Liebe Gemeinde!
Als ein Pastor wieder einmal seine Kirche betrat, sah er zu seinem Erstaunen einen kleinen Jungen. Eifrig war er dabei, mit seinem Roller um den Altar herumzufahren. „Was machst Du denn da", fragte der Pastor. Der Kleine erklärte freudestrahlend: „Ich drehe Ehrenrunden für den lieben Gott." - Bewegung im Gottesdienst haben wir oft, wenn wir Familiengottesdienst feiern. An Kindern sehen wir besonders deutlich, wie Freude sich über den ganzen Körper mitteilt. Ebenso aber auch Trauer und Schmerz. Der Mensch hat nicht einen Leib. Er ist Leib. Die Unterscheidung von Leib, Seele und Geist ist eine Hilfsvorstellung. Aber zur Trennung darf die Unterscheidung nicht werden. Man kann auch sagen: Der Mensch ist eine Einheit von Geist, Seele und Leib. Mit unserm Leib nehmen wir Kontakt zur Umwelt auf. Wir schauen einen anderen Menschen an. Wir lächeln, geben ihm die Hand. Freunde, Freundinnen und Liebende umarmen sich. Manchmal sprechen wir von „Körpersprache". Aber das ist zu ungenau. Unser Körper ist Sprache. In unsern Bewegungen von Zuwendung bis Ablehnung sprechen wir auch ohne Worte.
So können wir auch verstehen, was der Apostel Paulus der Gemeinde in Korinth klar machen will. Die Korinther, die immer zwischen Leib und Seele trennscharf unterscheiden wollten, waren den Versuchungen der heidnischen Hafenstadt ausgesetzt. Da gab es nicht nur das „Rotlicht-Milieu", wie wir heute sagen, sondern auch die kultische Prostitution, also die Prostitution im Namen und zu Ehren einer Fruchtbarkeitsgöttin. Und ebenso natürlich all das in homosexuellen Beziehungen, weil Menschen auch so geprägt sein können. Und selbstverständlich gab es auch die Versuchung, möglichst viel Geld zu erraffen und in wüstem Leben zu verprassen. Offenbar sahen die Korinther da wenige Probleme. Wenn nämlich nur der Geist und die Seele zu Gott gehörten, konnte man ja mit dem Leib machen, was man wollte.
Paulus möchte den Korinthern klar machen: Euer Leib ist ganz wichtig. Denn mit ihm drückt ihr aus, wer Christus für euch ist. Wenn ihr euern Leib nicht in die Beziehung zu Christus einbezieht, ist Christus in euerm Leben nicht gegenwärtig. Und so redet er deutlich und klar.
Textlesung 1.Kor. 6, 9-14.18-20
Paulus erinnert die Korinther und alle Christinnen und Christen daran: Nachdem wir das weiße Kleid der Taufe angezogen haben, haben wir Christus Einlass gewährt in unser Denken, Fühlen, in unsern Leib. Deshalb können wir den Leib nicht ausklammern als einen Bereich, der Christus nichts angehe. Umgekehrt vielmehr sollen wir den Leib als einen Bereich ansehen, in dem Gottes Geist wohnen kann wie in einem Tempel. Nicht nur unsere Gedanken und unsere Seele soll Gottes Geist erfüllen, etwa in der Stille und beim Beten. Auch auf unsern Leib erhebt Gott Anspruch. Auch mit unserm Leib sollen wir Gott dienen und ihn loben."
„'Wo wohnt Gott?' Mit dieser Frage überraschte der Kozker einige gelehrte Männer, die bei ihm zu Gast waren. Sie lachten über ihn. ‚Wie redet Ihr? Ist doch die Welt seiner Herrlichkeit voll!' Er aber beantwortete die eigene Frage. ‚Gott wohnt, wo man ihn einlässt.'"
(Martin Buber: Die Erzählungen der Chassidim, Zürich 1987, 10. Aufl., S. 785)
Paulus ermuntert uns zur Entdeckung des Heiligen in uns selbst und im anderen. Das ist das Ziel Gottes mit uns, dass wir ihm mit Leib und Seele, mit allem, was wir tun und lassen, die Ehre geben. Und gleichzeitig Trost und Geborgenheit fühlen: "Was ist dein einiger Trost im Leben und im Sterben?" so Frage 1 des Heidelberger Katechismus. Und die Antwort lautet: "Dass ich mit Leib und Seele, beides im Leben und im Sterben, nicht mein, sondern meines getreuen Heilands Jesu Christi eigen bin."
