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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

6. Sonntag nach Trinitatis, 15.07.2012

Predigt zu Apostelgeschichte 8:26-39, verfasst von Harald Klöpper

 

Vorbemerkungen zum Predigttext

Die im Predigttext zitierten Verse aus Jesaja 53 führen seit Jahrhunderten zu einer Kontoverse in der Identifizierung des Gottesknechtes: nach jüdischer Tradition ist das Volk Israel gemeint, die christliche Tradition sieht in diesen Versen einen Hinweis auf Jesus Christus (trotz mancher Sperrigkeiten wie Jes 53,10b: „Er wird Nachkommen sehen und lange leben.").

Sowohl Septuaginta (von Lukas verwendet) als auch Vulgata verstärken den christlichen Anspruch auf diese Schriftstelle, indem sie durch redaktionelle Eingriffe Jes 53,8 sinngemäß übersetzen mit: „In der Erniedrigung wurde seine Verurteilung aufgehoben." Angelsächsische Übersetzungen hingegen knüpfen stärker an den hebräischen Ursprungstext an, indem sie übersetzen: „In his humiliation justice was denied him." (English Standard Version, vgl. New Revised Standard Version etc.).

Für die Predigt am 6. Sonntag nach Trinitatis ist dies aber ein Nebenschauplatz und ein wenig erquickender zudem. Mit der Einheitsübersetzung gibt es jedoch die Möglichkeit, beide Versionen unkommentiert und gleichberechtigt nebeneinander zu stellen.

Eine weitere Besonderheit der meisten deutschen Übersetzungen (wiederum im Gegensatz zu z.B. den meisten angelsächsischen Übersetzungen) ist die Eliminierung des im Urtext immerhin fünf Mal genannten Begriffs „Eunuch". Erneut zugunsten einer Identifizierung des Gottesknechtes mit Jesus Christus beraubt sie den Predigtabschnitt um m.E. wesentliche biografische Gesichtspunkte: es ist der Eunuch, der in V.34 seine persönliche Lebensfrage stellt, der in V.36 alle eventuellen Stolpersteine zur Taufe ausgeräumt wissen will, der in der Taufe endlich Gemeinschaft erfährt (V.38) und der darum nicht nur getrost, sondern geradezu fröhlich seinen Lebensweg fortsetzen kann (V.39).

Aus diesem Grund werde ich den Eunuchen dort wieder in die Einheitsübersetzung eintragen, wo der Begriff durch „Kämmerer" ersetzt wurde. Dies dürfte auch der Intention des Lukas gerecht werden, der mit V.27 über eine Reihe von Attributen verfügt („Äthiopier, ein Eunuch, Hofbeamter der Kandake, der Königin der Äthiopier, der ihren ganzen Schatz verwaltete"), der sich in Folge jedoch konsequent auf die Hervorhebung „Eunuch" konzentriert.

Zugleich hilft dies auch, die innere Klammer zwischen Predigtabschnitt und der verheißungsvollen Passage von Jesaja 56 aufrecht zu erhalten (Einheitsübersetzung):

3 Der Fremde, der sich dem Herrn angeschlossen hat, soll nicht sagen: Sicher wird der Herr mich ausschließen aus seinem Volk. Der Verschnittene soll nicht sagen: Ich bin nur ein dürrer Baum. 4 Denn so spricht der Herr: Den Verschnittenen, die meine Sabbate halten, die gerne tun, was mir gefällt, und an meinem Bund fest halten, 5 ihnen allen errichte ich in meinem Haus und in meinen Mauern ein Denkmal, ich gebe ihnen einen Namen, der mehr wert ist als Söhne und Töchter: Einen ewigen Namen gebe ich ihnen, der niemals ausgetilgt wird.

