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ISSN 2195-3171

Predigtreihe: Credo 2012, 2012

Ich glaube, verfasst von Michael Nitzke

Liebe Gemeinde,

ich glaube", heißt das heutige Thema der Predigt.

„Ich glaube", das sind die ersten Worte des Glaubensbekenntnisses. „Ich glaube", das ist der Grund warum, ich Mitglied einer Glaubensgemeinschaft bin. „Ich glaube", das ist manchmal das Zugeständnis der eigenen Unsicherheit. „Ich glaube", das ist für andere das Fundament des Lebens.

Was steckt hinter diesem Ausdruck „ich glaube"? Selbst bin ich noch in einer Zeit aufgewachsen, in der man gelernt hat, in einem Brief einen Satz nicht mit „ich" anzufangen. „Ich" am Satzanfang, das ging gar nicht. Um mich geht es hier nicht, es geht um den Adressaten, sei bescheiden, stell dich nicht in den Vordergrund.

Aber einen Text gab es doch, der mit „ich" anfing: das Glaubensbekenntnis: „Ich glaube, an Gott den Vater, den Schöpfer des Himmels und der Erde", und im zweiten Artikel noch mal: „Ich glaube an Jesus Christus...". Es gibt also Situationen, da bin ich gefragt, da kann ich mich hinter Bescheidenheit nicht verstecken, da muss ich das „ich" einmal an die erste Stelle stellen. Ob wohl dieses ICH dann auch ganz schnell, da hinter wieder zurücktritt. Ich glaube, an etwas, an jemanden. Ich binde mich an ein Wesen, das außer meiner eigenen Verfügung ist.

„Ich glaube", das ist eine Bewegung von mir weg. Es geht um mich aber in Bezug auf etwas anderes, dieses Andere hat aber eine besondere Beziehung zu mir, sonst brauchte ich nicht sagen: „Ich glaube". Sonst wäre dieses Etwas einfach da, es ging mich vielleicht gar nichts an.

„Ich glaube". In der Kirche ist dies ein wichtiger Satz. Es ist meine Antwort auf das, was hier geschieht. Es ist mein Bekenntnis. Es ist die Bestätigung, dass ich mich dazugehörig fühle.

 

Aber ist es nicht mehr als nur eine Eintrittskarte, eine Daseinsberechtigung?

 

Ich möchte mit Ihnen heute diese beiden Worte beleuchten, mit Ihnen versuchen zu verstehen, wie man diese Worte füllen kann, und wie dieses Worte dann mich erfüllen können, dass sie dann nicht nur meine Eintrittskarte bedeuten, sondern zur Grundlage meines Lebens werden.

 

Gehen wir einmal zunächst von der Sprache aus: „Das Wort glauben kommt von mittelhochdeutsch gelouben, althochdeutsch gilouben ‚für lieb halten‘, ‚gutheißen‘."i Diese Bedeutung steckt noch im loben: jemandem sagen, dass er etwas gut gemacht hat; oder geloben, jemandem etwas versprechen.

Bleiben wir mal beim „für lieb halten". Das wird uns sicher noch weiterhelfen. Für die christliche Theologie sind ja auch noch die drei alten Sprachen wichtig, in jeder hat das Wort für glauben noch eine interessante Herkunft.ii Im Hebräischen steckt ein Wort dahinter, aus dem auch unser Wort „Amen" gebildet ist, und hinter Glauben hört man dann im hebräischen: sich an etwas festmachen.

Im Griechischen heißt „ich glaube" pisteuo [πιστεύω], dahinter steckt: Treu sein, vertrauen.

Und im Lateinischen, heißt „ich glaube" credo.

Und dieses Wort credo hat eine besondere Herkunft. Die, so wie ich statt mit Muttermilch mit Fernsehwerbung großgeworden sind, denken nun vielleicht „Credo ist Natur". Wer weiß, warum die Werbestrategen, sich das erste Wort des lateinischen Glaubensbekenntnisses für ein Mittel gegen Achselschweiß ausgesucht haben? Vielleicht, weil man der Werbung einfach glauben muss. Unser Credo ist aber mehr als Natur, es ist gerade zu übernatürlich und die Herkunft des lateinischen Wortes ist geradezu übernatürlich schön. Credo soll nämlich von cor dare kommen, übersetzt also „das Herz geben".

 

Die Herkunftserklärungen der Worte für „ich glaube" eröffnen uns schon eine ganze Fülle von Wegen zum Verständnis: lieb halten, festmachen, vertrauen, das Herz geben.