Paulus sagt, in dem Augenblick, da jemand Christ geworden ist, wird alles anders, wird er gereinigt. Das alte Leben und vor allem das, was ihn von Gott trennt, wird abgewaschen, es zählt nicht mehr, es ist nicht mehr da. Alle unsere Sünden sind in die Tiefen des Meeres geworfen, wie der Prophet Micha sagte (7, 19). Ein neues Leben im Sinne einer Neuschöpfung ist entstanden. „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur. Das Alte ist vergangen, siehe Neues ist geworden." (2. Korinther 5, 17). „Würde man mich auffordern, die christliche Botschaft für unsere Zeit in zwei Worte zusammenzufassen, so würde ich mit Paulus sagen: sie ist die Botschaft von der neuen Schöpfung." (Paul Tillich, Das Neue Sein. Religiöse Reden II, Stuttgart 1959, 3. Aufl.) Durch Christus sind wir -wie Paulus sagt - „rein gewaschen, geheiligt, gerecht geworden". Gerecht geworden, das bedeutet: Wir dürfen annehmen, dass wir Gott recht sind. Wir dürfen annehmen, dass wir bei Gott angenommen sind - als seine Kinder. Das dürfen wir annehmen wie ein Geschenk. Geschenke zu bekommen, sie mit Freude annehmen, ist eine schöne Vorübung dafür, dass wir verstehen: Uns wird es geschenkt, Kinder Gottes zu sein.
Gerechtfertigt sein ist etwas anderes als perfekt zu sein - oft wird das verwechselt bzw. so gesehen. Gerechtfertigt zu sein, bedeutet, wir müssen uns nicht selbst gerecht machen, müssen uns das nicht selbst erarbeiten oder verdienen. Gott hat alles dafür getan, dass wir ihm recht sind, dass es so ist, und er sieht uns auch so an. Das ist eine große Entlastung für uns. Wir müssen nicht ohne Fehler sein. Wir müssen nicht immer Recht haben. Vollkommen ist nur Gott selbst.
Im Leben, Leiden, Sterben und der Auferstehung Jesu wird uns dieses neue Leben geschenkt. Dadurch sind wir befreit zu einem neuen Leben, zu neuen Verhaltensmustern. Wir haben die Freiheit, nein zu sagen zum Zeitgeist und haben die Freiheit, das zu tun und zu leben, was uns von Gott her wichtig und richtig erscheint.
Unser Körper ein Tempel des dreieinigen Gottes - welch ein Kontrast zu den von griechischen Denkern geäußerten Ansicht, der Leib sei ein Kerker der Seele! In diesem Tempel ist Gott anzutreffen, hier wohnt er (Johannes 14, 23; 1. Korinther 3, 16). Und so soll mit allem was wir tun Gott gelobt werden.
Wir würden Paulus missverstehen, wenn wir seine Mahnung als Moral auffassen würden. Das aus dem Lateinischen kommende Wort bedeutet ‚Sitte', die Summe der geltenden Ordnungsvorstellungen, nach denen Menschen ihre Beziehungen regeln: Man tut dies, anderes aber nicht. Die Moralvorstellungen wandeln sich im Laufe der Zeit. Auch die Vorstellungen von der Beziehung zwischen Frau und Mann, jungen Mädchen und jungen Männern haben sich geändert. Manchmal haben die Veränderungen mehr menschliche Nähe ermöglicht, manchmal haben sie aber auch zur Entfremdung zwischen Menschen geführt.
Was uns entfremdet uns heute? Wo haben wir zerstörerische Gewohnheiten? Wo hindern wir uns und andere daran, dass wir Gott mit unserem Körper erfahren und erfahrbar machen? Manche Menschen stehen so unter Druck, dass sie die Signale des Körpers missachten und verlernen, darauf zu hören. Sie arbeiten bis zur Erschöpfung oder verausgaben sich bis zum Umfallen. Eine rabbinische Legende erzählt: Schüler fragen ihren Meister, wohin er denn gerade gehe: 'Den Herrn loben' - ist die Antwort. Etwas irritiert wird nachgefragt, was er denn genau tue: 'Ich geh ins Badehaus, meinen Körper zu pflegen, der ja ein Geschenk Gottes ist.' Wie ernähren wir uns? Wie bewegen wir uns? Wie sorgsam gehen wir mit unserem Tempel um?
