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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

19. Sonntag nach Trinitatis, 26.10.2014

Menschlich in Stein gemeißelt
Predigt zu Exodus (2. Buch Mose) 34:4-10, verfasst von Michael Nitzke

4 Und Mose hieb zwei steinerne Tafeln zu, wie die ersten waren, und stand am Morgen früh auf und stieg auf den Berg Sinai, wie ihm der HERR geboten hatte, und nahm die zwei steinernen Tafeln in seine Hand. 5 Da kam der HERR hernieder in einer Wolke, und Mose trat daselbst zu ihm und rief den Namen des HERRN an. 6 Und der HERR ging vor seinem Angesicht vorüber, und er rief aus: HERR, HERR, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue, 7 der da Tausenden Gnade bewahrt und vergibt Missetat, Übertretung und Sünde, aber ungestraft lässt er niemand, sondern sucht die Missetat der Väter heim an Kindern und Kindeskindern bis ins dritte und vierte Glied! 8 Und Mose neigte sich eilends zur Erde und betete an 9 und sprach: Hab ich, HERR, Gnade vor deinen Augen gefunden, so gehe der Herr in unserer Mitte, denn es ist ein halsstarriges Volk; und vergib uns unsere Missetat und Sünde und lass uns dein Erbbesitz sein. 10 Und der HERR sprach: Siehe, ich will einen Bund schließen: Vor deinem ganzen Volk will ich Wunder tun, wie sie nicht geschehen sind in allen Landen und unter allen Völkern, und das ganze Volk, in dessen Mitte du bist, soll des HERRN Werk sehen; denn wunderbar wird sein, was ich an dir tun werde.

 

Liebe Gemeinde!

Mose steht seinem Herrn gegenüber. Der Mensch begegnet Gott. Ein wundersame Szene,  eine besondere Geschichte. Sie mutet an, wie eine Erzählung aus ferner Zeit, wo es noch an der Tagesordnung war, dass Menschen vor Wesen aus anderen Welten traten, ein Zeit in der die Grenzen zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem, Diesseitigem und Jenseitigem fließend waren. Lang, lang ist's her.

Heute scheinen wir mit beiden Beinen auf der Erde zu stehen, wir sind auf uns selbst angewiesen, meinen wir. Und weil wir das meinen, fragen wir gar nicht mehr danach, ob eine Begegnung außerhalb unseres Horizonts möglich sei.

Eine wundersame Episode, die uns da heute erzählt wird? Vielleicht! Ich meine aber eher, es ist eine wunderbares Ereignis! Eine göttliche Geschichte? Ja, aber es ist doch auch noch viel mehr eine zutiefst menschliche Geschichte.

Warum menschlich? Aus zwei Gründen: Ich meine zum einen: Gott handelt hier menschlich, und zum anderen: die zehn Gebote rücken näher an den Menschen heran.

Fangen wir mit dem Letzteren an.

 

Mose hatte die Aufgabe übernommen, das Volk Israel aus Ägypten herauszuführen. Dort erlebten Sie Unterdrückung. Das würde man heute schon nicht mehr mit Mobbing bezeichnen, das war schon Sklaverei.

Durch wundersame Umstände gelang die Flucht aus dem fremd gewordenen Land, eine unbekannt gewordene Heimat. Der Weg übers Meer konnte noch trockenen Fußes bewältigt werden. Aber auf der langen Wüstenwanderung wurde die Trockenheit zu einem Problem. In Ägypten gab es zwar keine Freiheit und viel zu viel Arbeit, aber es gab wenigstens etwas zu essen. Es war doch nicht alles schlecht, damals. An die Fleischtöpfe Ägyptens erinnerte man sich jedenfalls gern. Hinterher regnete eine wundersame Speise vom Himmel, aber was war harziges Brot gegen ein gutes Stück Rinderbraten.

Die Unzufriedenheit war nun tief im Volk verwurzelt. Ja oft genug hatte Mose gedacht, es ist ein halsstarriges Volk. Nie ist es richtig zu frieden.

Da bittet man das Volk einmal eine Zeit lang still zu halten, und da vergisst es alle seine Prinzipien.

Mose steht Gott gegenüber, und das Volk bleibt zurück. Sie hätten nur abwarten brauchen, bis Gott ihnen das gibt, was sie brauchen: Eine Grundlage für ein gutes Zusammenleben: Zehn Gebote als Regeln des Lebens. Zehn Angebote, die niemand ausschlagen kann, weil sie allen gut tun, die sich daran halten. Zehn Sätze, die das Leben leichter machen.

Gott hatte sie selbst in Stein gemeißelt, und die Steine, die die Buchstaben der Gebote trugen, hat er selbst erschaffen.

