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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

6. Sonntag nach Trinitatis, 23.07.2017

Gottes Recht und das Unbehagen an der Politik
Predigt zu Deuteronomium 7:6-12, verfasst von Wolfgang Vögele

Friedensgruß

Der Predigttext für den 6.Sonntag nach Trinitatis steht im 5.Buch Mose 7,6-12:

„Denn du bist ein heiliges Volk dem Herrn, deinem Gott. Dich hat der Herr, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind. Nicht hat euch der Herr angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern –, sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat. Darum hat der Herr euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten. So sollst du nun wissen, dass der Herr, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie um und säumt nicht, zu vergelten ins Angesicht denen, die ihn hassen. So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust. Und wenn ihr diese Rechte hört und sie haltet und danach tut, so wird der Herr, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, wie er deinen Vätern geschworen hat.“

Liebe Schwestern und Brüder,

in der großen Politik haben einfache Gefühle nichts zu suchen, sagen die Besserwisser. Politik steht für Härte, Gefühle für Schwäche. Politiker weinen nicht und lassen sich von niemandem provozieren! Trotzdem surfen die schrecklichen Vereinfacher in der Politik gerne auf Gefühlswellen, um von Fakten und bitteren Wahrheiten abzulenken.

Wer mit wachen Augen und offenen Herzen Nachrichten und Debatten der letzten Monate verfolgt hat, den beschleicht eine gewisse Unruhe. Gefühle der Sorge und des Mulmigseins machen sich breit. Hinter Sticheleien, Provokationen und Demonstrationen treten Verantwortung, Kalkül und Weitsicht zurück. Letzteres zeichnete eher die vielen Politiker aus, die in der letzten Zeit in hohem Alter gestorben sind, von Richard von Weizsäcker über Hans-Dietrich Genscher bis zu Roman Herzog und Helmut Schmidt. Alle zusammen standen, trotz Unterschieden in den Details, für bestimmte Ziele und Werte, für ein versöhntes Europa, aus denen sich ihr politisches Kalkül entwickelte. Beharrlich versuchten sie alle, ihre Verantwortung mit Blick auf Ziele der europäischen Einheit, des Friedens und der Versöhnung wahrzunehmen. Die Politiker, die diese Ziele beförderten, sind nun sehr alt geworden, oder sie leben gar nicht mehr. Diese politische Ordnung mit ihrem Ursprung im letzten Jahrhundert ist brüchig geworden, aber es ist noch nicht klar, wie sie reformiert werden kann.

An die Stelle der lieb gewordenen Selbstverständlichkeiten sind Dutzende von kleineren Buschbränden getreten: In Nordkorea läßt der Diktator mit dem Undercut-Haarschnitt sein Volk lieber verhungern als bei der Entwicklung von Interkontinentalraketen kürzer zu treten. Der türkische Präsident nutzt einen Putsch, um Tausende seiner Gegner verhaften zu lassen. Der Präsident von Syrien schreckt das eigene Volk mit Folter und Wolken von Giftgas, um sich gegen zerstrittene Oppositionsgruppen an der Macht zu behaupten. Der Irak wird wie der gesamte Nahe Osten zum Aufmarschfeld von Konflikten zwischen Allianzen, deren Interessen und Strategien niemand richtig durchschaut. Jedenfalls gehört ein Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten, zwischen Saudi-Arabien und dem Iran dazu. Die Frontlinien des Konflikts sind für einen Außenstehenden kaum zu durchschauen. Der amerikanische Präsident erklärt im Fernsehinterview das eine, um einen Tag später über einen Kurznachrichtendienst feist lachend das genaue Gegenteil zu behaupten. In Hamburg beim G 20 Gipfel brannten ausgerechnet deshalb die Barrikaden, weil sich politische Widersacher und Konkurrenten ausgerechnet zu Gesprächen treffen wollten. Plötzlich traten Krawalle und Randale an die Stelle von Gespräch und Debatte.

