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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

19. Sonntag nach Trinitatis, 11.10.2015

um Trost war mir sehr bange
Predigt zu Jesaja 38:(1-8) 9-20 (21-22), verfasst von Michael Nitzke

 

9 Dies ist das Lied Hiskias, des Königs von Juda, als er krank gewesen und von seiner Krankheit gesund geworden war: 10 Ich sprach: Nun muss ich zu des Totenreiches Pforten fahren in der Mitte meines Lebens, da ich doch gedachte, noch länger zu leben. 11 Ich sprach: Nun werde ich den HERRN nicht mehr schauen im Lande der Lebendigen, nun werde ich die Menschen nicht mehr sehen mit denen, die auf der Welt sind. 12 Meine Hütte ist abgebrochen und über mir weggenommen wie eines Hirten Zelt. Zu Ende gewebt hab ich mein Leben wie ein Weber; er schneidet mich ab vom Faden. Tag und Nacht gibst du mich preis; 13 bis zum Morgen schreie ich um Hilfe; aber er zerbricht mir alle meine Knochen wie ein Löwe; Tag und Nacht gibst du mich preis. 14 Ich zwitschere wie eine Schwalbe und gurre wie eine Taube. Meine Augen sehen verlangend nach oben: Herr, ich leide Not, tritt für mich ein! 15 Was soll ich reden und was ihm sagen? Er hat's getan! Entflohen ist all mein Schlaf bei solcher Betrübnis meiner Seele. 16 Herr, lass mich wieder genesen und leben! 17 Siehe, um Trost war mir sehr bange. Du aber hast dich meiner Seele herzlich angenommen, dass sie nicht verdürbe; denn du wirfst alle meine Sünden hinter dich zurück. 18 Denn die Toten loben dich nicht, und der Tod rühmt dich nicht, und die in die Grube fahren, warten nicht auf deine Treue; 19 sondern allein, die da leben, loben dich so wie ich heute. Der Vater macht den Kindern deine Treue kund. 20 Der HERR hat mir geholfen, darum wollen wir singen und spielen, solange wir leben, im Hause des HERRN!

Liebe Gemeinde,

da können viele ein Lied von singen. Ein Lied von Hoffnung und Enttäuschung, ein Lied von Krankheit und Angst vor dem Tod. Der König Hiskia singt dieses Lied. Doch er wandelt es um in ein Lied von Dankbarkeit für die Hilfe Gottes.

Was war geschehen? Hiskia war in der Blüte seiner Jahre. In der Mitte des Lebens war er. So steht es im Buch des Propheten Jesaja. Welche Zeit wäre das bei uns? Vielleicht vierzig, oder fünfundvierzig allenfalls? Ein Alter, ind em man schon viel hinter sich hat, aber noch viel mehr vorhat.

Hiskia war durchaus erfolgreich. Er war König von Juda. Der König David war sein Vorbild. Der hatte vor 300 Jahren das Königtum im Volke Gottes groß gemacht. Da konnte Hiskia nicht ran reichen. Er war auch nur noch König eines halben Volkes, wie schon seine zahlreichen Vorgänger. Er herrschte über das Südreich. Hier lag immerhin die heilige Stadt Jerusalem mit dem Tempel Salomos. Und das war ihm ein großes Anliegen, diesen Gott zu ehren, der in diesem Tempel wohnte. König Salomo, der Nachfolger Davids, ließ ihn bauen. Niemand sollte etwas anderes an Gottes Stelle setzen. Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, sollte allein geehrt werden. Immer wieder vergaßen die Leute das, und waren neidisch auf den Prunk, den andere Länder mit ihren goldenen Gottesbildern veranstalteten. Hiskia sorgte dafür, dass in seinem Herrschaftsbereich niemand seinem Gott Konkurrenz machte. Was Mose damals mit dem goldenen Kalb passierte, sollte nie wieder vorkommen. Niemand kann sich einen Gott aus Gold anfertigen und glauben, der hilft. Doch was taten seine Untertanen? Mangels Gold beteten sie eine eiserne Schlange an. Mose hatte sie damals in Gottes Auftrag aufgerichtet. Der Blick auf diese "eherne" Schlange sollte die Israeliten vor den Schlangen beschützen, die beim Zug durch die Wüste überall lauerten. Doch viele Jahrhunderte danach beteten die Untertanen Hiskias diese eiserne Schlange an und brachten ihr Rauchopfer. Hiskia machte ein Ende damit, und ließ dieses Symbol, das Gott gegeben hatte, entfernen, weil sie es überhöhen wollten, und damit Gott beleidigten.

