Der Eine für mich - ich für den Einen
„Wenn durch das Gesetz die Gerechtigkeit kommt, so ist Christus vergeblich gestorben." Es geht mit diesen Worten um alles oder nichts in unserem Glauben. Habe ich dieses nicht verstanden, dass eine Akzeptanz durch Gott nicht aufgrund eines in meinen Augen rechtschaffenen Lebens erfolgt, dann war der Tod am Kreuz umsonst. Die Schärfe dieser Alternative: „Wenn nicht ... dann", hat Paulus nur noch ein einziges Mal in allen seinen Briefen wiederholt: „Wenn Christus nicht auferstanden ist, ... dann ist euer Glaube vergeblich." (1. Kor. 15, 14)
„Umsonst, leer, vergeblich „glaubt" einer, so Paulus, wenn er meint, es gäbe eine Gerechtigkeit für ihn, vor sich selber und vor Gott aus der Erfüllung des „Gesetzes", das das Leben leitet.
Versucht man die Kompaktheit unserer biblischen Lesung in einem Bild zusammen zu fassen, so würde ich das Bild eines steilen Berges wählen. Haben wir ihn nicht erklommen und bezwungen und den Gipfel nicht erreicht und kehren wir ohne die Kenntnis dessen, was der Gipfel uns sehen und verstehen ließ, ins Leben zurück, dann war die ganze Bergbesteigung „umsonst".
Wenn wir dieses, uns durch den Predigttext vorgegebene, Bergmassiv erklimmen wollen, so gibt es einen Pfad, der uns nach oben führt. Er ist, so schwierig er auch auf den ersten Blick ist, der Königsweg nach oben.
Der Pfad zum Gipfel ... - oder in einem anderen Bild: der Schlüssel zum Verständnis dieser Worte - liegt in dem Wort „Sünde". Haben wir verstanden, was im biblischen Sinn „Sünde" ist, ist das der Türöffner für den Raum, in dem wir der entscheidenden Wahrheit unseres Lebens begegnen.
Wenn wir von Sünde sprechen, dann fallen uns Diebstahl, Neid, Lüge, Ehebruch und anderes ein. Wir erinnern uns, wie und wann wir andere Menschen verletzt haben. Wir denken an unschöne und belastende Verhaltensformen, sei es mit Worten, die hochmütig und herablassend waren, sei es mit realen handgreiflichen Taten.
Ja, es ist recht, das ist Sünde im biblischen Sinn und in der Theologie hat sich dafür das Wort „Tatsünde" eingebürgert. Schlimme, böse Taten sind „Tatsünden". Wir können sie in der Beichte bekennen und Besserung geloben, um einen Freispruch bitten und von vorn beginnen.
Verstehen wir Sünde aber allein als Tatsünden, dann bleiben und verharren wir sozusagen nur im Vorhof des Gefängnisses, in dem wir uns ein Leben lang befinden. Das neutestamentliche Verständnis von Sünde geht über die „Tatsünde" hinaus, es greift sozusagen hinter die Tatsünden und fragt nach der Wurzel unserer Tatsünden.
Die Wurzel unserer Tatsünden sind nicht, wie man meinen mag, unserer Gesinnung oder unseren Gedanken. Die Wurzel unserer Sünde besteht vielmehr darin, dass wir in uns einen Willen haben, wonach wir uns selbst und die Dinge, die uns wichtig sind, mehr lieben als Gott. 1 In uns gibt es eine Programmierung, die uns immer und immer nur an uns selbst denken und auch unsere scheinbar guten Taten von Eigenliebe durchzogen sein lässt.
Diese Eigenliebe hat nichts zu tun mit jener Selbstliebe, zu der Jesus uns ausdrücklich auffordert: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." Diese unseren Willen durchziehende, nicht zu unterdrückende Eigenliebe ist es, die mich hindert, Gott und die Menschen wahrhaft zu lieben. Sie macht uns - nicht gelegentlich, nicht oberflächlich, nicht von außen, sondern von innen her - zu verdorbenen Menschen. Das ist das bittere Wesensmerkmal, das uns seit unserer Geburt anhaftet. Das zu akzeptieren, indem ich mich selbst prüfe und das für mich nach spreche, ist die Voraussetzung von Gerechtigkeit im Glauben.
Musste Christus sterben, weil ich hin und wieder lüge, weil ich da und dort betrüge, weil ich meinem Mitmenschen nicht geholfen habe? Bedurfte es um dieser mehr oder weniger harmlosen Vergehen eines Todes am Kreuz?
