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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

11. Sonntag nach Trinitatis, 19.08.2012

Predigt zu Galater 2:11-21, verfasst von Elisabeth Tobaben

 

Liebe Gemeinde!

„Das können Sie doch nicht machen! Das ist doch ungerecht!"

Es ist jetzt schon viele Jahre her, aber ich erinnere mich sehr gut, wie sichtlich erregt Konfirmandin war. Mit Klauen und Zähnen verteidigte sie einen Mitkonfirmanden;

Was war passiert?h

Nach langem Hin- und Her, vielen Gesprächen und Neuanfangsversuchen hatte ich mich endlich entschlossen, einen Jungen aus der Gruppe rauszuwerfen. Wenn er überhaupt da war, störte er grundsätzlich nur , ärgerte mich und die anderen, machte Material kaputt , zerriss Bibeln, brach Buntstifte durch usw., die ganze Palette... Die Gruppe fand das eigentlich soweit in Ordnung, es entsprach einfach nur den Abmachungen (Anwesenheit, Lernstoff, Verhalten...) -

Nur -nennen wir sie mal Kathrin - - war sauer, und lautstark erhob sie Protest, legte Einspruch ein. „Das hat doch auch Gründe, dass der so ist," sagte sie. „und vielleicht sind wir ja auch nicht so ganz unschuldig dran, wir hätten ja auch mal helfen können..."

Jedenfalls es entstand eine lange Debatte darüber, was denn nun eigentlich „gerecht" sei.

Ist das gerecht den anderen gegenüber, die sich anstrengen und immer da sind, einen Jugendlichen zu konfirmieren, der nur fehlt oder immer bloß Randale macht? Ist das gerecht, wenn alle sich an bestimmte einheitliche Maßstäbe halten müssen, alle, egal woher sie kommen und wie es ihnen gerade geht?  Und demzufolge alle gleich behandelt werden (müssen) auch wenn sie krank sind oder aus andern Gründen nicht können?

Oder muss man nicht doch auch Unterschiede machen?

Was ist, wenn einer es wirklich nicht schafft, den Ansprüchen gerecht zu werden, die Abmachungen einzuhalten, weil ihm einfach die Fähigkeiten und Möglichkeiten dazu fehlen, und quasi um sich schlägt, muss man mit diesem Menschen nicht doch anders umgehen?

In der Konfirmandengruppe damals gab es einige, die hatten schon Sorge, ob das gut gehen könnte so. „Macht dann nicht schließlich jeder einfach, was er will, wenn der „Freddy" jetzt auch konfirmiert wird?" fragten sie?

Das ist die Frage nach der Grenze, nach dem, was die Gruppe, die Gemeinschaft aushält, oder was sie zerbrechen lässt.

Was ist gerecht?

Auch in verschiedenen Gesellschaftsformen wird diese Frage verschieden gelöst.

Ich habe in dieser Auseinandersetzung mit den Konfis damals gelernt: was als gerecht empfunden wird, hat viel, viel weniger allein mit Abmachungen und Gesetzen zu tun als vielmehr mit Beziehungen! Wenn eine Gruppe stabil ist, in sich gefestigt und weiß, was sie will, und die Beziehungen klar sind, dann hält sie auch leichter Konflikte aus.

Die Frage „Was/wer ist denn gerecht?" hat schon ganz früh in den christlichen Gemeinden für erhebliche Unruhe gesorgt.

 

Textlesung: Gal. 2, 11-21

Eigentlich ist „Christengemeinde" auch schon fast zu viel gesagt, man müsste wohl eher noch sagen: „In diesen neumodischen Abspaltungen der jüdischen Gemeinden", eine Art ‚Jugendsekte‘ wenn man so will.

Wir befinden uns in einer Zeit, erst ungefähr ca. 50 Jahre nach Christus.

In Antiochia an der Mittelmeerküste, im nördlichen heutigen Syrien war das, da wurden zum ersten Mal die, die sich zu dieser neuen Gruppierung und Versammlung hielten, „Christen" genannt.  Sie nannten sich nicht etwa selber so, sondern wurden von den so genannten Heiden so tituliert. Das ist also keine normale Benennung, sondern eigentlich ein ganz gewöhnliches, gemeines hinterhältiges Schimpfwort.