Ja, er war in seinem Amt ein treuer Diener Gottes. So wie ein König in Juda oder Israel sein sollte. So ein König sollte die Bedingungen schaffen, dass die Menschen ungestört dem einzigen und erhabenen Gott dienen konnten. Im Südreich hatte Hiskia das auch erreichen können. Dass das Nordreich an die Assyrer verloren ging, konnte ihm niemand anlasten. Dafür waren deren Könige verantwortlich. So viele Flüchtlinge nahm er aus dem Bruderstaat auf, wie es ging. Und er verbündete sich sogar mit den Philistern, um den Aggressor aus Assyrien in die Schranken zu weisen. Nicht erst seit dem Kampf seines Urvorgängers David gegen den Philisterhelden Goliath, waren diese Philister und Judäer einander Feind. Nun aber hatte man sich verbündet. Wer weiß, für wie lange? All dies hatte der König Hiskia in die Wege geleitet. Er war nicht nur in der Mitte seines Lebens, sondern auch auf der Höhe seines Erfolgs als Staatsmann und Hüter der Religion.

Doch nun sollte alles anders kommen. Hiskia spürte an seinem ganzen Körper, dass er keine Kraft mehr hatte. Jesaja betrat sein Gemach. Dieser Mensch war Gott noch näher als der König selbst. Sein Wort hatte Gewicht. Seinem Rat sollte man folgen, ob es einem gerade in den Kram passte oder nicht. Doch nun war nicht die Zeit, zu diskutieren oder gar um Worte zu feilschen. "Bestelle dein Haus, denn du wirst sterben und nicht am Leben bleiben." (V 1.) Ungeschminkt und direkt treffen den König die Worte des Propheten. Bestelle dein Haus. Bring dein Leben in Ordnung. Jetzt ist die letzte Chance, die unerledigten Dinge anzugehen, du wirst bald nicht mehr viel Zeit dazu haben. Der König liegt todkrank in seiner Kammer. Sein Königshaus hat er in Ordnung, nun gilt es noch seine Beziehungen zu ordnen. Wen muss er um Verzeihung bitten? Von wem ein klärendes Wort erbitten? Aber Hiskia spürt, in seinem Herzen: 'So viele Menschen sind das nicht, die ich um Vergebung bitten muss. Ich war doch immer ein rechtschaffener Mensch!' Und nun beginnt er zu verhandeln. Er verhandelt mit Gott, dem er so lange gedient hat, dessen Name er mit seiner Regierung wieder groß machen wollte. Er verhandelt um jede kleine Spanne seines Lebens. So wie man sicher seit Menschengedenken angesichts des Todes um sein Leben gerungen hat. Und die Menschen werden dies auch in aller Zukunft noch tun. Gerade dann, wenn sie kaum noch Kraft dazu haben: "Gedenke doch, HERR, wie ich vor dir in Treue und ungeteilten Herzens gewandelt bin und habe getan, was dir gefallen hat."

Bevor Hiskia diese Worte aussprach, die ihm Hoffnung geben sollten, drehte er sich in seinem Bett zur Wand. Er konnte und wollte keinen Menschen mehr in dieser Situation sehen. Auch dies werden Menschen immer wieder tun, wenn sie ihre letzen Stunden spüren. Wenn sie noch die Kraft dazu haben, wenden sie sich ab von den Lebenden, vielleicht um mit dem einen Lebendigen im Himmel noch zu reden, um von ihm Hilfe zu erbitten.

