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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Osternacht, 20.04.2014

Predigt zu 2. Timotheus 2:8-13, verfasst von Michael Nitzke

 

8 Halt im Gedächtnis Jesus Christus, der auferstanden ist von den Toten, aus dem Geschlecht Davids, nach meinem Evangelium,
9 für welches ich leide bis dahin, dass ich gebunden bin wie ein Übeltäter; aber Gottes Wort ist nicht gebunden.
10 Darum dulde ich alles um der Auserwählten willen, damit auch sie die Seligkeit erlangen in Christus Jesus mit ewiger Herrlichkeit.
11 Das ist gewisslich wahr:
Sterben wir mit, so werden wir mit leben;
12 dulden wir, so werden wir mit herrschen; 
verleugnen wir, so wird er uns auch verleugnen;
13 sind wir untreu, so bleibt er doch treu;
denn er kann sich selbst nicht verleugnen.

 

Liebe Gemeinde,

"es geht um Leben und Tod". Wenn wir diese Worte hören, dann muss es schnell gehen. Wenn jemand laut ruft, "Es geht um Leben und Tod!", dann will er Leben retten, und den Tod in letzter Minute verhindern. Wir hören diesen Satz glücklicherweise viel öfter, wenn wir uns gemütlich im Sessel zurücklehnen, als in der Realität. Die Worte, im Roman geschrieben, oder im Fernsehfilm theatralisch ausgerufen, reißen uns aber meist nicht wirklich vom Hocker, sondern stören kaum unsere Ruhe auf dem bequemen Sofa. Der Kampf um Leben und Tod, ist zu einem Unterhaltungsfaktor geworden. Die Sorge um das Leben und der Kampf gegen den Tod, begegnet uns in der Krankenhausserie oder im Kriminalfilm. Und dieser Kampf stört wahrscheinlich nur deshalb nicht unsere abendliche Ruhe, weil es zum Konsens der meisten Unterhaltungsschaffenden gehört, dass das Gute doch siegt. Doch immer häufiger sind viele Opfer zu beklagen, bevor die Guten den Bösen zur Strecke bringen. Der Tod wird dadurch zu leicht zum Normalfall. Das ändert sich auch leider nicht bei der morgendlichen Zeitungslektüre. Der Tod schafft es in der Regel immer auf Seite 1. Ein gerettetes Leben findet man, wenn überhaupt, erst auf den hinteren Seiten.

"Es geht um Leben und Tod!" Wie sehr haben wir uns an diesen Satz gewöhnt. Kann uns da die Betrachtung des Lebens und des Todes des Jesus von Nazareth noch aus der Ruhe der Feiertage reißen?

Bei der Geschichte von Jesus Christus geht es um Leben und Tod, und oder anders gesagt, um Tod und Leben.

Und obwohl der Kampf um Leben und Tod heutzutage in alle Lebensbereiche Einzug gehalten hat, wird es immer schwerer, die Glaubensaussage zu verdeutlichen, die uns das Geschehen zwischen Karfreitag und Ostern vermitteln will.

Das Bild des gekreuzigten Jesus ruft immer mehr Widerspruch hervor. "Zu grausam", sagt die Mutter kleiner Kinder. "Zu lebensfeindlich", sagt mancher Pädagoge.

Doch in einer lebensfeindlichen Welt, die heute nach wie vor in vielen Lebensbereichen grausam ist, hat einer den Mut gehabt, die Grausamkeit, durch ein Ja zum Leben zu überwinden.

Dieses Ja zum Leben war ein Ja, zu einem Leben eines jeden Einzelnen. Ein Ja, das sogar das Lebensrecht des Gegners anerkennt.

"Stecke dein Schwert an seinen Ort! Denn wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen.", spricht Jesus zu dem Jünger, der ihn vor denen verteidigen wollte, die ihn gefangen nahmen (Mt 26,52).