Sie erinnern sich an den Monumentalfilm „Ben Hur" ? Da lässt der Regisseur Nero sagen: „Christen? Igitt, sind das nicht die, die diesen toten Zimmermann anbeten?"

In unseren Ohren, schreibt ein Ausleger dazu, würde das klingen wie ihr „Christenschweine", und wer lässt sich schon gern so nennen?

Die Christen selber nannten sich Brüder und Schwestern, oder Jünger und Jüngerinnen. Manchmal ist das mit Schimpfworten ja so, dass sie eine gewisse Dynamik entwickeln, und plötzlich wird eine Art Ehrentitel daraus!

Jedenfalls: hier beginnt jetzt eine heftigste Auseinandersetzung um die Frage: „Wer ist denn eigentlich gerecht? Wer passt in das Beziehungsverhältnis zwischen Gott und den Menschen?"

Oder anders gefragt: Kann man das denn „einfach so" Christ werden? Muss man denn nicht erstmal vorher zum Judentum übertreten?

Muss man nicht zuerst die Gebote und Vorschriften der Juden einhalten, bevor man an Jesus glauben kann? Beschneidung, Speisegebote, und so? Oder wie?

Petrus und Paulus haben beide erlebt: mit dem Glauben an Christus beginnt für uns etwas ganz Neues, alles wir umgekrempelt, wir dürfen völlig neu anfangen mit unserem Leben! Toll!

Und Petrus hatte in Antiochien deswegen auch zu Anfang ganz unkompliziert mit Heidenchristen zusammen gegessen.

Früher hätte er das als Jude gar nicht gedurft, das gehörte auch zum „Gesetz".

Denn alle, die nicht zum Volk Israel gehörten, wurden als „Sünder" bezeichnet, nicht weil sie moralisch besonders verdorben gewesen wären und schlimme Untaten begangen hätten, sondern einfach, weil sie ja Weisungen gar nicht kannten, den Bund, denn Gott mit Israel geschlossen hatte, sich deswegen auch nicht danach richten konnten!

Eine Beziehungsfrage also!

ggf. AT zitieren!!

Anfangs war die Tischgemeinschaft also kein Problem für Petrus, weil er dachte: mit Christus beginnt etwas so Neues, dass die alten Gebote keine Rolle mehr spielen. Doch dann war das Team des Jakobus aus der maßgeblichen Gemeinde in Jerusalem aufgetaucht, hatte ihn ermahnt und einen anderen Standpunkt vertreten, wie die strenggläubigen Judenchristen,

Und Petrus? Petrus kneift.

Plötzlich kündigt er den Heidenchristen die Tischgemeinschaft wieder auf, und was das im arabischen Kontext heißt, muss man sich mal klarmachen!

Die Gastfreundschaft ist etwas Heiliges!

Und jetzt zurückzustecken, nur um nicht bei den Glaubensbrüdern, die auch mal Juden waren, in Verruf zu kommen, ist eigentlich feige. Und genau das sagt ihm Paulus, der Apostel. Heuchelei ist das.

Petrus, sagt er, das kannst du so nicht machen, du kannst nicht deine Entscheidung zurücknehmen und umschwenken, obwohl du es besser weißt! Plötzlich verlangst du wieder, dass alle erstmal nach dem mosaischen Gesetz leben müssen und es genau einhalten, bevor sie getauft werden können. Du behauptest, man würde zum Sünder, wenn man das alles nicht beachtet.

Aber, Petrus, denk doch mal dran, dass Jesus gesagt hat: Das Heil erlangst du nicht, wenn du das Fleisch bestimmter Tiere nicht isst oder am Schabbat nur so und so viel Schritte gehst!

„Nur Christus lebt in mir" sagt Paulus.

Das ist doch gerade das Evangelium, die ‚gute Nachricht‘!

