Friedensgruß
Der Predigttext für den 2.Sonntag nach Trinitatis steht 1Kor 14,1-3.20-25:
„Strebt nach der Liebe! Bemüht euch um die Gaben des Geistes, am meisten aber um die Gabe der prophetischen Rede! Denn wer in Zungen redet, der redet nicht für Menschen, sondern für Gott; denn niemand versteht ihn, vielmehr redet er im Geist von Geheimnissen. Wer aber prophetisch redet, der redet den Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung. (...) Liebe Brüder, seid nicht Kinder, wenn es ums Verstehen geht; sondern seid Kinder, wenn es um Böses geht; im Verstehen aber seid vollkommen. Im Gesetz steht geschrieben (Jesaja 28,11-12): »Ich will in andern Zungen und mit andern Lippen reden zu diesem Volk, und sie werden mich auch so nicht hören, spricht der Herr.« Darum ist die Zungenrede ein Zeichen nicht für die Gläubigen, sondern für die Ungläubigen; die prophetische Rede aber ein Zeichen nicht für die Ungläubigen, sondern für die Gläubigen. Wenn nun die ganze Gemeinde an einem Ort zusammenkäme und alle redeten in Zungen, es kämen aber Unkundige oder Ungläubige hinein, würden sie nicht sagen, ihr seid von Sinnen? Wenn sie aber alle prophetisch redeten und es käme ein Ungläubiger oder Unkundiger hinein, der würde von allen geprüft und von allen überführt; was in seinem Herzen verborgen ist, würde offenbar, und so würde er niederfallen auf sein Angesicht, Gott anbeten und bekennen, dass Gott wahrhaftig unter euch ist."
Liebe Gemeinde,
Der Nachbar kommt ins Stottern. Mir fällt das Wort dafür gerade nicht ein, sagt der er, der erzählen will, was ihm am Tag zuvor Erstaunliches geschehen ist. So sehr auch in seinem Gedächtnis kramt, das richtige Wort will ihm nicht einfallen, obwohl ihm sein Gesprächspartner nach Kräften dabei hilft. Wer ein Gespräch führt, der braucht richtige und angemessene Worte. Wenn sie ihm nicht einfallen, kippt das Gespräch ins Leere und Inhaltslose um.
Wem die Sprache fehlt, der sieht die bunte Welt und die vielfältigen Menschen wie durch einen grauen Nebelschleier. Er erkennt nur verschwommen, was in der Welt geschieht und kann nicht richtig einschätzen, was gleich passieren wird. Wem die Sprache fehlt, der stolpert wie ein Blinder in der Wirklichkeit herum. Er kann Dingen und Gefühlen, Personen und Stimmungen keine Worte geben und keine Namen zuordnen.
Je mehr sich bei einem Kind die Fähigkeit zu sprechen erweitert, desto besser findet es sich in der Welt zurecht. Wer sein Vokabular vermehrt und die Fähigkeit, zusammenhängende Sätze zu bilden, verbessert, der erweitert damit auch seine Welt. „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt", sagte der Philosoph Ludwig Wittgenstein. Je mehr sprachliche Möglichkeiten ich mir aneigne, desto mehr erweitere ich den Horizont meiner Welt- und Menschenerfahrung.
Wem die Sprache dafür zu Gebote steht, der sieht die blühende Rose im Beet und an kann sich an ihrer farbigen Blütenpracht freuen. Wem die Sprache dafür zu Gebote steht, der kann von dieser Rose weitererzählen und die Erfahrung von Schönheit und Staunen mit seinen Freunden und Gesprächspartnern teilen.
Wem die Sprache dafür zu Gebote steht, der sieht nicht nur einen beliebigen Menschen, der an ihm vorübergeht. Er erkennt seinen Nachbarn und kann ihn mit den Worten „Grüß Gott, Herr Weinstein" begrüßen und ein kurzes Gespräch mit ihm führen. Wem die Sprache dafür zu Gebote steht, der kann den Kranken trösten, den Traurigen erfreuen, den Gelangweilten aufmuntern und der Freundin seine unermeßliche Liebe erklären.
Aber Sprache ist nicht nur ein unerschöpfliches Reservoir des Staunens, sie kann auch hart und scharf zuschlagen. Sprache kann beleidigen, demütigen, kränken, ja sogar töten, auch dafür haben die Menschen Worte erfunden.
Sprache ist für den Menschen, der sich in der Welt zurechtfinden will, ein vielfältiges und zweischneidiges Instrument, um zu ordnen und zu zerstören, um zu staunen und um zu verletzen, um zu beschreiben und um zu vernebeln.