Ein Ja zum Leben. Und wenn dieses Leben dennoch eingesetzt wird und damit aufs Spiel gesetzt wird, dann ist das nur möglich, um ihn, Jesus Christus damit die Ehre zu geben, so spricht er: "wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird's finden." (Mt 10,39b).

Doch bevor Jesus das erwartet, gibt er selbst sein Leben hin. Er gibt es als der, der selbst dieses Leben geschaffen hat. "Ich und der Vater sind eins.", sagt Jesus im Johannesevangelium (Joh 10,30).

Das ist der Kern unseres christlichen Glaubens. In Jesus Christus, begibt sich der Schöpfer des Lebens in die Bedingungen des Lebens, die er selbst erschaffen hat.

Er schwebt nun nicht mehr über den Dingen, sondern macht sich selbst zum Teil seiner Schöpfung.

All das, worüber die Menschen klagen, erlebt er nun am eigenen Leib.

Wenn man ihn verspottet, dann muss er es ertragen. Aber er verwandelt den Spott in Ruhm. Die Dornenkrone wird zum Siegessymbol. Ja, es ist ein wahrhaftiger König, den ihr da gekreuzigt habt. Seine Krone ist nicht aus Gold, sie besteht aus dornigen Zweigen. Es ist der Siegeskranz, der beschreibt, dass einer die Widrigkeiten des Lebens ertragen hat, um sie zu überwinden.

Dieser eine verwandelt die Symbole des Todes in Zeichen zum Leben. Das Kreuz, schändlicher Marterpfahl des römischen Reiches, ein Erkennungszeichen des staatlich angeordneten Todes missliebiger Personen, dieses Kreuz verwandelt er in ein Zeichen der Hoffnung. Das Kreuz ist heute ein Zeichen des Lebens, ein Zeichen, dass das Leben über den Tod siegt.

Ja, es geht um Leben und Tod. Aber anders, als wir uns das landläufig vorstellen. Wenn im Abenteuerfilm, das Gute gesiegt hat, und der drohende Tod verhindert wurde, dann ist dennoch nichts darüber gesagt, was passiert, wenn der gerettete Held wieder in Gefahr kommt, oder er irgendwann lebenssatt die Augen schließt.

Angesichts des Kreuzes geht es nicht nur um Leben und Tod: Es geht um Leben statt Tod. Es geht um Leben nach dem Tod. Das ist die Hoffnung, die hinter dem Kreuz steht.

Und diese Hoffnung verkündigt der Apostel Paulus, wenn er schreibt: "8Halt im Gedächtnis Jesus Christus, der auferstanden ist von den Toten,".

Diese Erinnerung an Tod und Leben, ist nicht auseinanderzureißen. Der Tod am Kreuz hat die Menschen damals nicht minder schockiert als die Entdeckung des leeren Grabes. Was in der Zeit dazwischen geschehen ist, bleibt uns verborgen. Doch was wir im Gedächtnis behalten, ist, dass der Tod nicht gesiegt hat. Er hat nicht das letzte Wort behalten. Paulus hat am eigenen Leibe erlebt, wie kräftig der Auferstandene, der den Tod überwunden hat, wirkt. Er hat bewirkt, dass er sein Leben ändert. Er, der die Christen als Anhänger falschen Glaubens verfolgt hat, wird nun zum Verkündiger dieses Glaubens über alle bekannten Grenzen hinweg. Er, der selbst körperlich eingeschränkt ist, nimmt Leiden, Strapazen und Anfeindungen auf sich, um das allen ins Gedächtnis zu rufen, was sein Leben verändert hat: "8Halt im Gedächtnis Jesus Christus, der auferstanden ist von den Toten,".

Für Paulus ist dieses Im-Gedächtnis-Halten nicht nur eine Erinnerung an ein besonderes Erlebnis. Tod und Auferstehung Jesu Christi haben sich in sein Gedächtnis eingegraben. Diese Erinnerung ist für ihn lebensnotwendig. Das heißt, dieses Geschehen wendet die Not von seinem Leben ab.