Paulus stellt in seinem Brief an die Korinther hier einen Lasterkatalog auf. Er spricht von Unzüchtigen, Ehebrechern und Knabenschändern. Damit meint er Menschen, deren Sexualität unverantwortlich ist, die die Würde die Würde des Mitmenschen verletzen und so ihren Mitmenschen entfremdet sind, ohne eine Beziehung zu ihnen zu haben, sondern sie nur ausnutzen. Pornographie und Prostitution sind heute Verhaltensmuster, die den Menschen käuflich wie eine Ware machen. Eine neue schreckliche Form ist der Menschen-Handel. Unsere kirchlichen Frauengruppen haben dafür gesorgt, dass Frauen, besonders viele aus Osteuropa, in der Beratungsstelle „Nadeshda" gegenüber dem „Haus der Kirche" Hilfe finden.
Nicht Moral will Paulus. Sie ist oft leib-feindlich und provoziert oft Flucht in die totale Bindungslosigkeit. Im Brief an die Korinther wird vielmehr christliche Ethik formuliert: das Handeln von Menschen, die Christus ihren Herrn sein lassen.
Eine Grundregel christlichen Verhaltens lautet: „Alles steht mir frei, aber nicht alles fördert", Alles steht mir frei, aber nicht alles baut auf." (BigS) „Alles ist erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist erlaubt, aber nicht alles baut auf." (Luther, 1. Kor. 10,23). „Alles ist mir erlaubt": Weil die ganze Welt Gottes Schöpfung ist, gibt es keine verbotenen Zonen und keine schlechten Tätigkeiten. Es war ein Missverständnis der Gebote Gottes, dass Christen und Christinnen oft ein Netz von Moralvorstellungen über alles Handeln legten: Man dürfe nicht tanzen, keinen Alkohol trinken, in der Kirche keine Bilder oder Instrumente haben, die Kleidung und Frisur der Frauen müsse so oder anders aussehen usw. Das war ein Rückfall in die Gesetzlichkeit der Pharisäer, die Jesus kritisiert hat. Paulus dagegen proklamiert die christliche Freiheit. Alles ist mir erlaubt: Es gibt eine herrliche Freiheit, zu handeln, neues zu lernen und zu erforschen.
Und doch brauchen wir einen Maßstab: Es ist der des Guten bzw. des Nützlichen, Es ist der Maßstab der Vermeidung von Abhängigkeit. Wein und anderer Alkohol ist eine Gottesgabe, aber in Unmaßen genossen - Paulus spricht hier von Trunkenbolden - führt Alkohol in rauschhafte Abhängigkeit. Wie oft können wir mit Geld helfen, Menschen aus Not zu befreien! Aber wie sehr verändert Geldgier einen Menschen! Von Räubern, Geizigen, eben geldgierigen Menschen spricht Paulus. Sie leben fern von Gott. Im Moment sind viele Länder und ihre Einwohner in Not geraten, weil Spekulanten in Banken Millionen und Milliarden Euro wie im Casino verspielt haben. „Es soll mich nichts gefangen nehmen", sagt Paulus. Auch nicht die Geldgier. „Rabbi Schlomo fragte: ‚Was ist die schlimmste Tat des bösen Triebs?' Und er antwortete: ‚Wenn der Mensch vergisst, dass er ein Königssohn ist.'" Aber so lange wir leben, haben wir Gelegenheit, uns zu ändern. „Rabbi Schlomo sprach: ‚Ach könnte ich doch den größten Zaddik (Gerechten) so lieben, wie Gott den größten Bösewicht liebt!'" (Martin Buber, ibid., S. 434) Christen und Christinnen sollen nie vergessen: Als Kinder Gottes fragen wir nach dem Willen Gottes.
Wenn ich weiß, dass ich mit meinem Leib Gott dienen kann, werde ich vermeiden, süchtig zu werden. Wenn ich weiß, dass wir eine gute Ernte erwarten können, werde ich die Früchte nicht auf dem Boden verfaulen lassen, sondern sie genießen und für spätere Zeiten aufbewahren. Das Gewissen sagt uns, was wir tun sollen. Und das Gewissen, unsere innere Stimme, ist an Christus gebunden. Das neue Leben der getauften Christinnen und Christen soll so aussehen, dass Christi Gegenwart erkennbar wird. In der Bergpredigt sagt Jesus: „Ihr seid das Salz der Erde." „Ihr seid das Licht der Welt." Wie eine Stadt auf dem Berge sichtbar ist, wie ein Licht auf dem Leuchter strahlt, so sollen Christinnen und Christen gute Werke sichtbar machen. Und daraus soll ein Lob Gottes wachsen. (Matth. 5, 13-16) Worte, die uns berufen. Worte, die uns ermutigen, wenn wir verzagen. Worte, die uns Christi Gegenwart versprechen, dass seine Kraft gerade in den Schwachen mächtig wird, so wie es der Apostel erfahren hat, als er in Krankheit ganz mutlos war.(1. Kor. 12,9) Die Wirkungsmacht Christi in der Gemeinde und durch die Gemeinde ist die Liebe.
