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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

8. Sonntag nach Trinitatis, 29.07.2012

Predigt zu 1. Korinther 6:9-11.18-20, verfasst von Angela Rinn

 

Oder wisst ihr nicht, dass die Ungerechten das Reich Gottes nicht ererben werden? Lasst euch nicht irreführen! Weder Unzüchtige noch Götzendiener, Ehebrecher, Lustknaben, Knabenschänder, Diebe, Geizige, Trunkenbolde, Lästerer oder Räuber werden das Reich Gottes ererben.Und solche sind einige von euch gewesen. Aber ihr seid reingewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht geworden durch den Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes. Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber es soll mich nichts gefangennehmen. Die Speise dem Bauch und der Bauch der Speise; aber Gott wird das eine wie das andere zunichte machen. Der Leib aber nicht der Hurerei, sondern dem Herrn, und der Herr dem Leibe. Gott aber hat den Herrn auferweckt und wird auch uns auferwecken durch seine Kraft. Flieht die Hurerei! Alle Sünden, die der Mensch tut, bleiben außerhalb des Leibes; wer aber Hurerei treibt, der sündigt am eigenen Leibe. Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört? Denn ihr seid teuer erkauft; darum preist Gott mit eurem Leibe.

 

Liebe Gemeinde,

ein hartnäckiges Vorurteil gegen das Christentum lautet: Die sind leib- und lust-feindlich, eine Truppe verklemmter Spießer. Nun - ich will nicht ausschließen, dass es auch leibfeindliche, verklemmte Spießer unter den Christen gibt - ich bin mir allerdings sicher, dass sich die auch unter sonstigen Gläubigen oder Ungläubigen finden lassen. Einer meiner Lieblingssprüche zum Thema Körper stammt vom Apostel Paulus, wir haben ihn gerade gehört: „Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des heiligen Geistes ist?" Ich weiß, ausgerechnet dieser Satz ist in der Kirchengeschichte lange leibfeindlich ausgelegt worden, weil Menschen sich nicht vorstellen konnten, dass Körper und Lust etwas mit Gott zu tun haben könnten. Für mich klingt Paulus aber leibfreundlich. Er wertschätzt den Körper, höher geht´s ja nicht, als Tempel Gottes. In meinen vergänglichen Sehnen und Gliedern, in meinem Hirn und Herz wohnt der Heilige Geist! Das lässt mich meinen Leib mit anderen Augen betrachten. Meinen persönlichen Tempel des Heiligen Geistes habe ich ganz schön vernachlässigt, ja richtig schlecht behandelt. Was tue ich ihm alles an! Ich gönne ihm keine Ruhe, trainiere ihn nur halbherzig, oft höre ich nicht auf seine Signale. Lange Jahre habe ich ihm rauchend die Luft zum Atmen genommen. Die Sache mit dem Rauchen bringt mich auf die Spur: Ich war süchtig, süchtig nach Nikotin. Und jede Sucht beansprucht: Macht. Das passt nicht zum Christsein, denn da hat ein anderer, Gott, auf mich Anspruch erhoben. Sichtbar, fühlbar ist das mit dem Wasser der Taufe geschehen. „Ihr seid reingewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht geworden durch den Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes," meint Paulus. Die Taufe versetzt Menschen in einen neuen Machtbereich. In diesem Machtbereich herrscht Freiheit. „Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber es soll mich nichts gefangennehmen," sagt Paulus. Gerade darin liegt das Geheimnis! Als Christ bin ich befreit. Mich soll nichts gefangennehmen, auch nicht das Rauchen, auch nicht andere Süchte oder Begierden: „Es soll mich nichts gefangennehmen". Das ist eine atemberaubende Freiheit. „Ein Christenmensch ist ein freier Herr aller Dinge und niemandem untertan", bringt es Martin Luther auf den Punkt. Eigentlich kann ich mir deshalb alles erlauben, aber.... Vorsicht! „Lasst euch nicht irreführen!" Denn so leicht geben sich fremde Mächte nicht geschlagen.

