Liebe Gemeinde!
Der Abschnitt, der für die heutige Predigt vorgesehen ist, steht im ersten Brief, den Paulus an die Gemeinde in Korinth geschrieben hat. Dabei geht es um die Frage, was nötig ist, wenn wir Gottesdienste feiern wollen, die Außenstehende anziehen.
Ich kenne kein Mitglied eines Kirchenvorstandes, dem die Klärung dieser Frage nicht wichtig wäre. Gewiss hat jede und jeder auch einen eigenen Schwerpunkt der Gemeindearbeit, um die sie und er sich in besonderer Weisekümmern wollen. Der Gottesdienst aber - das Haupterkennungsmerkmal von Kirche - der liegt ihnen allen am Herzen. Da trifft Paulus bei uns auf offene Ohren.
Zunächst müssen wir freilich in Rechnung stellen, dass es damals in der Kirche von Korinth ganz anders zuging als bei uns. Da wurde der Gottesdienst von der sogenannten Zungenrede beherrscht. Bei uns ist die völlig unbekannt und kommt höchstens bei Popkonzerten oder bei großen Fußballspielen vor. Also unter Menschen, die von einer Begeisterungswoge so mit-
gerissen werden, dass ihnen die Worte fehlen und sie nur mit unartikulierten Lauten ausdrücken können, wie ihnen ums Herz ist. So ging es den Gemeindegliedern in Korinth damals mit Gott und Jesus Christus.. Hören wir, was Paulus dazu sagt und was trotz aller Fremdheit auch für unsere Gottesdienste ein hilfreicher Fingerzeig sein kann:
Strebt nach der Liebe! Bemüht euch um die Gaben des Geistes, am meisten aber um die Gabe der prophetischen Rede! Denn wer in Zungen redet, der redet nicht für Menschen, sondern für Gott; denn niemand versteht ihn, vielmehr redet er im Geist von Geheimnissen. Wer aber prophetisch redet, der redet den Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung
Liebe Brüder und Schwestern, seid nicht Kinder, wenn es ums Verstehen geht; sondern seid Kinder, wenn es um Böses geht; im Verstehen aber seid vollkommen. Im Gesetz steht geschrieben (Jesaja 28,11-12): »Ich will in andern Zungen und mit andern Lippen reden zu diesem Volk, und sie werden mich auch so nicht hören, spricht der Herr.«
Darum ist die Zungenrede ein Zeichen nicht für die Gläubigen, sondern für die Ungläubigen, die prophetische Rede aber ein Zeichen nicht für die Ungläubigen, sondern für die Gläubigen.Wenn nun die ganze Gemeinde an einem Ort zusammenkäme und alle redeten in Zungen, es kämen aber Unkundige oder Ungläubige hinein, würden sie nicht sagen, ihr seid von Sinnen? Wenn sie aber alle prophetisch redeten und es käme ein Ungläubiger oder Unkundiger hinein, der würde von allen geprüft und von allen überführt; was in seinem Herzen verborgen ist, würde offenbar, und so würde er niederfallen auf sein Angesicht, Gott anbeten und bekennen, dass Gott wahrhaftig unter euch ist.
Also nichts gegen eure Begeisterung für Gott, sagt Paulus. Aber eure Gottesdienste müssen verständlich sein. Das geschieht vor allem durch die prophetische Rede. Und damit ist nicht etwa die Gabe gemeint, die Zukunft vorhersagen zu können, also das ansprechen zu können, wovon an sich niemand etwas wissen kann. Nein, in der Bibel zielt prophetische Rede immer auf das, was jetzt dran ist. Was Klarheit schafft in den Köpfen und zum Ausdruck bringt, was die Menschen im Herzen bewegt. Wer prophetische Rede hört, sagt: Jetzt weiß ich, worum es geht, und das bewegt mich.