Sprache beschreibt und bezeichnet, sie hält Namen und Begriffe für Menschen, Dinge, Verhältnisse und Erfahrungen bereit. Sprache klärt auch auf. Was ich sagen kann, das habe ich auch verstanden. Sprache hilft dem Menschen, sich in der Welt zurechtzufinden. Mit Hilfe der Sprache erkunden wir das Geheimnis der Welt. Was wir verstanden haben und benennen können, das ist aufgeklärt, ausgeleuchtet. Darin liegt aber auch eine Gefahr. „Sprache ist wie ein Meißel", sagt der Schriftsteller Max Frisch. „Wie der Bildhauer, wenn er den Meißel führt, arbeitet die Sprache, indem sie die Leere, das Sagbare, vortreibt gegen das Geheimnis, gegen das Lebendige. Immer besteht die Gefahr, daß man das Geheimnis zerschlägt (...)." Und Frisch spricht auch von der anderen Gefahr, daß man die Worte gar nicht so weit vorantreibt, daß sie an das Geheimnis der Welt heranreichen.
Das kleine Kind, das anfängt zu sprechen, macht sich auf die Suche. Es sucht nach dem Sinn und Geheimnis seines Lebens. Dieses aufzudecken, hat es die Sprache zur Verfügung. Manche zerstören das Geheimnis, indem sie alles aussprechen wollen. Andere bleiben in ihrer banalen Sprache weit vor dem Gebiet stecken, in dem das Geheimnis verborgen sein könnte.
Sprache lehrt uns auch, vorsichtig mit den Wörtern umzugehen. Der Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel zitiert aus einer rabbinischen Geschichte, in der Rabbi Jischmael sagt: „[S]ei sehr vorsichtig mit Wörtern. Wenn du einen einzigen Buchstaben wegläßt oder hinzufügst, wird die ganze Welt zerstört."
Dieser Zusammenhang zwischen Geheimnis und Wörtern führt unmittelbar in die griechische Stadt Korinth und ihre zerstrittene christliche Gemeinde im ersten Jahrhundert nach Christus. Paulus, der Theologe ist ja auch ein Sprachkünstler mit einem Hang zu ausschweifenden Sätzen und ein Experte in Sachen Gemeindesprachen, vor allem dem Zungenreden und dem prophetischen Reden. Die Erfahrung Gottes gibt der Sprache einen enormen Kraftschub, den die Gemeinde erst einmal verarbeiten muß. Wenn die geistliche Sprache neue Glaubensräume erobert, muß die Gemeinde mit Verständnis und Vertrauen erst einmal hinterher kommen.
Aus dem Zungenreden heraus entsteht ein Sog, dem nicht alle Gemeindeglieder folgen können. Es ist erstaunlich, daß Paulus ein ganz eindeutiges Urteil abgibt. Das Zungenreden, das den anderen Gläubigen unverständlich bleibt, richtet sich auf diejenigen, die noch gar nicht Christen sind. Sie sollen damit beeindruckt werden. Ansonsten sieht Paulus darin eine eher private Angelegenheit. Natürlich kann man in Zungen reden, aber dafür braucht es dann Ausleger und Interpreten. Uns nüchternen Protestanten ist das Zungenreden ja schon deshalb verdächtig, weil es mit Ekstase und Enthusiasmus einhergeht. Es wird aus dem Neuen Testament auch nicht richtig deutlich, was genau damit gemeint ist: wahrscheinlich ein ekstatisches unverständliches, nicht von Worten bestimmtes Reden, das als Gnadengabe Gottes verstanden wurde. Entscheidend ist, daß der Verstand ausgeschaltet bleibt. Paulus sagt: Ihr könnt das gerne machen, aber schaut darauf, daß die anderen in der Gemeinde mitkommen.
Viel wichtiger ist dem Apostel das prophetische Reden, und er stellt es über das Zungenreden, das einzig Gott verstehen kann. Prophetisches Reden ist auf Gott bezogen und auf die Verständigung unter Menschen ausgerichtet. Das prophetische Reden soll ermahnen, erbauen und trösten. Wir sollten uns vor dem Vorurteil befreien, das prophetische Reden sei grundsätzlich so etwas wie eine Voraussage über die Zukunft. Das stimmt schon für die Propheten des Alten Testaments nicht, nicht für Paulus und die Korinther und schon gar nicht für unsere Gemeinden. Prophetie ist so etwas wie die Suche nach Gott in der Gegenwart.
Und wir sollten uns von dem zweiten Vorurteil befreien, wonach Prophetie grundsätzlich eine politischen oder ethischen Anteil besitzt. Jesaja und Jeremia haben die Könige Israels verurteilt, weil sie ihr eigenes politisches Kalkül höher gestellt haben als das Vertrauen auf Gott. Sie haben von einem anderen, besseren und zukünftigen Israel gesprochen, aber dieses neue Israel sollte nach ihrer Vision nicht das Ergebnis politischen Handelns, sondern das Ergebnis eines erneuerten Glaubens und Gottvertrauens sein.
