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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

1. Sonntag nach Epiphanias, 08.01.2012

Predigt zu 1. Korinther 1:26-31, verfasst von Friedrich Seven

Der Weihnachtsbaum , liebe Gemeinde, steht noch in der Kirche, aber wir feiern unseren Gottesdienst schon wieder im Pfarrsaal.  Dieser Gottesdienst heute, am 1. Sonntag nach Epiphanias, ist eine Feier nach den großen Feiern, den sehr gut besuchten Christvespern, den Nachtgottesdiensten und den Kirchenkonzerten, die wir  in großer Gemeinde erleben durften. Zu Weihnachten und zwischen den Jahren ist alles wieder wie in den Jahren zuvor gewesen, vielleicht sogar  noch stimmiger und noch ein bisschen besser besucht. Der Pfarrsaal jedenfalls hätte nicht allen Platz geboten.

Jetzt, nach den Festtagen  in der Winterkirche, ist er groß genug. All die vielen, die mit uns Advent, Weihnachten und Ostern gefeiert haben, haben sich bis zum Ende dieses neuen Jahres wieder verabschiedet, wenn ein neuer Tannenbaum und die alte Krippe die Kirche wieder schmücken.

Wir, die Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher, sowie die anderen Treuen in der Gemeinde haben über die Jahre hin einiges versucht, um daran etwas zu ändern, aber auch Gemeindefeste, Konzerte berühmter Künstler und sogar Rundfunkgottesdienste unserer Konfirmandengruppen haben bis auf einzelne Sonntage den Gottesdienstbesuch nicht aktivieren können.

Ein böses Wort spricht von den Weihnachtschristen, die nur an den Festtagen den Weg in ihre Kirche finden und ein weniger böses sprach von uns, die wir diesen Weg auch übers Jahr an den Sonntagen immer wieder finden, als von der Kerngemeinde oder unterschied gar zwischen der Gottesdienstgemeinde und  den anderen, die aber doch irgendwie dazugehören.

Immer zeigen wir uns ein wenig betrübt darüber, dass wir wieder so wenig sind, aber auch  Stolz ist dabei, zu denen zu gehören, die Sonntag für Sonntag und Jahr für Jahr dazu beitragen, dass  das Licht in unserer Kirche nicht ausgeht.

Wir halten uns wohl nicht mehr für die besseren Christen, solcher Dünkel soll uns fremd bleiben, aber etwas Genugtuung haben wir schon zu Weihnachten empfunden, als wir uns besser auskannten mit dem Ablauf des Gottesdienstes und bei den Liedern nicht nur die allseits bekannten, die Weihnachtsschlager, kräftig  mitsingen konnten. Ein wenig sollte es doch allen klarwerden, dass das hier unsere Kirche ist.

Die Unterschiede zwischen den vielen, die kaum noch das Vater-unser mitzusprechen scheinen, und uns sind einfach nicht zu übersehen. Ein wenig Stolz und Ruhm darf doch wohl sein.

Vom Apostel Paulus allerdings werden wir ermahnt, uns nicht zu rühmen. Ja, auch bei den ersten Christen in Korinth gab es offenbar Unterschiede, auf die sich einige von ihnen etwas einbildeten.

Man wollte sich ein Ansehen geben und war auch darin geübt, andere in ihrem Ansehen herabzusetzen. So kannte man das Leben in dieser blühenden Hafenstadt, und die als Christen zur Gemeinde der Getauften dazugehörten, kamen nicht einfach von dem Leben los, wie  sie es, bevor sie die Predigt des Paulus erreicht hatte, gewohnt waren. Auch als Christen hatten sie immer noch die Neigung, im alten Leben zu verharren. Denn  gerade viel Besitz und gute Einkünfte gehen gerne mit alten Gewohnheiten einher.

 Unermesslicher Reichtum hatte sich in den Händen weniger Handelsleute und bei einigen Handwerkern gesammelt und  viele Einwohner lebten als Sklaven, die zwar den Reichtum mit schufen, aber nicht daran teilhaben konnten.  Sie waren nicht angesehen und hatten nicht die Freiheit, daran etwas zu ändern.

Vor der jungen Gemeinde, in der es doch eigentlich nicht wie zwischen Freien und Sklaven, nicht wie zwischen Armen und  Reichen, sondern wie zwischen Schwestern und Brüdern zugehen sollte, hatte die gewohnte Unterscheidung zwischen den Angesehenen  und den Nicht- Angesehenen  nicht haltgemacht, und man unterschied auch hier zwischen den besseren und den schlechteren Christen.