Hiskia fühlt sich, als entgleite ihm alles. Es kommt ihm so vor als hätte er kein Dach mehr über dem Kopf, als wäre sein Lebensfaden schon jetzt abgeschnitten. Er ist den wilden Tieren ausgeliefert, kann nicht einmal um Hilfe rufen, denn seine Stimme hört sich an, wie das Gurren einer Taube, er pfeift buchstäblich auf dem letzten Loch. Er kann nichts mehr sagen. Alles ist gesagt. Doch eins noch, dafür reicht die Kraft gerade noch: Herr, lass mich wieder gesund werden und leben!

Und jetzt dringen Worte an sein Ohr, von denen er nicht mehr zu träumen gewagt hatte. Der Herr, sein Gott, dem er diente, hat sie seinem Propheten Jesaja in den Mund gelegt: "Ich habe dein Gebet gehört und deine Tränen gesehen. Siehe, ich will deinen Tagen noch fünfzehn Jahre zulegen." (V. 5)

Als diese Worte an sein Ohr dringen, da ist es als schießt das Blut wieder viel kräftiger durch seinen Körper. Die Lebenskraft kehrt zurück. Das Leben, das er so geliebt hat, es gewinnt wieder Raum in ihm. Die Klage über den zerfasernden Lebensfaden tritt in den Hintergrund, die Lebenskraft, die ihn bestimmt hat, beginnt langsam zurück zu kehren.

Und die Stimme Jesjas wird immer deutlicher zu vernehmen. Gott sagt Dir: Ich "werde dich und diese Stadt vor dem Assyrerkönig retten; ich werde Jerusalem beschützen. Ich will dir ein Zeichen geben, an dem du erkennen kannst, dass ich meine Zusage wahr mache: Ich lasse den Schatten auf der Treppe, die König Ahas gebaut hat, um zehn Stufen zurückgehen." (V. 6-8 GNB)

Hiskia richtet sich auf, man wird ihm später erzählen, dass der Schatten tatsächlich zurückgegangen sei. Aber das ist ihm jetzt gar nicht wichtig. Er vertraut auf das Wort des Herrn. Er möchte sehen, wie die Geschwüre an seinem Körper sich bessern, die normalerweise jedem zeigen, dass er dem Tod geweiht war. Er möchte wieder zum Tempel gehen können, um zu beten. Er möchte rein vor seinen Gott treten.

Und nun bahnen sich die Worte, direkt den Weg aus seinem Herzen, er singt sein Lied. Er schreit sein Danklied heraus: 17 Siehe, um Trost war mir sehr bange. Du aber hast dich meiner Seele herzlich angenommen, dass sie nicht verdürbe; denn du wirfst alle meine Sünden hinter dich zurück.

Ja, er weiß, dass er von der Gnade Gottes abhängig ist. Auch er, der erfolgreiche Kämpfer für sein Volk und für den rechten Glauben, auch er hat Dinge im Herzen, die seinem Gott nicht gefallen können. Aber nun hat er erfahren, dass das nicht daran hindert, dass Gottes Gnade zu ihm kommt. Siehe, um Trost war mir sehr bange. Du aber hast dich meiner Seele herzlich angenommen.

Ja, seine Seele, das ist sein ganzes Leben. Seele und Leben gehören für ihn unwiderruflich zusammen. Und Gott hat ihm noch eine Chance gegeben. Eine Chance? Eher eine Frist. Noch 15 Jahre! Ja, du wirst Erfolg haben in diesen 15 Jahren. Das Haus Davids bleibt bestehen. Unter Dir wird die Dynastie jedenfalls nicht zusammenbrechen! Aber was ist nach diesen 15 Jahren? Ist es dann nicht auch wieder viel zu früh? Habe ich dann nicht auch wieder noch so viel vor, dass ich nicht gehen kann und will. Willst Du mir dann den Lebensfragen endgültig abschneiden? Kann ich dir nicht hier viel besser dienen als im Reich der Toten?

