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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Miserikordias Domini, 08.05.2011

Predigt zu Hesekiel 34:1-2,10-16,31, verfasst von Dieter Splinter

 

Und des Herrn Wort geschah zu mir: Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht der Herr: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? So spricht der Herr: Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern; ich will ein Ende damit machen, dass sie Hirten sind, und sie sollen sich nicht mehr selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen, dass sie sie nicht mehr fressen sollen. Denn so spricht der Gott der Herr: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen. Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von der Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren zur Zeit, als es trüb und finster war. Ich will sie aus allen Völkern herausführen und aus allen Ländern sammeln und will sie in ihr Land bringen und will sie weiden auf den Bergen Israels, in den Tälern und an allen Plätzen des Landes. Ich will sie auf die beste weide führen und auf den hohen Bergen In Israel sollen ihre Auen sein; da werden sie auf guten Auen lagern und fette Weide haben auf den Bergen Israels. Ich selbst will meine Schafe weiden, und will sie lagern lassen, spricht Gott der Herr. Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden wie es recht ist. Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein, spricht Gott, der Herr.

I.

Liebe Gemeinde!

Wem vertrauen wir uns an? Wem geben wir Macht über uns? Wer die Vertrauensfrage stellt, stellt die Machtfrage. Deutlich wird das etwa dann, wenn im Deutschen Bundestag der Kanzler oder die Kanzlerin die Vertrauensfrage stellt. Hat er oder sie genug Parlamentarier hinter sich, bleibt er oder sie im Amt; wenn nicht, geht die Macht verloren. Wer die Vertrauensfrage stellt, stellt die Machtfrage.

Das gilt nicht nur in der Politik. Wem ich vertraue, dem öffne ich mich. Manchmal sagen wir vielleicht auch: „Ich lege mein Schicksal in Deine, in Ihre Hände!" Und blicken auf den Arzt, von dessen Heilkunst unser Leben abhängt. Das Vertrauen, das wir jemandem entgegen bringen, kann aber auch missbraucht werden. Davon handelt der Anfang der Worte des Propheten Hesekiels: „Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden!" Getadelt werden da jene Regierenden im alten Israel, die nur auf sich selbst, nicht aber auf das Volk geachtet haben. Diejenigen werden heftigst kritisiert, die mit der Behauptung, sie seien gute Hirten, das Volk ins Verderben geführt haben.

Dass es solche vermeintlich guten Hirten gibt, wissen wir aus unserer eigenen Geschichte nur zu gut. Heute auf den Tag genau vor 66 Jahren endete der 2. Weltkrieg. Er brachte, auch dass wissen wir, unendlich viel Leid über Abermillionen. Auch und gerade über Juden. Viele von ihnen, die heute im Staat Israel leben, nehmen die Worte Hesekiels darum wörtlich und beziehen sie darauf, dass sie in eben diesem Staat - endlich! - eine Heimstatt gefunden haben: „Denn so spricht Gott der Herr: ... Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren zur Zeit, als es trüb und finster war. Ich will sie aus allen Völkern herausführen und aus allen Ländern sammeln und will sie in ihr Land bringen und will sie weiden auf den Bergen Israels, in den Tälern und an allen Plätzen des Landes."

II.

Wohl können wir hierzulande verstehen, dass Juden in Israel diese Worte nach dem Holocaust so deuten, nun wieder im Land ihrer Erzväter Abraham, Isaak und Jakob zu leben. Wir können als Christen und Christinnen hierzulande jedoch diese Worte des Propheten Hesekiel so nicht auf uns beziehen. Wie dann?

Wer die Vertrauensfrage stellt, stellt die Machtfrage. Um beide Fragen geht es im Bild vom achtsamen Hirten, das Hesekiel als ein Wort Gottes überliefert: „Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist."

