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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Palmarum: 6. Sonntag nach der Passionszeit, 24.03.2013

Predigt zu Johannes 17:1-8, verfasst von Michael Nitzke

 



Titel: Verherrlicht zum ewigen Leben


1 So redete Jesus und hob seine Augen auf zum Himmel und sprach: Vater, die Stunde ist da: verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrliche;

2 denn du hast ihm Macht gegeben über alle Menschen, damit er das ewige Leben gebe allen, die du ihm gegeben hast.

3 Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen.

4 Ich habe dich verherrlicht auf Erden und das Werk vollendet, das du mir gegeben hast, damit ich es tue. 5 Und nun, Vater, verherrliche du mich bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war.

6 Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Sie waren dein und du hast sie mir gegeben, und sie haben dein Wort bewahrt. 7 Nun wissen sie, dass alles, was du mir gegeben hast, von dir kommt. 8 Denn die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben, und sie haben sie angenommen und wahrhaftig erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und sie glauben, dass du mich gesandt hast.

 

Liebe Gemeinde!

Die Evangelien in ihrer Vielfalt geben uns hier einen ganz besonderen Einblick in das Innere von Jesus Christus. Sie lassen uns an einem ganz persönlichen Moment teilnehmen, dem Gebet.

Wir erfahren hier das, was das Persönlichste eines Menschen ist, die Zwiesprache mit Gott.

Und bei Jesus Christus ist das noch auf eine ganz andere Weise etwas Besonderes. Denn in ihm vereinigt sich eine göttliche Natur und eine menschliche Natur.

Oft verstehen wir nicht, wie das beides zusammen passt. Das können wir auch kaum verstehen, denn wir kennen ja nur unsere Sicht der Dinge. Wir kennen nur unsere menschliche Seite, und die ist vielfältig genug bei uns Menschen.

So vielfältig, wie auch die Evangelisten waren, die das Leben Jesu Christi niedergeschrieben haben: so wie sie es verstanden haben, so wie sie es erlebt haben, oder berichtet bekamen.

Heute denken wir besonders über die Sicht des Evangelisten Johannes nach. Aber um seine Sicht der Dinge richtig würdigen zu können, ist es gut, sich noch einmal ins Gedächtis zu rufen, was bei den anderen Evangelisten steht.

Die Grundsituation ist überall gleich: direkt vor seiner Gefangennahme, vertieft sich Jesus ins Gebet. Er weiß, was ihm bevorsteht und er wendet sich an Gott, den er als seinen Vater bezeichnet.

Die vielleicht bekanntere Situatation dieses Gebetes steht in den ersten drei Evangelien. Nehmen wir einmal Matthäus, der traditionell im Neuen Testament als erster genannt wird. (Mt 26,36-46).

Da geht Jesus mit seinen Jüngern in einen Garten, der Gethsemane genannt wird. Er will alleine sein und beten, denn er ist todtraurig. Er bittet seine Jünger zu wachen. Doch die schlafen immer wieder ein. Menschlich! Sie haben vieles hinter sich und es ist spät. Menschlich, wenn man da mal die Augen zumacht. Jesus ist enttäuscht. Fast ironisch fragt er sie, als er sein Gebet beendet hatte, ob sie denn noch weiter schlafen wollen, jetzt, wo ihm das Schlimmste bevorsteht, und er der Gewalt überantwortet wird. Auch so eine Frage ist menschlich. Menschlich auf doppelte Weise: einerseits scheut er sich nicht, seine Enttäuschung zum Ausdruck zu bringen. Und andererseits reagiert er nur ironisch. Er hätte auch zornig sein können, und hätte sie viel deutlicher darauf hinweisen könenn, dass sie versagt haben. Menschlich ist seine Reaktion, in dem Sinne, dass er mit seiner spitzen Frage: „Ach, wollt ihr weiter schlafen und ruhen?" (Mt 26,45) fast Verständnis zum Ausdruck bringt, auf jeden Fall aber milde reagiert.

Besonders menschlich ist auch der Inhalt des Gebetes, wie Matthäus es schildert:

Mein Vater, ist's möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber" (Mt 26,45).

Der Kelch ist ein Symbol für den Tod. Bei den alten Griechen reichte man darin das Gift für eine vermeintlich humane Hinrichtungsform.

Menschlich verständlich, dass Jesus Angst hat, vor dieser schwersten Stunde, dass er Angst hat, weil er den Tod vor Augen hat. Er bittet seinen Vater, er möge es noch verhindern, wenn es denn ginge. Menschlich! Er weiß, wozu er gesandt ist. Er ist gehorsam bis zum Tod (Phil 2,8), und fügt deshalb an: „doch nicht wie ich will, sondern wie du willst!" (Mt 26,45).

 

Wenn wir diese Schilderung des Gebetes vor der Gefangennahme als menschlich verstehen, dann können wir die Schilderung des letzten Gebetes in dieser Situation bei Johannes nur als göttlich begreifen.

