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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Christvesper, 24.12.2012

Predigt zu Johannes 7:28-29, verfasst von Michael Nitzke

Das Christkind kennen lernen

Liebe Gemeinde,

der Bibeltext zum Gottesdienst am heutigen Heiligen Abend steht im siebten Kapitel des Johannesevangeliums:

28 Da rief Jesus, der im Tempel lehrte: Ihr kennt mich und wisst, woher ich bin. Aber nicht von mir selbst aus bin ich gekommen, sondern es ist ein Wahrhaftiger, der mich gesandt hat, den ihr nicht kennt. 29 Ich aber kenne ihn; denn ich bin von ihm, und er hat mich gesandt.

Liebe weihnachtliche Festgemeinde,

sicherlich ist es ungewohnt, zu Weihnachten eine Geschichte vom erwachsenen Jesus zu hören. Unser Blick richtet sich doch auf das Kind in der Krippe. Wir sehen das Christkind und freuen uns an ihm. Daneben stehen Maria und Josef, Ochs und Esel sind auch dabei, das ist das was wir kennen.

Doch das allzu bekannte versperrt uns manchmal den Blick auf die Wahrheit, die da hinter steckt.

Weihnachten blicken wir auf das Kind, das in einem Stall geboren wurde. Was bedeutet es für uns?

„Gott ist Mensch geworden, im Kind von Bethlehem.", das ist die Wahrheit über das Christkind. Doch wie sollen Menschen so eine große Wahrheit begreifen?

Die Bibel lädt uns ein, einmal einen ganz anderen Blick auf die Menschwerdung Gottes kennen zu lernen.

Der Blick auf den erwachsenen Jesus, lässt uns das Wesen des Christkindes erfahren.

Das ist die Wahrheit über das Christkind. Aus dem Christkind ist Christus geworden, ein Mensch wie Du und ich, und doch mehr, denn er kennt Gott. Er weiß die unergründlichen Geheimnisse, des Schöpfer dieser Welt, denn er ist sein Kind. Er kennt die Wahrheit.

Den Menschen, die damals um ihn herum standen, sagte er die Wahrheit, denn er lebte in dieser Wahrheit.

Bis dahin war Gott etwas unwahrscheinlich Fernes. Er hielt sich verborgen im Allerheiligsten des Tempels. Vielleicht hielten ihn auch die Menschen verborgen, weil sie dachten, das wäre der beste Weg, mit Gott umzugehen. Denn sie kannten die Geschichten von Mose. Er soll Gott ein paar Mal ganz nahe gewesen sein, und jedes Mal musste er sich eine Decke über seinen Kopf legen, weil sonst seine Augen die Helligkeit nicht ausgehalten hätten, die von ihm ausging. Gott wollte den Menschen aber nahe kommen. Er wollte nicht, dass seine Herrlichkeit verborgen wird, und dass man die Menschen von ihm fernhält. Und so kam er auf die Erde, er kam als ein Kind, ein kleiner Mensch, der langsam groß wird, so wie alle anderen Menschen.

Dreißig Jahre hatten die Menschen Zeit, ihn kennen zu lernen. Sie erlebten ihn manchmal als den Menschen von nebenan. Manchmal erschien er Ihnen als jemand, der nicht von dieser Welt sein konnte. Er veränderte das Leben vieler Menschen. Einige hatten den Mut, ihr Leben ihm anzuvertrauen. Der lieblose Zöllner wurde zu seinem Freund. Aus Fischern wurden Prediger, und reiche Leute und mächtige Soldaten kamen mit ihren Bitten zu ihm. Wer keine Hoffnung mehr hatte, der erlebte bei ihm, dass das Leben noch viel zu bieten hat.

Ja, sie kannten ihn, sie nannten ihn Jesus von Nazareth, wussten aber auch, dass er aus Betlehem, der Stadt des sagenumwobenen König Davids kommen sollte.

Sie kannten ihn, doch sie wurden immer wieder von ihm überrascht.