Prophetisches Reden ist weiter von der Doppeldeutigkeit alles Menschlichen behaftet. Es gibt auch falsche Propheten, in der Gemeinde und in der Politik. Wer öffentlich von geistlichem Wachstum redet und hinter verschlossenen Türen gegen die Schienbeine seiner Geschwister im Glauben tritt, der verspielt schnell die beanspruchte Glaubwürdigkeit. Wer öffentlich Frieden und Vertrauen predigt und heimlich Sturm sät, muß sich nicht wundern, wenn ihm bald keiner mehr Glauben schenkt. Paulus wußte das ganz genau, und er wußte auch um die Konflikte in der Gemeinde von Korinth. Der Heilige Geist ist ein scheues Reh: Es verschwindet beim ersten Anzeichen von Täuschung, Heuchelei und Selbstgerechtigkeit. Gemeinden finden sich dann wieder in der unliebsamen Mischung aus Menschelei, Sünde, Beleidigung, Unduldsamkeit, Kompromißlosigkeit. Die Liste der Laster kann beliebig verlängert werden. Der Heilige Geist ist nicht auf die Tonart der Überheblichkeit gestimmt.
Aber die Frage, die sich Paulus stellt, ist ja eine andere. Er sieht die Konflikte in Korinth, aber er löst sie nicht auf. Er stellt die Frage: Was würde passieren, wenn ein Ungläubiger, eine Zweiflerin, ein Skeptiker in die Gemeinde kommt und Gottesdienste und Versammlungen verfolget? Der Beobachter würde sich diese Streitereien einige Male anschauen und dann wegbleiben. Wieso bleibt er weg? Um zu streiten, braucht es keine christliche Gemeinde. Dafür reichen Familie, Fußballclub, Politik und Straßenverkehr. Bleiben wird er nur, sagt Paulus, wenn wir ihm die Wahrheit des Glaubens zumuten, wenn wir ihm in Glauben und Vertrauen sagen können: An diesem Punkt in deinem Leben und in der Gesellschaft findest du die Spuren des Gottes Jesu Christi. Wir reden darüber in menschlichem Glauben und mit menschlicher Vernunft. Deswegen werden solche Spuren nie eindeutig sein. Spuren kann man immer so oder so interpretieren.
Wie finde ich solche Spuren? Prophetisches Reden wird nach meiner Überzeugung von zwei Quellen angetrieben. Zum einen lese ich in der Bibel, in diesem so großartigen Buch mit den Geschichten Gottes, dem die Menschen in Gebet und Vertrauen, in Liedern und Lebensentscheidungen antworten. Das sind ganz unterschiedliche Geschichten, einige davon widersprüchlich, einige davon übertrieben, andere überholt. Aber in jeder Geschichte, in jedem Lied, in jeder Liste und in jedem Gebet finde ich so etwas wie ein ein sanftes Anstupsen dazu, dem lebendigen Gott zu begegnen.
Und das, was ich in der Bibel gelesen habe, suche ich in meiner Lebenswelt: Ich suche nach Wieder-Holungen im guten Sinn. Jakob, der mit Gott kämpft, lebt. Ich finde ihn in dem alten Mann, der nicht sterben und nicht beten will. Mit aller Kraft stemmt er sich gegen seine Krankheit und erst kurz vor seinem Tod willigt er ein, das Krankenabendmahl zu feiern. Hiob, der ohne Schuld ist und trotzdem gequält wird, lebt ebenfalls. Ich finde ihn in der Frau, die im Rollstuhl sitzt und sich verzweifelt fragt, wieso ausgerechnet sie unter Parkinson leidet. Mose, der von Gott die Gebote in Empfang genommen hat, lebt. Ich finde ihn in den Menschen, die versuchen, Regeln für das Zusammenleben in einer Gruppe aufzustellen, damit diese Gruppe lebendig bleibt und vorankommt.
Man könnte die Reihe der Beispiele verlängern. Auf diese Weise suche ich nach den Spuren des Heiligen Geistes in der Gegenwart. Ich glaube, das ist die Prophetie, die Paulus gemeint hat. Wenn die Bürokratie über die Seelsorge triumphiert, dann hat der Heilige Geist sich längst zurückgezogen, denn er weiß ganz genau: Strukturen - und das sind nichts anderes als Mauern - würden ihn nur einengen. Paulus verkündet eine ganz einfache Botschaft: In zweitausend Jahren ist noch kein Mensch Christ geworden, weil die Kirche so schön strukturiert, organisiert, hierarchisiert oder reformiert ist. In zweitausend Jahren aber sind unzählige Menschen zu Glaubenden geworden, weil sie sich darauf eingelassen haben, die Spuren Gottes in der Gegenwart zu suchen und zu finden.
Paulus war überzeugt: Menschen fanden und finden Gottes Spuren, weil ihnen der Heilige Geist dabei geholfen hat. Das ist das Entscheidende. Nichts anderes. Der Heilige Geist erweitert die Grenzen unserer Welt und unserer Erfahrung auf Gott hin. Er gibt uns die Worte dafür. Jeder Buchstabe davon ist wichtig. Amen.