 

Jesus bittet hier nicht darum, dass Gott das Schlimmste abwenden möge, sondern er spricht zu seinem Vater: „verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrliche;" (Joh 17,1).

Ein geradezu göttliches Zwiegespräch. Fast so als wäre hier von zwei ganz verschiedenen Situationen die Rede. Aber gemeinsam haben beide Überlieferungen, dass beide Male ausdrücklich gesagt wird: „die Stunde ist da" (Mt 26,45; Joh 17,1).

 

In der Stunde der Wahrheit wendet sich Jesus an Gott, seinen Vater. Die, die davon später erzählen, tun es auf so unterschiedliche Weise und bringen damit zum Ausdruck, was die Kirche in den ersten Jahrhunderten schließlich in diesem Glaubenssatz zusammengebracht hat: „Jesus Christus ist zugleich wahrer Mensch und wahrer Gott!". In ihm ist die menschliche Natur und die göttliche Natur vereint.

Beides müssen wir also im Blick haben, auch wenn heute der Aktzent besonders auf der Schilderung des Johannes liegt, und damit auf der göttlichen Natur.

Vater, die Stunde ist da: verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrliche; denn du hast ihm Macht gegeben über alle Menschen, damit er das ewige Leben gebe allen, die du ihm gegeben hast.

 

Die Stunde ist da, keine Angst ist hier zu spüren. Kein Bitten um Verschonung kommt hier über seine Lippen, und der Verweis auf des Vaters göttlichem Willen ist nicht nötig, da das, was Vater und Sohn wollen, im völligen Einklang stehen. Die göttliche Seite: verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrliche.

„Verherrlichen", was heißt das? Das Wort kommt uns ungewohnt vor. Dabei heben wir mache Menschen auf einen Podest und machen sie zu Stars. Wir machen sie berühmt, obwolhl doch nur Gott wirklicher Ruhm zukommt. Wahre Verherrlichung steht nur Gott zu, aber das vergessen wir zu oft, und deshalb hört es sich ungewohnt an.

Jesus tut in seinem Gebet das für uns Ungewohnte. Gottes Sohn spricht Gott an, seinen Vater. Er ist der, dem Verherrlichung zusteht. Ja, er muss verherrlicht werden. Und er wird es von seinem Sohn Jesus Christus, dessen göttliches Wesen hier betont wird. Lassen wir die Frage nach dem Kelch, der doch vorüber gehen möge, zurück. Die Angst ist menschlich. Hier erleben wir das Göttliche.

Jesus, dem die schlimmste Stunde bevorsteht, bittet selbst darum verherrlicht zu werden. Das heißt, er bittet um die Ehre, die er hatte, als er mit seinem Vater im Himmel war.

5 Und nun, Vater, verherrliche du mich bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war.

Der Sohn hatte seine Herrlichkeit zurückgelassen, hat sich in die Niedrigkeit des Menschlichen begeben, und es steht ihm noch mehr bevor. All die Qualen auf dem Weg zum Kreuz, der Tod am Kreuz selbst, das hat er vor Augen. Doch das empfindet er hier nicht als Erniedrigung, sondern er versteht es als Beginn der Verherrlichung, denn es ist sein Weg zurück zum Vater.

4 Ich habe dich verherrlicht auf Erden und das Werk vollendet, das du mir gegeben hast, damit ich es tue.

Der Sohn Gottes sieht sein Werk als vollendet an, obwohl er das Kreuz noch vor sich hat. Sein Werk ist umfassend, es schließt seinen ganzen Weg auf dieser Erde ein.

Dieses Werk beschreibet er mit diesen Worten: 6 Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Sie waren dein und du hast sie mir gegeben, und sie haben dein Wort bewahrt.

 

Der Sohn Gottes ist zu den Menschen gekommen, zu allen Menschen auf der Welt. Er will sie Gott erkennen lassen, ihnen seinen Namen offenbaren, sein Wort geben. Aber nicht alle haben das Geschenk entgegen genommen, das er gegeben hat. Der Vater hat ihm Macht über alle Menschen gegeben, aber nur einige haben das Wort angenommen. Er hat Gottes Namen den Menschen offenbart, die der Vater aus der Welt herausgerufen hat. Diese haben seine Botschaft bewahrt. Und mit diesen Worten meint er seine Jünger:

7 Nun wissen sie, dass alles, was du mir gegeben hast, von dir kommt. 8 Denn die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben, und sie haben sie angenommen und wahrhaftig erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und sie glauben, dass du mich gesandt hast.

Die Jünger werden hier, in dieser von Göttlichkeit geprägten Schilderung, als besondere Menschen herausgehoben, denn Sie haben das bewahrt, was Jesus Christus gegeben hat.