 

Ein Gehirnforscher hat mir erzählt, dass man buchstäblich nach allem süchtig werden kann. Nach Nikotin und Alkohol, aber auch nach Erfolg und Sex und Essen und Arbeit und Spiel. Unser Gehirn ist so geschaffen. Das hat entwicklungsgeschichtlich ursprünglich schon einen Sinn gehabt und der Spezies beim Überlebenskampf geholfen, kann aber leicht aus dem Ruder laufen, mit tödlichen Konsequenzen. „Lasst euch nicht irreführen", denn: „Ihr seid teuer erkauft". Jede Sucht zielt darauf, die Freiheit eines Menschen einzuschränken, seine Würde zu untergraben.

Die Würde eines Menschen erschließt aber gerade daraus, dass er geliebtes Geschöpf Gottes ist. Gott hat das Mensch-Sein so unbedingt ernst genommen, dass er selbst Mensch geworden ist. Die Inkarnation, die Menschwerdung Gottes, ist die Wurzel der Menschenwürde. Gott wollte den Menschen nicht vergöttlichen, sondern ihn zum wahren Mensch-Sein befreien. Zum Menschsein gehört der Leib. Er ist Tempel des Heiligen Geistes, geheiligt, weil Gott in Christus leibhaftig Mensch geworden ist.

Gott wollte uns Menschen nicht als schwebende Geistwesen, sondern handfest in Fleisch und Blut verpackt. Damit kommen wir zur Lust. Die ist auch gottgewollt, allerdings möchte ich schon, dass der Mensch, der mich berührt, meinen Körper auch so achtet: Als etwas Besonderes, als einen Tempel des Heiligen Geistes. Es ist merkwürdig: je mehr Menschen sich hingeben können, je weniger sie an sich denken müssen, weil sie spüren, dass ein anderer an sie denkt, je weniger sie sich festhalten müssen, weil sie gewiss sein dürfen, dass ein anderer sie hält, desto weniger müssen sie nach dem Sinn und dem Glück des Lebens fragen. Sie haben beides bereits gefunden.

Im Glück der Hingabe werden die Grenzen des eigenen Ichs überwunden. Menschen werden offen für die Wirklichkeit Gottes und ahnen etwas von seiner großen Liebe zu seiner todessüchtigen Welt und davon, dass diese Liebe schon längst die Macht des Todes besiegt hat - auch wenn die Welt sich dagegen sträubt, dies wahrzunehmen.

Christen nennen diesen Sieg der Liebe das Reich Gottes. Es ist schon da und es kommt uns zugleich entgegen. Überall, wo Lieblosigkeit durch Versöhnung durchbrochen wird, wo Vergebung geschieht, da ereignet sich das Reich Gottes. Dieses Reich ist unser Erbe, meint Paulus.

„Preist Gott mit eurem Leib!", ermuntert Paulus die Menschen. In Zeiten propagierten Jugendwahns finde ich es bemerkenswert, dass Paulus dabei keine Altersgrenze setzt. Es heißt nicht, dass der menschliche Leib nur bis zum 35. Lebensjahr ein Tempel des Heiligen Geistes ist. Was ein Glück für mich! Tempel des Heiligen Geistes - das gilt auch für ältere Körper, auch für die ganz alter Menschen. Die Leiterin eines Altersheims erzählt mir von Romanzen im Altersheim. Regelmäßig kommt es vor, dass sich Bewohner ineinander verlieben. Ich freue mich für diese späten Paare, dass sie dieses Glück miteinander teilen können. Auch ihre Körper sind Tempel des Heiligen Geistes.