So „restauriert" reiht sich die Geschichte wieder ein in die Serie von Einzelschicksalen, an denen gerade bei Lukas gelegen ist (z.B. Sondergut Zacharias, Elisabeth, Maria, Simeon etc. sowie entsprechenden Gleichnisse vom Verlorenen Sohn, dem Verlorenen Schaf usw.) und stellt die Taufe als universales, gemeinschaftliches und unzertrennliches Band der Christenheit dar. Damit ist Roloffs Frage beantwortet: „Hatte nicht Gott in diesem Fall alle Hindernisse, die der Taufe eines Nichtjuden entgegenzustehen schienen, durch sein eigenes Eingreifen überwunden, und hatte er nicht damit grundsätzlich die Christuszugehörigkeit von nicht zu Israel gehörenden Menschen legitimiert?" (J. Roloff, Die Apostelgeschichte (NTD 5; Göttingen 1981), S. 142)

Predigt:

Wo Gottes Macht wirksam wird, da werden Menschen befreit aus Anfeindung, Unterdrückung, Ohnmacht. Das ist die gute Nachricht, die sich anscheinend schon im Altertum bis in den afrikanischen Sudan verbreitet.

Darauf hatte wohl der dortige Finanzminister gesetzt, als er zu einer 2.000km langen Reise aufbrach. Eine Wallfahrt vom heutigen Sudan bis zum fernen Jerusalemer Tempel hatte er sich vorgenommen. Wir können nur ahnen, was ihn dazu bewegte. War es der Regierungswechsel von der Königsmutter Amanitore auf ihren Sohn Natakamani? Oder eine andere vorzeitige Entlassung, die ihm diese zeitaufwendige, private Reise ermöglichte?

In Jerusalem angekommen, hat er wohl eine herbe Enttäuschungzu verkraften: den Tempel darf er nicht betreten, man verweist ihn stattdessen auf den äußeren Vorhof. Nicht wegen seiner Nationalität, erst recht nicht wegen seiner dunklen Hautfarbe, sondern wegen eines anderen Makels.

7 Er wurde mißhandelt und niedergedrückt, aber er tat seinen Mund nicht auf. Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt, und wie ein Schaf angesichts seiner Scherer, so tat auch er seinen Mund nicht auf.

8 Durch Haft und Gericht wurde er dahingerafft, doch wen kümmerte sein Geschick? Er wurde vom Land der Lebenden abgeschnitten und wegen der Verbrechen seines Volkes zu Tode getroffen. (Einheitsübersetzung)

Von wem war hier die Rede? Vom Volk Israel, oder womöglich von seinem eigenen Schicksal? Immerhin fünf Mal erwähnt der heutige Predigtabschnitt, dass sein Antritt als Finanzminister nur um den hohen Preis der Kastration möglich war. Das war der Makel, warum er den Tempel nicht betreten durfte. Aber noch schlimmer: als Eunuch war das Leben mit Frau und Kindern in weite Ferne gerückt. Damit war er vom „Land der Lebenden" abgeschnitten.

Klar, er hatte eine Gegenwart, eine lukrative sogar, so lange er im Staatsdienst war. Darüber hinaus aber hatte er keine Zukunft. Wie sollte er da noch seines Lebens froh werden?

Wir können es nachlesen im 8. Kapitel der Apostelgeschichte (nach Einheitsübersetzung):

26 Ein Engel des Herrn sagte zu Philippus: Steh auf und zieh nach Süden auf der Straße, die von Jerusalem nach Gaza hinabführt. Sie führt durch eine einsame Gegend.

27 Und er brach auf. Nun war da ein Äthiopier, ein Eunuch, Hofbeamter der Kandake, der Königin der Äthiopier, der ihren ganzen Schatz verwaltete. Dieser war nach Jerusalem gekommen, um Gott anzubeten,

28 und fuhr jetzt heimwärts. Er saß auf seinem Wagen und las den Propheten Jesaja.