Die Liebe macht unsere Beziehungen gut. In der Ehe versprechen sich die Liebenden, dass sie den andern aus Gottes Hand nehmen wie ein Geschenk, als göttliche Fügung ihres Lebens, dass sie einander lieben und ehren - das schließt ebenso Zärtlichkeit ein wie Achtung vor der Würde des anderen - , dass sie einander in Freud und Leid nicht verlassen - das bezeichnet die Selbstlosigkeit der Zuwendung, die doch gleichzeitig beschenkt wird durch die Zuwendung des anderen, und dass sie den Bund der Ehe halten, bis dass der Tod sie scheidet - das bezeichnet die Treue.
Was uns Menschen an Gütern und Gaben zukommt, gehört uns nicht ohne die Beziehung zu Christus. Auf der Floriade in Venlo/Niederlande kann man sehen, wie viel schöne Möglichkeiten Menschen in allen Ländern haben, die Welt zum Garten zu machen und dabei zusammenzuarbeiten. Sie zeigen sich die Schönheit ihrer Heimat in Blumen und kunstvollen Gegenständen, in den Pavillons ihrer Nationen. Sie zeigen ihre Handwerkskunst, die Möglichkeiten des Bauens von Häusern im Einklang mit der Natur, die Nutzung natürlicher Energien. Energie-Genossenschaften werden gegründet wie neulich in Herford, damit Sonnenwärme, Windkraft und Wasserkraft genutzt wird. Ein Umdenken nach den Atomkatastrophen von Tschernobyl und Fukushima. Oder Menschen helfen sich durch Gewährung von Darlehen. Seit 1975 unterstützt die internationale Genossenschaft Oikocredit (früher Ökumenische Entwicklungsgenossenschaft, www.oikocredit.org/de) Menschen in Entwicklungs- und Schwellen-Ländern mit fairen Darlehen. Oikocredit investiert in Mikrofinanz-Institutionen, Genossenschaften und kleinere Unternehmen. Das nutzt lokalen Märkten und dem fairen Handel. Vielen Menschen wird dadurch der Weg in die wirtschaftliche Eigenständigkeit ermöglicht. Weil die Zinsen bezahlbar sind, die Zeit zur Rückzahlung des Darlehens ausreicht und die Gruppen untereinander Verantwortung übernehmen, können auch arme Dörfer und Gemeinschaften durch die Starthilfe aus eigener Kraft ihre Not wenden. In der Verantwortung vor Gott, dem Schöpfer, sind Christinnen und Christen der „Ehrfurcht vor dem Leben" (Albert Schweitzer) verpflichtet.
„Ihr seid teuer erkauft, darum preist Gott mit euerm Leibe", sagt der Apostel. Als der zweite Weltkrieg zu Ende war, lag in einer zerstörten Kirche der Überrest eines Kruzifixes. Nur der Kopf und der Körper des Gekreuzigten waren vor der Zerstörung bewahrt geblieben.
Jemand hatte in der Kirchenruine einen Zettel an die halbzerstörte Figur geheftet mit folgendem Text: Christus hat keine Hände, nur unsere Hände, um seine Arbeit heute zu tun. Er hat keine Füße, nur unsere Füße, um Menschen auf seinen Weg zu führen. Christus hat keine Lippen, nur unsere Lippen, um Menschen von ihm zu erzählen. Denn Christus hat keine Heimat, nur unser Leben, um auf der Erde zu sein." (unbenanntes Dokument) „Preist Gott mit euerm Leib!" sagt der Apostel.
Als der Auferstandene ist Christus gegenwärtig „Er wird auch uns auferwecken durch seine Kraft", sagt der Apostel. Unser Dienst für ihn lässt uns teilhaben an seinem Leben. So lange wir auf Erden sind, bis wir zu ihm kommen die ewige Heimat, ins ewige Vaterhaus des barmherzigen Gottes.
Amen