 

Hätte ich am Anfang, eine Umfrage über die Bedeutung des Wortes Glauben gemacht hätten viele vielleicht mit einem Sprichwort geantwortet, das da heißt: „glauben heißt nicht wissen." Dieses Sprichwort liefert mir eine Negativbedeutung, es will mir sagen, was es nicht ist, und das hat ja irgendwie einen schalen Beigeschmack. „Glauben heißt nicht Wissen", das macht den Glaubenden, zu einem Menschen der irgendwie unvollkommen ist. Zur Vollkommenheit fehlt ihm noch etwas, eben das Wissen. Aber trösten wir uns, das Wissen, wird heute überbewertet. Was weiß ich schon wirklich? Wenn etwas in der Welt passiert, dann höre ich auf verschiedenen Sendern unterschiedliche Meinungen, und da halte ich mich dann am anderen Tag an meine Lieblingszeitung, die die Meinung vertritt, die ich meistens teile. Und mein Nachbar, weiß aus seiner Zeitung darüber etwas ganz anderes. Sehr ehrlich wollte damals mein Chemielehrer sein, der sagte: „Mit der Naturwissenschaft ist es mit der Religion, das müsst ihr einfach glauben!" Vieles basiert auf Theorien, die so lange gelten, bis keiner eine Gegentheorie aufstellt.

Mit „Glauben heißt nicht Wissen", komme ich also nicht wirklich weiter, wenn die vermeintlich exakte Wissenschaft, im Ernstfall doch wieder auf den Glauben verweist.

 

Die Sprachwissenschaft sagt mir allerdings „glauben" heißt: lieb halten, festmachen, vertrauen, das Herz geben. So wird glauben zu einer positiven Bewegung aus mir selbst heraus: ich halte das lieb, woran ich glaube. Ich halt mich an dem fest, an das ich glaube. Ich vertraue, indem ich glaube. Und wenn ich das alles tue, dann gebe ich mein Herz aus der Hand, und das kann ich nur tun, wenn ich sicher bin, dass es gut aufgehoben ist und ich es unversehrt zurückbekomme.

 

Doch bekomme ich es wirklich zurück? Mein Herz kann ich nur einmal geben. Weiß ich wirklich, dass es bewahrt wird? Da kommt sie wieder, diese Negativbedeutung: „glauben heißt nicht wissen!". Nein Glaube kann auch manchmal Zweifel bedeuten.

 

Wer glaubt, wer Liebe gibt, der gibt sein Herz aus der Hand, der kann sich nur noch an dem festhalten, der es bewahrt, und dem muss ich vertrauen, dass er mein Herz so lieb hat, wie ich es lieb habe.

 

„Ich glaube", wer diese Wort spricht, hat Mut und Sehnsucht zugleich. Und er sucht nach einer Antwort. Dabei sind die Worte schon eine Antwort auf die Worte Gottes, der uns geschaffen hat, und uns Liebe gibt.

 

Ich habe einmal in den Evangelien in der Lutherübersetzung nach genau der Wortfolge, „ich glaube" gesucht. Und ich habe nur drei Ergebnisse gefunden, die sie so enthalten. Ich möchte diesen Ergebnissen, einige Glaubenszeugnisse aus unserer Zeit gegenüber stellen. Die kirchliche Zeitschrift Chrismon hat vor kurzem ein Buch herausgegeben, in dem 62 Prominente und Nicht-Prominente Antwort auf die Frage geben, was sie glauben. Das Buch hat den bezeichnenden Titel „Ich glaube".iii

 

Zunächst aber die drei Stellen aus der Bibel:

Die erste Stelle heißt: Ich glaube; hilf meinem Unglauben! (Mk 9,24)

Ein Vater bittet, dass sein Kind geheilt wird und Jesus fragt nach seinem Glauben. Der Vater antwortet, ohne seinen Zweifel zu verschweigen: Ich glaube; hilf meinem Unglauben! Und Jesus nimmt ihn an und im gleichen Augenblick ist das Kind geheilt.

 

Die zweite Stelle heißt: ich glaube, und betete ihn an. (Joh 9,38)

Jesus hatte einen Blindgeborenen geheilt. Der wurde nun von den anderen ausgestoßen und kam wieder zu Jesus. Jesus fragt ihn nach seinem Glauben, an den Menschensohn (so bezeichnet er sich selbst). Der Geheilte sagt: ich glaube, und betete ihn an. Er geht über seinen reinen Glauben hinaus, er lässt dem Glauben Taten folgen, er betet den an, von dem er Liebe in Form von Heilung erfahren hat.