29 Und der Geist sagte zu Philippus: Geh und folge diesem Wagen.

30 Philippus lief hin und hörte ihn den Propheten Jesaja lesen. Da sagte er: Verstehst du auch, was du liest?

31 Jener antwortete: Wie könnte ich es, wenn mich niemand anleitet? Und er bat den Philippus, einzusteigen und neben ihm Platz zu nehmen.

32 Der Abschnitt der Schrift, den er las, lautete: Wie ein Schaf wurde er zum Schlachten geführt; und wie ein Lamm, das verstummt, wenn man es schert, so tat er seinen Mund nicht auf.

33 In der Erniedrigung wurde seine Verurteilung aufgehoben. Seine Nachkommen, wer kann sie zählen? Denn sein Leben wurde von der Erde fortgenommen.

34 Der Eunuch wandte sich an Philippus und sagte: Ich bitte dich, von wem sagt der Prophet das? Von sich selbst oder von einem anderen?

35 Da begann Philippus zu reden und ausgehend von diesem Schriftwort verkündete er ihm das Evangelium von Jesus.

36 Als sie nun weiterzogen, kamen sie zu einer Wasserstelle. Da sagte der Eunuch: Hier ist Wasser. Was steht meiner Taufe noch im Weg?

37 [...]

38 Er ließ den Wagen halten und beide, Philippus und der Eunuch, stiegen in das Wasser hinab und er taufte ihn.

39 Als sie aber aus dem Wasser stiegen, entführte der Geist des Herrn den Philippus. Der Eunuch sah ihn nicht mehr aber er zog voll Freude weiter.

Ich glaube, wir werden uns schnell einig, dass dies eine der schönsten Geschichten der Bibel ist: sie sprudelt geradezu vor Spontanität, Initiative und Lebenskraft.

Deutlich wird das zuerst an der Person des Philippus . Eigentlich ist er gerade damit beschäftigt, in Samarien Menschen für Jesus Christus zu gewinnen. Jerusalem ist längst zu klein geworden für die Christusbotschaft. An immer mehr Stellen in Judäa und Samarien kann man sie jetzt hören. Dazu braucht man Wendigkeit und Philippus - Diakon, Evangelist und Vater von vier Töchtern (Apg 21,9) - muss besonders beweglich gewesen sein. Er schafft es nämlich, alles stehen und liegen zu lassen, um sich auf Geheiß des Engels sofort auf den Weg nach der Stadt Gaza zu machen. Ohne Wenn und Aber. Da bewahrheitet sich der Satz aus dem Römerbrief (8,14): „Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder".

Auf der einsamen Straße, mitten in der Wüste, wird Philippus die Kutsche schnell ausgemacht haben, zu der ihn der Heilige Geist bestelltn hat. Anders aber als manche heute missionierenden Menschen fällt Philippus nicht mit der Tür ins Haus. Er läuft erst einmal neben der Kutsche her, hört zu, wie der mächtige Finanzminister nach damaliger Sitte laut aus den Schriftrollen liest. Erst als eine längere Pause entsteht, nimmt Philippus Kontakt auf: „Verstehst du auch, was du da liest?"

Der Augenblick ist günstig. Warum? Weil wir nichts von einer beleidigten Reaktion des Finanzministers hören. Noch gibt er dem Kutscher Befehl, das Tempo zu erhöhen. Stattdessen erhält Philippus die Gegenfrage: „Wie könnte ich es, wenn mich niemand anleitet?"

Auch das macht die Geschichte so wertvoll, weil sie uns zeigt: Zwei Menschen kommen durch Fragen miteinander in das Gespräch über den christlichen Glauben, nicht durch Anpredigen. Deshalb ist auch weniger das eigene Wissen als vielmehr die genaue, wenn nicht sogar liebevolle Beobachtung wichtig. Gerade auch in unserer Zeit, wo wir mehr Informationen erhalten, als wir verdauen können. Nur so trifft Philippus den Kern. Selbst in der Wüste. Ob uns das auch wieder gelingen kann, wenn wir uns in Familie, Beruf und Klassenverband in Rechthaberei und Bevormundung verrannt haben?