Ganz anders als in der menschlichen Schilderung der anderen Evangelien. Wir hören hier nicht, dass sie drei mal eingeschlafen sind, und dass Jesus sie mit fast ironischen Worten überzieht. Hier sind die Jünger geradezu herausgehoben aus der Menge der Menschen dieser Welt. Denn ihnen ist etwas anvertraut worden, das sie weitergeben sollen, und vor allem für sich annehmen sollen.

Wir müssen nicht fragen, welche Schilderung nun die richtige ist. So wie jede Münze zwei Seiten hat (und Münzen gab es ja schon zu Jesu Zeiten), so hat auch jede Geschichte zwei Seiten, auch die Geschichte Gottes mit den Menschen.

Ja, bei den Jüngern menschelte es oft, sie stritten sich, sie verstanden oft nichts und im entscheidenden Moment schliefen sie ein. Aber sie waren es doch, die sich herausrufen ließen aus ihren Familien und Arbeitswelten. Sie ließen ihre Fischernetze liegen und folgten Jesus. Sie waren es doch, die sich später nach der Verherrlichung daran erinnerten und den Glauben, den sie empfangen haben, weiter trugen, so dass wir bis heute aus diesem Glauben leben können.

Sie haben das Wort Gottes erfahren und bis heute dafür gesorgt, dass auch wir von diesem Wort Gottes leben können.

Johannes knüpft mit seiner Schilderung dieses Gebetes an den Anfang seines Evangeliums an, da schreibt er: Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit. (Joh 1,14)

Der Sohn Gottes selbst ist das sichtbar gewordene Wort Gottes, des Vaters. Die Menschen, die an ihn glaubten, haben so seine Herrlichkeit erkannt.

Und diese Herrlichkeit, die sie erkannt haben, schenkt ihnen das größte Geschenk, das es gibt: das ewige Leben:

3 Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen.

 

Wir fragen uns oft, was das ewige Leben für uns bedeutet. Wir finden nur schwer Antworten, weil wir sie nur in dem suchen, was wir kennen. Wir wissen, dass alles einmal endet, was hier auf der Erde ist. Und so kommen wir auch mit unserer Erkenntnis an unsere Grenzen.

Da geht es uns genauso, wie den Jüngern, die beim Einzug Jesu nach Jerusalem nicht verstanden haben, was es bedeutet, dass Jesus auf einem kleinen Esel in die Stadt reitet. Sie brachten es nicht in Verbindung mit der alten Prophezeiung, dass der zukünftige König mit einem kleinen Esel in Jerusalem einziehen wird. Sie erkannten nicht, dass sich so die Verheißungen ganz anders erfüllen, als sie es erwartet hätten.

Wir haben es in der Evangeliumslesung gehört: „Das verstanden seine Jünger zuerst nicht; doch als Jesus verherrlicht war, da dachten sie daran, dass dies von ihm geschrieben stand und man so mit ihm getan hatte." (Joh 12,16)

Als Jesus verherrlicht wurde, da erkannten sie es. Als Jesus sein Werk vollbracht hatte, da glaubten sie voll und ganz an ihn und sahen in ihm Gott selbst. Sie sehen Jesus als das sichtbar gewordene Wort Gottes. Als Jesus ihnen als Auferstandener begegnete, da begann für sie das ewige Leben.

Das ewige Leben beginnt in der Erkenntnis Gottes. Denn dann erfahre ich, dass das, was Gott einmal geschaffen hat, von ihm auf ewig bewahrt wird.

Nichts geht bei ihm verloren. Uns fällt es oft schwer, das zu glauben und noch schwerer, es zu verstehen. Das ist unsere menschliche Seite. Da geht es uns wie Jesus, so wie er im Matthäusevangelium geschildert wird. Er erlebt dort die Angst vor dem, was ihm bevorsteht, die Enttäuschung über den Schlaf der Jünger. Doch auch in dieser menschlichen Situation weiß Jesus, dass es nur auf Gott ankommt: „doch nicht wie ich will, sondern wie du willst!" (Mt 26,45).

Versuchen wir, Jesus hier zu folgen. Vertrauen wir uns Gott an, dann nimmt er uns unsere Zweifel, wie er Jesus die Angst genommen hat. In Jesus Christus vereinen sich das Menschliche und das Göttliche. Wenn wir das erkennen, dann sind wir schon am Anfang vom ewigen Leben. Es ist nicht unsere Leistung, sondern wir dürfen uns von ihm mitnehmen lassen. Er betet für uns zu Gott, wie er für seine Jünger gebetet hat vor seiner Verhaftung. Wir können auch jetzt noch nicht alles verstehen, genauso wie seine Jünger beim Einzug nach Jerusalem auch nicht alles verstanden, aber wir dürfen ihm vertrauen. Wir vertrauen ihm, dass er seine Zusage einhält. So wie es im Johannesevangelium wiederholt steht: „Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben." (Joh 3,36; vgl. 5,24; 6,40; 6,47) Amen.

 




Pfarrer Michael Nitzke
44229 Dortmund
E-Mail: michael.nitzke@philippusdo.de

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