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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Gründonnerstag, 02.04.2015

Ein Beispiel für euch
Predigt zu Johannes 13:1-15.34.35, verfasst von Michael Nitzke

1 Vor dem Passafest aber erkannte Jesus, dass seine Stunde gekommen war, dass er aus dieser Welt ginge zum Vater; und wie er die Seinen geliebt hatte, die in der Welt waren, so liebte er sie bis ans Ende. 2 Und beim Abendessen, als schon der Teufel dem Judas, Simons Sohn, dem Iskariot, ins Herz gegeben hatte, ihn zu verraten, 3 Jesus aber wusste, dass ihm der Vater alles in seine Hände gegeben hatte und dass er von Gott gekommen war und zu Gott ging, 4 da stand er vom Mahl auf, legte sein Obergewand ab und nahm einen Schurz und umgürtete sich. 5 Danach goss er Wasser in ein Becken, fing an, den Jüngern die Füße zu waschen, und trocknete sie mit dem Schurz, mit dem er umgürtet war. 6 Da kam er zu Simon Petrus; der sprach zu ihm: Herr, solltest du mir die Füße waschen? 7 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Was ich tue, das verstehst du jetzt nicht; du wirst es aber hernach erfahren. 8 Da sprach Petrus zu ihm: Nimmermehr sollst du mir die Füße waschen! Jesus antwortete ihm: Wenn ich dich nicht wasche, so hast du kein Teil an mir. 9 Spricht zu ihm Simon Petrus: Herr, nicht die Füße allein, sondern auch die Hände und das Haupt! 10 Spricht Jesus zu ihm: Wer gewaschen ist, bedarf nichts, als dass ihm die Füße gewaschen werden; denn er ist ganz rein. Und ihr seid rein, aber nicht alle. 11 Denn er kannte seinen Verräter; darum sprach er: Ihr seid nicht alle rein. 12 Als er nun ihre Füße gewaschen hatte, nahm er seine Kleider und setzte sich wieder nieder und sprach zu ihnen: Wisst ihr, was ich euch getan habe? 13 Ihr nennt mich Meister und Herr und sagt es mit Recht, denn ich bin's auch. 14 Wenn nun ich, euer Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, so sollt auch ihr euch untereinander die Füße waschen. 15 Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe.

34 Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt.  35 Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.

 

Liebe Gemeinde,

am Gründonnerstag denken wir an die Einsetzung des heiligen Abendmahls. Es ist der Höhepunkt der Tage vor Karfreitag. Der Höhepunkt, bei dem aber der Tiefpunkt schon deutlich mit im Blick ist. Denn der Verräter ist dabei. Er wird Jesus für seine Widersacher erkennbar machen. Und wer im Rückblick die Geschichte vom Gründonnerstag erzählt, der hat den Verräter im Fokus. So auch hier in dieser Geschichte aus dem Johannesevangelium.

Doch bei Johannes klingt die Geschichte so ganz anders, als wir sie kennen. Hier steht gar nicht im Mittelpunkt, dass Jesus Brot und Wein zu seinem Leib und Blut erklärt hat. Wer die Einsetzungsworte zum Abendmahl sucht, der könnte sie in der Schilderung des letzten Passamahles vor der Verhaftung Jesu im Johannesevangelium nicht finden. Dabei ist er es doch, der uns in seiner Schrift so schöne Worte überliefert, wie: "Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist. Wer von diesem Brot isst, der wird leben in Ewigkeit. Und dieses Brot ist mein Fleisch, das ich geben werde für das Leben der Welt." (Joh 6,51) Und auch das andere Element des Abendmahls fehlt bei Johannes nicht: Die Frucht des Weinstocks: "Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun." (Joh 15,5)

Diese Worte aus dem Johannesevangelium werden oft im Zusammenhang mit unserem Sakrament des Abendmahls gesprochen. Aber sie finden sich in diesem vierten Evangelium nicht, wie bei den anderen Evangelisten, in der Schilderung des Abendmahles Jesu, an dem der Verräter teilnimmt.

