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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

4. Sonntag nach Trintatis, 01.07.2012

Predigt zu 1. Petrus 3:8-15a, verfasst von Eberhard Busch

 

In der Gemeinde Jesu beten wir zu dem, der „unser Vater im Himmel" ist. Und Jesus Christus ist unser Bruder geworden, um uns damit zu erfreuen, dass wir Gottes Kinder heißen dürfen. Sind wir aber seine Kinder, so haben wir uns untereinander als Brüder und Schwestern zu achten und zu lieben. Eben das unterstreicht unser heutiger Bibeltext und sagt: Sind wir im Glauben Brüder und Schwestern, so haben wir geschwisterlich miteinander umzugehen. Also seid gleichgesinnt, mitleidsvoll, barmherzig, freundlich! Oder wie wir das auch übersetzen können: Denkt füreinander - statt jeder an sich selbst zuerst. Tragt Schweres miteinander - statt gegeneinander zu streiten. Gebt auf eure Nächsten Acht in Liebe - statt gleichgültig aneinander vorbeizugehen. Fühlt mit ihnen - statt euch gegen sie zu verhärten. Und denkt von ihnen höher als von euch selbst - statt sie von oben herab zu behandeln. Wo dergleichen unter Menschen auch nur in zarten Umrissen passiert, da ist allemal ein Stück Paradies.

Aber ist dieses Paradies nur ein Traum? Denn nun pflegt es so zu gehen: Wo einmal Christen beginnen, in dieser Weise mit Anderen umzugehen, da können sie auch auf eine Wand wie aus Beton stoßen. Da ernten sie dafür nicht nur Dank, sondern auch Widerspruch. Ja, da kann es geschehen, dass sie mit einer ganzen Welt von Widerspenstigkeit in Konflikt geraten. Deren Vertreter wollen sich ihre Kreise nicht stören lassen. Der Bibeltext redet jetzt nicht davon, dass sie daran mitschuldig sein können. In unser Tun nistet sich nur zu oft allerlei Verkehrtheit ein. Selbst die Besten sind immer auch arme Sünder, die viel Vergebung brauchen. Sie sind Menschen, die daher zu Recht Widerspruch erfahren! Unser Bibeltext redet jetzt nur von dem Unrecht, das einem Menschen angetan wird, gerade wenn er sich bemüht, in der christlichen Liebe zu leben. Es ist ein Unrecht, in dem Halbwahrheiten und Verleumdungen über einen hinten herum ausgestreut werden, gegen die man sich nicht wehren kann. Es ist ein Unrecht, in dem einem Andere, vielleicht noch unter dem Schein edler Absichten, extra wehtun wollen. Mitmenschen, die doch nicht mitmenschlich handeln?

Und wie ist es nun mit einem Christen, der gleichwohl versucht, freundlich mit den Anderen umzugehen? Wie geht es ihm, wenn ihm wiederholt Unrecht angetan wird? Geht es ihm dann nicht wahrscheinlich so, dass er sich früher oder später drausbringen lässt aus seinem Versuch, in solcher Liebe zu leben? Und dann denkt er: Wo kämen wir denn hin, wenn ich Bosheit noch mit Freundlichkeit erwidern würde! Da fühlen sich die Anderen noch im Recht. Und ich ziehe dabei den Kürzeren und bin am Ende nur der Dumme. Nein, man kann halt nicht immer mit Liebe durchkommen. „Wer nicht hören will, muss fühlen." „Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil." „Wort - Widerwort". Alles andere „ist nicht realistisch", sagt er dann. Und so gilt im Fall der Bedrängnis durch Bosheit bei uns der Grundsatz: Vergeltet Böses mit Bösem, Schmähung mit Schmähung! So ist es zwischen den Völkern und so in gar vielen Beziehungen von Mensch zu Mensch.

Doch nun sagt uns die Bibel heute klipp und klar: „Sucht Frieden und jagt ihm nach, wendet euch vom Bösen ab und tut Gutes." Und ob wir das wollen und tun, das zeigt sich darin, dass wir darum auch bereit sind, nicht Böses mit Bösem zu vergelten, nicht Schmähung mit Schmähung zu beantworten, sondern „zu segnen!" Das sagt uns: Lasst euch doch bitte niemals drausbringen aus dem Glauben an „unseren Vater im Himmel" und daran, dass wir seine Kinder sein dürfen; und darum lasst euch auch niemals drausbringen, in besonnener Liebe mit den Anderen umzugehen. Auch dann nicht, wenn sie euch Böses antun. Aber warum denn nicht? Etwa darum, weil man unbedingt nicht als der Dumme vor den Leuten dastehen möchte? Die Bibel macht uns hier keine falschen Versprechungen. Es könnte vielmehr durchaus so sein, dass es einem unter den Leuten schlecht ergeht, wenn man es sein lässt, Böses mit Bösem zu vergelten. So ist es ja auch unserem Heiland ergangen, als er nicht zurückschlug, da er geschlagen wurde. Dabei geriet er zuletzt sogar an ein Kreuz.