Und nun sagt er Ihr kennt mich und wisst, woher ich bin. Ob nun aus Nazareth oder aus Bethlehem, das spielte keine Rolle, sie hatten ihn vor Augen, und viele hatten von ihm das Geschenk des Lebens neu erfahren.

Ihr kennt mich. Aber ich bin es nicht allein, den ihr kennen lernen sollt. Es ist der Wahrhaftige, den ihr durch mich kennen lernen sollt. Der, den ihr zu kennen glaubt, und von dem ihr euch so häufig fern haltet, den ihr wegsperrt, und niemanden an ihn ran lässt, der kommt jetzt zu euch. Ich kenne ihn aber; denn ich bin von ihm, und er hat mich geschickt.

Das ist die Wahrheit über das Christkind, die wir kennen lernen können. Durch dieses Kind lernen wir den kennen, dem wir in Wahrheit das Geschenk des Lebens verdanken. Jesus Christus ist das Kind Gottes, denn er nennt ihn seinen Vater, durch Gottes Sohn lernen wir Gott kennen.

Jemand den wir kennen, ermöglicht uns so die Nähe zu jemandem, den wir noch nicht kennen. Durch den Menschen Jesus, der mit beiden Beinen auf der Erde steht, kommen wir dem nahe, den er seinen Vater nennt: Gott im Himmel.

Ich kann mich an dem, was ich kenne, festhalten, und dennoch den Blick in die Ferne wagen.

Ich kann das vergleichen mit einem Fesselballon. Der Ballon steigt auf, ich schwebe, kann auf die Welt aus einem anderen Blickwinkel schauen, und ich bin dem Himmel ein Stück näher. Und doch bin ich durch ein dickes Seil mit der Erde verbunden. Wenn wir die Wahrheit über das Christkind kennen lernen wollen, dann geht es uns ähnlich. Das Bild eines neugeborenen Kindes lässt uns erdverbunden sein, doch das Neue, das wir durch dieses Kind erfahren, lässt uns dem Himmel nahe sein.

Das bekannte Bild der Krippe ist dabei das Bindeglied zwischen Himmel und Erde, so wie das Seil, das den Ballon an der Erde festhält, ihn aber schon ein Stück in den Himmel steigen lässt.

Wir Menschen brauchen etwas, an dem wir uns festhalten können. Wir brauchen etwas, das wir kennen, um neues kennen zu lernen. Wenn wir in der Gemeinde für Kinder und Jugendliche eine Freizeit machen, dann fragen die jungen Leute meist als erstes, „Wer kommt denn da noch mit?". Sie brauchen jemanden, den sie kennen, bevor sie sich an etwas Neues wagen. Und wenn Sie dann mit dem Bus schon bald bei der Herberge sind, dann fragen sie, „Wer kommt den mit mir aufs Zimmer?". Sie brauchen vertraute Menschen um sich. Wer weiß, ob ich schlafen kann, wenn da Fremde um mich herum, sind.

So geht es uns Erwachsenen auch. Wir brauchen Gewohntes, um Neues kennen zu lernen.

Deshalb wählt Gott den ungewöhnlichsten Weg, um zu uns zu kommen. Nicht mit einem großen Knalleffekt, nicht wie ein Kaiser oder König, kommt er auf dieses Erde, sondern er kommt als ein Kind. Ein Kind, das in Armut geboren wird. Ein Kind, dessen Leben von Anfang an in Gefahr ist, wie das Leben so vieler Kinder damals und heute. Ein Kind, um das sich die Mutter sorgt, und das vom Vater versorgt wird.

Ein Kind, das größer wird, das zu einem Menschen wird, wie wir ihn kennen gelernt haben. Das ist die Wahrheit des Christkindes, Gott ist Mensch geworden, weil er bei uns sein will und uns liebt.

Jesus will uns ermöglichen, Gott kennen zu lernen. Doch wie können wir heute Gott kennen lernen, wenn wir das Christkind, unter den Bergen von Geschenken kaum noch erkennen? Wir verbergen dieses Kind so sehr wie die Menschen damals Gott im Allerheiligsten des Tempels verborgen hatten, so dass niemand ihn mehr erleben konnte.

