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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Miserikordias Domini, 26.04.2009

Predigt zu Johannes 10:11-16 (27-30), verfasst von Michael Nitzke

11 Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. 12 Der Mietling aber, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht - und der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie -, 13 denn er ist ein Mietling und kümmert sich nicht um die Schafe. 14 Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich, 15 wie mich mein Vater kennt und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe. 16 Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muss ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte werden.

27 Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir; 28 und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen. 29 Mein Vater, der mir sie gegeben hat, ist größer als alles, und niemand kann sie aus des Vaters Hand reißen. 30 Ich und der Vater sind eins.

Liebe Gemeinde,

Schafe haben es schwer! Schafe sind zwar seit einigen Jahren dabei die Kinderzimmer als Kuscheltiere zu erobern, und als niedliche Accessoires werden sie auch von langsam von Erwachsenen akzeptiert. Aber einen wirklich guten Ruf haben sie deshalb noch nicht. Wenn ich über die Welt der Kuscheltiere und der lustigen Schlüsselanhänger hinausgehe, dann wird ein Schaf eher als abschreckendes Beispiel gebraucht.

Das Schaf gilt zwar als gutmütig, aber was zählt das schon in unserer Zeit, wo es doch immer wieder gerne heißt, „der Ehrliche ist immer der Dumme". Im Rückschluss bleibt das Schaf das, was es doch scheinbar schon immer war, ein dummes Schaf.

Eine große Zeitung fragte neulich angesichts der Finanzkrise, auf welche Seite man stehen möchte, auf der Seite der Schafe oder der Seite der Wölfe. Die Schafe, das sind doch diejenigen, die sich alles mögliche andrehen lassen, wenn ihnen das Blaue vom Himmel verspochen wird. Die Wölfe sind die, die die Gutmütigkeit der Schafe ausnützen, und sie gnadenlos hereinlegen. Nun, auf welcher Seite will man sein. Wenn es nur diese beiden Möglichkeiten gibt, dann erliegt mancher der Versuchung sich zu den Wölfen zu schlagen.  Lieber böse und gerissen  als gutmütig aber dennoch dumm. Nun, der einzige Trost der Schafe bleibt heutzutage, dass die Wölfe in dieser Krisenzeit auch nicht ungeschoren davon kommen, obwohl auch eine ganze Menge Wölfe ihre Schäfchen ins Trockene gebracht haben. Dafür werden sie auch nicht gerade geliebt. Aber wenn ich etwas mehr Auswahl hätte, dann würde ich vielleicht Fuchs sein. Der Fuchs ist auch gerissen, aber nicht so plump wie der Wolf. Der Fuchs fällt nicht auf jede Falle herein und reißt nicht arme andere Tiere nur um des Tötens willen. So sieht man den Fuchs zumindest in der landläufigen Meinung, und die Fabel verleiht ihm das Attribut, schlau zu sein. Also wenn schon nicht wählen darf, und kein böser Wolf sein will, dann lieber ein schlauer Fuchs als ein dummes Schaf.

Dummerweise ist das aber für den biblische interessierten Menschen kaum eine Alternative, denn Füchse kommen in der Bibel selten vor. Am bekanntesten sind noch die Füchse als Beispiel für Tiere, die wissen, wo sie hingehören - im Gegensatz zu Jesus, der sich jeden Tag eine neue Unterkunft suchen musste: „Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege." (Mt 8,20)

In der Bibel tummeln sich wesentlich mehr Schafe als Füchse. Woran liegt das, wenn doch die Füchse als schlau gelten und die Schafe als dumm?

Es liegt sicher daran, dass diese Vergleiche der Eigenschaften mit den Tieren doch erst in nachbiblischer Zeit entstanden sind. Nur selten  werden Menschen in der Bibel mit Füchsen verglichen, aber niemals wegen der Schlauheit, sondern eher wegen ihrer Unbeständigkeit oder ihrer Gewalttätigkeit. (Hes 13,4; Lk 13,32.)

Aber Schafe kommen in der Bibel dagegen sehr häufig vor, aber nicht wegen ihrer vermeintlichen Dummheit, sondern wegen ihrer Hilfebedürftigkeit oder wegen ihrer Gutmütigkeit und ihrer Gewaltlosigkeit. Wer diese Eigenschaften aber mit Dummheit gleichsetzt, der macht sich selbst zum Anwalt der Starken gegenüber den Schwachen, der ist eher auf der Seite der Wölfe als auf der Seite der Schafe.

Als Christ und Leser der Bibel kann ich aber getrost auf der Seite der Schafe stehen, denn ist gibt einen, der mich vor den Wölfen beschützt. Jesus sagt: 11 Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. 12 Der Mietling aber, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht - und der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie -, 13 denn er ist ein Mietling und kümmert sich nicht um die Schafe.