Diese Gemeinde, die so gerne mit Rangunterschieden lebte, will der Apostel daran erinnern, dass nur ein Unterschied wirklich wichtig ist, nämlich der zwischen Gott und den Menschen.

Auch wenn uns in unserer Gemeinde und wohl auch in der Kirche die Unterschiede, nach denen die Korinther damals noch ihre Lebensmöglichkeiten aufteilten, so, Gott sei Dank, nicht mehr im Wege stehen, so sind wir keineswegs von der Neigung befreit, nicht nur ´mal die Nase vorn haben und auch mal besser sein  zu wollen, sondern uns vor allem für besser als andere zu halten.

Zu Weihnachten haben wir in unseren Gottesdiensten wieder davon gehört, davon gesungen und  hoffentlich auch gespürt, wie Gott den einen Unterschied , der wichtig ist im Leben, von sich aus überwunden hat und selber Mensch geworden ist.

Der erbärmliche Stall und das hilflose Kind in der Krippe können uns nahebringen, dass Gott den Weg auf die Erde nicht zu den besseren, den frommeren und religiöse geübteren eingeschlagen hat, sondern sich als Kind in der Krippe dahin begeben hat, wo jeder von uns,  bei Lichte besehen, nur anfangen kann, nämlich in der Schutzlosigkeit und Blöße.

Damit hat Gott die Menschen, die ihm nahekamen, an einen neuen Anfang ihres Lebens gestellt.

Zu Weihnachten will uns Gott herausrufen aus einem Leben, dessen Gewohnheiten und Sicherheiten das gute Werk, das er in uns angefangen hat, nicht mehr einholen können. Damit hat er nicht einfach die Unterschiede zwischen uns aufheben wollen. Denn schließlich sind zu den Hirten auch Könige dazugekommen, und die sind nach dem Besuch im Stall in ihre angestammten Herrschaften zurückgekehrt; doch schon  der Weg, auf dem sie zurückkehren, zeigt, wer fortan ihrem Leben die Richtung gibt. Ein Engel bewahrt sie in der Nacht davor, zu ungewollten Handlangern des Mörders Herodes zu werden. Eigentlich wäre ihr erneuter Besuch bei Herodes doch eine Ehrensache gewesen, eben eine Sache unter Königen. Auch diesen weisen Männern ist das Kind in der Krippe zur Weisheit geworden.

So sind hoffentlich die Weihnachtsgottesdienste und die Krippe auch in unserer Kirche wieder für viele zur Gelegenheit geworden, von dem Anfang, den Gott mit uns gemacht hat, nicht nur zu hören, sondern selbst mit Gott und sich im Leben etwas anzufangen.

Dazu ist es nie zu spät, und der Ort, an dem solch ein Anfang des Glaubens gemacht und geübt werden kann, ist sicher nicht auf die Kirche begrenzt.

Wir können uns vielmehr von der Kirche aus aufmachen, zu denen, die hier nur selten oder gar nicht mehr hinkommen.

Wir werden gleich bei den Abkündigungen zum ersten Mal  offiziell  von der Kirchenvorstandswahl hören und davon, wie wir bis zum Frühjahr wieder Menschen aus unserer Gemeinde gewinnen wollen, die sich des Gottesdienstes, der Kirche und des Gemeindelebens besonders annehmen.

Schon dabei  dürfen wir nicht auf eine sogenannte Kerngemeinde beschränkt bleiben und bei der Wahl am 18. März gelingt es uns hoffentlich wieder, eine große Zahl von Wählerinnen und Wählern an die Wahlurne zu locken.

Auch das 100-jährige Jubiläum unserer Schule wird im Sommer eine gute Gelegenheit sein, damit und davon zu leben, dass unsere Kirche nicht nur mitten Dorf steht,  sondern immer wieder auch zu einer Mitte für uns werden kann.

Schließlich erinnert uns die Tafel, die wir ja seit einigen Jahren an zwei Vormittagen geöffnet haben, daran, dass  der Unterschied zwischen arm und reich noch nicht überwunden ist, dass wir uns aber nicht einfach damit abfinden wollen.

Amen!    

 



Pastor Dr. Friedrich Seven
Scharzfeld
E-Mail: friedrichseven@t-online.de

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