Die Überwindung des Kreuzes durch das Leben gibt ihm Kraft und Zuversicht. Er sagt:

Sterben wir mit, so werden wir mit leben;
12 dulden wir, so werden wir mit herrschen;

Nun können wir den Weg gehen, den Jesus beschritten hat. Wir brauchen keine grundsätzliche Angst mehr zu haben, denn wir wissen: Das Leben überwindet den Tod.

Dennoch heißt "mit ihm sterben" nicht, dass Sorge und Schmerzen nicht mehr zu spüren und zu erfahren wären. Genau wie Jesus vor Schmerz geschrien hat, genauso wie er unter dem Kreuz zusammengebrochen ist, genauso wie er sich in der letzten Lebensstunde verlassen gefühlt hat, genau so werden wir es auch erfahren müssen, wenn es denn so weit sein sollte. Doch mit einem Unterscheid: Wir wissen, dass uns einer vorangegangen ist, der erfahren hat, was hinter der letzten Grenze kommt: Es kommt das Leben.

Sterben wir mit, so werden wir mit leben;

Und wir dürfen deshalb auf diesen Satz vertrauen, weil er auch anders herum gilt:

Wenn wir sterben, stirbt er mit uns, damit wir leben können, wie er lebt.

Was wir im Christusgeschehen erfahren, ist keine fremdes Schicksal eines Einzelnen. Es ist nicht einfach die zu bejubelnde Tat eines Helden. Es ist die vollständige Hinwendung des Schöpfer meines Lebens unter die Bedingungen dieses Lebens, die dann auch das Sterben beinhalten. Oder viele einfacher ausgedrückt: Gott lässt uns nicht allein.

Gott macht sich zum Teil seiner eigenen Schöpfung und zeigt uns den Weg, in dieser Schöpfung zu bestehen: Es ist der Weg der Liebe und der Güte.

Dieser Weg führt nicht immer zu äußerlich erkennbarem Erfolg, dafür ist das Kreuz ein Symbol. Aber dieser Weg lässt die zerstörerische Kraft des Todes nicht das letzte Wort haben. Dafür ist das leere Grab das Zeichen.

Gott ist kein Wesen auf einem unerreichbaren Thron, den ich doch das ganze Leben versuchen muss zu erreichen. Gott kommt in Jesus Christus zu jedem seiner Geschöpfe und begleitet sie. Er duldet mit, er stirbt mit und er lebt mit.

Wenn wir mit ihm gemeinsam erdulden, dann werden wir mit ihm herrschen. Und wir können dies erdulden, weil wir glauben, dass er es mit uns erduldet.

Wenn wir mit ihm die Bedingungen dieser Welt aushalten, dann werden wir mit ihm herrschen, so sagt Paulus. Wörtlich übersetzt, wir werden "mit ihm König sein". Das heißt: Auch unsere Dornenkrone wird sich in eine Königskrone verwandeln. Das bedeutet: Auch der Spott und den Schmerz, die wir tragen müssen, werden sich verwandeln in Zeichen des Sieges über Heuchelei und Gewalt.

Doch dann kommt in den Worten des Paulus doch scheinbar wieder ein Wermutstropfen, in das festliche Getränk des Lebens:

verleugnen wir, so wird er uns auch verleugnen;
13 sind wir untreu, so bleibt er doch treu;
denn er kann sich selbst nicht verleugnen.

Ist es eine Drohung, die Paulus hier ausspricht? Wie kann denn der Schöpfer, der so tief sinkt, um uns in der Tiefe nicht allein zu lassen, mit Verleugnungen drohe?. Gilt nun doch: "Wie du mir, so ich dir?"

Wenn wir den berühmtesten Verleugner der christlichen Geschichte ansehen, dann erkennen wir, wie Christus handelt. "Ich kenne den Menschen nicht", sagt Petrus, als er nach der Verhaftung seines Freundes Jesus gefragt wurde, ob er nicht auch dazu gehört. (Mt 26,72). "Ich kenne den Menschen nicht!", dabei wollte er doch alles erdulden, was Jesus auch erdulden musste. Er sagte: "Und wenn ich mit dir sterben müsste, will ich dich nicht verleugnen." (Mt 26,35).