Wenn ich also Schaf bin und mich dem Hirten Jesus anvertraue, dann brauche ich mir über den Wolf keine Sorgen mehr zumachen. Zur Not setzt dieser Hirte sein eigenes Leben ein, um mich armes Schaf vor dem Wolf zu retten.

Nun, das sind alles nette Erzählungen aus einer vergangenen Zeit, aber das hat doch heute keine Bedeutung mehr.

Nun, ich halte dagegen, dass gerade dieses Gleichnis vom guten Hirten heute noch sehr gut verständlich ist und auch in unserer Zeit vorkommt, wenn auch leider nur in der negativen Form.

Ende April letzten Jahres ging eine Nachricht durch ganz Deutschland. Auf einer der wichtigsten Hochgeschwindigkeitsstrecken der Deutschen Bahn bei Fulda ereignete sich ein Zugunglück. Ein Zug, der mit hohem Tempo auf das Licht am Ende des Tunnels zuraste, wurde auf einmal gewaltig in seiner schnellen Fahrt behindert. Er prallte in eine Herde von Schafen, die in den Tunnel gelaufen sind. Der Lokführer konnte sie nicht sehen. Manche mögen diese Nachricht auf den Seiten „Vermischtes" vermutet haben, wo normalerweise Klatsch und Tratsch steht. Vielleicht stand sie auch in einigen Zeitungen unter „Politik" weil es mal wieder ein willkommener Anlass war, auf die Sicherheitsprobleme bei der Bahn hinzuweisen. Die Schuld trug aber diesmal nicht der Bahnchef. Oder will man wirklich verlangen, alle Bahngleise in Deutschland einzuzäunen? Und wer wollte diese Zäune alle überwachen? Verantworten musste sich der Hirte dieser Schafe. Wie hat er seine Schafe gehütet? Auch wenn sie jemand böswillig aus ihrer Koppel getrieben hätte und sie so auf die Gleise gelangt wären, hätte nicht ein guter Hirte das verhindern können? Ich möchte hier nicht urteilen, aber der Fall zeigt, dass die Probleme, die in der Bibel geschildert werden heute noch genauso auftreten, nur war es hier nicht ein Wolf, sondern die Bahn.

Und während sich Monate später die Regierungsstellen noch über das falsche Notfallmanagement in dieser Sache beklagen, passiert hier in Dortmund fasst  vor unseren Augen ein ähnlicher Fall.

Was war geschehen? Mittlerweile haben Schafe eine ganz andere Aufgabe als früher, sie sind nicht mehr primär Woll- und Fleischlieferanten, aber sie haben dennoch eine Funktion, die vielen zugute kommt. Als Rasenmäher für große öffentliche Flächen sind sie billiger und umweltfreundlicher als so manche Mähkolonne mit Benzin betriebenen Traktormähern.

So stand auch in unserer Gemeinde ein Schafherde, unter die sich auch ein paar Ziegen mischten, auf städtischem Grund und graste. Mit meinen Konfirmanden habe ich im Frühjahr 2008 eine Miniexkursion dorthin gemacht. Es passte alles in eine Unterrichtsstunde: Fußmarsch hin und zurück und am Zaun nicht nur Staunen über die süßen Tiere, sondern auch Verlesen des 23. Psalms und des Textes vom guten Hirten, den wir als Grundlage der Predigt eben gehört haben. Im letzten November sah ich die Schafe dort wieder und meine Unterrichtsplanung schien gesichert. Doch zur Wanderung zur Schafherde kam es nicht mehr. Denn wenige Tage stand in der Zeitung, das zahlreiche Schafe auf der Bundesstraße 54 nachts von Autos überfahren wurden. Es waren nicht genau die Schafe, die in unserer Gemeinde grasten, aber sie stammten sicher vom selben Unternehmen, das für die Stadt tätig war. Irgendjemand muss nachts die Zäune niedergerissen haben, dass die Schafe vom Pferdebachtal, in dem sie grasten, auf die Dortmunder Hauptverkehrsstraße laufen konnten.

Und kurz darauf waren die Schafe bei uns nicht mehr da, ob wohl längst nicht alles abgegrast war. Ich erinnerte mich, wie die Schafe bei uns gesichert waren. Ein Hirte war nicht zu sehen. Stattdessen hang an dem mit schwachen Strom gesicherten Zaun ein Schild mit der Handynummer des Hirten, die man benutzen sollte, wenn bezüglich der Schafe irgendwelche Probleme zu melden waren.