Dafür erzählt Johannes als einziger die merkwürdige Geschichte von der Fußwaschung. Nach dem gemeinsamen Essen, oder vielleicht sogar auch mitten drin, steht Jesus auf und wäscht den Jüngern die Füße. Für die Jünger war das genauso überraschend, wie für viele Frauen unserer Gemeinden, als sie die Gottesdienstordnung zum Weltgebetstag durcharbeiteten, der vor einem Monat stattfand. Die Frauen aus den Bahamas, die für dieses Jahr die Liturgie erstellt haben, hatten genau diese Geschichte aus der Bibel vorbereitet, und sie hatten es ganz praktisch getan:

Die Fußwaschung stand im Mittelpunkt. Die Teilnehmerinnen konnten auf dem Weg in die Kirche den Fußspuren Jesu folgen. Im Gottesdienst selbst sollten sechs Frauen, die unterschiedliche Lebensbereiche aus den Bahamas schildern, die Füße gewaschen werden. Und am Ende des Gottesdienstes sollte allen eine Fußwaschung angeboten werden.

Der Weltgebetstag sorgt oft für Diskussionen, aber diesmal war das keine politische Diskussion, sondern eher eine Anfrage an den Umgang mit unserer Bibel. Da steht nun ganz deutlich in der Bibel: so sollt auch ihr euch untereinander die Füße waschen. 15 Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe.

Aber so leicht ließ sich das nicht umsetzen. Aus Respekt vor der Bibel, führen manche hochgestellte Persönlichkeiten diesen Dienst an anderen, nur geringfügig niedriger stehenden, Persönlichkeiten einmal im Jahr aus. Aber man darf sicher sein, dass die entsprechenden Füße das ganze Jahr lang nicht so sauber sind wie VOR dieser rituellen Waschung. Aber für viele Frauen erschien dieser Brauch zu ungewöhnlich, zu intim und zu profan. Profan ist das Gegenteil von heilig, und so meint man wohl, Körperpflege gehöre nicht in die Kirche, das macht man zu Hause. Das ist etwas, was nur mich angeht, und niemanden anderes, ist also intim. Und außerdem, wie soll das überhaupt praktisch gehen?

In unserer Kirche wurde es so gelöst, dass eine Mutter ihrer Tochter die Füße gewaschen hat. Und ich bin sicher, dass das junge Mädchen darauf geachtet hat, dass die vorher sauber waren. Das Angebot der allgemeinen Fußwaschung fiel aus. Dafür wurden auf dem Weg zum Kaffeetrinken gerne die alkoholfreien Cocktails angenommen, die auch im Begleitbuch vorgeschlagen waren.

 

Die Fußwaschung, die Jesus empfiehlt, hat trotz aller wohlgemeinten Versuche nie wirklich den Weg in unsere Kirchen und die Herzen der geübten Kirchgänger gefunden. Vielleicht ist doch alles nur eine Sache der Gewöhnung. Denn genauso fremd erscheint es jungen Menschen, wenn sie zum ersten Mal in der Kirche vor aller Augen ein Stück Brot essen und womöglich mit anderen Leuten aus einem Kelch trunken sollen.

Doch mit beiden Ritualen will uns Jesus eines deutlich machen: Er ist für uns da. Im Abendmahl bedeutet das: Jesus hat seinen Körper für uns geopfert, damit wir leben können. Sein Leib und sein Blut sind somit für uns wahrhaftig zum Lebensmittel geworden: Im Einzelnen schwer zu begreifen, aber doch über zwei Jahrtausende von Milliarden von Christen immer wieder eingeübt.

Die Fußwaschung führt da eher ein Schattendasein. Vielleicht liegt es auch daran, dass sie in unserem Kulturkreis nie Brauch war. Ein gemeinsames Abendessen ist selbstverständlich, aber an meine Füße lasse ich keinen ran.