Prophetische Rede bringt die in ihrer Gottesbegeisterung vereinzelten Menschen zusammen und lässt sie zu einer Gemeinde werden, die weiß, was sie will und wozu sie da ist.
Was Paulus wohl sagte, wenn er zu uns in die Kirche käme? Keiner lallt in Verzückung geraten vor sich hin. Alles, was hier gesagt und gesungen wird ist in verständliche Sprache gefasst. Und alles, was man tun soll, wird einem erklärt oder vorgemacht. Also die Verständlichkeit und Ordnung hier würde Paulus gewiss zu schätzen wissen. Und er würde wohl auch Verständnis dafür haben, dass Begeisterung, innere Beteiligung in Norddeutschland anders aussieht als bei den Orientalen. Wir brauchen Ruhe und Besinnung, um etwas in unserem Herzen zu bewegen und uns zum Zwiegespräch mit Gott anregen zu lassen.
Schön, würde Paulus sagen, aber gilt das auch für eure jungen Leute, die Mädchen und Jungen - Konfirmanden nennt Ihr sie. Die machen mir nicht den Eindruck, dass sie durch das, was hier geschieht, im Herzen getroffen sind. Die scheinen eher darauf zu warten, dass es bald zu Ende ist.
Naja, würden wir wohl sagen, das ist ja auch ein ganz schwieriges Alter. Aber wenn sie konfirmiert werden wollen, müssen sie doch etwas vom Gottesdienst wissen und ihn eingeübt haben.
Ich bin mir allerdings nicht sicher, dass Paulus sich mit dieser Erkl„rung zufrieden geben würde. Ich sehe hier, so würde er wohl sagen, Parallelen zu der Gemeinde in Korinth: Die einen werden innerlich erbaut, und den anderen bleibt das alles fremd. Verständlichkeit allein tut es noch nicht. Deshalb rate ich auch euch: Bemüht euch um die prophetische Rede, die das Herz anspricht und Gemeinschaft unter euch stiftet. Wo das nicht geschieht, da übt sich auch bei der größten Verständlichkeit gar nichts ein. Langeweile zieht nicht. Da müsst ihr euch mit den jungen Leuten wohl schon etwas anderes einfallen lassen.
Wie gesagt, eure Konfirmanden bleiben auf Distanz und schütteln bisweilen wohl auch den Kopf über euch. Und wie ist es mit den Erwachsenen, die da zufälliger Weise mal bei euch hereinschneien? Ich bin ja auch von draußen hereingekommen. Und da ist mir gleich aufgefallen, wie sehr man hier unter euch allein bleibt. Kontaktaufnahme untereinander ist offenbar nicht erwünscht. Den meisten Gottesdienstbesuchern kann ich noch nicht einmal ins Gesicht sehen. Ich sehe entweder auf ihren Rücken oder sie auf meinen.
Ich erlebe eure Freude nicht und nicht das, was euch zu schaffen macht. Ich erlebe kein Lachen und kein Weinen. Geredet und gesungen wird davon. Aber das ist es dann auch. Vom Menschen, wie er leibt und lebt, kommt hier nicht viel vor. Und dann wundert ihr euch, dass Außenstehende davon nicht angezogen werden. Die ganze Klarheit und Verständlichkeit, die korrekteste Liturgie hilft nicht, wenn ihr nicht beherzigt, womit ich meine Empfehlung zum Gottesdienst überschrieben habe: Strebt nach der Liebe, bleibt der Liebe auf der Spur! Die Liebe, die aus Gottes Herzen kommt, und die euch ebenso wie die von außen Hereinkommenden froh und frei machen will - sie ist das Herz der prophetischen Rede.
Das leuchtet mir ein. Und ich meine, das ist eine zentrale Aufgabe der neuen Gemeindeleitung, darauf zu achten, dass Liebe in unseren Gottesdienst mehr ist als ein Wort und wir hier angestiftet werden, der Liebe auf der Spur zu bleiben. Amen.