Jedenfalls darf Philippus durch seine Frage in die Kutsche einsteigen. Über Demütigungen kommen sie ins Gespräch, über Ungerechtigkeiten und dass Sündenböcke das alles auslöffeln müssen.

Allmählich dämmert es Philippus, warum der Kämmerer der Kandake genau bei dieser Jesaja-Passage ins Stocken geriet. Was, wenn der sich selber wie in einem Spinnennetz gefangen in der Rolle des Opferlamms sieht? Schließlich hatte er viel, wenn nicht alles für seinen Beruf geopfert. Zu spät, um es rückgängig zu machen! Alles umsonst?

Da hört Philippus auch schon den Kämmerer sagen: „Ich bitte dich, von wem sagt der Prophet das? Von sich selbst oder von einem anderen?"

Philippus wird nicht sofort geantwortet haben. Mühsam wird er stattdessen um die Worte gerungen haben, bis es ihm gelingt, Jesu Wirken und das Schicksal des Eunuchen miteinander in Beziehung zu setzen. Ja, auch Jesus ging es wie dem Kämmerer. Auch er brachte ein Opfer, das Größte sogar, dass es geben kann, als er sogar sein Leben gab.

Aber holt Philippus Luft und erklärt, wie Jesus im Gegensatz zum Kämmerer von Hoffnung getragen war. Immer wieder hatte Jesus seinen Jüngern versichert, dass Gott ihn aus Leid und selbst Tod herausholen würde. Und wie sehr ihnen als Christen das Mut machte, allen Anfeindungen zum Trotz ebenfalls solche zunächst aussichtslos scheinenden Wege einzuschlagen. Die Taufe sei dabei das sichtbare Unterpfand, dass sie dabei mit Gottes Beistand rechnen konnten „alle Tage bis an der Welt Ende." (Mt 28,20)

Als sie sich einer Wasserstelle nahen, sieht der Kämmerer seine Chance kommen. Zu frisch sind aber noch die Erinnerungen an die Abweisung im Tempel und deshalb fragt er erst einmal vorsichtig: „Hier ist Wasser. Was steht meiner Taufe noch im Weg?"

Ich stelle mir vor, dass Philippus laut aufgelacht hat: „Gar nichts," wird seine Antwort gewesen sein, denn als nächstes berichtet die Bibel, dass sie „beide, Philippus und der Eunuch" zur Taufe ins Wasser stiegen.

Die Zukunftsängste des Kämmerers sind danach wie verflogen. Seine Opfer und sein Leben? Immer noch umkämpft, aber nicht mehr hoffnungslos. Mit der Taufe ist er eingebunden in eine verlässliche und selbst über den Tod hinausreichende Gemeinschaft.

Anfeindung, Unterdrückung, Ohnmacht? Es wird sie auch weiterhin geben. Aber sie haben ihre Oberhand verloren. Stattdessen gilt ein anderes Wort aus dem Propheten Jesaja (43,1), den wir schon als Wochenspruch gehört haben:

So spricht der Herr, der dich geschaffen hat:

Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst;

ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!

Wem dieses Wort von einem kompetenten Gesprächspartner ans Herz gelegt wird, der oder die kann fröhlich auf dem Lebensweg weitergehen.

Gebe darum Gott, dass dies mehr ist als eine Geschichte aus vergangenen Tagen. Schenke uns Gott Menschen - und wenn wir es selber sind - die sich von seinem Geist an Orte schicken lassen, wo keiner freiwillig hingeht, auf die Straße nach Süden, Westen, Nord und Ost, wo es einsam und öd ist, weil Menschen selbst in bedeutenden Positionen keine Zukunft mehr sehen. Wir haben es doch schon gemerkt: Durch Gottes Geist sehen wir weiter.

 



Pfarrer Harald Klöpper
32052 Herford
E-Mail: kloepper@chrina.org

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