Liebe Gemeinde,
„Er aber zog seine Straße fröhlich " - ein guter Schlusssatz für eine aufregende Geschichte!
Ich bin froh, dass die Geschichte dieses Ende hat, ein wirkliches „happy end".
Das wäre was, wenn wir nach einer Begegnung sagen könnten: jetzt ziehen wir alle unsere Straße weiter - wo sie auch hinführt - aber jedenfalls: fröhlich: Gäste, Bewerber um eine Arbeitsstelle, Mitarbeiterinnen, Insulanerinnen und Insulaner.
Aber Moment, so weit sind wir ja noch gar nicht, auch in dieser Geschichte muss - bis zum guten Ende noch vieles geschehen - und es ist keineswegs nur fröhlich.
Ein Mann war aufgebrochen zu einer langen Reise. Nicht weil er Urlaub machen wollte oder sich einfach mal die große weite Welt angucken. Dafür wäre seine Reise auch wohl zu weit und beschwerlich gewesen, selbst für ihn, der sich jeden Luxus leisten kann - von Äthiopien bis nach Jerusalem! Von der Hauptstadt Addis Abeba bis Jerusalem sind es gut 2 500 km, und das alles in einer schaukelnden Pferdekutsche!? Wir wissen, wie lange es bei uns auf Juist mit der Kutsche schon bis zur Bill an der Westspitze der Insel dauert, nämlich mindestens eine Stunde - und dann so eine weite Strecke in einer Kutsche?!
Er tritt diese Reise auch nicht an, weil ihm zu Hause all das gefehlt hätte, was man so zum Leben braucht: Er war kein Asylsuchender und auch kein sogenannter „Wirtschaftsflüchtling".
Er reist auch nicht zu einem Staatsbesuch, wie er es sonst als Finanzminister wahrscheinlich häufiger tat. Er reist nach Jerusalem, „um anzubeten" steht im Text.
Er ist offensichtlich jemand, der sich für das Judentum interessiert, aber (noch) nicht dazu gehört. Sonst würde da vielleicht stehen: er wollte opfern im Tempel oder das Passafest mitfeiern.
Er macht vielmehr eine Art Studienreise. Er sucht.
Er sucht etwas, das ihm trotz all seinem Reichtum, trotz all seiner Macht, trotz all seines Ansehens fehlt; Etwas, was man nicht kaufen kann, und was auch der Mächtigste sich mit all seiner Macht nicht beschaffen kann. Wahrscheinlich - vermute ich mal- weiß er selbst nicht einmal genau, was er sucht und was er in Jerusalem zu finden hofft.
Er will „anbeten", so heißt es, mit Gott sprechen, von dem er gehört hat.
Er hat davon gehört, dass es in Jerusalem einen Ort geben soll, wo Gott in besonderer Weise zu Hause ist. Dort will er ihn nun finden, an diesem besonderen Ort. Das ist nachvollziehbar, wenn man sich die Gästebucheintragungen in unserer Inselkirche ansieht, und das ist auf Borkum, Helgoland, Sylt oder Amrum sicher nicht anders, da gibt es viele Eintragungen, die von der Suche nach Gott erzählen.
„Wenn es dich gibt, Gott, dann hilf mir doch" steht da z.B., oder „Hier auf der Insel hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass du da bist, Gott..."
Der äthiopische Finanzminister sucht den Tempel auf, den „Vorhof der Heiden", denn weiter darf er ja nicht gehen. Er betet. Aber was er gesucht hatte, das hat er wohl noch nicht gefunden, er hatte sich mehr erhofft, sich nach etwas anderem gesehnt als das Gebet aus der Ferne. Selbst diese Erfahrung bringt ihn nicht davon ab, weiter zu suchen, auch sein Rückweg, den er bald antritt, gehört mit zu der Suche.
Er ist hartnäckig; Eine gute Eigenschaft für die Suche nach dem Glauben! Er sagt nicht: So ein Reinfall, da geh ich nie wieder hin.
Er hat eine Schriftrolle dabei, vielleicht hat er sie als Souvenir in Jerusalem gekauft, wahrscheinlich in griechischer Sprache. Jedenfalls sitzt er jetzt in seinem Wagen und liest, laut, oder jedenfalls vor sich hin murmelnd, wie das üblich war! Er liest einen Text aus dem Buch des Propheten Jesaja - aber- wie sich später herausstellt, versteht er nichts, oder jedenfalls nicht viel. Wie groß muss seine Sehnsucht gewesen sein, dass er immer noch weiter sucht, dass er immer noch nicht resigniert! Das ist schon erstaunlich, ich denke, mancher von uns hätte das Buch längst in die Ecke geworfen und gesagt: „Hat auch keinen Zweck, versuch ich was anderes!"
Und noch ein Mann ist aufgebrochen in dieser Geschichte.
Ein Mann ganz anderer Art: Arm, einflusslos, ohne Macht, Missionar, Wanderprediger.Nicht die Sehnsucht treibt ihn, nicht die Suche reizt ihn. Er kennt nicht einmal genau das Ziel seines Weges: Geh mal irgendwo auf die Straße zwischen Jerusalem und Gaza, heißt es. Luftlinie gut 60 km, auf der Straße ein gutes Stück weiter. Wohin also??