 

Die dritte Stelle heißt: ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist. (Joh 11,27)

Dies ist ein ausführliches Glaubensbekenntnis. Marta, die Schwester des Lazarus spricht es zu Jesus. Lazarus ist gestorben, Jesus will ihn auferwecken. Er fragt Marta, ob sie daran glaubt, dass wer an ihn glaubt nicht mehr sterben wird. Sie glaubt, dass Jesus der Sohn Gottes ist, sie glaubt an ein Leben nach dem Tod, aber dass er Ihren Bruder wieder lebendig machen kann, dass glaubt sie erst, als sie es sieht.

 

Drei kurze Glaubensbekenntnisse, dreimal „ich glaube" in den Evangelien. Eines voller Zweifel, ein anderes mit Folgen für das Leben, ein drittes sehr ausführlich, aber doch mit Grenzen.

Ich gehe nun das Wagnis ein, diese biblischen Bekenntnisse mit den Aussagen von Menschen unserer Zeit in Beziehung zu setzen.

 

Zunächst: Ich glaube; hilf meinem Unglauben!

Andrea Sawatzki, geb. 1963, Schauspielerin sagt:

Ich bin überzeugt, dass es gefährlich ist, immer den leichtesten Weg zu gehen, Rückschläge sind wichtig, um noch einmal neu anzufangen und eine andere Richtung einzuschlagen. Ich glaube nicht, dass dort oben ein bärtiger Mann ist, der alles lenkt. Für mich sind das Energien, die ich vielleicht Gott nennen würde." (Seite 102.)

Anna-Lena Scholz, geb. 1987, Studentin spricht:

Ich glaube an einen Gott, der über uns wacht und uns Mut gibt beziehungsweise Unterstützung, uns jedoch nicht vor allen ‚Fehlern‘ schützt. ... Natürlich kommen mir auch immer wieder Zweifel, wie nach dem Amoklauf von Winnenden. Da habe ich im Fernsehen einen Schüler gesehen, der hielt ein Plakat hoch, darauf stand: ‚Gott, wo warst du?‘ Doch Gott kann nicht überall gleichzeitig sein. Er kann nicht für alles, was die Menschen falschmachen, geradestehen." (Seite 108.)

Ich glaube; hilf meinem Unglauben!

Aus beiden Zeugnissen spricht tiefer Glaube, aber auch Zweifel. Die Schauspielerin fragt sich, ob Gott wirklich als Person zu verstehen ist, die Studentin, sieht ihn als Person, aber nicht als Allmächtigen, denn sie gesteht ihm sogar menschliche Schwäche zu.

Bei Markus steht: Ich glaube; hilf meinem Unglauben! Jesus hat solch ein zweifelndes Glaubensbekenntnis nicht zurückgewiesen, er hat den so Glaubenden angenommen und ihm geholfen.

 

Als nächstes: Ich glaube, und betete ihn an.

Katharina Saalfrank, geb. 1971, Tochter eines Pfarrers, Diplom Pädagogin, bekannt geworden mit der Sendung „Die Super-Nanny", sagt: „Ich glaube an einen liebenden Gott, an einen verzeihenden Gott, der mich auf dem Weg hält. Der mich morgens aus dem Spiegel anguckt und mich fragt: War das gut? Oder auch sagt, das war nicht so gut. ... Ich habe ein inniges Verhältnis zu meinem Gott er hat mir immer viel Kraft gegeben." (Seite 98.)

Wim Wenders, geb. 1945, Regisseur und Fotograf, spricht: „Gott manifestiert sich im Neuen Testament auf unglaublich großzügige, grenzenlos liebevolle Weise. ... Ich habe in meinem Leben Antworten auf Gebete gefunden, gerade dann, wenn ich niemand anderen mehr fragen konnte. Man kann das von den Psalmen lernen, von der Unmittelbarkeit und Unbedingtheit, mit der David da Gott angeht und sagt: ‚Heh! ich brauche Deine Hilfe, lass mich jetzt nicht hängen!‘ man muss sich nur trauen! Ich bin dadurch oft ins Reine gekommen und habe in mir Gewissheit erfahren oder Frieden mit etwas schließen können." (Seite 130.)

Ich glaube, und betete ihn an.