Als Mose voller Stolz aber auch etwas gebeugt unter der Last der Verantwortung die Tafeln als Denkmal der Liebe Gottes überbringen will, traut er seinen Augen nicht. Das ungeduldige Volk hatte sich einen neuen Gott gemacht. Ein goldenes Stierbild. Es war ja nun nicht so, dass sie die Gebote nicht gekannt hätten. Bevor Gott sie höchst selbst in Stein meißelte, hatte er ihnen ja schon verkündigt, was drin steht. Ganz am Anfang: Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. (Ex 20,2-3)

Und nun haben sie sich einen Gott selbst gebaut. Welche Anmaßung. Sie wissen, dass Gott sie selbst geschaffen hat. Und nun wollen sie sich selbst über ihren Schöpfer stellen. Sie erschaffen mit ihren eigenen Händen einen Gott, der zwar glänzt, der aber nicht mal ein Abglanz der Herrlichkeit des Allmächtigen ist.

Voller Zorn zerschlägt Mose die Tafeln, die Gott selbst erschaffen hatte, die Steintafeln, die von göttlicher Hand mit den Spielregeln fürs Leben beschrieben wurden. Die Menschen dort unten, wollten sich einen Gott selbst zusammenbauen, und dieser Mensch Mose zerschlägt und zerstört, was der wahre Gott eben für die Menschen selbst erschaffen hatte! Und das nur weil seine Wut über seine Enttäuschung gesiegt hatte.

Wer ist nun halsstarrig? Das Volk, oder der, der das Volk in die Freiheit führen soll?

Beides ist zu tief menschlich: die Ungeduld der Masse, und die Wut des Einen. Zutiefst menschlich, weil wir solche Reaktionen alle kennen, aber doch auch menschenunwürdig, weil wir doch lernen sollten, solche niederen Triebe wie Wut und Ungeduld zu zügeln. Menschlich, allzu menschlich!

Gott aber reagiert göttlich, aber auf solch eine Weise göttlich, die wir heute als menschlich bezeichnen würden. Er sieht auch die Ungeduld, doch er reagiert geduldig. Er duldet, die Abkehr von seinen Regeln und streckt dennoch die Hand zur Versöhnung weiterhin aus.

Er erträgt die Wut seines Beauftragten, und antwortete darauf mit Mut. Mit einer besonderen Form von Mut, nämlich mit Langmut. Langmut ist der Mut, nicht überstürzt zu reagieren. Langmut, ist der Mut, dem anderen Zeit zum Umdenken zu lassen, Langmut, ist die Ruhe, die dem Gegenüber die Gelegenheit gibt, sich zu ändern.

Gott gibt dem Mose mit seinem Volk eine zweite Chance. Aber einen kleinen Denkzettel hat er sich doch ausgedacht. Strafe muss sein, denn er wird ja niemanden ungestraft lassen. Seine Strafe zerstört aber nicht, sondern sie gibt Zeit zum Nachdenken.

Denn Mose muss nun die Steintafeln selbst ersetzen. Er muss selbst zwei Tafeln aus großem Stein hauen, sie so glätten, dass man die Buchstaben auf Ihnen erkennen kann. Das ist viel Arbeit, das kostet Mühe und wird manches ungeduldige Mütchen kühlen. Aber Gott zeigt Geduld. Er verbirgt sich nicht und zieht sich nicht beleidigt zurück. Er kommt auf die Menschen zu und lässt ihren Vertreter Mose noch einmal zu sich kommen.

Er sagt ihm, wer er ist. Und wenn Mose das bis dahin noch nicht gemerkt hatte, wird er es jetzt erfahren.

Dieser Gott ist ein besonderer Gott, er ist barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue.

Er handelt an den Menschen, wie an den eigenen Kindern. Er zeigt Strenge, wo es angebracht ist, aber er schenkt Liebe, weil es nötig ist, dass Kinder Liebe erfahren, gerade dann, wenn sie einen großen Fehler gemacht haben.

Nun, dieser Gott sagt, dass er auch anders kann: ungestraft lässt er niemand, sondern sucht die Missetat der Väter heim an Kindern und Kindeskindern bis ins dritte und vierte Glied!

Mancher, der das hört, muss hier deutlich schlucken, und zieht sich innerlich zurück. Was ist das für ein Gott? Er will gnädiger Richter sein, und straft Kinder und Enkel für die Sündern der Eltern und Großeltern und noch darüber hinaus? Aber ist das nicht auch menschlich? Üben wir nicht auch diese besondere Form von Sippenhaft aus?