Liebe Schwestern und Brüder, jeder von Ihnen hat das Recht, die politische Situation anders zu bewerten und andere Beispiele zu finden. Hinter den meisten Beispielen allerdings verbirgt sich verstörende Gemeinsamkeit: Mir kommt es auf die Stimmung von Unruhe und Unsicherheit an, die dauernde politische Sticheleien, militärische Drohungen und noch mehr Selbstmordattentate, Terroranschläge und Amokläufe auslösen. Schon ein nächster kleiner Funke könnte eine Explosion auslösen, die kein politischer Beobachter in ihren grausamen Auswirkungen vorausgesehen hat.

Wer am Frühstückstisch die Tageszeitung aufschlägt, bei dem stellt sich regelmäßig eine leichte politische Unruhe ein. Ich habe sie deshalb beschrieben, weil eine solche Unruhe als Voraussetzung den Predigttext aus dem 5.Buch Mose prägt. Diese Trostrede Gottes antwortet auf eine Gefühl der Verstörung und Machtlosigkeit, das die Israeliten, noch ohne Tageszeitung, schon vor zweitausendfünfhundert Jahren prägte. Diese Trostrede führt das Volk Israel zurück in diesen Zwischenzustand, nämlich zwischen der Befreiung aus Ägypten, die unter der Führung des Mose wunderbar gelungen ist, aber noch vor dem Einzug in das gelobte Land, das Mose dem Volk Israel versprochen hat. Das gelobte Land, wo Milch und Honig fließen, bleibt noch eine Sehnsucht, es ist noch nicht erreicht. Befreiung hat begonnen, aber die neue Heimat ist noch nicht erreicht. Das Unterwegssein in der Wüste bringt Sorgen und Zweifel mit sich: War das der richtige Weg und die richtige Entscheidung? Von hier aus kann man die Gemeinsamkeiten mit der Gegenwart ableiten. Leider lebt die Wüste noch. Ganz Europa lebt seit dem Zweiten Weltkrieg in Frieden, es hat große Schritte auf dem Weg zu Einigung und Demokratie unternommen, aber viele Krisenherde in und um Europa herum sind noch nicht beseitigt. Das russische Eingreifen in der Ukraine und die Annexion der Krim haben Mißtrauen geweckt. Die Ströme der Flüchtlingen aus Afrika und Zentralasien sind noch nicht verebbt, weil endlich die Gründe für Flucht weggefallen wären. Die Reihe der Beispiele ließe sich noch verlängern.

Die ersehnten Ziele sind noch nicht erreicht, Unruhe bricht aus und verbreitet sich. Auf solch eine Situation antwortet Erzählung des 5.Buch Mose und setzt ein deutliches Ausrufezeichen. Sie stellt nicht ein historisches Ereignis dar, sondern sie will mit einem wirkungsvollen Zeichen damalige Gegenwart aufrütteln. In der damaligen Gegenwart mußte sich das Volk Israel nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil neu sammeln. Es mußte überlegen, wie ein Kleinstaat gegen die militärisch überlegene Mächte im Norden und Süden bestehen kann. Gottes Trostrede enthielt keine Nostalgie, sie zielte auf die Gegenwart: Sie sollte den Menschen in Israel ihre Unruhe nehmen.

Es ist ganz entscheidend für diese Trostrede, daß sie politischen Schwierigkeiten nicht mit der Aufforderung zu besserer Politik beantwortet. Diesen hilflosen Weg schlagen heute klerikale Funktionäre ein, die mit frommer Politikberatung die Welt verbessern wollen. Aber es hat noch nie geholfen, Verantwortung und rationales Kalkül durch Gesinnung und Frömmigkeit zu ersetzen. Die fromme Politikberatung, auch in der Predigt, gerät dann zur Selbstdarstellung spiritueller Naivität und politischer Ahnungslosigkeit.