Glücklich, wer aus seinem Glauben so viele Lebenshilfe ziehen kann. Glücklich, wer mit Gott so im Gespräch bleibt und aus dem Gebet Kraft zieht wie die Pädagogin und der Regisseur.

 

Als drittes: Ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist.

Wolfgang Huber, geb. 1942, bis 2009 Bischof von Berlin, sagt: „Ich glaube an den Gott, der sich in Jesus zeigt: in der Schlichtheit der Krippe, im Ausgestoßensein am Kreuz. Ich stelle mir Gott nicht als eine Größe vor, die außerhalb der Welt irgendwo thront und ihre Majestät entfaltet, sondern, die nah bei den Menschen ist. Ein Gott der barmherzigen Treue zu uns Menschen. Einer, der sich von unserer Bosheit nicht abschrecken lässt. Ein Gott der Liebe." (Seite 48.)

Wolfgang Schäuble, geb. 1942 Politiker, spricht: „Gehadert habe ich nicht mit Gott. Ich habe nie gefragt: ‚Warum ich? Was für ein Ungerechtigkeit!" merkwürdigerweise hab ich das nie so empfunden. Wenn man von morgens bis abends darüber nachdenkt: ‚Warum ich?‘ - dann hat man nicht begriffen, dass jeder Mensch einzigartig ist. Ob ich an ein Leben nach dem Tod glaube? Ich denke schon, dass etwas kommt, aber ich habe bisher nicht geschafft, es mir vorzustellen. Ob es ein individuelles Leben nach dem Tod gibt und was das mit dem ewigen Leben genau bedeutet, das weiß ich nicht. Aber ich glaube, dass es mehr gibt, als nur die irdische Existenz des Menschen." (Seite 104.)

Bei Johannes steht weiterhin: Ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist.

Der Bischof weiß, dass Christus wirklich in die Welt gekommen ist, so wie Marta es dem Jesus direkt bekannt hat. Der Politiker hat sich seinen Glauben trotz schwerstem Leidens bewahrt, hat aber wie die Schwester des Lazarus auch keine genaue Vorstellung von der Auferstehung der Toten.

 

Alle die Bibelzitate sind im Dialog mit Jesus entstanden, Jesus hat sie alle angenommen, den Zweifelnden, den Betenden, und die, die in zwar am besten kennt, aber sich von ihm noch überraschen lassen muss. Jesus hat auch die Bekenntnisse der Menschen angenommen, die ich aus dem Buch „Ich glaube" zitiert habe. Er wird auch uns annehmen, wenn wir uns fragen, wie unser persönliches Glaubensbekenntnis nach den Worten „Ich glaube" weitergeht.

Ja, wenn ich glaube, dann binde ich mich an ihn, an Gott, wenn ich glaube, dann vertraue ich ihm, wenn ich glaube, dann gebe ich ihm mein Herz, und ich zeige ihm damit, dass ich lieb ihn halte.

Ich kann das tun, weil ich weiß, dass meine Vertrauen, mein Herz und meine Liebe, bei Gott gut aufgehoben sind. Denn mein Glaube geht nicht ins Leere. Nach allem, was wir durch die Menschen wissen, die vor uns nach dem Glauben gefragt haben und die Bibel und die Geschichte Gottes mit den Menschen erforscht haben, ist der Glaube Gottes Geschenk an uns. Insofern sind die Worte „ich glaube" nicht einfach eine Zustandsbeschreibung, sondern, sie sind Antwort auf Gottes liebende Zuwendung zu uns. Das zeigen auch die drei Stellen aus den Evangelien, die wir beleuchtet haben. Die drei Bekenntnisse in ihrer Verschiedenheit waren immer Antworten auf die Zuwendung Jesu.

 

Das gibt mir Trost! Und wenn ich die Worte, „Ich glaube" spreche, in aller Unvollkommenheit und in allem Zweifel, dann darf ich mir sicher sein, dass ich von ihm lieb gehalten werde und dass er das Herz bewahrt, das ich ihm damit gegeben habe.

Ich glaube, ich glaube an Gott, und ich halte daran fest, dass Gott auch an mich glaubt!

Amen.


 

i http://de.wikipedia.org/wiki/Glauben

ii http://de.wikipedia.org/wiki/Glaube

iii Dirk von Nayhauss, Maggie Riepl, ICH GLAUBE, Gedanken zu Gott und Religion, edition chrismon, Frankfurt/M 2010.



Pfarrer Michael Nitzke
Dortmund
E-Mail: michael.nitzke@philippusdo.de

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