Wir können Gott kennen lernen, durch das Wort, das er uns gegeben hat, durch sein Wort aus der heiligen Schrift. Jemand hat versucht, aus dieser großen heiligen Schrift, einige Worte so heraus zu schreiben, dass sie wie ein Brief an uns gerichtet sind, wie der Brief eines liebenden Vaters. Jedes Wort zwischen Anrede und Gruß stammt aus der Bibel und man kann es da nachlesen.

Ein Brief von Gott und dich an mich an uns:

„Liebes Kind,
ich kenne dich ganz genau, selbst wenn du mich vielleicht noch nicht kennst.
(Psalm 139,1)

Ich weiß, wann du aufstehst und wann du schlafen gehst. Ich kenne alle deine Wege.
(Psalm 139,3)

Ich habe dich nach meinem Bild geschaffen.
(1. Mose 1,27)

Du bist mein Kind.
(Apostelgeschichte 17,28)

Du warst kein Unfall. Ich habe jeden einzelnen Tag deines Lebens in mein Buch geschrieben.
(Psalm 139,15-16)

Ich habe den Zeitpunkt und den Ort deiner Geburt bestimmt und mir überlegt, wo du leben wirst.
(Apostelgeschichte 17,28)

Ich habe Pläne für dich, die voller Zukunft und Hoffnung sind.
(Jeremia 29,11)

Meine guten Gedanken über dich sind so zahlreich wie der Sand am Meeresstrand.
(Psalm 139,17-18)

Ich freue mich so sehr über dich, dass ich nur jubeln kann.
(Zephania 3,17)

Wenn dein Herz zerbrochen ist, bin ich dir nahe.
(Psalm 34,18)

Wie ein Hirte ein Lamm trägt, so trage ich dich an meinem Herzen.
(Jesaja 40,11)

Eines Tages werde ich jede Träne von deinen Augen abwischen. Und ich werde alle Schmerzen deines Lebens wegnehmen.
(Offenbarung 21,3-4)

Ich habe alles für dich aufgegeben, weil ich deine Liebe gewinnen will.
(Römer 8,31-32)

Ich frage dich nun: Willst du mein Kind sein?
(Johannes 1,12-13)

Ich warte auf dich.
(Lukas 15,11-32)

In Liebe,
Dein Vater - allmächtiger Gott"

Jesus Christus, das Kind Gottes, bringt uns Kinder zu Gott, unserem Vater. Weil wir ihn kennen, können wir auch Gott kennen lernen. Es eröffnet sich eine große Welt für uns. Der Himmel öffnet sich und Gott unser Vater reicht uns eine Hand. Wenn wir sie ergreifen, dann wird unser Leben bereichert, dann werden wir reich beschenkt. Das ist die Wahrheit, die wir zu Weihnachten kennen lernen sollen: das Kind in der Krippe zu Bethlehem. Der Sohn Gottes im Tempel zu Jerusalem, eröffnet uns eine neue Welt und bringt uns dem Himmel nahe. Dieses Kind zeigt uns den wahrhaftigen Gott, der uns liebt, wie ein Vater seine Kinder, der in allen Lebenslagen für uns da ist, der sich mit uns freut und auch mit uns weint.

Dass ist unser großes Geschenk, das wir alle Jahre wieder aufs Neue kennen lernen dürfen.

Und diese Wahrheit dürfen wir für uns selbst annehmen. Und wenn sie für uns wahr geworden ist, dann werden wir im Christkind, den erwachsenen Jesus Christus erleben, in dem Gott Mensch geworden ist. Dann werden wir den Zauber der Weihnacht als etwas Großes erfahren. Denn die Freude über die Menschwerdung Gottes kann nicht groß genug sein, das ist die Wahrheit.

Lassen Sie uns diese Freude miteinander teilen. Lassen sie uns die wahre Freude der Weihnacht mit einander erleben.

Ich wünsche Ihnen ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest. Amen.



Pfarrer Michael Nitzke
44229 Dortmund
E-Mail: Michael.nitzke@philippus-do.de

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