Und Jesus hat später diesem Jünger und Freund Petrus, doch viel anvertraut.

Verleugnen wir, so wird er uns auch verleugnen.

Versuchen wir dem Satz des Paulus etwas nachzugehen. Die einfachste Übersetzung des Wortes, das für 'verleugnen' steht heißt: "Nein sagen".

Ist das nicht natürlich, dass jemand, zu dem ich "Nein" sage, mir zunächst auch mit "Nein" antwortet? Ein menschliche Reaktion, doch hier hält Jesus die Menschlichkeit nicht durch. Seine Göttlichkeit überwiegt, denn so schreibt Paulus: er kann sich selbst nicht verleugnen. Einfach übersetzt: Er kann nicht zu sich selbst "Nein" sagen.

Zu Beginn wollte ich ausdrücken, dass das ganze Wirken Jesus Christi "Ein Ja zum Leben" bedeutet. Und dieses "Ja" bleibt bestehen. Es siegt über das menschlich schnell gesagte "Nein". Jesus Christus kann sich selbst nicht verleugnen. Er kann sein einmal gesagtes "Ja" nicht in ein "Nein" verwandeln. Er nimmt auch den Verleugner an, und weinte sicherlich genauso bitterlich wie dieser.

"13 sind wir untreu, so bleibt er doch treu."

Jesus Christus steht zu seinem Wort. Sein Ja bleibt ein Ja, auch wenn ein Nein vielleicht menschlich wäre.

"13 sind wir untreu, so bleibt er doch treu."

Auch dieses Wort für "untreu", kann man mal im altgriechischen Wörterbuch nachschlagen, dann steht da nämlich, dass darin das Wort für "Glauben" steckt. Dann könnte ich den Satz von der Untreue frei übersetzt so wieder geben: "Wenn Ihr nicht an ihn glaubt, so glaubt er doch an Euch".

Das ist der Schlüssel für das Karfreitags- und Ostergeschehen, das ist der Weg zum Verständnis, von Kreuz und Auferstehung: "Wenn wir auch nicht an ihn glauben sollten, so glaubt er doch an uns".

Der Schöpfer vertraut auf seine Geschöpfe, er glaubt an sie, er bleibt ihnen treu, da er nur sich selbst treu bleiben kann.

Oft stehen wir der Überlieferung von Kreuz und Auferstehung ratlos gegenüber. Ist das Kreuz nicht zu grausam, zu lebensfeindlich, ist das leere Grab nicht zu unrealistisch und unglaubwürdig? Reichte es nicht, wenn wir Jesus als einen vorbildlichen Menschen sehen, der für seine Ideale gestorben ist?

Nein, ich meine es reicht nicht. Denn dann wäre Jesus nur ein Held gewesen, wie viele andere aus der Geschichte auch. Bei der Geschichte von Kreuz und Auferstehung geht es nicht einfach um Leben und Tod, nein es geht um Leben statt Tod.

Es geht um die Überwindung des Todes durch das Leben. Es geht um die Verwandlung der Symbole des Todes in Zeichen des Lebens.

Halt im Gedächtnis Jesus Christus, der auferstanden ist von den Toten, ...

Das ist gewisslich wahr:

Sterben wir mit ihm,
so werden wir mit ihm leben;
halten wir durch,
so werden wir mit ihm König sein;
sagen wir "nein" zu ihm,
so mag er auch zunächst "nein" zu uns sagen;
glauben wir nicht an ihn,
so glaubt er doch an uns;
denn er kann zu sich selbst nicht "nein" sagen.

     Sein "Ja" zum Leben bleibt bestehen,
     so viel wir auch "nein" sagen mögen.
     Das ist gewisslich wahr: Amen.

 



Pfarrer Michael Nitzke
44229 Dortmund
E-Mail: michael.nitzke@philippusdo.de

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