Die Antwort im Zusammenhang mit unserem Predigttext heißt schlicht und eindeutig: „Nein!" Die zutreffende Antwort im Rahmen der biblischen Lehre von der Sünde heißt vielmehr, dass es der unsagbaren Grausamkeit des Kreuzestodes bedurfte, um den Freispruch für uns zu erwirken. Wären wir nur hier und da ‚harmlose' Tatsünder, hätte es einer Leidenstat in solcher Größe nicht bedurft.
Liebe Gemeinde, wir stehen mit diesen Worten auf dem Berggipfel, hier auf dem Plateau, wo ein klarer Wind weht und der Blick weit geht und ein unendlicher Himmel uns in seinem Blau umhüllt. Der Berg ruft und fragt uns, ob wir bereit sind, diese eine Wahrheit zu akzeptieren: Ich bin nicht der Mensch, meine Mitmenschen und Gott wahrhaft zu lieben.
Paulus predigt uns in ungetrübter Klarheit, dass das, was wir vor allem brauchen, die Umarmung mit dem Gekreuzigten ist und diese Umarmung es allein ist, die mich vor mir selbst und vor Gott „gerecht", das heißt, mit der Wirklichkeit meiner Existenz übereinstimmend, sein lässt. „Ich bin mit Christus gekreuzigt. Ich lebe, aber nicht mehr ich, es lebt vielmehr Christus in mir."
Paulus schrieb und lehrte so. Es wurde aber bald nach seinem Tod nicht mehr verstanden. Zahlreiche Prediger traten in den Gemeinden auf, die der Lehre des Paulus die Spitze abbrachen, und sagten, dass das Kreuz des Herrn unnachgiebig verlange, dass der Mensch zu seiner Erlösung seinen Beitrag leiste. Erst die Kirchenväter Ambrosius und Augustinus erklommen wieder den Gipfel der Auslegung des Kreuzestodes durch Paulus. 2 Vor 500 Jahren war es dann Martin Luther vorbehalten, den Völkerapostel Paulus und seine Lehre wieder so auszulegen, wie es einst durch Augustinus und Ambrosius geschah.
Wie stehen wir dazu?
Wir hören Einwände wie diese:
Werden mit dieser Lehre von der Verdorbenheit des Menschen in seinem Wesenskern nicht alle Bemühungen um ein gutes und sittliches Leben von vornherein im Keim erstickt?
Lähmt diese‚Wahrheit' nicht allen Kampf des Menschen gegen sich selbst, seinen Egoismus zu überwinden? Warum soll eine oder einer noch gegen sich selbst und die Ichbezogenheit angehen, wenn das ja doch keinen Sinn hat und sie / er unwiderruflich Gefangener eines angeborenen selbstsüchtigen Willens ist?
Ich spitze zu: Ist dieser Sprung in die Arme des Gekreuzigten als meiner wahren Gerechtigkeit gleichzeitig die Ursache eines trägen und dahin mäandernden Sich - Gehen - Lassens?
„Werden wir, die wir suchen, durch Christus gerecht zu werden, (darum) als Sünder erfunden?" fragt Paulus im 17. Vers unseres Predigttextes. Er antwortet nur: „Das sei ferne."
Was ist die Antwort auf die erhobenen Einwände, wonach diese Wahrheit uns lähmt und zur Trägheit verleitet?
Schauen wir uns die Lebensleistung eines Martin Luther oder eines Augustinus oder des Paulus selbst, so werden wir nicht sagen können, dass sie Menschen ohne Liebe, ohne Hingabe, ohne Opferbereitschaft waren.
Wenn Paulus von sich und seinem Einsatz für die Gemeinden im Verhältnis zu den anderen Aposteln sagen kann: „Ich habe mehr gearbeitet als sie alle" 3, so geht daraus hervor, dass der Glaube von der Verlorenheit des Menschen alles andere als Leistungsbereitschaft im Leben verringert. Die Botschaft von der Wahrheit über uns und gleichzeitig der einzigartigen Gnade und Barmherzigkeit Gottes zu uns, verschütten nicht unsere Tatkraft, sondern öffnen sie vielmehr. Der Stolz ist freilich der Demut gewichen. Das Selbstverständnis von Leistung als mein Erkennungszeichen ist dahin.4 Der Druck, sich mit Leistung auszuweisen, ist dem Bewusstsein gewichen, dass ich, wie alle anderen Menschen auch, vor Gott nur durch das Kreuz bestehen kann.
Der Schriftstellerin Ricarda Huch werden die Worte zugeschrieben: „Tradition heißt nicht, Asche zu bewahren, sondern Glut am Glühen zu erhalten." 5 Möchte ein Funken der Glut der Paulusworte in unsere Herzen springen, wenn wir in ihrer Tradition, in Bewahrung und Weitergabe ihrer Wahrheit, zu stehen und zu leben versuchen.