Machen wir uns klar: die Bibel mutet uns hier den Verzicht darauf zu, Böses mit Bösem zu vergelten, ganz gleich, ob uns dieser Verzicht von Nutzen ist oder von Nachteil. Denn sonst würden wir ja bald wieder dazu übergehen, Böses mit Bösem zu vergelten, sobald uns der Verzicht darauf Nachteile bringt. Vielmehr auch wenn uns das Nachteile einbringt, „vergeltet nicht Böses mit Bösem, sondern segnet!" Und man kann ja auch mit Worten Verheerendes anrichten. Wie oft geschieht gerade das - im Streit zwischen Partnern, in übler Nachrede, auch in den Medien. Aber bitte, wer das vermeiden will, „der schweige seine Zunge, dass sie nichts Böses rede", sagt unser Text. Aber warum sollen wir das denn dann tun? Das aus einem guten Grund. Das darum, weil der Heiland der Menschen diesen Weg konsequent befolgt hat, bis zuletzt! Von ihm heißt es im 1. Petrusbrief kurz vor unserem Predigttext: dass er „nicht wiederschalt, da er gescholten wurde, und nicht drohte, als er Böses erlitt." Darum gilt für uns in seiner Nachfolge dasselbe. Darum muss das, was für ihn gut war, auch für uns gut sein.

Jetzt müssen wir verstehen: Jesus hat dabei nicht willkürlich diesen Weg gewählt. Er hat es im Einklang mit seinem „Vater im Himmel". Man bedenke, der lebendige Gott ist doch der Heilige, der das Recht hat, uns alle und einen jeden anzuklagen wegen des Unrechts und der Bosheit, die wir tagtäglich in Gedanken, Worten und Werken gegen ihn begehen. Doch nun die unfassliche Großtat sondergleichen, die wir nicht genug preisen und anbeten können: „Barmherzig und gnädig ist Gott, der HERR, geduldig und von großer Güte. Er handelt nicht mit uns nach unserer Sünde und vergilt uns nicht nach unserer Missetat" (Ps. 103,8.10). Darum und dazu hat er Christus auf unserer Erde gesandt. Darum hat Christus nicht zurückgeschlagen, als er von einem Meer von menschlicher Schuld überschüttet wurde. Wenn man hier streng auf ihn blickt, dann darf man gleich weiter sagen:

Sein Verzicht darauf, Böses mit Bösem oder mit seinem heiligen Zorn zu vergelten, war keine sinnlose Demutsübung. Indem er das Unrecht erduldete, hat er sich dafür eingesetzt, es vielmehr zu überwinden. Sein Verzicht, Böses mit Bösem zu vergelten, zielt darauf, das Böse aus der Welt zu schaffen. So dass es ins Leere läuft. Indem er es den Misstätern nicht mit gleicher Münze heimzahlt, ist ihnen gleichsam das Kleingeld ausgegangen. Wer auf ihn schaut, der begreift: Das Nicht-Vergelten von Bösem mit Bösem meint kein stillschweigendes Gutheißen des Bösen, sondern führt die Überwindung des Bösen herauf. Wo man hingegen Böses mit Bösem vergilt, da führt das zu einer weiteren Fortsetzung des Bösen. Da ist man ja von ihm selbst infiziert. Jesus aber geht es um das erlösende Herausführen aus dem Kreislauf des Bösen.