Im alten Orient war das anders. Die bloßen Füße sind auf dem Weg zum Gastgeber durch die Sandalen staubig geworden. Und es war sowohl eine Geste des Respekts, dem Gast die Füße zu waschen, wie es sicher für den Gast selbst auch ein Stück Wohlbefinden bedeutete, "Wellness" würden wir heute dazu sagen. Aber es war auch streng festgelegt, wer wem diesen Dienst erwies: "Frauen wuschen die Füße der Männer, Kinder die der Eltern, Rabbinerschüler, die ihrer Lehrer." (Corinna Dahlgrün in: Göttinger Predigtmeditationen, 57. Jg. 2003, S. 210) Insofern war Jesu Tat für die Jünger damals auch ungewöhnlich. Denn er kehrte die Verhältnisse um. Der Ranghöhere erweist den niederen Dienst dem einfachen Menschen. Doch so viel Stolz hatte Petrus, dass er das nicht auf sich sitzen lassen wollte: Herr, solltest du mir die Füße waschen? Nein, wenn schon, dann hätte es umgekehrt sein müssen. Doch Petrus schien mal wieder den Mund zu voll genommen zu haben. Denn ein anderer weiß zu berichten, dass Petrus auch sonst nicht so dienstbeflissen ist, wie er hier tut. Lukas schildert die Szene, wie eine stadtbekannte Sünderin Jesus zu Füßen sitzt. Als Petrus sich darüber aufregt, bekommt er die Antwort: "Ich bin in dein Haus gekommen; du hast mir kein Wasser für meine Füße gegeben; diese aber hat meine Füße mit Tränen benetzt und mit ihren Haaren getrocknet." (Lk 7,44)

 

Aber genau wie vorher bei Lukas hat auch Petrus hier bei Johannes nicht wirklich verstanden, was Sache war. Denn jetzt will er nicht nur saubere Füße, sondern auch noch eine Maniküre und eine Kopfwäsche. Doch Jesus wäscht ihm den Kopf auf andere Weise: Petrus, du bist an Leib und Seele rein, weil du zu mir gehörst. Wenn ich dir jetzt diesen Dienst erweise, dann nicht weil Du unsauber bist, sondern weil ich dir zeigen will, dass ich dir diene.

Jesus dient ihm mit seinem Leben, obwohl er es nicht nötig hätte. Der Lehrer wäscht den Schüler, der Herrscher wird zum Diener. Gott kommt auf die Erde. Der den Menschen geschaffen hat, unterwirft sich ihnen. Der, dessen ganzes Leben Liebe ist, muss Leid ertragen. Der Herr alles Lebens muss den Tod am Kreuz sterben. 7 [...] Was ich tue, das verstehst du jetzt nicht; du wirst es aber hernach erfahren.

Ja, erst am Kreuz werden die Menschen erfahren: "Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen!" (Mk 15,39)

Es ist die Umkehrung aller bekannten Werte, dass ein König seinen Thron verlässt, um seinen, ihm anvertrauten Menschen, Liebe zu geben. Doch wir haben es ihm gedankt, indem wir seinen Leib schlugen und sein Blut vergossen haben. Doch sein Leib und sein Blut hat er für uns zu einem Mittel zum Leben werden lassen. Und das Kreuz, das Zeichen des Todes, ist durch ihn zu einem Symbol des Lebens geworden.

Das sind Wahrheiten, die uns in der Kirche oft leicht über die Lippen gehen. Aber vor dem kleinen Dienst der Körperreinigung am Nächsten schrecken wir zurück. Vielleicht will uns die Geschichte von der Fußwaschung auch sagen: Fangt mit kleinen Dingen an, wenn ihr füreinander da sein wollt! Fragt, was ihr für den Mitmenschen tun könnt! Manchmal müsst ihr euch überwinden, weil das, was der andere braucht, vielleicht ungewöhnlich ist! 15 Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe.

Ein Beispiel bedeutet, dass es im konkreten Fall auch etwas ganz anderes sein kann, wichtig ist, dass man sich überwindet, aus sich heraus geht, und dem anderen hilft.

Jesus bringt das auf einen ganz einfachen Nenner, den jeder verinnerlichen kann. Er sagt: 34 Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt.

So einfach ist das, was Jesus von uns erwartet. So leicht, ist das Gesetz, das er uns gibt. So leicht und doch so schwer: Liebe will gelebt werden. Gelebte Liebe will weitergegeben werden, und geben kann ich nur, was ich empfangen habe. Darum öffnen wir uns für das Ungewöhnliche, das Jesus uns gibt, auch wenn es oft profan erscheint und auch manchmal zu intim ist. Jesus Christus kehrt die Verhältnisse um. Er verwandelt Gleichgültigkeit in Liebe und Sprachlosigkeit in Miteinander. Folgen wir seinen Fußspuren auf dem Weg der Liebe.

Lassen wir seine Worte wahr werden:   35 Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt. Amen.



Pfarrer Michael Nitzke
Dortmund
E-Mail: michael.nitzke@philippusdo.de

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