festem Grund, hat er gesagt. Das Tun kommt nicht zuerst. Nicht erst schaffen, schaffen, Häuschen bauen, sondern erst hören. Worte, die herausfordern, aber Worte, die gut tun. Worte, die eine neue Perspektive für das Leben geben. Worte, die Vertrauen wecken und beim Leben helfen. Die dabei helfen, nicht zu sorgen und keine Angst zu haben. Denn, und das ist das beste seiner Worte: Gott sorgt für euch. Der himmlische Vater sorgt dafür, dass es dir gut geht. Leg alles getrost in seine Hände. Und freue dich an dem, was er dir schenkt.

Sara atmet noch einmal durch. Kommt, sagt sie zu ihrer Familie, lasst uns nach Hause gehen. In unser schönes Haus in Kapernaum. Miteinander steigen sie den Berg wieder hinunter. Der Grund fühlt sich fest an. Die Worte klingen noch lange in ihnen nach. Das Hören kommt vor dem Tun. Und so segne er sein Wort an uns, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen.



Pfarrerin Prof. Dr- Sibylle Rolf
Offersheim
E-Mail: sibylle.rolf@kbz.ekiba.de

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