Was mir sofort einleuchtet ist, dass Petrus aus Angst heraus reagiert. Aus Angst, nicht mehr dazu zu gehören wird er sozusagen „rückfällig". Er versucht, sich nach beiden Seiten hin abzusichern, die „alten" jüdischen Glaubensbrüder nicht zu verärgern, ihren theologischen, lebenspraktischen Rat- und Vorschlägen nachzukommen; Er hat Angst, die Zuneigung und Anerkennung zu verlieren, die er ja zweifellos genossen hatte im Kreis der Jünger. Das ist auch schlimm: Ich zeige Profil, tue etwas, was andern nicht recht ist, sie womöglich verärgert, und prompt werde ich fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel...

Petrus lässt sich dazu verleiten, die Heiden wieder dazu zu zwingen, zuerst die jüdischen Gesetze zu lernen und zu befolgen, obwohl er weiß, dass es darauf nicht mehr ankommt!

Aber auch das Neue, was ihn doch so begeistert hat, will er nicht verlieren, die neuen Menschen, die er in Antiochia kennen gelernt hat, auch wenn sie mal Heiden waren. Aber das geht nicht, sagt Paulus, ein bisschen Risiko gehört schon auch zum Glauben dazu, du musst schon auch etwas wagen und Altes hinter dir lassen! Sonst wirfst du die Gnade weg, und Christus wäre ganz umsonst, vergeblich gestorben.

Dass so viele unterschiedliche Anforderungen auf uns einstürzen, wir nicht wissen, wie wir damit klarkommen sollen, das dürfte für die meistens von uns ein bekanntes Gefühl sein; und auch die Angst, sie nicht gleichzeitig erfüllen zu können, darin unterzugehen; Zuletzt nicht gerecht zu sein;

Ich denke schon, dass die zunehmenden Burnout-Probleme, Stress-Syndrome und Überforderungskrankheiten auch hier eine Ursache haben.

Wenn Paulus sagt: „Christus lebt in mir", dann strahlt das für mich eine ungeheure Sicherheit und Ruhe aus. Ich weiß, wo ich hin gehöre, wo ich zu Hause bin, heißt das doch auch. Ich brauche mein Fähnlein gar nicht nach dem Wind zu hängen und den Leuten angepasst ‚nach dem Maul‘ zu reden, sagt Paulus. Denn: die Beziehung ist geklärt zwischen Gott und mir/uns, weil Jesus sie in Ordnung gebracht hat.  Und darum weiß ich auch, wer ich bin und kann mit der Freiheit umgehen, die Christus schenkt. (5,1)

Martin Luther wird Jahrhunderte später in demselben Konflikt dichten: "...es ist doch unser Tun umsonst, auch in dem besten Leben..." Man merkt dem Lied die Verzweiflung noch an: "Aus tiefer Not schrei ich zu dir".

Wenn Gott ausschließlich gerecht wäre, das ist die große Entdeckung Luthers gewesen, dann hätten wir keine gemeinsame Beziehungsebene, wir kämen nicht zusammen! Aber Gott ist viel mehr als gerecht, er wendet sich uns zu - aus freien Stücken, in Liebe-.

Das nennt die Bibel Gnade.

Paulus kann es wohl selber auch noch gar nicht so richtig fassen, darum versucht er, Ordnung zu bringen in seine Gefühle mit einem philosophisch geprägten Gedankengebäude. Dadurch kommt es zu diesem Bandwurmsatz, bei dem man immer den Eindruck hat, dass sich die Schlange in Schwanz beißt:

V. 16 „Doch weil wir wissen, dass der Mensch durch Werke des Gesetzes nicht gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus, sind auch wir zum glauben an Jesus Christus gekommen, damit wir gerecht werden durch den Glauben an Christus und nicht durch Werke des Gesetzes; denn durch Werke des Gesetzes wird kein Mensch gerecht."

„Gott, sei mir Sünder gnädig!" sagt leise ganz hinten im Tempel der Zöllner in der provozierenden Geschichte, die Jesus erzählt.  Und dieser Satz ist es, der dem Zöllner mit seiner völlig verqueren Lebensgeschichte, mit Verstrickungen und Scheitern, Verzweiflung und Not einen neuen Anfang schenkt.

„Dieser", sagt Jesus darum, „ist gerechtfertigt".

Amen.

 

 



Pastorin Elisabeth Tobaben
Inselkirche Juist
E-Mail: Tobaben.Juist@t-online.de

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