Der Auftrag, den er da bekommt, der kommt ihm anfangs schon recht merkwürdig vor! Trotzdem heißt es über ihn ganz lapidar: „Und er stand auf und ging hin."er führt den Auftrag aus, fraglos, widerspruchslos. Er wird nicht etwa zum Tempel geschickt, in den Trubel der Großstadt, sondern in die Einsamkeit, an irgendeine Straße, an einen relativ unbestimmten Ort mitten im judäischen Bergland, in der Wüste. Dort treffen sie beide zusammen - der Gott Suchende und der von ihm Beauftragte. Und sie kommen ins Gespräch, diese beiden so grundverschiedenen Menschen. Der einfache Mann ist mutig genug, den hohen Herrn anzusprechen, und der ist sich nicht zu fein, das Gesprächsangebot anzunehmen. Der Einheimische geht auf den Fremden zu, und der lässt sich auf das Gespräch ein, obwohl er wahrscheinlich in Jerusalem mit den Einheimischen so seine eigenen Erfahrungen gemacht hat, womöglich manchem Vorurteil und vielen Vorbehalten ist: „Was will der denn hier?" Trotzdem bittet er Philippus zu sich auf den Wagen, behandelt ihn wie einen Gleichberechtigten...
Was Philippus dem Kämmerer sagte, das wissen wir im Einzelnen nicht, aber die Richtung, der Inhalt wird doch ganz deutlich: Der Gesandte und Gesalbte Gottes, der Messias, vom dem der Prophet spricht, er ist gekommen, er ist schon da!
Als Leidender, Verfolgter, Erniedrigter ist Gott zu den Mensch gegangen, als Gequälter und Ermordeter. Ein Gescheiterter nach dem Urteil der Welt! Dies Urteil aber ist „aufgehoben", Gott hat ihn rehabilitiert und zur Bestätigung das Leben neu geschenkt.
In diesem Gespräch geht es sicherlich um das Zentrum der frohen Botschaft! Der Äthiopier jedenfalls begreift - endlich, endlich hat er gefunden, was er gesucht hat! Er hat es gefunden an einem Ort, an dem er nicht damit gerechnet hatte, nicht an einem besondern Ort, sondern einfach irgendwo auf der Strasse.
„Spricht eigentlich irgendwas dagegen, dass ich mich taufen lasse?" fragt der Kämmerer, als sie an einer Wasserstelle vorbeikommen. Die Sorge steckt sicherlich schon dahinter: gehöre ich für euch vielleicht auch nicht richtig dazu? Kann ich einfach so Christ werden?
Aber ganz selbstverständlich steigen die beiden von ihrem Wagen herunter- und Philippus tauft den Fremden. Als sie aus dem Wasser heraus steigen, öffnet sich der Himmel über dem Getauften. Philippus aber entschwindet. Er wird hier nicht mehr gebraucht.
Den Kämmerer scheint es nicht weiter zu kümmern: Er hat gelernt: Ich bin nicht länger ausgegrenzt, ich darf dazugehören, bin angenommen, so wie ich bin. Und darum kann er fröhlich seine Straße ziehen!
Im Film gäbe es jetzt eine Totaleinstellung, wir können Philippus nachschauen, wie er kleiner und kleiner wird und wie er schließlich von der Bildfläche verschwindet. Dann noch einmal der Kämmerer in Großaufnahme, er entrollt wieder seine Jesaja-Rolle, die Kutsche ruckt an, es geht weiter.
Nur diese eine kurze Begegnung zwischen den beiden uns erzählt, so, als würden wir einen Moment lang hinter die Kulissen gucken können. Wenn jemand zum Glauben an Jesus Christus findet, hat immer etwas Geheimnisvolles!
Damals wie heute! Selbst für uns selbst und unsere eigene Geschichte ist das oft nicht im Letzten zu erklären!
Hier: eine geglückte Begegnung. Zwei Menschen im Gespräch über den Glauben, eine Taufe- und dann? Das andere wird sich finden. Der Minister findet seinen Weg. Und Philippus hat die Freiheit, ihn ziehen zu lassen. Er kann das aushalten: ihn zu taufen und ihn dennoch nicht zu vereinnahmen. Er verlangt auch nichts von dem Minister. Er hätte ja auch sagen können:
„Pass auf, jetzt erzählst du zu Hause erstmal deiner Königin, was du erlebt hast. Dann gründest du eine Hausgemeinde, und nächstes Jahr um diese Zeit komm ich und guck mir das mal an und halte bei euch eine Missionsveranstaltung ab."
Genau das tut er aber nicht! Er vertraut darauf, dass sein Täufling seinen eigenen Weg finden wird in seiner Umgebung. Er vertraut darauf, dass Gott sein Werk vollenden wird, das er in dieser Begegnung und in der Taufe angefangen hat. Der Täufling zieht seinen Weg fröhlich - und Philippus lässt ihn fröhlich ziehen. Er weiß, dass der eigene Glaube sich nur in der Freiheit finden lässt, die der Geist Gottes schenkt. Er kann ihm jetzt nicht ‚mal eben‘ alle Fragen dieses Lebens beantworten, er weiß: mit jeder Erfahrung und jedem Schritt im Glauben werden auch neue Fragen entstehen.
Aber Philippus traut ihm zu, dass er jetzt selber weiter suchen kann, dass er auch wieder andere fragen wird -so wie am Anfang der Geschichte auf dem Wagen- mit der Jesaja-Schriftrolle in der Hand. Mit seiner Taufe hat etwas ganz Neues angefangen, denn so wie allen, die getauft werden, hat Gott ihm zugesagt: „Siehe, ich mache alles neu." Der Kämmerer ist wieder allein.
Aber in der Wüste bleibt eine ganz normale Wasserstelle zurück, an der etwas ganz Besonderes geschehen ist.
Und der Kämmerer nimmt etwas mit: neue Erkenntnisse und vor allem die Zusage der Taufe, ein neues Leben. Darum: „Er aber zog seine Straße fröhlich!"
Und der Friede Gottes, er höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.