Wenn Menschen achtsam und liebevoll und zärtlich mit ihrem Körper und dem Körper ihrer Partnerin oder ihres Partners umgehen, dann ist das zum Lob Gottes - eine atemberaubend schöne Vorstellung! Für mich schließt das auch die Liebe von homosexuellen Paaren mit ein - Paulus sah das offenbar anders. Ob Paulus alte Männer vor Augen hatte, die sich an jungen Knaben vergingen? - eine Vorstellung, die ich auch ekelhaft finde, die aber damals normal war; ob er an Sklaven gedacht hat, die von ihren Besitzern vergewaltigt wurden? - das finde ich auch entwürdigend; oder ob Paulus tatsächlich Liebesbeziehungen zwischen Männern verurteilte, die ich normal finde, er aber wahrscheinlich nicht? Ich kann mit Hilfe der Wissenschaft versuchen, mir die Lebensbedingungen der Antike zu vergegenwärtigen - es wird mir nie gelingen, die Welt mit Paulus´ Augen zu sehen. Paulus warnt, dass weder Unzüchtige noch Götzendiener, Ehebrecher, Lustknaben, Knabenschänder, Diebe, Geizige, Trunkenbolde, Lästerer oder Räuber das Reich Gottes ererben werden. Seine Liste wirkt auf mich nicht wie ein Gesetzbuch, das sorgfältig alle Vergehen anführt, von Paragraph 1-10.

Ich glaube vielmehr, er listet auf, was seiner Meinung nach Menschen wieder in einen fremden Machtbereich zieht, und er denkt dabei ganz konkret an Menschen der Gemeinde in Korinth, die früher so lebten. Er will sie warnen, nicht wieder in ihre Vergangenheit zurückzufallen. Meine Welt sieht anders aus als die von Paulus. Bemerkenswert ist, dass mich seine Theologie, seine Botschaft trotzdem über die Jahrtausende hinweg bewegt. Allerdings nehme ich mir die Freiheit, die zeitbedingten Unterschiede wahrzunehmen und zu unterscheiden. Die Rolle der Frau etwa ist heute anders als zu Paulus Zeiten - und ich muss nicht von allen Errungenschaften der Emanzipation Abschied nehmen, um Paulus interessant zu finden.

Möglicherweise würde ich die Liste heute anders fassen als Paulus, zumal wenn ich an das denke, was mir der Medizinprofessor erklärt hat: Man kann auf alles süchtig werden. Und jede Sucht gefährdet den Leib, unsere Körper, die Tempel des Heiligen Geistes sind.

Wichtig ist mir, gemeinsam mit Paulus, dass ich mich keiner fremden Macht mehr ausliefere. Ich bin ja geliebt von Gott, mit Seele und Leib. Mir ist alles erlaubt, aber mich soll nichts gefangennehmen.

 

„Preist Gott mit eurem Leibe." Das könnte ich auch einmal, ganz leibhaftig, ernst nehmen. Wenn Gott meinen Leib so lieb hat, könnte ich ihn auch liebhaben. Und das ist gar nicht so leicht, was alle Konfirmanden nachvollziehen können, wenn sie morgens verzweifelt an ihren Pickeln herumdrücken, oder jeder Erwachsene, der mit den Pfunden zu viel kämpft oder gerne eine andere Nase hätte oder einen größeren Busen oder mehr Haare auf dem Kopf. Es ist gar nicht leicht, den eigenen Leib lieb zu haben. Gott lässt sich davon nicht beirren. Mein Leib soll sein Tempel sein - und das verändert mich.

Vielleicht stelle ich mich morgens einmal vor den Spiegel, so wie Gott mich schuf, und betrachte mich mit seinen Augen, liebevoll und achtsam, und stelle mir vor: Der Heilige Geist wohnt in mir, in jeder Zelle, in jedem kleinen Blutkörperchen. Und dann: Ein Dankgebet an Gott. Wie schön, dass Du in mir wohnst und mich liebhast, dass ich Dein Tempel sein darf!


Amen.



Pfarrerin Dr. Angela Rinn
Mainz
E-Mail: AngelaRinn@t-online.de

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