Nun, vielleicht geht das heute nicht mehr anders, wenn man ökologisch handeln will, aber dennoch seinen Lebensunterhalt damit verdienen muss. Aber einen guten Hirten habe ich mir anders vorgestellt. Das System mit der Handynummer hätte auch dem Mietling eingefallen sein können, von dem Jesus sprach. Ein Mietling, ein Angestellter etwa, man könnte auch ‚neudeutsch‘ mit dem Ausdruck  „rent-a-shepherd" für ihn werben. Jemand der mit den Schafen nicht aufs innigste verbunden ist, wird zwar auch einen Verlust beklagen, denn so ein Schaf kostet ja auch was, aber er wird nicht die Schmerzen spüren, als wäre sein eigenes Fleisch und Blut umgekommen.

Wir sehen an diesen Beispielen, wir sind gar nicht so weit von der Erlebniswelt Jesu entfernt. Die Situationen, von denen er gesprochen hat, gibt es heute noch. Stellt sich die Frage, gibt es heute auch noch gute Hirten?

Sicher gibt es sie noch, die mit ihrer Herde unterwegs sind, und die Nacht mit Ihnen auf der Weide verbringen, damit solche Unfälle nicht passieren können, aber sie werden wahrscheinlich immer seltener.

Doch die Ereignisse aus unserer Zeit, sollen die Geschichte von damals nicht ersetzten, sondern sollen helfen zu verstehen, was Jesus gemeint hat, als er vom guten Hirten sprach: „Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe."

Bleiben die Fragen, wer ist Hirte, wer ist Schaf, und können wir uns mit einem von beiden identifizieren? Und es bleibt die letzte Frage: „Sind Schafe nicht doch dumm?"

Fangen wir damit an: Woher kommt eigentlich dieser Eindruck, dass Schafe dumm sein sollen? Etwa aus einem Gedanken wie diesem: „Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf."? (Jes 53,7)

Ist es dieses willige Leiden, dass das Schaf dumm erscheinen lässt? Dann haben wir ein Problem, denn gerade dieser Gedanke des unschuldigen, aber willigen Leidens ohne Gegenwehr ist doch der zentrale Inhalt unseres Glaubens. Jesus hat so gelitten und sich nicht gewehrt. Er ist sehenden Auges in den Tod gegangen, und hat keinen Widerstand geleistet, er ist für uns zum Opferlamm geworden. „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!" (Joh 1,29) Mit diesen Worten gibt Johannes der Täufer Zeugnis ab von der wahren Natur Jesu. Und wenn ich jetzt also wieder frage: „Wer ist Hirte, wer ist Schaf?", dann lautet die Antwort „Jesus Christus!" Er ist beides! Beides in einem. Er gibt sein Leben hin. Er kommt zu seiner Bestimmung ohne zu klagen. Als Schaf, als Lamm opfert er sein Leben, aber er tut dies als Hirte, der mit seinem Tod als Gottes Lamm das Leben der ihm Anvertrauten rette. Jesus ist Schaf und Hirte zugleich. Ich meine, hier klingt schon an, was die frühe Kirche später mit der sogenannten Zwei-Naturen-Lehre ausdrücken wollte: Jesus Christus ist zugleich wahrer Mensch und wahrer Gott.

Also stellt sich für mich nicht die Frage: ‚Will ich zu den Schafen gehören oder zu den Wölfen?‘, sondern: ‚Will ich zu dem gehören, der mich vor den Wölfen bewahrt, in dem er sein Leben für mich einsetz? Will ich zu dem gehören, der mich als sein eigenes Fleisch und Blut ansieht"

So gehöre ich gern zu den Schafen, und fühle mich wohl bei ihnen. Ich werde dadurch nicht für dumm verkauft sondern kann mir sicher sein, dass er mein Leben mit seinem Leben bewahrt.

Wichtig ist zu erkennen: es gibt nur einen guten Hirten und das ist Jesus Christus.

Als Schaf darf ich dann auch mal aus meiner Rolle als gutmütiges Kuschelwesen heraus und darf laut blöken, wenn mir etwas gegen den Strich geht, dazu hat uns der Apostel Paulus ermutigt: „Ihr seid teuer erkauft; werdet nicht der Menschen Knechte." (1.Kor 7,23).

So gesehen, kann ich mich als Schaf beim guten Hirten Jesus wohlfühlen. Und so fühle mich auch solange niemand von außen einteilt wer Schaf und Hirte ist. So fühle ich mich geborgen und habe ein ehrliches gutmütiges Tier zum Vorbild, dass niemanden übervorteilt und keinem ans Leben will: Ein Schaf! Gar nicht mal so dumm. Amen.



Pfarrer Michael Nitzke
Dortmund
http://www.nitzke.de/pfarrer/info.htm
E-Mail: nitzke@kirchhoer.de

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