Die Lebenswelt von Hirt und Herde ist uns eigentlich fern gerückt. Wir nehmen sie eher zufällig wahr, wenn wir im Auto unterwegs auf einer Landstraße am Wegesrand auf einer Weide einen Hirten mit einer Schafherde sehen. Auch lassen wir uns nicht unbedingt gerne als „lammfromm" und „dumm wie ein Schaf" bezeichnen. Und doch hat das Bild vom guten Hirten, der achtsam mit seiner Herde umgeht und sie auf eine „grüne Aue" und „zu frischem Wasser" führt, etwas ungemein Anziehendes. Unsere Sehnsucht nach Geborgenheit wird angerührt: „Ich möcht, dass einer mit mir geht, der's Leben kennt, der mich versteht, der mich zu allen Zeiten kann geleiten. Ich möcht, dass einer mit mir geht." (EG 209,1) Jedenfalls ist es erstaunlich, dass meine Konfirmandinnen und Konfirmanden, denen ich es frei stelle, ihren eigenen Konfirmationsspruch zu suchen, der sie dann durchs Leben begleiten soll, häufig ein Wort aus dem 23. Psalm oder ein anderes Wort auswählen, in dem das Bild vom guten Hirten aufgegriffen wird: „Der Herr ist mein Hirte. Mir wird nichts mangeln." „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir." Jesus Christus spricht: „Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich."

III.

Wer die Vertrauensfrage stellt, stellt die Machtfrage. Wem ich vertraue, dem gebe ich immer auch Macht über mich. Das macht das Vertrauen so schwierig. Demjenigen, dem ich vertraue, kann seine Macht auch missbrauchen. Sollte ich darum nicht besser misstrauisch sein? Und selber Macht und Kontrolle ausüben? „Aber ich brauche doch einen, der mit mir geht, der's Leben kennt, der mich versteht, der mich zu allen Zeiten kann geleiten...". Wer von der Sucht heimgesucht wird, kennt diesen Widerstreit nur zu genau. Nur vertraut er dem Falschen, dem Alkohol etwa, und der hat dann Macht über ihn. Er wird zum schlechten Hirten.

Da ist es verheißungsvoll zu hören, was Hesekiel sagt. Gott nimmt den schlechten Hirten das Heft aus der Hand. „So spricht Gott, der Herr: Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern. ... Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen, dass sie sie nicht mehr fressen sollen." Gott sitzt im Regiment und nicht die falschen Hirten. Gott ist selber der gute Hirte. Die Frage ist: Vertrauen wir dieser Zusage und sind wir dann auch bereit seiner Macht, der Macht Gottes zu vertrauen? Für einen Süchtigen ist das die entscheidende Frage. Beantwortet er sie mit „Ja", erlebt er Befreiung.

Im Zwölf Punkte Programm der Anonymen Alkoholiker wird das im zweiten Punkt so formuliert: „Für den Sinn und Zweck unserer Gruppe gibt es nur eine höchste Autorität - einen liebenden Gott, wie Er sich in dem Gewissen unserer Gruppe zu erkennen gibt. Unsere Vertrauensleute sind nur betraute Diener; sie herrschen nicht."

Wir sollen einander dienlich sein. Gott aber soll herrschen. Er tut es auf seine Weise: „Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was stark ist, behüten, ich will sie weiden, wie es recht ist." Dass Gott so handelt wissen wir um Jesu Christi willen. In ihm ist er ganz einer der unsrigen geworden, damit wir ganz die Seinen werden. „Es heißt, dass einer mit mir geht, der's Leben kennt, der mich versteht, der mich zu allen Zeiten kann geleiten. Es heißt, dass einer mit mir geht." „Sie nennen ihn den Herren Christ, der durch den Tod gegangen ist; er will durch Leid und Freuden mich geleiten. Ich möcht, dass er auch mit mir geht." (EG 209, 3 und 4)

Er tut es. Und so bewahre der Friede Gottes, welcher höher ist denn alle Vernunft, unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.



Pfarrer Dr. Dieter Splinter
Karlsruhe
E-Mail: dieter.splinter@googlemail.com

Bemerkung:
Kurzpredigt im Ökumenischen Gottesdienst aus Anlass des Deutschsprachigen Ländertreffens der Anonymen Alkoholiker 6.-8. Mai 2011 in Karlsruhe


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