All diese Fragen stellen sich jetzt noch nicht, aber sie werden kommen, dann wenn es so weit ist. Jetzt ist nicht die Zeit, um weiter zu verhandeln, jetzt ist die Zeit, um zu danken, um aus vollem Herzen zu lobsingen und den Dank auszusprechen.

17 Siehe, um Trost war mir sehr bange. Du aber hast dich meiner Seele herzlich angenommen, dass sie nicht verdürbe; denn du wirfst alle meine Sünden hinter dich zurück. --- 21 Und Jesaja sprach, man solle ein Pflaster von Feigen nehmen und auf sein Geschwür legen, dass er gesund würde.

Ja, liebe Gemeinde, der König Hiskia, hat hier seine Todesangst überwunden. Dennoch hat ihn Gott später heimgeholt, nachdem er ihm die versprochenen Jahre nach seiner Genesung geschenkt hat. Alte Inschriften seiner Gegner bezeugen heute noch, wie er sich bei anderen Herrschern Respekt erworben hat. Aber durch seine Taten als König ist er nicht unsterblich geworden, viel mehr durch seien Glauben, sein Vertrauen, und seinen Dank, den er nach seinem intensiven Todeskampf ausgesprochen hat. In vielen Gebetbüchern konnten die Menschen über Jahrtausende hinweg seine Worte lesen und nachbeten, in ihrer je eigenen Situation.

So werden auch uns seine Worte eine neue Möglichkeit aufzeigen. Ja, ich darf klagen, wenn ich am Boden zerstört bin und mein Lebensfaden abzureißen droht. Ja, ich darf handeln und hadern, wenn ich die Glocken meines letzten Stündleins zu hören glaube. Aber ich darf auch glauben, dass Gott die Zeit zurück drehen kann und mir Zeit schenken kann. Der Schatten des Todes, der auf Hiskia lag, ist zehn Stufen zurückgegangen, in Jahren gerechnet sogar fünfzehn. Würden wir uns damit zufrieden geben? 17 Siehe, um Trost war mir sehr bange. Du aber hast dich meiner Seele herzlich angenommen, dass sie nicht verdürbe.

Ja, wir dürfen uns damit zufrieden geben. Denn er schenkt uns den Seelenfrieden, denn unser Leben ist bei ihm geborgen.

Es ist immer das alte Lied. Wir hängen am Leben und wollen es nur ungern loslassen. Aber Gott reicht uns seine Hand. Wir können sie ergreifen. Wir können an seiner Hand mit ihm durchs Leben gehen. Er wird auch seine schützende Hand nicht von uns lassen, wenn er uns über die letze Grenze führt.

Jemand hat einmal gesagt: "Der das Lied vom Leben selbst geschrieben hat, der wird auch sorgen, dass das Lied des Lebens nie verklingt." (Noch unverifiziertes Zitat aus persönlichem Gespräch. Für eine Quellenangabe bin ich sehr dankbar.)

Gott wird dieses Lied mit uns singen. Und wir werden für ihn das Danklied singen. Und das ist nicht immer wieder das alte Lied, das ist ein Lied, dass ich täglich neu singen kann, Ein Lied, das aus dem Herzen kommt, wie Hiskias Worte: "Der Vater macht den Kindern deine Treue kund. Der HERR hat mir geholfen, darum wollen wir singen und spielen, solange wir leben, im Hause des HERRN!" (V. 20f)

Es ist ein Lied von Hoffnung, die nicht enttäuscht wird. Unser Leben und unsere Seele liegen in Gottes Hand. Er wird dieses Leben festhalten und er wird es bewahren auf ewig. Er wird mir uns singen, wenn wir leben. Er wird unser Danklied hören, wenn wir unser Leben in seine Hände legen. Amen.

 



Pfarrer Michael Nitzke
44229 Dortmund
E-Mail: michael.nitzke@philippusdo.de

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