Im 5.Buch Mose findet sich auch kein Wort über die Analyse der politischen Gegenwart Israels. Daß die außenpolitische Situation des Landes wenig Hoffnungen weckt, darüber wissen Politiker und Funktionäre genau Bescheid. Und das unterscheidet die Eliten nicht vom Volk. Daß diese fehlenden Handlungsmöglichkeiten Besorgnis erregen, setzt der Autor als selbstverständlich voraus. Er redet nicht von Bruttosozialprodukt, militärischer Schlagkraft , Erhöhung des Verteidigungshaushalts oder Geheimdiplomatie. Stattdessen erinnert er an Gottes Zusagen und Verheißungen, die mächtiger und effizienter sind als Verhandlungsgeschick, Panzerabwehrraketen und Außenhandelsüberschuß. Schon einmal, damals in ägyptischer Knechtschaft, hat Gott das Volk Israel befreit. Gott hat dieses Volk auserwählt, und diese Treue Gottes besteht weiter, obwohl sich in der damals bekannten Welt kein kleineres und damit ohnmächtigeres Volk als Israel findet. Trotz aller politischen Rückschläge besteht so etwas wie ein Vertrag zwischen Gott und den Menschen, in dessen Kern so etwas wie eine Treuezusage steht. Wer sich daran hält, den gibt Gott nicht auf. Und wer den Bund bricht, den erwartet die Vergeltung Gottes.

Diese Rede vom Bund ist vielen Menschen heute fremd geworden, auch wenn sie im Völkerbund der Weimarer Zeit, in den Vereinten Nationen und in der Europäischen Union noch nachklingt, ohne daß die theologischen Untertöne solcher globaler und kontinentaler Institutionen noch zu hören sind. Union ist nur ein anderes Wort für Bund oder Vertrag. Ich will drei Besonderheiten dieses Bundes hervorheben, aber so, daß die für unsere Gegenwart wichtigen Aspekte hervortreten.

Zuerst: Der Vertrag zwischen Gott und den Menschen stellt keine willkürliche Entscheidung Gottes dar. Durch den Vertrag bindet sich Gott selbst an das Recht. Der Vertrag ist gebunden an das Einhalten von Rechtsregeln, zwischen Gott und den Menschen, zwischen den Menschen untereinander. Das klingt für heutige Ohren gesetzlich hart und so gar nicht fromm, aber es hat seinen guten Sinn. Denn Recht und Regeln schaffen Verläßlichkeit und Stabilität. Dort wo es möglich ist, versuchen sie Chaos und Willkür zu verhindern, zwischen Staaten, zwischen Institutionen, aber auch auf der privaten Ebene, zwischen Nachbarn oder sogar innerhalb der Familie. Im anderen Fall setzt sich stets die stärkere, verschlagenere, intrigantere Partei durch. Recht wird dann durch die Macht des Stärkeren ersetzt. Das fünfte Buch Mose enthält eine ganze Reihe von solchen Geboten, Regeln und Rechten, darunter das berühmte Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe, aber auch die zehn Gebote. Es enthält auch Bestimmungen über das Recht des Fremden auf gastfreundliche Aufnahme, über das, was heute Asyl genannt wird. All diese Gebote und Rechte gelten nicht einfach so, daß die gute Absicht zählt. Das Recht ist an Abwägung und Kalkül, an politisches Handeln geknüpft.

Alle diese Geboten verlieren ihren Sinn, wenn man sie als Zwangsmaßnahmen versteht, die die Menschen gängeln sollen. Nichts weniger hat die Bibel im Sinn. Formalistische Gesetzesauslegungen sind ja besonders im evangelischen Kirchenrecht beliebt, obwohl für dieses stets seine Ursprünge im Glauben hervorgehoben werden. Kirchenrechtlich wird stets der Institution des Oberkirchenrats gegen den einzelnen ein Vorteil zugeschanzt. Daran haben die Autoren des Deuteronomiums gerade nicht gedacht. Ihr entscheidender theologischer Gedanke besteht, daß Gott Gebote gibt, damit sich Barmherzigkeit und Gnade unter den Menschen ausbreiten. Er gibt Gebote und Rechte, auf daß die Kleinsten, Machtlosen und Benachteiligten zu ihrem Recht kommen, damit gerade ihre Menschenwürde gewahrt wird.