Und dieser Jesus ruft uns heute in seine Nachfolge. Er ruft uns an die Aufgabe, es ihm nachzumachen, so wie es der Apostel Paulus sagt: „Überwindet das Böse mit Gutem" (Röm. 12,21). Wenn wir Jesus nachfolgen, müssen wir keine Angst haben, dass wir dabei zu kurz kommen. Auch wenn wir dabei Nachteile einstecken müssen, aber selbst dann gilt, was unser Bibelwort sagt: „Wisst, dass ihr dazu berufen seid, dass ihr den Segen erbet." Und der Segen Gottes, das ist sein gutes Geleit. Er ist dann in jedem Fall mit uns. Darum gehen wir dabei in keinem Fall leer aus. Darum ist uns dabei sogar Großes verheißen. Die Vergeltung des Bösen mit Bösem hat keine Verheißung, das Böse zu überwinden. Der Verzicht auf solche Vergeltung aber hat die Verheißung des kommenden Siegs über das Böse, so wahr Jesus Christus bereits offenbar wurde als „der Siegesheld, der all seine Feind besieget" (Johann Christoph Blumhardt).

Denken wir einmal darüber nach! Wenn es in unserer Welt noch so unendlich viel Böses und Unrecht gibt, das Menschen an Anderen begehen und das sie von Anderen erleiden, liegt das nicht auch daran, dass die Christen es seit Urzeiten zu wenig probiert haben, damit Ernst zu machen: „Vergeltet Böses nicht mit Bösem und Schmähung nicht mit Schmähung"? Haben sie es etwa unterlassen aus lauter Angst oder auch aus Hochmut, sie könnten sonst nur aufs Kreuz gelegt werden? Es gibt dazu eine nachdenkliche Anekdote. Eine Christ habe einmal einen Juden gefragt: „Glaubt ihr Juden eigentlich immer noch an den Gott der Rache, statt wie wir Christen an den Gott der Liebe?" Darauf der Jude: „Ja, wir glauben immer noch an den Gott der Rache. Aber während wir darum IHM die gerechte Vergeltung überlassen, um dafür auf Erden selber Barmherzigkeit zu üben, macht ihr Christen es umgekehrt: ihr predigt den Gott der Liebe, aber dafür übt ihr selbst rücksichtslos Vergeltung an anderen." Ist es nicht so? - die Geschichte der Christen war fort und fort und ist bis auf diesen Tag eine Geschichte, in der sie nicht die Weisung ihres Herrn befolgt haben: „Überwindet das Böse mit Gutem". Wie kläglich ist unser Christentum, dass es daran unter uns allzu oft gefehlt hat! Es ist wohl stets so etwas wie eine seltene wunderschöne Blume, wenn ein Christenmensch so von seinem Meister überwunden wird, dass er seiner Weisung folgt: „Überwinde das Bösen mit Gutem!"

Der Dichter Conrad Ferdinand Meyer hat ein Beispiel dafür erzählt, wie solche Blume tatsächlich schön geblüht hat; so in dem Gedicht „Die Füße im Feuer". Zur Zeit der blutigen Verfolgung der Hugenotten, der evangelischen Christen in Frankreich, sucht abends wegen eines Unwetters einer der Peiniger der Hugenotten Zuflucht. Er findet sie in einer Burg, wo ihn der Burgherr zuvorkommend aufnimmt als seinen Gast. Während er dann zu Tisch gebeten wird, geht es ihm in tödlichem Schrecken auf: Hier war er doch schon einmal, in einem hugenottischen Fluchtort. Damals wollte er die Frau dieses Burgherrn erpressen, ihm das Versteck ihres Mannes preiszugeben. Als sie schwieg, da hat er sie grausam ermordet. Der Gast schließt sich nun schnell in seiner Kammer ein und bewaffnet sich. Im Aufwachen sieht er den Ehemann der Ermordeten durch eine Tapetentür eintreten, unbewaffnet. Sein braunes Haar ist über Nacht ergraut. Er geleitet den Gast noch ein Stück über Feld. Und beim Abschied sagt er dem Gast: Heute Nacht sei es ihm bitter schwer geworden, Gott zu dienen. „Gemordet hast du teuflisch mir mein Weib! Und lebst! ... Mein ist die Rache, redet Gott." Sie ist nicht Sache von uns Menschen. Überlassen wir es Gott, wie er das tun will!

Unsere Sache ist es: „Vergeltet nicht Böses mit Bösem!" Dem zu folgen, das kann einem unter Umständen zu solch einem schweren Kampf werden. Aber wo dieser Kampf zum Sieg wird, da ist das allemal ein wahres Wunder. Wo dieses Wunder geschieht, da ist es, wie wenn ein „Morgenglanz der Ewigkeit" in unserem Leben aufleuchtet. Lasst uns Gott um solche Wunder auch in unserer Zeit und in unserem Leben bitten!

 



Prof. Dr. Eberhard Busch
37133 Göttingen
E-Mail: ebusch@gwdg.de

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