"Ist das nicht der Sohn von dem? Hat sein Vater nicht immer in die eigene Tasche gewirtschaftet? Und der soll jetzt ein Behörde leiten? Ist das nicht der Enkel von dem Kriegsverbrecher? Nun, was kann der junge Mann dazu, aber irgendwas bleibt immer hängen! Kann man denn mit so einem Namen ein Regierungsamt bekleiden?" Wir könnten noch mehr Beispiele nennen, in denen Menschen durchaus Kinder für die Fehler der vorangegangen Generationen büßen lassen. Menschlich, aber deshalb gerade unmenschlich. Was ist das für ein Gott, der sich den Menschen so anbiedert und handelt wie sie, sollen wir uns da nicht einen anderes Gottesbild gestalten, dem wir vertrauen können? So schnell kann es gehen und wir sind auf dem Weg des Volkes, das aus Ägypten geflohen ist. Solch in goldenes Kalb ist schnell erstellt. Aber was hilft es uns? Wir legen menschliche Maßstäbe an Gott an, und sagen, was Gott tun soll und was nicht.

Wenn Gott die Sünden der Eltern noch den Enkeln und Urenkeln vorhält, dann nicht weil er sie dafür verantwortlich macht, sondern weil er sie an ihre Verantwortung erinnert, dafür zu sorgen, dass so was nicht noch einmal geschieht. Das ist auch der Grund warum in unserem Land, die Schuld der Väter und Großväter nicht verschwiegen werden darf, weil Kinder und Enkel die Pflicht haben, dafür zu sorgen, dass diese Sünden sich nicht wiederholen.

Und so ist Gott viel menschlicher, als wir erwarten: Denn er ist Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue, 7 der da Tausenden Gnade bewahrt und vergibt Missetat, Übertretung und Sünde.

Manche Ausleger gehen so weit, die Tausende, die da Gnade erlangen, als tausende Generationen zu verstehen.1 Dann wäre in der Tat, die Heimsuchung der dritten und vierten Generation eine zu vernachlässigende Größe. Aber wenn wir so weit nicht gehen wollen, dann reicht es, darauf zu vertrauen, dass Gotte es ernst meint. Wenn er 'Vergebung' sagt, dann meint er auch 'Vergebung'. Und wenn wir seinen Geboten folgen wollen, sollte es für uns selbstverständlich sein, die Verantwortung, die er uns überträgt auch wahrzunehmen. An dem Ort, an den wir gestellt sind, sollen wir für Menschlichkeit und gerechtes Minteinader eintreten.

Solche oder ähnliche Gedanken mögen Mose durch den Kopf gegangen sein, als er Gott gegenüber stand, ohne ihn doch wirklich zu sehen. Aber was er hörte, das meißelte sich tief in sein Herz ein. Und er würde es nie vergessen, denn er bekam Zeit darüber nachzudenken.

Denn Gott gab ihm ja diesen kleinen Denkzettel, da er ja nichts ungestraft lässt. Hatte Gott die ersten, von Mose dann zerschlagenen, Tafeln noch selbst erstellt und beschriftet, so sollte er nun diese Aufgabe in menschliche Hände legen. Die zweiten Tafeln hat Mose selbst aus dem Stein gehauen und er musste sie nun auch selbst beschriften. Schön und akkurat muss das gewesen sein, denn es dauerte diese symbolischen 40 Tage und Nächte. Genauso lange dauerte die Sintflut, mit der Gott die Menschheit bis auf einen Rest auslöschte und so bestrafte. Das wollte er nie wieder tun. So lässt er nun seinen Beauftragten die gleiche lange Zeit, 40 Tage und Nächte, Gottes Friedensangebote in Stein meißeln, damit er sie nie vergisst. Und damit sie bei den Menschen nie in Vergessenheit geraten.

Ja, das ist eine wundersame Geschichte und sie ist wunderbar, weil Gott auch sagt: Vor deinem ganzen Volk will ich Wunder tun, wie sie nicht geschehen sind in allen Landen und unter allen Völkern, und das ganze Volk, in dessen Mitte du bist, soll des HERRN Werk sehen; denn wunderbar wird sein, was ich an dir tun werde.

Ja, Gott tut Wunder. Er kann aus Felsen Wasser fließen lassen, und aus dem Himmel Brot regnen lassen. Er kann Lahme gehen lassen und Blinde sehen lassen. Und er kann noch ein größeres Wunder vollbringen.

Er kann die Schuld, die auf manchem lastet wie ein schwerer Fels, von ihm abnehmen. So kann dieser entlastete Mensch mit aufrechtem Gang und mit einem sehenden Herz auf Menschen zugehen, und ihnen Liebe und Frieden anbieten.

Vergebung kann ein größeres Wunder sein, als manches, was uns in der Natur als unmöglich erscheint. Denn Vergebung bedeutet auch, über seinen eigenen Schatten zu springen. Vergebung bedeutet, scheinbar in Stein gehauene menschliche Prinzipien hinter sich zulassen, um Gottes Friedensangebote anzunehmen.

Die von Mose selbst in Gottes Auftrag erstellten Gebotstafeln, bringen die 10 Gebote näher an den Menschen heran. So kann er die Gebote als Friedensangebote annehmen und seinem Gott dankbar sein, denn der ist: barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue. Amen.



Pfarrer Michael Nitzke
Dortmund
E-Mail: michael.nitzke@philippusdo.de

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