Zum zweiten: Wenn Gott das Recht gestiftet hat, um Barmherzigkeit und Gnade zu verbreiten, dann ergibt sich ein Widerspruch. Denn das Recht der Gnade stößt frontal zusammen mit der Ankündigung, die Bösen, diejenigen, die sich nicht an Recht und Bund halten, mit aller Härte zu bestrafen. Die Drohung der Vergeltung an alle diejenigen, die Gott und seinen Bund mit dem Volk Israel hassen, klingt nicht verhältnismäßig. Das klingt wie ein Widerspruch zu dem Recht, das Barmherzigkeit vergrößern soll. Rabbinischen Auslegern ist das schon früh aufgefallen. Sie haben gesehen, daß das Recht vom Schutz der Schwachen bestimmt sein muß. Wer die Regeln nicht beachtet, muß dafür die Konsequenzen einer Strafe oder eines Bußgelds tragen. Aber das darf nicht so weit führen, daß sich aller Haß, auch der Haß Gottes, dauerhaft auf die Straf- und Übeltäter ablagert und an ihnen in alle Ewigkeit festklebt.

Ein rabbinischer Ausleger der Thora, Rabbi Joschia, brachte Gottes Umgang mit den Bösen so auf den Punkt: „Wegen drei Dingen ist der Heilige, gelobt sei Er, langmütig mit den Bösen auf dieser Welt: Vielleicht werden sie die Umkehr tun, vielleicht erfüllen sie Gottes Gebote und erhalten seinen Lohn im Diesseits, vielleicht aber stammen von ihnen gute Söhne ab (wie König Hiskia von Ahas, Josia von Amon etc.).“ In dieser Perspektive ist der Satz aus dem fünften Buch Mose über Gottes Bestrafung der Bösen zu lesen. Die Bibel scheut sich nicht, über Gottes Zorn zu reden, sie spricht auch von seiner Rache an den Ungerechten. Beides läßt sich nicht leugnen. Aber überall bauen das die Schriftsteller der Bibel in eine besondere Perspektive ein: Gottes Barmherzigkeit und Gnade übertreffen stets seinen Zorn und seinen Willen zu strafen. Zuletzt findet sich auch für die Ungerechten stets ein Weg in die Umkehr.

Zuletzt: Wenn Gott mit Israel einen Bund schließt, dann verbindet er Recht und Barmherzigkeit. Recht beruht nicht auf Macht, sondern auf Gottes gnädigem Willen. Was aber geschieht dann mit all den anderen Völkern? Noch im Alten Testament wird diese Linie, die sich im 5.Buch Mose andeutet, weitergeführt und verfeinert, zum Beispiel zur Vorstellung einer Völkerwallfahrt zum Zion, wo Gott die Menschen versammelt, um allen, nicht nur Israel und den Glaubenden, seine Gnade zu offenbaren. Der Bund Gottes mit den Menschen wird in Leben, Sterben und Auferstehen des Jesus von Nazareth weitergeführt. Die Bibel ist kein nationalistisches Buch. In ihr findet sich eine stetige Entwicklung zu einem vorher nicht gekannten Universalismus: Alle Menschen sind Gottes Ebenbild. Alle Menschen sind angewiesen auf das Recht und die Barmherzigkeit Gottes. Das gilt für Russen und Ukrainer, Sunniten und Schiiten, Araber und Iraner, für Glaubende wie Nichtglaubende, für Juden und Christen. Es gilt, weil Gott es verheißen hat. Es gilt auch dann, wenn Außen-, Wirtschafts- und Europapolitik in die Richtung von Störungen und gefährlichen Konflikten führen und zum Pessimismus verleiten. Der Trost Gottes zielt auf die Menschen in ihrer Würde und auf das Recht, das diese gemeinsame Würde aller bewahrt.

Und der Friede Gottes, welcher Würde und Recht zur Geltung bringt, stärke eure Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

 

 



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